Die Quantitative Linguistik (auch: Statistische Linguistik; engl. Quantitative Linguistics, Statistical Linguistics) ist eine Disziplin der Mathematischen Linguistik und damit der allgemeinen Linguistik bzw. Sprachwissenschaft insgesamt. Gegenstand der Quantitativen Linguistik sind Spracherwerb, Sprachwandel sowie Verwendung und Struktur von Sprachen. Sie untersucht Sprachen, deren Einheiten und Strukturen, mit den Mitteln der Kombinatorik, Wahrscheinlichkeitstheorie, Differenzen- und Differenzialgleichungen und testet die Ergebnisse mit Hilfe der Statistik;Burghard Rieger: Warum mengenorientierte Textwissenschaft? Zur Begründung der Statistik als Methode in: Rul Gunzenhäuser (Hrsg.): Mathematisch orientierte Textwissenschaft (Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 8), Athenäum, Frankfurt/M. 1972, S. 11–28 ihre Aufgabe ist es, Sprachgesetze aufzustellen mit dem Ziel, eine exaktwissenschaftliche Theorie der Sprache zu entwickeln, die ein System miteinander verbundener Sprachgesetze bildet.Reinhard Köhler: Gegenstand und Arbeitsweise der Quantitativen Linguistik. In: R. Köhler u. a. (Hrsg.): Quantitative Linguistik – Quantitative Linguistics. Ein internationales Handbuch. Berlin / New York 2005, S. 1–16. Der Erforschung und Formulierung eines solchen Verbundes zusammenwirkender Sprachgesetze hat sich die linguistische Synergetik gewidmet.
Die Quantitative Linguistik stützt sich auf Ergebnisse der Sprachstatistik, die man entweder als Statistik der Sprachen oder als Statistik beliebiger sprachlicher Gegenstände verstehen kann, ohne dass damit schon weitergehende theoretische Ansprüche verbunden sein müssen. Auch die Korpuslinguistik und die Computerlinguistik liefern wichtige Grundlagen.
Zur Geschichte der Quantitativen Linguistik Eine Geschichte der Quantitativen Linguistik kann noch nicht vorgestellt werden, da noch erheblicher Forschungsbedarf besteht, auch wenn zu einigen Bereichen Überblicksdarstellungen existieren.Zur Geschichte der Quantitativen Linguistik in Deutschland und Österreich, Russland/Sowjetunion, Japan, China, Polen, Tschechien, Griechenland sowie zu G. K. Zipf und Wilhelm Fucks in: Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, Raijmund G. Piotrowski (eds.): Quantitative Linguistik - Quantitative Linguistics. de Gruyter, Berlin / New York 2005, Seite 16–180; zu Frankreich: Jacqueline Léon, Sylvain Loiseau (eds.): History of Quantitative Linguistics in France. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2016. ISBN 978-3-942303-48-4; zu weiteren bedeutenden Autoren: Karl-Heinz Best (Hrsg.): Studien zur Geschichte der Quantitativen Linguistik. Band 1. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2015. ISBN 978-3-942303-30-9. Einige AspekteEine Skizze dazu findet sich in: Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, 7–9. können jedoch benannt werden:
Die Quantitative Linguistik reicht in ihren ersten Anfängen bis in die griechische und indische Antike zurück. Ein Traditionsstrang besteht in der Anwendung der Kombinatorik auf sprachliche Gegenstände;N. L. Biggs: The Roots of Combinatorics. In: Historia Mathematica 6, 1979, S. 109–136. ein weiterer beruht auf elementaren statistischen Erhebungen, auf die unter den Stichwörtern Kolometrie und Stichometrie verwiesen wird.Adam Pawłowski: Prolegomena to the History of Corpus and Quantitative Linguistics. Greek Antiquity. In: Glottotheory 1, 2008, S. 48–54.
Eine thematisch breitere und auch kontinuierlichere Entwicklung setzt im 19. Jahrhundert ein: Hier geht es u. a. um die Periodisierung der Werke eines Verfassers, um Laut- bzw. Buchstabenstatistiken als Vorarbeiten zur Entwicklung stenographischer Systeme und als Grundlage für Sprachvergleiche, um die unterschiedliche Gestaltung von Versen sowie um die Dauer von Lauten in Abhängigkeit von der Wortlänge. Die Untersuchungen zur Lautlänge sowie Ideen zum Zusammenwirken weiterer Spracheigenschaften stellen erste Konzepte vor, die im 20. Jahrhundert in der Entwicklung von Sprachgesetzen münden, am bekanntesten wohl das Zipfsche Gesetz. Im 20. Jahrhundert kommt eine Reihe weiterer Themen hinzu: Identifikation anonymer Autoren, Aktionsquotient, Sprachstruktur, Sprachwandelgesetz, Type-Token-Relation, Entwicklung der Sprachfähigkeiten von Kindern, dynamische Aspekte der Textstruktur etc.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Entwicklung der Quantitativen Linguistik im 20. Jahrhundert besteht darin, dass 1994 die internationale Gesellschaft IQLA (International Quantitative Linguistics Association) gegründet wurde. Eine Reihe internationaler Tagungen begann 1991 (First International Conference on Quantitative Linguistics [= QUALICO] Trier 1991, 2. Moskau 1994 etc.). Wichtige Publikationsorgane sind die Zeitschriften Journal of Quantitative Linguistics (1994ff.), Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft (1998–2009), Glottometrics (2001ff), Glottotheory (2008ff), Mathematical Linguistics (2015ff); hinzu kommen die Buchreihen Quantitative Linguistics (1978ff) und Studies in Quantitative Linguistics (2008ff).
Sprachgesetze in der Quantitativen Linguistik Unter Gesetz versteht die Quantitative Linguistik eine aus theoretischen Annahmen abgeleitete (deduzierte) Gesetzeshypothese, die mathematisch formuliert ist, mit anderen Gesetzen in Wechselbeziehung steht und hinreichend durch gezielte Untersuchungen überprüft und dabei nicht widerlegt wurde. Ein Gesetz muss für alle Sprachen gelten, in denen die entsprechenden Randbedingungen erfüllt sind.
Einige Sprachgesetze Es gibt eine ganze Reihe von Vorschlägen für Sprachgesetze, darunter: Diversifikationsgesetz: Wenn sprachliche Kategorien wie die Wortarten oder die Flexionsendungen verschiedene Formen aufweisen, kann man zeigen, dass die Häufigkeiten, mit denen diese Formen in Texten vertreten sind, von Gesetzen gesteuert werden. Gesetz der Häufigkeitsverteilungen von Einheiten verschiedener Länge oder allgemeiner: verschiedener Komplexität. Untersucht man, wie häufig Einheiten beliebiger Art in Texten oder im Lexikon vertreten sind, stellt man fest, dass dabei ganz bestimmte Verteilungen vorkommen. Bisher liegen Untersuchungen vor zu: Gesetz der Verteilung von Morphlängen; Gesetz der Verteilung rhythmischer Einheiten verschiedener Länge; Gesetz der Verteilung von Satzlängen; Gesetz der Verteilung von Schriftzeichen verschiedener Komplexität; Gesetz der Verteilung von Silbenlängen; Gesetz der Verteilung von Wortlängen. Neue Untersuchungen zeigen, dass die Verteilungen sprachlicher Einheiten verschiedener Länge in weitaus den meisten Fällen einem einzigen Modell, der Zipf-Alexeev-Funktion, folgen.Ioan-Iovitz Popescu, Karl-Heinz Best, Gabriel Altmann: Unified Modelling of Length in Language. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2014, ISBN 978-3-942303-26-2.
Auch andere Spracheinheiten unterliegen diesem Gesetz: Dies betrifft die Clauselängen, Phrasenlängen, die Längen von Kola, Versen, Teilsätzen und sogenannten Hrebss. dazu Luděk Hřebíček sowie die Längen von Sprechakten. Das Gleiche gilt für die Verteilung von Lauten unterschiedlicher Dauer (Lautdauer).
Sprachgesetze betreffen nicht nur die Länge/Größe von sprachlichen Einheiten:
Gesetz der Wortschatzdynamik: Der Zuwachs neuer Wörter im Textverlauf erweist sich – zumindest in untersuchten Fällen – als gesetzmäßig. Martinsches Gesetz: Untersucht man in einem Lexikon, welches Wort geeignet ist, stichwortartig ein bestimmtes Wort zu erläutern, und führt dies weiter fort, indem man das erläuternde Wort wieder befragt, wie es selbst zu erläutern sei, so kommt man auf immer allgemeinere erläuternde Wörter. Es ergibt sich – macht man dies für viele Wörter – eine Hierarchie von immer weniger, immer allgemeineren Wörtern. Zwischen diesen Hierarchieebenen bestehen bestimmte gesetzmäßige Beziehungen. Menzerathsches Gesetz, in der Linguistik auch: Menzerath-Altmann-Gesetz: Das Menzerathsche Gesetz besagt, dass je größer eine Einheit ist, d. h. aus je mehr Bestandteilen sie besteht, diese Bestandteile umso kleiner sind. Rang-Häufigkeits-Gesetze: Sie betreffen eine Reihe verschiedener Sprachphänomene. Wenn man zum Beispiel in einem großen Textkorpus untersucht, welches Wort das häufigste, welches das zweithäufigste, das dritthäufigste etc. ist, und diese Wörter in eine Rangfolge bringt, in der das häufigste mit Angabe seiner Häufigkeit an erster Stelle steht, das zweithäufigste an zweiter Stelle usw., so erhält man eine Rangordnung. Für die gesamte Rangordnung sind in der Literatur verschiedene mathematische Modelle vorgeschlagen worden. Das Verfahren kann grundsätzlich auf beliebige sprachliche Einheiten angewendet werden. Auf einige Beispiele sei hier verwiesen: Buchstaben-, Laut- oder Phonemhäufigkeiten: Man bringt die betreffenden Einheiten in eine Rangskala, geordnet nach der Häufigkeit, mit der sie in Texten oder im Lexikon auftreten (Buchstabenhäufigkeit). Wortassoziationen: Man untersucht, welche Assoziationen Versuchspersonen wie oft mit einem bestimmten Wort als Stimulus verbinden. Worthäufigkeiten: Wörter eines Textkorpus werden nach Häufigkeit geordnet in eine Rangordnung gebracht (Häufigkeitsklasse). Sprachwandelgesetz: Wortschatzwachstum einer Sprache, Ausbreitung von Entlehnungen bzw. Fremdwörtern, Veränderungen im Flexionssystem und viele andere Sprachwandelprozesse unterliegen einem Gesetz, das in der Linguistik als Piotrowski-Gesetz bekannt ist und Wachstumsgesetzen (bzw. -modellen) in anderen Wissenschaften entspricht. In diesem Fall handelt es sich um den Typ des logistischen Modells bzw. des logistischen Gesetzes (s. logistische Gleichung). Dieser Typ des Sprachwandelgesetzes erweist sich auch bei Prozessen im Spracherwerb als geeignet, so dass man es auch als Spracherwerbsgesetz auffassen kann. Textblockgesetz: Bildet man in einem Text gleich lange Textblöcke, kann man zeigen, dass die Häufigkeit, mit der sprachliche Einheiten – zum Beispiel verschiedene Buchstaben oder Wörter – in diesen Textblöcken vorkommen, gesetzmäßig verteilt sind. Zipfsches Gesetz, besser Zipfsche Gesetze: Als Zipfsches Gesetz wird hauptsächlich das Modell angesprochen, nach dem das Produkt aus Rang und Frequenz, etwa der Wörter in einem Häufigkeitswörterbuch (Frequenzwörterbuch), annähernd konstant sei. Man spricht deshalb besser von Zipfschen Gesetzen, weil dieses nicht das einzige Sprachgesetz ist, das Zipf vorgeschlagen hat.
Man kann mit etwas veränderter Perspektive auch fragen, welche Gesetzmäßigkeiten bei einer bestimmten Art sprachlicher Einheiten zu erwarten sind. Altmann hat dies am Beispiel der Komposita entwickelt. In diesem Fall kommt man auf eine Reihe von Gesetzeshypothesen, die teilweise noch der Überprüfung harren. Eines der Ergebnisse besteht darin, dass kürzere Wörter eher bei der Bildung von Derivationen (Ableitungen) oder Komposita beteiligt sind als längere. Auch die Polysemie von Wörtern beeinflusst das Maß, in dem sie an der Bildung neuer Wörter beteiligt sind.
Linguistische Synergetik
Bisher handelte es sich um Sprachgesetze, die die Verteilung und den Wandel sprachlicher Entitäten betreffen. Bedeutsam sind aber auch diejenigen Sprachgesetze, die das Zusammenspiel verschiedener Entitäten betreffen und sich in Regelkreisen erfassen lassen. Als Andeutungen mögen zwei Beispiele zu Interaktionen dienen, bei denen die Wortlänge beteiligt ist: So beeinflusst die Frequenz der Wörter die Wortlänge negativ: Je häufiger Wörter sind, desto kürzer sind sie auch. Und: Je länger Wörter sind, desto weniger verschiedene Bedeutungen haben sie. Insgesamt zehn solcher Interaktionen finden sich bei Best.Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, Modelle Seiten 129f. Auch auf anderen Sprachebenen lassen sich solche Interaktionen nachweisen.
Stilforschung