Die Selbstbestimmungstheorie (engl. Self-Determination Theory, SDT) ist eine sowohl prozess- als auch inhaltsorientierte Motivationstheorie. Sie wurde von Richard M. Ryan und Edward L. Deci an der Universität von Rochester, USA, entwickelt.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 183. In: Canadian Psychology 49, 182–185. Nach dieser Theorie hängt die Motivation für ein bestimmtes Verhalten immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, sozialer Eingebundenheit und Autonomie befriedigt werden können. Dabei wird die Motivation als eine Größe aufgefasst, die nicht nur quantitativ das Interesse an der Ausübung des betreffenden Verhaltens beschreibt, sondern die auch jeweils qualitativ unterschiedliche Ausprägungen besitzt. Diese äußern sich in dem zugehörigen Ausmaß an Kreativität, Problemlöseverhalten und Durchhaltevermögen sowie dem damit einhergehenden Wohlbefinden.
Frustration als Versagung der Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse führt dabei je nach ihrer Art und Dauer zu unterschiedlichen Einschränkungen der Motivation für das betreffende Verhalten. Die Folgen reichen dabei von einfacher Verhaltensänderung über die Entwicklung von Ersatzbedürfnissen bis hin zu selbstzerstörerischen Handlungen oder völliger Antriebslosigkeit. Damit verbunden sind aber stets Einbußen an Verhaltensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit.
Die Bedeutung der psychologischen Grundbedürfnisse für die Herausbildung längerfristiger Verhaltensweisen hat insbesondere auch Konsequenzen für die Gestaltung optimaler Lernumgebungen. Förderlich sind hier die Angabe nachvollziehbarer Begründungen für die Lerninhalte, die Ermöglichung von Eigeninitiative, der Verzicht auf Leistungsvergleiche, auf normative Zielvorgaben oder auf ergebnisabhängige Belohnungen sowie die Vermeidung von Über- und Unterforderung.
Ausgangspunkt Ausgangspunkt für die Entwicklung von SDT war die Beobachtung, dass entgegen damals allgemeiner Erwartung die Motivation für an sich interessante Tätigkeiten durch zusätzliche Anreize oder Belohnungen häufig nicht etwa gesteigert wird, sondern im Gegenteil zurückgeht. Zur genaueren Beschreibung dieses Sachverhalts,Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2000): The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior, S. 233 ff. In: Psychological Inquiry 11(4), 227–268. der auch als Korrumpierungseffekt bezeichnet wird, war der Motivationsbegriff, soweit er lediglich intrinsische und extrinsische Motivation unterscheidet, zu verfeinern.
Es gibt aus Sicht von SDT noch einen weiteren Grund, einen erweiterten Motivationsbegriff zu verwenden. Die unterschiedlichen, beispielsweise bei der Aneignung eines neuen Wissensgebiets zu beobachtenden Strategien, entweder faktenorientiert die dargestellten Inhalte sehr ausführlich zu lernen, oder aber strukturorientiert sich vor allem um die großen Zusammenhänge dieser Inhalte zu bemühen, legen es nahe, für die Motivation neben ihrer Stärke auch qualitativ unterschiedliche Ausprägungen anzunehmen. In der Tat kommt es gemäß SDT eher auf diese an als auf die jeweilige Motivationsstärke selbst.
Grundlagen Psychologische Grundbedürfnisse Gemäß SDT gibt es empirisch abgesichert drei permanente und kulturübergreifende psychologische Grundbedürfnisse, deren Befriedigung für effektives Verhalten und psychische Gesundheit von Bedeutung ist. Diese sind Kompetenz, Autonomie und soziale Eingebundenheit. Unter Kompetenz wird dabei das Gefühl verstanden, effektiv auf die jeweils als wichtig erachteten Dinge einwirken zu können und entsprechend gewünschte Resultate zu erzielen. Autonomie bezeichnet hier ein Gefühl der Freiwilligkeit, das jedes Verhalten begleiten kann (beispielsweise auch das Befolgen von Anweisungen des Sicherheitspersonals am Flughafen, wenn man von der Notwendigkeit dieser Kontrollen überzeugt ist); somit ist in diesem Zusammenhang darunter nicht die objektive Unabhängigkeit von anderen Personen oder sonstigen Gegebenheiten zu verstehen.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 74. In: American Psychologist 55, 68–78. Soziale Eingebundenheit schließlich meint nicht nur die Bedeutung, die andere für einen haben, sondern auch die Bedeutung, die man selbst für andere besitzt. In welcher Art eine Befriedigung dieser Grundbedürfnisse möglich ist, hängt wesentlich vom im jeweiligen sozio-kulturellen Kontext erworbenen Wertesystem ab.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 68 und 75. In: American Psychologist 55, 68–78.
Motivation und Autonomiegrad Im Mittelpunkt von SDT steht der Begriff der ein bestimmtes Verhalten steuernden Motivation.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 69. In: American Psychologist 55, 68–78. Motivation wird hier als nicht-unitäre, also mehrdimensionale, Größe betrachtet, die nicht nur durch ihre jeweilige Gesamtstärke, sondern daneben vor allem durch den Grad der ihr jeweils zu Grunde liegenden Autonomie gekennzeichnet ist. In Anlehnung an die entsprechende DarstellungRichard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 72, Figure 1. In: American Psychologist 55, 68–78.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2000): The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior, S. 237. In: Psychological Inquiry 11(4), 227–268.(Die in der Darstellung außerdem enthaltene, im Abschnitt Persönlichkeitseigenschaften (SDT) beschriebene Amotivation wurde hier weggelassen, da sie besser der Gesamtstärke zuzuordnen und sie außerdem nicht in Bezug auf eine einzelne Aufgabe, sondern eher als Persönlichkeitsbeschreibung von Interesse ist.) von Ryan und Deci unter Berücksichtigung ihrer neueren Einordnung intrinsischer Motivation lediglich als Unterkategorie autonomer MotivationEdward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 182. In: Canadian Psychology 49, 182–185. ergibt sich für die Autonomie-Dimension der Motivation folgendes Bild: Motivation fremdbestimmt eher fremdbestimmt eher autonom autonomRegulierung extern introjiziert identifiziert integriert Wichtige Steuerungs-prozesse Belohnung, Strafe,Verführung, Zwang,äußerer Druck Vermeidung von Schuldgefühlen oder Angst,Verstärkung des Selbstwertgefühls,Entwicklung von Stolz Ziel oder Regulierungwird persönlich fürwichtig oder wertvoll erachtet intrinsisch (Aktion selbst ist interessant oder Freude bereitend),oder zumindest völlig freiwillig und Ziel oder Regulierung sind in das Selbstgefühl integriert Der Autonomiegrad beschreibt dabei den subjektiv wahrgenommenen internen Anteil an der Regulierung und wird genau wie die Gesamtstärke der Motivation als Kontinuum angesehen.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 73. In: American Psychologist 55, 68–78.
Motivationsbestimmende Faktoren Neben der Motivation für eine einzelne Aufgabe oder für einen bestimmten Bereich interessieren in SDT besonders die motivationsbestimmenden Faktoren der einzelnen Persönlichkeit. Es sind dies zum einen die Kausalattribuierung (gelegentlich auch als Kontrollüberzeugung bezeichnet), die angibt, wo eine Person im Allgemeinen die Ursache für das eigene Verhalten sieht, und die somit das generelle Ausmaß selbstbestimmten Verhaltens dieser Person beschreibt.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 183. In: Canadian Psychology 49, 182–185.
Zum anderen sind dies die Verhaltensziele oder Motive der Person, die noch unterteilt werden in extrinsische Motive, wie etwa materieller Reichtum oder soziale Anerkennung, und intrinsische, wie beispielsweise Gruppenzugehörigkeit oder Persönlichkeitsentwicklung.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 183. In: Canadian Psychology 49, 182–185.
Ergebnisse Qualität des Verhaltens Ist ein Verhalten autonom motiviert, so ist es im Vergleich zu einem fremdbestimmt motivierten Verhalten gleicher Motivationsstärke effektiver, vor allem, soweit Kreativität, Problemlöseverhalten oder Durchhaltevermögen gefragt sind, und besitzt somit eine höhere Qualität. Zugleich ist es mit besserer psychischer Gesundheit und Wohlbefinden verbunden.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 183. In: Canadian Psychology 49, 182–185. Als Ursache dafür wird die durch das Verhalten ermöglichte Befriedigung der drei oben genannten psychologischen Grundbedürfnisse gesehen, hauptsächlich dasjenige nach Autonomie, damit einhergehend aber auch jene nach Kompetenz und sozialer Eingebundenheit.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 71. In: American Psychologist 55, 68–78.
Integration von Verhaltensweisen Die drei psychologischen Grundbedürfnisse sind darüber hinaus für die langfristige Internalisierung und Integration von Verhaltensweisen von zentraler Bedeutung.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 71 und 73. In: American Psychologist 55, 68–78. Dabei kann der Internalisierungsprozess spezieller Verhaltensmuster zwar stufenweise erfolgen, muss aber ausdrücklich nicht jede einzelne Station der Autonomie-Dimension der Motivation durchlaufen.Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, S. 73. In: American Psychologist 55, 68–78.
Vitalität Durch autonom motiviertes Verhalten wird psychische Energie nicht aufgebraucht. Stattdessen verstärkt die mit dem Verhalten verbundene Befriedigung der oben genannten psychologischen Grundbedürfnisse die Vitalität, also die Energie, die dem Selbst für seine Handlungen zur Verfügung steht.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 184. In: Canadian Psychology 49, 182–185.
Kausalattribuierung und Motivsystem Die Eigenschaften autonom motivierten Verhaltens lassen sich auf die motivationsbestimmenden Faktoren der einzelnen Person verallgemeinern: Eine eher stabile interne Ursachenzuschreibung und ein eher intrinsisches Motivsystem haben generell größeres psychisches Wohlbefinden und effektiveres und damit qualitativ höheres Verhalten zur Folge.Edward L. Deci, & Richard M. Ryan (2008): Self-Determination Theory: A Macrotheory of Human Motivation, Development, and Health, S. 183. In: Canadian Psychology 49, 182–185.
Persönlichkeitseigenschaften