mini|hochkant=1.5|Die „großzügigste Umsiedlungsaktion der Weltgeschichte“ – NS-Propagandaplakat zur Kolonisierung des Warthegaues (1939/41) Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (Kürzel: RKF, auch RKFDV) war die vom Reichsführer SS Heinrich Himmler bei der Erledigung der ihm von Adolf Hitler im sogenannten „Erlass zur Festigung des deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober 1939 übertragenen Aufgaben geführte Amtsbezeichnung. Diese Aufgaben umfassten die Rückführung zur „endgültigen Heimkehr in das Reich“ von Reichs- und Volksdeutschen aus dem Ausland, die „Ausschaltung des schädigenden Einflusses“ von „volksfremden Bevölkerungsteilen auf Reich und deutsche Volksgemeinschaft“ und „die Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung“.

Zur Erfüllung seiner Aufgaben standen Himmler dabei mehrere SS-Ämter zur Verfügung. Die Ernennung zum RKF im Jahre 1939 bedeutete die Frucht jahrelanger Bemühungen um eine weitreichende Machtfülle mit dem letztendlichen Ziel, deutsche Siedlungspolitik zur Sache der SS zu machen.

Äußerer Anlass für diesen Auftrag war die im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag am 28. September 1939 vereinbarte Umsiedlung der Deutschen östlich der neugezogenen Grenze, was über 100.000 Personen betraf und mit Hilfe einer Einwandererzentralstelle durchgeführt wurde. Bereits vorher waren einige organisatorische Strukturen zu ähnlichen Zwecken geschaffen worden, zuletzt für die mit Italien beabsichtigte und bereits länger verhandelte Optionsregelung. Diese Strukturen wurden nun erheblich erweitert, da wegen Hitlers Plänen für den Angriff auf die Sowjetunion hier nun Eile geboten war, mit dessen Hilfe der zentrale nationalsozialistische Gedanke vom Lebensraum im Osten umgesetzt werden sollte.

Deutsche und „Eindeutschungsfähige“ aus dem Ausland (ca. 1 Mio.) wurden ins Reich, einschließlich der annektierten Gebiete, und „Fremdvölkische“ aus diesen Gebieten ins Generalgouvernement umgesiedelt. Bei weiteren Maßnahmen führten unterschiedliche Prioritäten zu Konflikten innerhalb der deutschen Verwaltung. Während Zivilverwaltung und Militär kriegswirtschaftlichen Erwägungen absoluten Vorrang einräumten, hielten der Reichsführer SS Heinrich Himmler als der verantwortliche Reichskommissar und letztlich auch Hitler an der rassistisch motivierten Politik fest, die eine Ausrottung wesentlicher Bevölkerungsteile bedeutete. Die polnische Bevölkerung war als „Arbeitsreservoir für die Ausführung von untergeordneten Arbeiten“ vorgesehen, die physische Vernichtung der Juden und der polnischen Intelligenz, was beides sehr weit gefasst wurde, hatte jedoch Vorrang.

Weitere Schritte ging Himmler mit der von ihm beauftragten Erstellung des Generalplanes Ost für Osteuropa, der u. a. die deutsche Kolonisierung des Ingermanlandes südlich von Leningrad und des „Gotengaus“ auf der Krim vorsah, der geplanten und begonnenen Erstellung eines Generalsiedlungsplanes für ganz Europa sowie der Aktion Zamość als erster Versuch zur Umsetzung des Generalplanes im Generalgouvernement.

Entstehung der Institution Die Grundlage der Institution „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ bildete der gleichnamige Führererlass vom 7. Oktober 1939 von Adolf Hitler. Der Text des Erlasses wurde zu dieser Zeit von der Regierung nicht veröffentlicht und durch die nationalsozialistischen Presseorgane nur bruchstückhaft zusammengefasst.Völkischer Beobachter vom 26. Oktober 1939. Einen Tag nach Abschluss des deutschen Überfalls auf Polen beschrieb Hitler hier zum ersten Mal seine Visionen einer zukünftigen großangelegten Germanisierung Osteuropas. So schrieb erHans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 182 ff.:

mini|hochkant|Reichskommissar Heinrich Himmler im Jahr 1942

Ganz im Sinne seines absoluten Führungsanspruches, übertrug Hitler die Durchführung einer solch großflächigen Arisierung der besetzten polnischen Gebiete dem Vertreter jener Organisation, die die Verwirklichung des „Führerwillens“ uneingeschränkt symbolisierte. Im Einzelnen ordnete Hitler an:

Mit dem Erlass vom 7. Oktober 1939 konnte Himmler, innerhalb des Reichsgebietes das Gesetz über die Landbeschaffung für Zwecke der Wehrmacht von 1935 auch zur Ansiedlung von Volksdeutschen anwenden. Nun konnte Himmler weitläufig den gesamten Verwaltungsapparat des Reiches und der besetzten Gebiete zur Erfüllung seiner Aufgaben heranziehen:

Noch im gleichen Monat erfolgte die erste Anordnung Himmlers in seiner neuen Funktion. Der Titel „Reichskommissar“, in der Tradition und im Sinne nationalsozialistischer Machtkonstituierung, schöpfte seine Legitimation und Befugnisse direkt durch die Amtsgewalt des Reichskanzlers. Mit der Anordnung etablierte Himmler sogleich die Dienststelle des ReichskommissarsHans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 187.:

Organisation Die „Dienststelle des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums“ wurde Mitte Oktober 1939 aus der „Leitstelle für Ein- und Rückwanderung“ gebildet. Diese war bereits im Juni 1939 zwecks Umsiedlung der Südtiroler ins Leben gerufen worden, mit den Funktionen eines Persönlichen Führungsstabes des Reichsführers SS. Ihr Leiter war der bereits in der ersten Anordnung Himmlers als RKF erwähnte zukünftige SS-Obergruppenführer Ulrich Greifelt.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 187 f.

Dienststelle des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums Die neu ins Leben gerufene Dienststelle hatte zu Ende des Jahres 1939 folgende OrganisationsstrukturHans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 188 f.:

I. Planungsfragen II. Lenkung des Menscheneinsatzes, Aufteilung der Umsiedler auf die neuen Gebiete III. Ausgleich von Schadensfällen IV. Beschaffung und Verwaltung der finanziellen Mittel V. Zentralbodenamt, Beschlagnahme und Neuverteilung des Bodens VI. Siedlungsamt

Der Leiter der Planungsabteilung sowie der „Hauptabteilung Planung und Boden“ war Konrad Meyer. Dieser war hauptverantwortlich für die Erarbeitung des Generalplanes Ost. Eine Unterabteilung der „Hauptabteilung Planung und Boden“ war die am 3. Mai 1940 gegründete „Abteilung Raumplanung und Städtebau“, zuständig für die (polnischen) Städte. Leiter war Josef Umlauf. Die Dienststelle hatte ihren Sitz in Berlin am Kurfürstendamm 142/143.Roland Köhler: Meyer und der Generalplan, in: Neues Deutschland vom 18. Mai 2002, abgerufen am 25. Oktober 2023.

Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums Im Juni des Jahres 1941 erfolgte eine Reorganisierung der Dienststelle. Gleichbedeutend mit einer Aufwertung wurde sie in ein SS-Hauptamt umfunktioniert und hieß von nun an „Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums“ (StHA/RKF). Gemäß dem Modell anderer SS-Hauptämter änderte sich ihre Organisationsstruktur entsprechend:

Amtsgruppe A Amt Z – Zentralamt (Personalfragen, Zentralregistratur) Amt I – Umsiedlung und Volkstum Amt II – Arbeitseinsatz

Amtsgruppe B Amt III – Wirtschaft Amt IV – Landwirtschaft Amt V – Finanzverwaltung, geleitet von Otto Schwarzenberger

Amtsgruppe C Amt VI – Planung und Boden Amt VII – Bauten Amt VIII – Zentralbodenamt

Das oben angeführte Amt VI „Planung und Boden“ war mit der Registrierung und Bestandsaufnahme des gesamten Grund und Bodens der besetzten Gebiete, der Sicherstellung des ehemaligen polnischen und jüdischen Besitzes und der Mitwirkung bei der Regelung des ländlichen Grundstücksverkehrs beauftragt. Lokale Bodenämter existierten in Danzig-Westpreußen, Zichenau, Schlesien, Posen (mit deren 32 Außenstellen), sowie in den West- und Südgebieten (in Metz für den Gau Westmark, in Straßburg für das Elsass, in Marburg an der Drau (heute Maribor) für die Untersteiermark und in Veldes (heute Bled) für Kärnten und Krain).

Zum weiteren Kreis des RKF gehörten auch die sogenannten „Beauftragten des RKF“. Es handelte sich dabei unter anderem um die Höheren SS- und Polizeiführer. Diese waren in den Behörden der Oberpräsidenten, bzw. Reichsstatthalter angesiedelt. Einer dieser Beauftragten des RKF war der spätere Leiter der „Freiwilligen-Leitstelle Ost“ Fritz Arlt. Als Leiter der Außenstelle Oberschlesien koordinierte er unter anderem die Vertreibungsaktionen in Oświęcim (Auschwitz) und den umliegenden Orten. Andere Beauftragte waren beispielsweise der Reichsstatthalter und Gauleiter Siegfried Uiberreither in Graz, der Leiter des Umsiedlungsstabes Untersteiermark in Marburg an der Drau.

Dem Stabshauptamt unterstanden eine Reihe Gesellschaften privaten Rechts, die gleichermaßen auch die Funktionen einer Behörde ausübtenHans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 191 f.:

Die Deutsche Umsiedlungs-Treuhand GmbH (DUT) war bereits am 3. November 1939 gegründet worden. Die Gesellschaft betreute die Umsiedler in vermögensrechtlichen Fragen. Im Falle von zurückgelassenen Vermögens und Besitztümern, nahm sie Ausgleichszahlungen an Umsiedler vor oder gewährte ihnen Kredite oder Vorschüsse.

Die „Siedler Wirtschaftsgemeinschaft GmbH“ (SWG) in Zamosc war für die wirtschaftliche Betreuung der Umsiedler im Generalgouvernement verantwortlich. Sie organisierte die Versorgung mit Geräten, Gütern und die Entgegennahme der bäuerlichen Produkte. Die SWG spielte eine wichtige Rolle bei der Aktion Zamosc, einer im November 1942 begonnenen und durch den RKF angeordneten Vertreibung von Polen im Kreis Zamosc.

Die Deutsche Ansiedlungsgesellschaft (DAG) ging 1936 aus der „Deutschen Ansiedlungsbank“ hervor, die bereits im Jahre 1898 gegründet worden war. Noch im Jahre 1938 innerhalb des weiter unten beschriebenen Rasse- und Siedlungshauptamtes angesiedelt, wurde sie 1939 dem StHA unterstellt. Ihre Aufgabe war es, in den besetzten Gebieten das Besitztum der enteigneten Menschen zu übernehmen und für die Neusiedler bereitzuhalten.

Mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 wurde die gesamte Organisation ausgeweitet. So wurden neue Dienststellen etabliert, die nicht nur uneingeschränkt die Aufgaben des RKF erfüllten, sondern ihm direkt unterstellt waren. Dies stand im Widerspruch zum Führererlass vom 7. Oktober 1939, der zur Erfüllung der ihm gestellten Aufgaben keine Behörde vorgesehen hatte, sondern einen Führungsstab, der sich ausschließlich der existierenden Dienststellen des Reiches bedienen sollte.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 186 f.

Volksdeutsche Mittelstelle

Die „Volksdeutsche Mittelstelle“ (Vomi) wurde ursprünglich 1936 als Instrument nationalsozialistischer Außenpolitik ins Leben gerufen. Das Ziel der Organisation war es, die sogenannten Volksdeutschen im Ausland augenscheinlich finanziell und politisch zu unterstützen, aber gleichzeitig für die NS-Volkstumspolitik zu instrumentalisieren. In diesem Sinne wurden sämtliche Hilfsorganisationen gleichgeschaltet, die bis dahin mit Auslandsdeutschen zusammengearbeitet hatten. Ihr Leiter war der ehemalige Landwirt und SS-Obergruppenführer Werner Lorenz.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 192 ff.

mini|hochkant|Der spätere Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle Werner Lorenz im Jahr 1933

In den Anfangsjahren war die Vomi organisatorisch dem Stellvertreter des Führers Rudolf Heß und finanziell dem Reichsschatzmeister der NSDAP unterstellt gewesen. Dies änderte sich jedoch im Jahre 1938. Die Vomi unterstand fortan Adolf Hitler persönlich und reihte sich in die Liste der Organisationen ein, bei denen sich die parteipolitischen und staatspolitischen Aufgabenstellungen untrennbar vermischt hatten.