Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth ist eine surrealistische Geschichtensammlung von Michael Ende aus dem Jahr 1983. Alle Geschichten in Der Spiegel im Spiegel haben eigene Hauptfiguren, beziehen sich jedoch durch ‚literarische Leitmotive‘ aufeinander und sind inhaltlich miteinander verknüpft. Keine der Erzählungen trägt einen eigenen Titel. Auf eine numerische Ordnung wurde verzichtet.

Ende schrieb die 30 Kurzgeschichten – laut Widmung am Eingang des Buches – für seinen Vater Edgar Ende, dessen künstlerisches Lebenswerk, aus dem 18 Zeichnungen dem Buch beigefügt sind, seine Erzählungen inspirierte. Den Einfluss des Vaters auf dieses und sein gesamtes Werk beschrieb der Autor rückblickend mit eigenen Worten:

Themen und Motive

Motto der Geschichtensammlung ist die Losung: „Was spiegelt sich in einem Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt?“ Auf diese Frage gibt Ende (der sie in der Person des "Alten vom Wandernden Berge" schon in der Unendlichen Geschichte gestellt hatte) im gesamten Buch keine deutlich erkennbare Antwort. Das liegt vor allem daran, dass der Leser sich mit kausalen Zusammenhängen und argumentativer Logik in diesem Werk verlieren kann – dies ist eine mögliche Bedeutung des Untertitels Ein Labyrinth. Eine andere Deutung des Untertitels ergibt sich aus der Frage: „Was sieht eine Person, die sich in einem Labyrinth befindet?“ Sie sieht Wege, die in andere Wege münden oder davon abzweigen. So lässt sich im übertragenen Sinne auch das Leben als Labyrinth verstehen: Die Situation, in der sich der Leser befindet, ergibt sich aus den Wegen (den Entscheidungen), die er/sie gegangen ist (wofür oder wogegen er/sie sich entschieden hat).

Die für den „abendländischen“ Leser bekanntesten Anleihen werden unter anderem aus der griechischen Mythologie genommen: Den Rahmen bildet eine Variante des antiken Minotaurus-Stoffes: In einem Labyrinth. Hier befindet sich Hor, der von Zimmer zu Zimmer in diesem Irrgarten umherschweift. Zum Schluss der Geschichtensammlung wird das Thema Hor und Minotaurus in der letzten Geschichte durch einen Matador und die Worte „Armer Hor, armer, armer Hor.“ wieder aufgenommen. Die zweite Geschichte leiht sich das Ikarus-Motiv, der „Absturz“ erfolgt aber auf völlig andere Weise.

Auch Motive aus der christlichen Mythologie kann man erkennen, so das Motiv des Engels, des gekreuzigten Bruders aus dem Jenseits ("Langsam wie ein Planet") oder der Versuch, das im Grunde nur vielleicht vorhandene Jenseits mit einer Brücke zu erreichen ("Die Brücke, an der wir schon seit vielen Jahrhunderten bauen").

Der düstere Charakter von Albträumen und das Thema der Sinnlosigkeit stehen wunderbaren Ereignissen, rätselhaften Bildern und märchenhaften Zaubern gegenüber. Besonders markant sind die ewig gleichen Gesten, Tätigkeiten oder Gedanken, denen die Personen unterworfen sind, ob es sich um das sinnlose Patrouillieren zweier Soldaten handelt, um das Zusammenraffen in Fülle vorhandenen Geldes, den Gang durch die Wüste in der Mitte des Zimmers oder das Lernen auf eine nicht mehr stattfindende Prüfung. In dieser Atmosphäre erscheinen Figuren, die um die Sinnlosigkeit eines Streites, einer Sitzung oder einer wundersamen Geldvermehrung wissen, doch den oft genug furchtbaren Lauf der Dinge nicht aufhalten oder ändern können und von ihm mitgerissen werden oder selber zum Opfer des unabänderlichen Laufs der Dinge werden.

Ein weiteres wichtiges Element ist die Darstellung von oftmals sinnlos erscheinender brutaler körperlicher Gewalt, die das Buch deutlich von Endes Kinderbüchern abhebt.

Die vergebliche Sehnsucht nach Freiheit ist es, welche die Protagonisten zumindest der ersten beiden Geschichten auszeichnet. Am klarsten dargestellt wird dieses Motiv durch den ewig in seinem Labyrinth gefangenen Hor, der sein monotones Leben als einziger aus eigener Sichtweise schildert.

Die Rolle der Liebe ist in mehreren Erzählungen Grundthema, so in der Geschichte "Es ist ein Zimmer und zugleich eine Wüste".

Nur Kindern wird Unschuld und eine Grundeinstellung zum Guten zugestanden.

Motivische Verknüpfungen ergeben sich vor allem durch die Rollen der Figuren zueinander.

Insgesamt bietet Der Spiegel im Spiegel ein surrealistisches, poetisch-düsteres Traumbild. Durch alle Abschnitte zieht sich der Gedanke der Sehnsucht nach Auswegen aus den bisherigen Verhältnissen, dem Labyrinth, das sich für jede Figur anders gestaltet.

Die Geschichten im Einzelnen

Verzeiht mir, ich kann nicht lauter sprechen In einem Labyrinth aus Zimmern eingeschlossen lebt Hor. Er ernährt sich von der essbaren Substanz der Wände und streift ohne Ziel durch die Räumlichkeiten, die sich immer nur wieder zu neuen Räumlichkeiten öffnen. Hor – der sich selbst so genannt hat, weil ihn sonst niemand bei seinem Namen ruft – behauptet von sich selbst, keine eigenen Erinnerungen zu besitzen, dennoch erinnert er sich an Dinge und Orte und ist unfähig, sich gegen diese anfallartig auftretenden Erinnerungen zu wehren. Er überlegt, wer hinter dem Namen Hor steckt, ob er einer oder viele ist, ob vielleicht ihn sogar jemand suchen und ihm begegnen wird, und gibt sich Spekulationen hin, was dann passieren würde.

Bezug zu anderen Geschichten und mögliche Assoziationen: Das Labyrinth erinnert an das Labyrinth des Minotaurus. Es erinnert aber auch an den Tausend-Türen-Tempel aus der Unendlichen Geschichte, der ebenso kein Äußeres hat, solange man sich ohne Ziel in ihm befindet. Das Flüstern erinnert an die Stille zwischen Wachen und einschlafen, die im Text ebenso erwähnt wird.

Der Sohn hatte sich unter der kundigen Anleitung Es ist die Geschichte des Jünglings, der sich „unter der kundigen Anleitung seines Vaters ein Paar Schwingen erträumt“ hatte, die vergebliche Sehnsucht nach Freiheit. Der Jüngling unternimmt einen aussichtslosen Aufbruchsversuch aus der ummauerten Labyrinthstadt. Er muss eine Aufgabe lösen, die er erraten muss. Er tippt auf eine falsche Lösung und versagt. Die Konsequenzen daraus werden von Ende in grauenhaften Bildern ausgemalt.

Bezug zu anderen Geschichten und mögliche Assoziationen: Die Geschichte des Entfliehens aus dem Labyrinth erinnert an Ikarus. Beide haben Flügel, beide versagen, bei beiden wird der Vater durch das Versagen des Sohnes bestraft. Auch im Leben wird jeder Mensch vor Aufgaben gestellt, deren Lösung nicht immer klar zu erkennen ist.

Die Mansardenkammer ist Himmelblau Ein Student, der andauernd für das bald anstehende Examen lernt, haust in einer schäbigen Bleibe, deren Besitz er sich nicht mehr lange leisten kann. Er wartet seit geraumer Zeit darauf, dass die Erben des früheren, mittlerweile verstorbenen Besitzers der Kammer sich auf einen neuen Mietpreis einigen können. Von Sorgen und Unsicherheit unkonzentriert und abgelenkt, verlässt er seine Wohnung und begegnet einem arbeitenden Hausmeister, mit dem er sich unterhält. Mit ihm gemeinsam gelangt er zu dem Tisch, an dem oben genannte Erben sitzen und diskutieren, bei genauerer Betrachtung merkt der Student jedoch, dass auf dem Tisch und den Häuptern der bewegungslosen Männer bereits Staub liegt, was ihn zutiefst erschüttert und verwirrt. In der Absicht, dem Hausmeister bei seiner Arbeit zu helfen, jedoch in Gedanken bei dem Prüfungsstoff, schläft der Student mit dem Kopf auf der Tischplatte ein.

Die Bahnhofskathedrale stand auf einer großen Scholle Auf einer frei im Raum schwebenden Inselscholle wurde ein riesenhaftes Bauwerk erschaffen, in welchem die Leute sich dem Dienst am Kapitalismus verschrieben haben und ihn mit religiösen Ritualen anbeten. Gestrandete Reisende versucht man zu missionieren. Eine Frau will dem oberflächlichen Treiben der Menschen mit einem Zug entkommen, ehe die Zeit abgelaufen ist. Auf der anderen Seite steht ein Feuerwehrmann, der die selbstzerstörerischen Tendenzen der Gesellschaft erkannt hat, und gegen diese ankämpft. Dafür wird er von den Anwesenden verachtet und verfolgt.

Schweres Schwarzes Tuch Der Tänzer wartet vor dem geschlossenen Vorhang auf seinen Auftritt. Er rührt sich nicht von der Stelle, es könnte schließlich jeden Moment anfangen. Doch vor lauter Warten vergisst er irgendwann worauf er eigentlich wartet und selbst als ihm klar wird, dass es sinnlos ist weiter zu warten, bleibt er. Es könnte ja jeden Moment losgehen.

Die Dame schob den schwarzen Vorhang ihres Kutschenfensters beiseite Die Suche nach Sinn zeigt sich am deutlichsten in der Geschichte von dem Volk, das auf der Suche nach einem verlorengegangenen Wort ruhelos durch die Welt streift. Ohne das fehlende Wort, erklären sie einer fragenden Frau, ginge der Sinn des Schauspiels, das die Welt zusammenhielt, verloren. Er war nicht mehr vollständig. Seit dieser Erkenntnis begann die Suche nach dem verlorengegangenen Wort. In diesen Kontext gehört auch die beständig aufscheinende Frage nach Gott: Ob er antwortet, wenn man Pfeile in den Himmel verschießt, ob Raben verkleidete Engel sind oder nicht, und ob Gott oder der Teufel die Oberhand über die Welt behalten werden. Möglicherweise setzte aber Michael Ende auch eine Anknüpfung an das verlorene Wort, von dem in Freimaurerkreisen die Rede ist.

Der Zeuge gibt an, er habe sich auf einer nächtlichen Wiese befunden Die Geschichte enthält einen Zeugenbericht, welcher apokalyptische Züge trägt: in verstörenden und rätselhaften Bildern wird eine Szene geschildert, in welcher auf den Befehl einer Stimme hin massenhaft Fackelträger ohne Gegenwehr niedergemetzelt werden. Später ist eine mysteriöse Gestalt zu sehen, welche an einem hoch über dem Schlachtfeld aufgehängten Seil gleichsam „gekreuzigt“ ist.

Der marmorbleiche Engel saß unter den Zuhörern im Gerichtssaal Deutlich aus Endes Werk herauszuhören ist die Kritik an einer unmenschlichen Gesellschaft. Drastisch wird dies in der Geschichte um die Verhandlung um das Leben eines ungeborenen Kindes deutlich, in der zwei Anwälte erbittert darum streiten, ob es einem menschlichen Wesen aufgrund seines eventuellen späteren Verhaltens erlaubt sein soll zu leben oder nicht. Der in derselben Verhandlung anwesende Schutzengel ist der einzige, welcher der Argumentation massiv entgegenwirkt. Sein imposantes Eingreifen zeigt jedoch keinen Erfolg. Der Richter selbst ist es schließlich, der die Menschwerdung des Ungeborenen verhindert.

Moordunkel ist das Gesicht der Mutter Diese Erzählung schildert kurz und drastisch den Ablauf eines Familienlebens in monotonen Zyklen, das ohne Anzeichen gegenseitiger Sympathie zwischen den Partnern beschrieben wird. Die Uhr schlägt die Stunden, der Mann geht in den Stall und schlachtet eine Kuh, die Mutter sitzt auf dem Küchentisch und gebiert ein Kind, das zu den anderen Kindern gesteckt wird, der Mann geht in den Stall und betrinkt sich. Auf diese Art geht das Leben weiter, bis der Mann irrtümlicherweise dem Leben seiner Frau ein Ende setzt. Die älteste Tochter nimmt ihren Platz ein, im Flur erscheint ein fremder Mann, der Zyklus läuft weiter.

Langsam wie ein Planet sich dreht, dreht sich der große runde Tisch Der Hauptdarsteller erkennt einen Riss im Universum, hinter dem ein großer Bruder (im positiven Sinne) ihm die Hand reichen will. Er fordert ihn auf, ihm zu vertrauen und zu ihm zu kommen, bevor es zu spät ist. Der Hauptdarsteller allerdings ist misstrauisch und beschwört diesen Bruder, fortzugehen und ihn in Ruhe zu lassen. Er hat Angst vor dem Ungewissen und möchte in seiner heilen Welt bleiben. Der große Bruder erscheint immer wieder hinter dem Riss, und Ende beschreibt Wunden in seinen Handflächen, woraus sich schließen lässt, dass hier Jesus gemeint ist. Der Hauptdarsteller bleibt jedes Mal hart und weist den Bruder ab. Am Ende schließt sich der Riss, und der Hauptdarsteller scheint erleichtert über die Wiederkehr seiner ursprünglichen Welt, allerdings erscheinen nun bedrohliche Schatten, die ihn letztendlich töten. Der Hauptdarsteller bereut, dass er dem Bruder nicht vertraut hat, und bittet ihn wiederzukommen.