Lucius Calpurnius Piso Frugi Licinianus (* 38; † 15. Januar 69 in Rom) war ein römischer Senator und kurzzeitig im Jahr 69 römischer Mitkaiser bzw. Thronfolger des Galba. Dies machte ihn zum ersten designierten Thronerben, der nicht mit dem herrschenden Kaiser verwandtschaftlich verbunden war.

Leben und Karriere Lucius Calpurnius Piso wurde im Jahr 38 geboren.Tacitus, Historien 1,48,1. Er stammte aus der Familie (stirps) der Calpurnii Pisones des vornehmen römischen Geschlechts der gens Calpurnia, das schon in den Zeiten der Republik zur Nobilität gezählt hatte.Zum "höchsten Adel" zählt ihn Seine Eltern waren Marcus Licinius Crassus Frugi, der im Jahr 27 Konsul gewesen war, und Scribonia.Tacitus, Historien 1,14; Plutarch, Galba 23. Unter der Herrschaft des Claudius wurde sein Vater,Seneca, Apocolocyntosis 11. Plutarch, Galba 23 nennt irrtümlich Nero als Verantwortlichen; siehe Prosopographia Imperii Romani (PIR2) (1970) L 190. unter derjenigen Neros seine Mutter getötet. Piso lebte seinerseits in Verbannung.Tacitus, Historien 1,21,1; 1,38,1; 1,48,1; Plutarch, Galba 23.

Als nach dem Selbstmord Neros Galba am 8. Juni 68 zum Kaiser ausgerufen wurde, rief dieser Piso nach Rom zurück und adoptierte ihn am 10. Januar 69.Tacitus, Historien 1,38,1; 1,48,1; Sueton, Galba 17; CIL VI 2051 (). Laut Sueton hatte der kinderlose Galba schon zuvor Gefallen an Piso gefunden und diesen in seinem Testament zum Erben seines Vermögens und Namens eingesetzt.Sueton, Galba 17. Nach Tacitus, Historien 1,14 war die Adoption entweder eine persönliche Entscheidung Galbas oder eine Empfehlung des Laco. Gwyn Morgan: 69 AD. The Year of Four Emperors. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 978-0-19-512468-2, S. 59 hält die Version Suetons für sehr unwahrscheinlich; anders Kenneth Wellesley: The Year of the Four Emperors, 3. Auflage. Routledge, London/New York 2000, ISBN 0-415-23228-7, S. 18. Vorangegangen war der Adoption der Abfall der Legionen am Rhein von Galba: Am 1. Januar 69 verweigerten diese Legionen den Treueeid auf den Kaiser.Tacitus, Historien 1,12. Galba hoffte, seine bedrohte Position durch die rechtzeitige Regelung der Nachfolge stabilisieren zu können.Tacitus, Historien 1,12.

Nach der Adoption wurde Piso den Prätorianern und Senatoren sogleich als Nachfolger (Caesar) präsentiert; doch Galba unterließ es, die in diesem Zusammenhang üblichen Geldgeschenke zu machen, was ihm und Piso den Unmut der Soldaten einbrachte.Tacitus, Historien 1,18. Piso war noch jung, hatte außer seiner Funktio XVvir sacris faciundis zuvor kein bedeutendes Amt bekleidet und konnte praktisch keine Verdienste vorweisen, die in den Augen der Römer eine für einen Kaiser ausreichende auctoritas begründeten. Seine Position war somit insgesamt schwach.CIL VI 31723 (). Kenneth Wellesley: The Year of the Four Emperors, 3. Auflage. Routledge, London/New York 2000, ISBN 0-415-23228-7, S. 18 vermutet, dass Galba als Pontifex Maximus Piso schon vor der Adoption den Zugang zu diesem Priesteramt verschafft hat. Sollte Galba vor seinen engsten Beratern tatsächlich, wie Tacitus in seinen Historien überliefert,Tacitus, Historien 1,15f. Siehe zur Rede ausführlich Heinz Heubner: P. Cornelius Tacitus - Die Historien. Kommentar. Band I: Erstes Buch. Carl Winter, Heidelberg 1963, S. 47–54. von der „Auswahl des Besten“ gesprochen haben, muss dies folglich vor allem auf die Abstammung Pisos gemünzt gewesen sein.Nach Gwyn Morgan: 69 AD. The Year of Four Emperors. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 978-0-19-512468-2, S. 59f. handelt es sich bei der Rede um eine Erfindung "by Tacitus or by an earlier historian", doch sei der Grund für die Wahl Pisos gewesen, dass "Piso's ancestry far surpassed that of any other claimant to the throne, and it ought to have won the respect of the senate".

In den vier Tagen zwischen seiner Adoption und seinem Tod sei Piso, so Tacitus, weder durch öffentliche Reden noch Handlungen hervorgetreten.Tacitus, Historien 1,19. Im Senat sei der Plan diskutiert worden, Piso zu den meuternden Legionen am Rhein zu schicken, was unter anderem vom Prätorianerpräfekten Laco verhindert worden sei, dessen Entsendung ebenfalls erwogen worden war.Tacitus, Historien 1,19.

Als sich am 15. Januar Otho – der selbst gehofft hatte, von Galba adoptiert zu werdenTacitus, Historien 1,13. – zum Kaiser proklamierte, wurde Galba auf dem Forum nach einem Opfer ermordet.Tacitus, Historien 1,41; Sueton, Galba 20. Piso, der in einem Vesta-Tempel Schutz gesucht hatte, wurde aus diesem herausgezerrt und ebenfalls ermordet; ihre abgeschlagenen Köpfe wurden ins Prätorianer-Lager zu Otho gebracht.Tacitus, Historien 1, 43; 44; Plutarch, Galba 27. Pisos Gemahlin, Verania Gemina, und sein älterer Bruder, Crassus Scribonianus,Siehe Prosopographia Imperii Romani (PIR2) (1970) L 192. bestatteten ihn.Tacitus, Historien 1,47; Plutarch, Galba 28. Die Grabinschrift für Piso und seine Frau ist überliefert.CIL VI 31723 (). Eine englische Übersetzung bietet Kenneth Wellesley: The Year of the Four Emperors, 3. Auflage. Routledge, London/New York 2000, ISBN 0-415-23228-7, S. 27: "To the Divine Spirit of L. Calpurnius Piso Frugi Licinianus, Member of the Committee of 15 in Charge of Sacrifices, and of Verania, Daugther of Q. Veranius, Consul and Augur, Gemina, Wife of Piso Frugi."

Als das Bürgerkriegsjahr 69 zu Ende ging, hatte der General Vespasian als neuer Kaiser die Macht übernommen. Der Bruder Pisos, Crassus Scribonianus, fiel nun der Regierung Vespasians zum Opfer und wurde ermordet.Tacitus, Historien 1,48,1. Vgl. Gwyn Morgan: 69 AD. The Year of Four Emperors. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 978-0-19-512468-2, S. 59. Im Jahre 70 sprach man sich im Senat dafür aus, Pisos Andenken zu ehren, ohne sich gegen Domitian, der Vespasian im Senat vertrat, damit durchsetzen zu können.Tacitus, Historien 4,40.

Literatur

Dietmar Kienast, Werner Eck, Matthäus Heil: Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie. 6., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-534-26724-8, S. 95–96. Gwyn Morgan: 69 AD. The Year of Four Emperors. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 978-0-19-512468-2, S. 57–73. Prosopographia Imperii Romani (PIR²) (1936) C 300. Kenneth Wellesley: The Year of the Four Emperors. 3. Auflage. Routledge, London/New York 2000, ISBN 0-415-23228-7, S. 15–31.

Einzelnachweise

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