Tigran Wartani Petrosjan (, , englische Transkription Petrosian; 17. Juni 1929 in Tiflis – 13. August 1984 in Moskau) war ein sowjetischer Schach-Großmeister armenischer Herkunft und von 1963 bis 1969 der neunte Schachweltmeister. Petrosjan gewann gegen Michail Botwinnik bei der Schachweltmeisterschaft 1963. Bei der Schachweltmeisterschaft 1966 verteidigte Petrosjan seinen Titel gegen Boris Spasski, an den er den Titel bei der Schachweltmeisterschaft 1969 verlor. Wegen seines defensivbetonten Spiels und seiner geringen Anzahl an Niederlagen in seinen besten Jahren wurde er der „eiserne Tigran“ genannt.

Leben und Karriere als Spieler Jugend Tigran Petrosjans Vater war Hausmeister im Offiziersheim von Tiflis. Hier schaute Tigran Petrosjan den Soldaten beim Schachspielen zu, mit 12 Jahren erlernte er das Spiel selbst. Eines seiner ersten Schachbücher war Die Praxis meines Systems von Aaron Nimzowitsch, das seinen Stil prägte. Bald wurde er von dem Schachtrainer Artschil Ebralidse entdeckt und betreut.Andrew Soltis: Tal, Petrosian, Spassky and Korchnoi. A Chess Multibiography with 207 Games. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-7146-8, S. 15–17. Petrosjans Mutter starb im Winter 1942, durch den Tod seines 70-jährigen Vaters im Jahr 1945 wurde der 15-jährige Petrosjan Vollwaise. Während des Zweiten Weltkriegs zog sich Petrosjan eine schwere Mittelohrentzündung zu, durch die er auf einem Ohr taub wurde.André Schulz: Zum 90sten Geburtstag von Tigran Petrosian In: de.chessbase.com, 16. Juni 2019, abgerufen am 1. September 2019.

Aufstieg in die Weltspitze und Weltmeistertitel Bei seinem ersten Auftritt außerhalb Georgiens, der UdSSR-Jugendmeisterschaft in Leningrad 1945, teilte Petrosjan den ersten Platz mit Aron Reschko und Juri Wassiltschuk.Andrew Soltis: Tal, Petrosian, Spassky and Korchnoi. A Chess Multibiography with 207 Games. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-7146-8, S. 26. Im Sommer 1946 zog Petrosjan nach Jerewan, wo er von Genrich Gasparjan trainiert wurde. Dort erhielt er ein staatliches Einkommen, das seine schachliche Ausbildung finanzieren sollte, offiziell für eine Tätigkeit als Schachtrainer in einem dortigen Verein.Jan Timman: Timman's Titans: My World Chess Champions. New In Chess, 2016, ISBN 978-90-5691-672-5, S. 148.Andrew Soltis: Tal, Petrosian, Spassky and Korchnoi. A Chess Multibiography with 207 Games. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-7146-8, S. 28. Mit 17 Jahren wurde er durch einen 8:6-Wettkampfsieg gegen Gasparjan Meister der Armenischen SSR.

Seit 1949 lebte er in Moskau. 1951 belegte er bei der 19. UdSSR-Meisterschaft den geteilten zweiten Platz. Da die UdSSR-Meisterschaft gleichzeitig das Zonenturnier war, qualifizierte sich Petrosjan für das Interzonenturnier in Stockholm.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 10. 1952 wurde er Internationaler Meister; im selben Jahr erhielt er den Titel eines Internationalen Großmeisters für den zweiten Platz im Stockholmer Interzonenturnier. Beim Kandidatenturnier 1953 in Zürich belegte er Platz 5, 1956 in Amsterdam und 1959 in Jugoslawien erreichte er Platz 3.

1959 gewann er erstmals die UdSSR-Meisterschaft, das zweite Mal gelang ihm dies 1961. Beim Interzonenturnier Stockholm 1962 teilte er ohne Niederlage den 2.–3. Platz und qualifizierte sich damit für das Kandidatenturnier auf Curaçao im Mai und Juni. Petrosjan gewann das Turnier ohne Niederlage und durfte damit Michail Botwinnik zum Zweikampf um die Weltmeisterschaft herausfordern.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 53. Das Turnier auf Curaçao wurde von einem Skandal überschattet. Nach dem Turnier warf der Viertplatzierte, Bobby Fischer, den sowjetischen Spielern vor, ihre Ergebnisse abgesprochen zu haben, damit in jedem Falle ein sowjetischer Spieler Herausforderer werden würde. Darüber hinaus beschuldigte er sie, sich während der Partien untereinander beraten zu haben.Bobby Fischer: Schacher im Schach. In: Der Spiegel. 41/1962. Abgerufen am 10. September 2019. Tatsächlich endeten alle Partien zwischen Petrosjan, Paul Keres und Efim Geller untereinander Remis, oft nach nur wenigen Zügen, sodass man von einem Nichtangriffspakt zwischen den drei Spielern ausgeht.Johannes Fischer: Die Kandidatenturniere 1959 und 1962: Geschichten und Partien. In: de.chessbase.com, 7. März 2018, abgerufen am 10. September 2019.

Die Schachweltmeisterschaft 1963 zwischen Botwinnik und Petrosjan begann am 23. März mit einem Sieg des amtierenden Weltmeisters.23. März 1963. In: de.chessbase.com, 27. März 2013, abgerufen am 10. September 2019. In der fünften Partie konnte Petrosjan ausgleichen, in der siebten Runde ging er in Führung. Nach einer Reihe von Unentschieden glich Botwinnik in der 14. Runde aus. Zu einem Schlüsselmoment des Kampfes avancierte die 15. Runde, in der Petrosjan seinen Gegner überspielte und somit direkt die Führung zurückeroberte. Nach zwei weiteren Siegen in der 18. und der 19. Partie entschied Petrosjan den Kampf am 22. Mai mit 12,5:9,5 (5 Siege, 2 Niederlagen, 15 Unentschieden) für sich und wurde damit zum neunten Schachweltmeister. Botwinnik gestand nach dem Kampf ein, dass es ihm nicht gelungen sei, sich auf den ungewöhnlichen Stil seines Gegners einzustellen.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 53–61.Vor 50 Jahren: Petrosjan wird Weltmeister. In: de.chessbase.com, 19. April 2013, abgerufen am 10. September 2019.

Petrosjan verteidigte den Titel 1966 gegen Boris Spasski (4 Siege, 3 Niederlagen, 17 Unentschieden). Nach zehn Partien lag er mit zwei Punkten in Führung. In der zwölften Partie vergab Petrosjan nach starkem Spiel in Zeitnot den Gewinn und musste sich mit einem Remis begnügen, Spasski gewann daraufhin die 13. Partie und konnte in der 19. Partie ausgleichen, letztendlich gewann Petrosjan dennoch mit 12,5:11,5. Bei der Schachweltmeisterschaft 1969 wurde er erneut von Spasski herausgefordert und verlor dabei den Titel (4 Siege, 6 Niederlagen, 13 Unentschieden). Petrosjan spielte 1969 mit Schwarz deutlich aggressivere Eröffnungen als drei Jahre zuvor und ließ sich häufiger auf zweischneidige Stellungen ein. Er selbst führte seine Niederlage 1969 auf eine mangelnde Vorbereitung zurück. In der vierten und fünften Partie spielte Spasski mit beiden Farben die Tarrasch-Verteidigung und gewann beide Spiele.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 70–75.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 255.

Späte Jahre, Krankheit und Tod mini|Petrosjan im Jahr 1975 Nach dem Verlust des Weltmeistertitels gewann Petrosjan zweimal die sowjetische Meisterschaft, in den Jahren 1969 und 1975.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 75, S. 111. Er unternahm noch mehrere Anläufe auf den Weltmeistertitel, verlor aber Ausscheidungswettkämpfe 1971 gegen Bobby Fischer, 1974, 1977 und 1980 jeweils gegen Viktor Kortschnoi.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 100–104.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 150. Beim Turnier in Tilburg 1981 wurde er Zweiter hinter Alexander Beliavsky.Jan C. Roosendaal: Beljawski Sieger in Tilburg! Schach-Echo 1981, Heft 21, Titelseite (mit Kreuztabelle).

Für den zweiten Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1984 war Petrosjan ursprünglich für das achte Brett der sowjetischen Mannschaft vorgesehen, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Er war an Magenkrebs erkrankt und daher stark abgemagert.Bericht bei olimpbase.org (englisch) Im August desselben Jahres starb er im Alter von 55 Jahren in Moskau an seiner Erkrankung. Petrosjans Grab befindet sich auf dem Armenischen Friedhof in der russischen Hauptstadt.André Schulz: The Big Book of World Chess Championships. New in Chess, Alkmaar 2016, ISBN 978-90-5691-635-0. S. 216.

Rolle als Theoretiker und Schachautor 1968 promovierte Petrosjan an der philosophischen Fakultät in Moskau mit dem Thema Einige Probleme der Logik des Schachdenkens und erhielt den Doktortitel. Von 1963 bis 1966 war er Chefredakteur des Magazins Schachmatnaja Moskwa, von 1968 bis 1977 Chefredakteur und Begründer der führenden russischen Schachzeitschrift 64.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 161.

Eine Sammlung von Vorträgen Petrosjans zu schachpraktischen Fragen erschien 1988 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Schachuniversität ISBN 3-283-00234-7.

Historische Einordnung und Andenken mini|Statue von Petrosjan in Jerewan Petrosjan gilt als einer der größten Defensivspieler der Schachgeschichte und war nur schwer zu bezwingen. So verlor er bei zehn Schacholympiaden, dem bedeutendsten Mannschaftswettbewerb, von 130 Partien nur eine einzige, 1972 in Skopje gegen den deutschen Großmeister Robert Hübner.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 108 f. Seine Olympiabilanz ist eindrucksvoll, 79 Siegen stehen 50 Remis und nur die eine erwähnte Niederlage gegenüber. Petrosjan holte damit 80 Prozent der möglichen Punkte aus seinen 130 Partien. Einer seiner Spitznamen war daher bester Torwart Armeniens. In Einzelturnieren ließ er viele Unentschieden zu – für den ersten Platz oft zu viele –, war in Zweikämpfen aber ein gefürchteter Gegner. Wegen seiner Schwerhörigkeit war er gegen Störungen durch Geräusche unempfindlich. Berühmt waren seine positionellen Qualitätsopfer, unter anderem in seiner Partie gegen Samuel Reshevsky beim Kandidatenturnier Zürich 1953.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 14–18. Zu seinen Stärken zählte insbesondere das prophylaktische Spiel, d. h. das frühzeitige Verhindern von gegnerischen Ideen.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 23–30. Zudem galt er als einer der weltbesten Spieler im Blitzschach seiner Zeit, beim Allrussischen Blitzturnier der Großmeister 1971 holte er 14,5 Punkte aus 15 Partien. Als seine schachlichen Vorbilder bezeichnete Petrosjan José Raúl Capablanca, Aaron Nimzowitsch und Akiba Rubinstein.Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister (Band 5: Tigran Petrosjan, Boris Spasski). Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2006, ISBN 3-283-00474-9, S. 33.