Das Harmonium (Plural Harmonien oder Harmoniums) ist ein Tasteninstrument, bei dem der Ton durch verschieden lange Durchschlagzungen erzeugt wird, die von Luft umströmt in Schwingung versetzt werden. Damit gehört das Harmonium zu den Harmonikainstrumenten.

Eine Blüte erlebte das Harmonium gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es als eine Art Heimorgel und Hausinstrument des bürgerlichen Mittelstands, als Ersatz für Pfeifenorgeln in kleineren Kirchen, sowie auch als veritables Konzertinstrument entdeckt wurde. In der westlichen Welt wurden zeitweise doppelt so viele Harmonien wie Klaviere verkauft.

Systeme mini|Ein Druckwindharmonium mit geöffneter Rückwand. Unten sieht man die beiden Schöpfbälge, darüber den Magazinbalg, dann die Windlade mit der Zungenkammer

Grob lassen sich zwei Systeme beim Harmonium unterscheiden: das französische System (Druckwindharmonium) und das amerikanische System (Saugwindharmonium). Bei beiden Systemen wird das Gebläse mit den Füßen durch abwechselndes Niedertreten zweier nebeneinander liegender sogenannter Tretschemel (auch: Schöpfpedale) betätigt.

Beim französischen System betätigen die Schemel Blasebälge, die Schöpfbälge, die direkt oder über den Kanal einen Druckspeicher, das Windmagazin, aufpumpen. Das Windmagazin (Magazinbalg) steht mit der Windlade, einem luftdichten Holzkasten, in Verbindung, deren oberer Deckel das Zungenbrett bildet, an dessen Löchern die auf Metallplatten befestigten Zungen liegen. Die Spielventile oder Tonventile verschließen die Löcher im Zungenbrett und stehen mit den Tasten des Manuals in mechanischer Verbindung, mit denen sie geöffnet werden können. Durch den in der Windlade entstandenen Überdruck strömt die Luft nach außen, muss dabei an den Zungen vorbei und versetzt diese in Schwingung, was den Ton erzeugt. Der Magazinbalg kann durch ein Register (Expression) abgeschaltet werden, so dass der Spieler über die Schöpfbälge die Lautstärke des Tones (crescendo/decrescendo) direkt beeinflussen kann. Das amerikanische System funktioniert entgegengesetzt: Mit Hilfe der Schöpfbälge wird Luft aus dem Windmagazin und der Windlade herausgepumpt, also ein Unterdruck erzeugt. Öffnet man jetzt ein Tonventil, strömt Luft ein und versetzt die Zungen in Schwingung.

Sowohl beim französischen als auch beim amerikanischen System sind die Zungen freischwingend in einem Metallrahmen befestigt. Während beim französischen System eine ganze Reihe von Zungen auf einer Platte befestigt sein können, liegen beim amerikanischen System die Zungen in einzelnen Kanzellen. Diese Bauweise erleichtert die Reinigung der Zungen, die beim Saugluftsystem eher verstauben. Weltweit und anzahlmäßig durchgesetzt hat sich nur das einfacher zu produzierende amerikanische System: Auch in Deutschland waren die meisten seit Ende des 19. Jahrhunderts angefertigten Harmonien Saugwind-Instrumente.

Eine besondere Rolle spielt das Kunstharmonium. Bei diesen Instrumenten wurden in Deutschland und Frankreich vor allem die Druckwindsysteme verwendet. Das Kunstharmonium erfüllt gehobene künstlerische Ansprüche. Für dieses Instrument komponierten u. a. César Franck, Sigfrid Karg-Elert, Max Reger, August Reinhard, Karl Kämpf. Karg-Elert war es auch, der in seiner Harmoniumschule, op. 99, den Begriff Harmonist für Virtuosen auf dem Harmonium einführte. Allerdings ist die Großzahl der Kompositionen für Harmonium nicht für das Kunstharmonium geschrieben.

Im englischen Sprachgebrauch heißt das Saugwindharmonium (also das Harmonium des amerikanischen Systems) für gewöhnlich reed organ (auch pump organ oder parlor organ), während sich der Name harmonium im Englischen normalerweise speziell auf (die im englischsprachigen Bereich seltenen) Druckwindharmonien bezieht. In Frankreich und Deutschland wird der Name „Harmonium“ für beide Systeme verwendet.

Bauform Das Harmonium besteht aus folgenden Hauptbestandteilen: dem Gehäuse, das als tragendes Element fungiert, dem Spielwerk und dem Gebläse. Prinzipiell sind alle Harmonien nach dem gleichen Schema aufgebaut: In der Mitte des Gehäuses sitzt horizontal eine stabile Grundplatte. Darauf ist oben das Spielwerk und darüber die Registriereinrichtung montiert. Unterhalb der Grundplatte befinden sich die Bälge.

Je nach Bauweise öffnet man die Windlade, in der sich die Zungen finden, verschieden. Treten bei einem Saugwindharmonium mit den Ventilen Probleme (zum Beispiel Heuler) auf, so muss die gesamte Mechanik darüber ausgebaut werden. Beim Druckwindharmonium hingegen kann die Windlade einfach aufgeklappt werden. Dies erleichtert Wartung und Reparatur erheblich.

Register Je nach Größe des Harmoniums befinden sich an der Taste ein oder mehrere Ventile, die beim Drücken der Taste je nach Auswahl der Register ein bis mehrere Zungen zum Klingen bringt. Daraus ergeben sich gegebenenfalls verschiedene mögliche Klangfarben. Wie bei einer Orgel können Register einzeln oder gemeinsam gezogen werden und auch Spielhilfen wie Oktavkoppeln sind vorhanden. Die Disposition der Harmonien sind weitestgehend standardisiert, so dass Komponisten sehr genaue Klangvorstellungen auf notieren konnten. Die Register reichen in der Regel von 32′ bis 2′. Der 32′ (eingeführt von Mustel mit dem Namen Baryton) allerdings nur als Diskantregister. Das 2′-Register repetiert zumeist in der obersten Oktave, nur selten ist es komplett ausgebaut (z. B. die legendäre „Waldflöte“ von Mannborg).

Bei wenigen Instrumenten, deren Klaviaturen mit F1 beginnen, repetieren die 16′-Register nicht in der untersten Oktave (wie bei der Mehrzahl der Instrumente), sondern sind akustisch bis zum F2 ausgebaut (Mason & Hamlin, Liszt-Organ, F-Scale, Estey, Philharmonic; Cornish & Co., Modell Corniscean; Karn, 6-oktavige Modelle; Harmoniumfabrik Kotykiewicz, Konzertharmonium Nr. 20). Bei wenigen Pedalharmoniums ist ein 32′-Pedalregister vorhanden (Mason & Hamlin, Style 1200; Instrumente von John Holt und von Balthasar Florence).

In von der Orgelbewegung beeinflussten und als Orgelersatz ausgelegten Instrumenten kommen teils auch Aliquotregister (′, ′) oder Mixturen vor (z. B. späte Mannborg, O. Lindholm, Ed. F. Köhler). Diese Register werden zum Teil auch geteilt ausgeführt, so dass im Bass und Diskant verschiedene Registrierungen möglich sind.

Genaue Dispositionen sind in den Artikel Kunstharmonium und Saugwindharmonium zu finden.

Siehe auch Register (Orgel)

Geschichte

Vorläufer und Entstehung Christian Gottlieb Kratzenstein entwickelte 1780 als erster Europäer durchschlagende Zungenpfeifen,Robert Willis: Über Vocaltöne und Zungenpfeifen. (PDF; 27 MB) In: Annalen der Physik und Chemie, 1832, Band 3, S. 397–437, hier S. 402. wohl nach chinesischen Vorbildern. Noch vor 1800 entstanden erste Tasteninstrumente wie Pianofortes und Orgeln, die derartige Rohrwerke verwendeten. Abbé Vogler ließ nach 1786 beginnend in Petersburg, München, Paris, Wien, Prag und in Dutzenden andern Städten viele Orgeln auf seine Kosten umbauen. 1796 trat er mit seiner umgebauten transportablen Orgel, die er Orchestrion nannte, in Stockholm das erste Mal auf.Waldo Selden Pratt: The History of Music. New York 1927, § 149, S. 354. Der Sankt Petersburger Orgelbauer Kirschnigk baute um 1788 „freischwingende Pfeifen“ (d. h. Durchschlagzungen) in ein Orgelklavier (Kombination aus Hammerklavier und Orgel) ein. Vogler spornte alle Orgelbauer an, Neuerungen umzusetzen. Wahrscheinlich ging auch eine Inspiration vom Sheng aus, das damals von einem Künstler mit dem Namen Johann Wilde in St. Petersburg gespielt wurde.

Die direkten Vorläufer des Harmoniums sind allerdings die Instrumente mit Namen Aeoline und Physharmonika. Bei beiden handelte es sich um Instrumente mit zwei Schöpfpedalen, einer Tastatur von vier bis fünf Oktaven Umfang und in der Regel nur einer Reihe durchschlagender Zungen. Die Aeoline wurde um 1810 von Bernhard Eschenbach zusammen mit seinem Cousin Johann Caspar Schlimbach entwickelt, die sich von der Maultrommel anregen ließen.

Zur gleichen Zeit, um 1810, schuf der französische Orgelbauer Gabriel Joseph Grenié (1756–1837) seine orgue expressif. Die Bezeichnung „expressiv“ (= ausdrucksvoll) spielt darauf an, dass man bei diesem Instrument die Lautstärke durch die Windgebung beeinflussen konnte.

In den USA baute der Orgelbauer Ebenezer Goodrich nach 1812 das erste harmoniumartige Durchschlagzungen-Instrument, angeregt durch seinen Kontakt mit Johann Nepomuk Mälzel.

Die Physharmonika wurde 1821 in Wien von Anton Haeckl patentiert.

Greniés Landsmann, der bedeutende französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll (1811–1899) schuf um 1833 ein harmoniumartiges Instrument für den kammermusikalischen Gebrauch, die sogenannte „Poikilorgue“ (von „mannigfaltig, vielgestaltig“, der Name bedeutet also so viel wie „Orgel mit mannigfaltigen dynamischen Möglichkeiten“).Cécile und Emmanuel Cavaillé-Coll: Aristide Cavaillé-Coll. Seine Herkunft, sein Leben, sein Werk. Deutsche Übersetzung von Christoph Glatter-Götz. Schwarzach 1982, S. 26. Alle wesentlichen Merkmale des heutigen Harmoniums finden sich schließlich in einem Instrument vereint, das der französische Orgelbauer Alexandre-François Debain (1809–1877) 1840 (nach anderen Angaben 1842) unter dem Namen Harmonium patentieren ließ, womit diese Bezeichnung das erste Mal erscheint.

Debains Harmonium war ein Druckwindinstrument, welche bis in die 1870er Jahre die Harmoniumlandschaft dominierten. Wer das einfachere Saugwind-System zuerst entwickelte, ist nicht geklärt; eine gelegentlich genannte Erfindung durch den Berliner Physharmonika-Bauer Christian Friedrich Ludwig Buschmann im Jahr 1836 ist nicht belegt. In Europa setzte sich das System zunächst nicht durch. In den USA erhielt Jeremiah Carhart am 28. Dezember 1846 ein Patent auf Saugwindbälge (US-Patent 4912); seit den 1860er Jahren wurde die Entwicklung des Saugwindsystems dort vorangetrieben. Die amerikanische Firma Mason & Hamlin stellte 1861 ihr erstes Saugwindinstrument vor und gewann 1867 bei der Weltausstellung in Paris den ersten Preis mit einem solchen Instrument. Damit begann der weltweite Siegeszug der Saugwind-Harmonien.

mini|Pedalharmonium (Lindholm, 1928) mit 30-tönigem Orgelpedal sowie Tretschemeln oder wahlweise elektrischem Gebläse Seit ca. 1860 wurden auch ein- und zweimanualige Harmonien mit Orgelpedal produziert und als Pedalharmonium (auch: Orgelharmonium) bezeichnet. Sie wurden vor allem als Orgelersatz in Sakralräumen oder als häusliches Übungsinstrument für Organisten verwendet. Später (nach 1900), mit dem Siegeszug der elektrischen Stromversorgung, erhielten vor allem diese Pedalharmonien elektrische Gebläse, da man nur schlecht gleichzeitig mit den Füßen die Tretschemel betätigen und Orgelpedal spielen kann; dafür entfiel jedoch dann die Möglichkeit, den Winddruck durch die Geschwindigkeit des Schemeltretens nuancieren zu können.

Blütezeit und Nachleben Eine Blüte erlebte das Harmonium gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals wurde es als eine Art Heimorgel und Hausinstrument des bürgerlichen Mittelstands sowie als Ersatz für Pfeifenorgeln in kleineren Kirchen, aber auch als vollwertiges Konzertinstrument entdeckt. Auch „Salonorchester“ nutzten regelmäßig das Harmonium. In der westlichen Welt wurden zeitweise (um 1900) doppelt so viele Harmonien wie Klaviere verkauft.

In religiösen Versammlungen spielte das Harmonium eine Rolle (beispielsweise im Pietismus), weil es dem Klang der Orgel nahekam, aber billiger war und auch in kleineren Räumen aufgestellt werden konnte. In manchen pietistischen Gruppierungen ist der vom Harmonium begleitete Gesang religiöser Lieder geradezu zu einem Charakteristikum geworden, was zu der scherzhaft-abfälligen Bezeichnung „Halleluja-Pumpe“ führte. In Deutschland wurde das Harmonium ebenfalls vor allem in kleineren Kirchen oder Kapellen beider christlicher Konfessionen verwendet, wenn der Platz und/oder die finanziellen Mittel für eine Pfeifenorgel nicht ausreichten.