mini|Inoffizielle Flagge der polnischen Heimatarmee mit der sogenannten Kotwica

Polnischer Untergrundstaat () ist ein Begriff, der die Gesamtheit der polnischen Widerstandsorganisationen im Zweiten Weltkrieg beschreibt, sowohl militärisch als auch zivil.

Begriff Die Verwendung des Begriffs Untergrundstaat in Abgrenzung zum Widerstand in anderen Staaten soll die Anbindung einer Mehrheit der Untergrundaktivitäten an die polnische Exilregierung in London unterstreichen. Diese Orientierung an einer als legitim angesehenen Regierung wird in Polen meist als deutlich enger als in anderen Staaten unter deutschen Besatzung bewertet.

Struktur Der Untergrundstaat bildete sich in Polen rasch im Zuge der deutschen Unterdrückung und schloss an die lange Tradition des polnischen Widerstandes gegen fremde Besatzer im Rahmen der polnischen Teilungen an.

Der militärische Teil bestand vor allem aus verschiedenen Zweigen der polnischen Heimatarmee und sollte die polnische Gesellschaft auf einen zukünftigen Kampf um die Befreiung des Landes vorbereiten. Abgesehen von Widerstand, Sabotage, Ausbildung und Propaganda war es Aufgabe des militärischen Arms des polnischen Untergrundstaates, die Kommunikation mit der Exilregierung in London aufrechtzuerhalten sowie den zivilen Arm des Staates zu schützen. Die Hauptrolle des Letzteren lag in der Aufrechterhaltung der Kontinuität des polnischen Staates als Ganzem, inklusive seiner Institutionen, darunter Polizei, Gerichte und Bildungseinrichtungen auf allen Ebenen, von den Grundschulen, über die Oberschulen bis zu den Hochschulen. Es fand u. a. eine konspirative Ausbildung an Untergrunduniversitäten in Warschau, Krakau, Wilna und Lemberg statt. Es wurde auch ein geheimes Presse- und Sozialfürsorgewesen organisiert. Die Geldmittel hierfür stammten aus der Bevölkerung selbst oder aus Mitteln, die aus London eingeschleust worden waren.Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 33 f.Norman Davies: Rising '44. Pan Books, London 2004, S. 184–188. Dieser zivile Arm des Widerstandes ging nahtlos in den Aufbau bewaffneter Verbände über. Es sollten Kader und Institutionen für die Übernahme der Macht nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg ausgebildet werden.

Der Gedanke hinter dem polnischen Untergrundstaat bestand darin, dass die Besetzung Polens durch das Deutsche Reich und durch die Sowjetunion völkerrechtswidrig war. Daher wurden auch alle Institutionen der Besatzungsmächte als illegal angesehen und durch parallele polnische Institutionen, die polnischem Recht folgten, „gedoppelt“.

Organisation Militärischer Bereich Hauptquartier der AK Gebietshauptquartiere der AK Kreishauptquartiere der AK Leitung der Sabotage (Kierownictwo Dywersji, KeDyw) Leitung des Kampfes

Ziviler Bereich Regierungsvertretung im Lande (Delegatura Rządu na Kraj) Leitung des Zivilen Kampfes (Kierownictwo Walki Cywilnej) Gebietsvertretungen

Geschichte mini|Wladyslaw Sikorski, Ministerpräsident der polnischen Exilregierung 1939 bis 1943 mini|Polnische Pfadfindersoldaten im Warschauer Aufstand von 1944 Eine Gruppe polnischer Offiziere um General Michał Karaszewicz-Tokarzewski gründete am 27. September 1939, also kurz vor der Kapitulation und noch vor der Entstehung der Exilregierung, die Untergrundorganisation Służba Zwycięstwu Polsce (Dienst für den Sieg Polens, SZP). Die Organisation war auf den Aufbau konspirativer militärischer Strukturen nach dem Vorbild der Polska Organizacja Wojskowa aus dem Ersten Weltkrieg ausgerichtet und nahm in den folgenden Monaten zahlreiche Offiziere auf, die der deutschen Gefangenschaft entgangen waren. Zugleich wurde ein politischer Unterbau etabliert und Kontakte zu den Vertretern verschiedener politischer Parteien geknüpft. Ende 1939 bestand eine grobe Organisation des SZP insbesondere in einigen Städten Mittel- und Südpolens. Des Weiteren bildeten sich bereits Wochen nach der Niederlage der regulären Armee weitere Widerstandsgruppen. Sie speisten sich vorwiegend aus dem Reservoir ehemaliger Offiziere und Beamter sowie aus den Jugendorganisationen der Parteien und aus weiteren politischen und gesellschaftlichen Organisationen. Insbesondere Pfadfinderorganisationen (Szare Szeregi) stellten später einen großen, und oftmals besonders motivierten Teil der Rekruten für den Widerstand. Es gab allerdings auch politische Konflikte. So stießen vor allem Vertreter des autoritären Sanacja-Regimes der Vorkriegszeit auf Ablehnung durch andere politische Strömungen des sich bildenden Untergrundstaats. Insgesamt entwickelte sich während der Besatzungszeit einer Vielzahl bewaffneter und unbewaffneter Untergrundgruppen.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 62f., 74. Ebenso vielfältig war die Untergrundpresse. Die Anzahl ihrer Titel stieg von 200 im Jahr 1940 auf mehr als 600 im Jahr 1944.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 78.

Auch zwischen der polnischen Exilregierung und dem Untergrundstaat gab es Spannungen. Ende 1939 gründete die Exilregierung den Verband für den bewaffneten Kampf (poln.: Związek Walki Zbrojnej, ZWZ), der ihren Führungsanspruch auch der militärischen Untergrundaktivitäten im Heimatland durchsetzen sollte. Dies gelang nicht, aber in den folgenden Jahren etablierte sich eine Zusammenarbeit zwischen dem ZWZ und den meisten Untergrundgruppen. Auf der anderen Seite war spätestens mit der Verlegung der Exilregierung nach Großbritannien im Juni 1940 eine tatsächliche Steuerung des Untergrunds praktisch kaum noch durchführbar, so dass General Stefan Rowecki, bis dahin Gebietskommandeur des ZWZ für Warschau, eine größere Autonomie und die Zuständigkeit für das gesamte Land erhielt.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 64. Der ZWZ gab auch das Biuletyn Informacyjny heraus, das bald zum wichtigsten Titel der Untergrundpresse wurde.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 78f.

Zur Steuerung der zivilen Aspekte des Untergrundstaats installierte die Exilregierung das Amt des Delegaten. Erster Inhaber dieses Amtes war von Dezember 1940 der ehemalige Posener Bürgermeister Cyryl Ratajski. Er sollte Entscheidungen der Exilregierung im Land durchsetzen und nach der erwarteten Befreiung die Geschäfte bis zur Rückkehr der Regierung führen. In der Folge baute er eine Delegatur mit elf Departements auf, was einer Regierung mit elf Ministerien entsprach. Auch eine regionale Struktur in den einzelnen Woiwodschaften entstand. Wegen der Besatzung konnten die Departements nicht die typischen Aufgaben von Ministerien ausfüllen, übernahmen aber eine Reihe spezieller Funktionen. Das umfasste die Vorbereitung auf eine künftige souveräne Staatlichkeit mit Gesetzesentwürfen und der Berufung von Polizeipersonal, Betreuung von Polen in deutscher Gefangenschaft und Zwangsarbeit sowie von deren Familien, Unterstützung von Juden, die Unterrichtung der Exilregierung über die Lage im Land, die Organisation geheimen Schul- und Universitätsunterrichts (insbesondere im Generalgouvernement) und die Dokumentation von Kunstraub durch die Deutschen. Die Delegatur wurde von der Exilregierung mit Geld vor allem aus britischen Darlehen finanziert. 1943 betrug ihr Budget umgerechnet vier Millionen US-Dollar, im folgenden Jahr zwölf Millionen. Größte Ausgabenposten waren soziale Fürsorge und Bildung.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 75–77.

Die Funktionärsposten in der Delegatur wurden zunächst vor allem mit Vertretern konservativer Strömungen besetzt, was zu erheblichen Konflikten mit der Bauernpartei führte. Nach dem Rücktritt Ratajskis im September 1942 übernahm der Bauernpartei-Funktionär und Statistikprofessor Jan Piekałkiewicz seine Nachfolge. Dieser versuchte die Macht des Delegaten auszubauen und es zugleich unabhängiger von der Exilregierung zu machen. Piekałkiewicz starb am 19. Februar 1943 in Gestapohaft an den Folgen von erlittener Folter. Dritter Delegat wurde Jan Stanisław Jankowski von der Arbeitspartei, der vor dem Krieg Minister gewesen war und in der Delegatur das Departement für Arbeit und Wohlstand geleitet hatte. Jankowski gelang es in kurzer Zeit, einen großen Teil der Konflikte zwischen politischen Gruppen abzubauen. Damit trug er wesentlich auch zur Vereinigung der bewaffneten Untergrundgruppen bei.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 75f.

Nach dem ZWZ war die Organisation der Bauernpartei die stärkste Gruppierung innerhalb des Widerstands. Sie lehnte eine Zusammenarbeit mit dem ZWZ zunächst ab, obwohl die Partei auch an der Exilregierung beteiligt war. Die in Polen aktiv verbliebenen Funktionäre der Bauernpartei befürchteten, dass die ZWZ ein befreites Polen nach dem Vorbild der autoritären Regierungen der Zwischenkriegszeit gestalten würden. Die Bauernpartei wollte hingegen soziale und wirtschaftliche Reformen zugunsten der Landbevölkerung durchsetzen. Entsprechend stellte die Parteiführung ab 1940 mit den Bauernbataillonen eigene Militäreinheiten auf, die bis 1944 rund 160.000 Mann stark wurden und nach der Heimatarmee die schlagkräftigste Formation waren. Erst 1943 wurden die Bauernbataillone schrittweise in die Heimatarmee eingegliedert. Jedoch wurde dieser Prozess bis zum Kriegsende nicht abgeschlossen.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 72f.

Die Polnische Sozialistische Partei lehnte sich hingegen früh an den ZWZ an und integrierte ihre bewaffneten Verbände 1942 vollständig in die Armia Krajowa, war aber auch auf gute Verbindungen zur Bauernpartei bedacht. Ihr Ziel waren umfassende soziale Reformen in einem polnischen Nachkriegsstaat. Zugleich positionierte sie sich strikt antikommunistisch. Die konservative Arbeitspartei spielte in der Exilregierung eine gewisse Rolle, war im Untergrundstaat im besetzten Heimatland jedoch weitgehend bedeutungslos.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 73f.

Die geheimdienstliche Arbeit des Untergrundstaats war vor allem bei der Organisation Kierownictwo Walki Cywilnej (KWC, dt.: Leitung des zivilen Kampfes) unter der Leitung von Stefan Korboński angesiedelt. Über Verhaltensregeln und Strafmaßnahmen versuchte sie die Kollaboration mit den Deutschen zu bekämpfen. Auch gab Korboński Informationen an den polnischsprachigen Radiosender Swit in Großbritannien weiter.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 77.

Im Februar 1942 wurde der ZWZ in Armia Krajowa (dt.: Heimatarmee, Abkürzung: AK) umbenannt. Zu diesem Zeitpunkt war die Einbindung einer Mehrheit der militärischen Untergrundorganisationen weitgehend abgeschlossen.Andrzej Friszke, Antoni Dudek: Geschichte Polens 1939–2015. Brill Schöningh, Paderborn 2022, S. 64. Die AK umfasste 1944 rund 300.000 bis 350.000 Mitglieder. Diesem Bündnis blieben nur die Kräfte der extremen Rechten und der extremen Linken fern: Auf der einen Seite die rechtsnational-antikommunistische NSZ-Miliz mit rund 35.000Norman Davies: Boże Igrzysko. Historia Polski. Wydawnictwo Znak, Kraków 2003, S. 925. Mitgliedern, auf der anderen Seite die kommunistische Armia Ludowa (dt.: Volksarmee; Abkürzung: AL), die sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion als Gegenpol zur AK aufzubauen versuchte. Sie erreichte rund 100.000 Mitglieder.Norman Davies: Boże Igrzysko. Historia Polski. Wydawnictwo Znak, Kraków 2003, S. 926.Włodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand 1944. Fischer, 2001, ISBN 3-10-007806-3, S. 30–37.