Die Kunsttherapie ist eine Künstlerische Therapie, die sich von Impulsen aus den USA und Europa in der Mitte des 20. Jahrhunderts herleitet. In der Kunsttherapie wird hauptsächlich mit Medien der bildenden Kunst gearbeitet. Dazu zählen malerische oder zeichnerische Medien, plastisch-skulpturale Gestaltungen oder auch fotografische Medien. Durch sie können Patienten unter therapeutischer Begleitung innere und äußere Bilder ausdrücken, ihre kreativen Fähigkeiten entwickeln und ihre sinnliche Wahrnehmung ausbilden.

Die kunsttherapeutische Praxis und Theoriebildung ist mit unterschiedlichen Disziplinen wie z. B. der Kunstwissenschaft, der Psychologie und der Pädagogik verbunden. In den letzten Jahrzehnten haben sich daraus verschiedene Formen und Ansätze der Kunsttherapie entwickelt. Diese haben sich in klinischen, pädagogischen oder sozialen Praxisfeldern etabliert. Besondere Bedeutung hat die Kunsttherapie dabei in der psychiatrischen, psychosomatischen und psychosozialen Therapiepraxis gewonnen.

Entwicklung mini|220px|Künstlerhaus Gugging mini|220px|Außenseiterkunst: Adolf Wölfli mini|220px|Außenseiterkunst: Emma Hauck, "Herzensschatzi komm", Brief an den Ehemann, 1909 aus der Sammlung Prinzhorn mini|220px|Außenseiterkunst: „Kritzeleien“ eines Kindes mini|220px|Joseph Beuys: Vortrag „Jeder Mensch ein Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus“, Achberg 1978 Die Kunsttherapie ist eine relativ junge therapeutische Disziplin. Erst Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich im englischsprachigen und europäischen Raum unabhängig voneinander die ersten kunsttherapeutischen Ansätze.

Großbritannien und USA Sowohl in Großbritannien als auch in den USA liegen die Wurzeln der Kunsttherapie hauptsächlich in der Kunsterziehung, der künstlerischen Praxis und der Entwicklungspsychologie. Die Begriffe Kunsttherapie und Kunsterziehung wurden in Großbritannien erst in den 1970er Jahren voneinander getrennt. Hier geht der Begriff Art Therapy auf den Maler Adrian Hill zurück, der in einem Sanatorium, in dem er zur Behandlung war, seine Mitpatienten zu künstlerischer Arbeit anregte. Damit begann seine künstlerische Arbeit mit Patienten, die er 1945 unter dem Titel Art Versus Illness als Buch dokumentierte.Karin Dannecker (Hrsg.): Internationale Perspektiven der Kunsttherapie. Nausner & Nausner, Graz/Wien 2003, ISBN 3-901402-32-2. In den USA entwickelten die Pioniere Margaret Naumburg und Edith Kramer (1916–2014) etwa zur gleichen Zeit ihre kunsttherapeutischen Ansätze. In den späten 1940er Jahren entwickelte Margaret Naumburg die „Psychodynamische Kunsttherapie“ (dynamically oriented art therapyMargaret Naumburg: Dynamically oriented art therapy. Its principles and practices. Illustrated with three case studies. Grune & Stratton, Inc., New York 1966, .), während Edith Kramer die Kunsttherapie aus der künstlerischen Praxis ableitete (art as therapyT. Dalley: Art as Therapy. Brunner-Rontledge, London/New York 2004.). Ihr Ausgangspunkt war die kunsttherapeutische Arbeit mit Kindern, die in dem Buch „Kunst als Therapie mit Kindern“, das inzwischen zur Grundlagenliteratur der Kunsttherapie zählt, dokumentiert ist.E. Kramer: Kunst als Therapie mit Kindern. Ernst Reinhardt Verlag, München und Basel 1978. Joan Erikson begann mit ihren kunsttherapeutischen Programmen in den 1950er Jahren. Judith Aron Rubin versteht sich mit ihrem Werk „Kunsttherapie als Kindertherapie“J. A. Rubin: Kunsttherapie als Kindertherapie. Geradi Verlag für Kunsttherapie, Karlsruhe 1993. ebenso in dieser Tradition wie Helen Landgarten, die ein Konzept klinischer KunsttherapieH. B. Landgarten: Klinische Kunsttherapie – Ein umfassender Leitfaden. Geradi Verlag für Kunsttherapie, Karlsruhe 1989. vorlegte.

Ab 1974 entwickelten Paolo Knill, Shaun McNiff und Norma Canner an der Lesley University in Cambridge (USA) mit der Einrichtung eines Master-Lehrgangs in „Creative Arts Therapy“ die „Expressive Arts Therapy“ als eine intermodale und intermediale, also mehrere Künste umfassende Form künstlerischer Therapie.P. Knill: Principles and Practice of Expressive Arts Therapy – Toward a Therapeutic Aestetics. Jessica Kingsley Publishers, London 2005.

Europäischer und deutschsprachiger Raum Im deutschsprachigen Raum stehen erste kunsttherapeutische Ansätze mit der Entwicklung der anthroposophischen Medizin im Zusammenhang. 1921 gründete Ita Wegman eine nach anthroposophischer Lehre geführte Privatklinik in Arlesheim in der Schweiz und integrierte ab 1927 mit Margarethe Hauschka und Liane Collot d’HerboisLiane Collot d’Herbois: Licht, Finsternis und Farbe in der Maltherapie. Verlag am Goetheanum, Dornach 1993. künstlerische Therapien wie das bildnerische Gestalten in die klinische Behandlung.I. Marbach: 33 Jahre Margarethe Hauschka-Schule. Boll 1995 (Festschrift).

Etwa zur gleichen Zeit gab es erste Impulse zur Integration bildnerischen Gestaltens in die therapeutische Versorgung der Psychiatrie. In den 1920er Jahren fand das bildnerische Gestalten in den Psychiatrien Beachtung durch Veröffentlichungen von Hans Prinzhorn in Deutschland (Bildnerei der Geisteskranken, Berlin 1922H. Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung. Springer, Berlin 1922.) und Walter Morgenthaler in der Schweiz. Der Psychiater Walter Morgenthaler widmete 1921 Adolf Wölfli (1864–1930) das Buch Ein Geisteskranker als Künstler und machte ihn damit bekannt.W. Morgenthaler: Ein Geisteskranker als Künstler: Adolf Wölfli. Medusa-Verlag, Wien 1985. Adolf Wölfli hat ein umfangreiches Werk hinterlassen und gilt inzwischen als einer der wichtigsten Vertreter bildnerischer Kunst von „Außenseitern“. Das ebnete nicht nur den Weg für die Kunsttherapie in der Psychiatrie, sondern hatte auch nachhaltige Wirkungen auf die bildende Kunst und wurde dort unter den Begriffen Art brut und später Outsider Art bekannt. Einer der ersten, die künstlerisches Arbeiten in die psychiatrische Behandlung einbezogen, war der Psychiater Leo Navratil (1921–2006), der seine Patienten zu künstlerischer Tätigkeit anregte und sie zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken nutzte.L. Navratil: Die Künstler aus Gugging. Medusa, Berlin/Wien 1983. Im Jahre 1981 gründete er auf dem Gelände des Gugginger Krankenhaus bei Wien das Haus der Künstler als Zentrum für Kunst- und Psychotherapie.R. Bader, P. Baukus, A. Mayer-Brennenstuhl (Hrsg.): Kunst und Therapie. Eine Einführung in Geschichte, Methode und Praxis der Kunsttherapie. Verlag der Stiftung für Kunst und Kunsttherapie, Nürtingen 1999.

Der Begriff Art brut geht auf Jean Dubuffet zurück, der 1947 in Paris die Compagnie de l’Art brut gründete. Er öffnete damit die Grenzen des exklusiven Kunstbetriebs für die „Außenseiterkunst“, nicht ohne zu betonen, dass es um die Wirkung der Kunst und nicht um die Etablierung einer „Kunst der Geisteskranken“ gehe. Die gäbe es ebenso wenig „wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken“. Ihm ging es vielmehr um die sinnlichen und ästhetischen Qualitäten des individuellen bildnerischen Ausdrucks, wie er sich in Gestaltungen von Laien, in Schöpfungen von „Geisteskranken“, Kritzeleien von Kindern oder Gestaltungen sogenannter primitiver Kulturen äußert. Aus den neuen bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die sich so für die bildende Kunst erschlossen, speisten sich in der Folgezeit verschiedene Kunstströmungen wie das Action Painting. Diese Entwicklungen veränderten nicht nur das Verständnis von Kunst, sondern öffneten auch den Blick für die therapeutischen Potenziale bildnerischen Gestaltens.

Der unmittelbare, individuelle Ausdruck innerer Bilder, das prozessorientierte Verständnis bildnerischen Schaffens und die damit verbundenen Kunstströmungen bilden den kunsthistorischen Kontext kunsttherapeutischer Praxis und Theoriebildung. Der Surrealismus, der von dem französischen Dichter und Kritiker André Breton 1924 begründet wurde, betont die Rolle des Unbewussten und hierin den Traum als Quelle bildnerischen Schaffens. In seiner Tradition sucht Jackson Pollock (1912–1956) mit Bezug auf Carl Gustav Jung in der indianischen Kultur und Mythologie einen Anknüpfungspunkt für den Ausdruck des Unbewussten und entwickelte nach 1946 das Action Painting: „Wenn ich in meinem Bild bin, bin ich mir nicht bewusst was ich tue.“Kammerlohr: Epochen der Kunst. Band 5: 20. Jahrhundert. Vom Expressionismus zur Postmoderne. Begr. von Otto Kammerlohr. Oldenbourg Verlag, München 1995, ISBN 3-486-87525-6. In der jüngeren Kunstgeschichte gibt es mit Joseph Beuys (1921–1986) („Kunst ist ja Therapie“Joseph Beuys: „Kunst ist ja Therapie“ und „Jeder Mensch ist ein Künstler“. In: Hilarion Petzold (Hrsg.): Die neuen Kreativitätstherapien. Handbuch der Kunsttherapie. Band I. Junfermann, Paderborn 1990, S. 33.) und dem von ihm proklamierten erweiterten Kunstbegriff, der die künstlerische Praxis auf die politische, gesellschaftliche und soziale Realität bezieht, einen direkten Bezugspunkt für eine kunsttherapeutische Praxis, die sich als soziale Kunst versteht. Ein weiterer Aspekt entstand durch Wolf Vostell, der 1961 mit seiner Prämisse Leben ist Kunst, Kunst ist Leben das Leben zur Kunst erklärte.Wolf Vostell. Leben = Kunst = Leben. Kunstgalerie Gera, E. A. Seemann, Gera 1993, ISBN 3-363-00605-5.

Andere Ursprünge der Kunsttherapie, auf die sich verschiedene aktuelle kunsttherapeutische Konzepte beziehen, liegen in der Pädagogik und Heilpädagogik, der Kunstpädagogik und der Ästhetischen Bildung. So steht im Zentrum verschiedener Ansätze der Reformpädagogik aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Überzeugung, dass das eigenverantwortliche, schöpferische Tun eine Grundlage für die Entwicklung des Menschen ist. An die Stelle der strikten Trennung von Wissen und Erfahrung tritt hier das Lernen am Stoff durch kreatives Gestalten.John Dewey: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Beltz, Weinheim und Basel 1993. Hierauf beziehen sich kunsttherapeutische Konzepte, für die die Entwicklungsförderung, die Förderung sozialer und kreativer Fähigkeiten und die Schulung und Ausbildung der sinnlichen Wahrnehmung im Vordergrund stehen.

Anwendungsbereiche Die Kunsttherapie wird in klinischen, pädagogischen, heilpädagogischen oder soziokulturellen Bereichen ausgeübt, also z. B. in Krankenhäusern, Schulen, Einrichtungen der Behindertenhilfe, Museen, Gefängnissen, Altersheimen, in der Beratung, im Teamcoaching, in der Supervision, in der Erwachsenenbildung und in freier beratender und therapeutischer Praxis.

Die Kunsttherapie ist in Europa unterschiedlich in der Gesundheitsversorgung verankert. In England ist die Kunsttherapie bereits zu einem festen Bestandteil in klinischen Einrichtungen geworden. Im Jahr 1990 wurde bei einer Umfrage (Survey of Conditions of Service of Registered Art Therapists) ermittelt, dass 54 % von 64,4 % der befragten Kunsttherapeuten im Gesundheitsbereich tätig sind, 15 % im Sozialbereich und 7 % im Erziehungsbereich. In der Konsequenz ist seit 1997 der Beruf „Kunsttherapeut“ in England durch das Gesetz „Act of Professions Supplementary to Medicine“ gesetzlich geregelt und staatlich registriert worden.C. Case, T. Dalley: The Handbook of Art Therapy. Routledge, London 2004, S. 6.