mini|hochkant=1.5|Verschiedene Hutmodelle aus Biberhaar-Filz Der Pelzhandel in Nordamerika war eine der ersten wirtschaftlichen Nutzungen des nordamerikanischen Kontinents durch Europäer. Die Anfänge des Geschäfts lagen im 16. Jahrhundert, die größte politische Bedeutung erlangte es im 17. Jahrhundert, den ökonomischen Höhepunkt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. In der nach dem Ersten Weltkrieg rapide industrialisierten und verstädterten Welt mit einer Bevölkerung, die viel schneller wuchs als die Pelztierpopulationen und die -zuchten liefern konnten, verlor der Pelzhandel Nordamerikas nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig seine herausragende Bedeutung. Nur im regionalen, ländlichen Rahmen spielt er bis heute eine gewisse Rolle.
Pelzjäger und -händler gehören zu den bedeutendsten Entdeckern und Wegbereitern der europäischen Besiedlung des Kontinents; sie waren oftmals die ersten, die Kontakte zu Indianern und Eskimos aufnahmen.
Mit dem Pelzhandel verbunden sind Namen wie die englisch-kanadische Hudson’s Bay Company, die französisch-kanadische North West Company und der deutschstämmige Johann Jacob Astor und seine American Fur Company, aber auch die Russisch-Amerikanische Kompagnie und die Alaska Commercial Company.
Dabei stellte die Forschung seit den 1970er Jahren heraus, dass der Begriff Pelzhandel eine zu starke Vereinfachung darstellt.Vgl. Daniel Francis, Toby Morantz: Partners in Furs: A History of the Fur Trade in Eastern James Bay 1600–1870, McGill-Queen’s University Press, Kingston und Montreal 1983. Er war nicht einfach eine Vorstufe der europäischen Kolonisierung, wie noch Frederick Jackson Turner 1891 und vor allem Harold A. Innis 1930 postulierten. Heute ist deutlich, dass es ein indianischer Handel war. Für Arthur J. Ray (1978) war er sogar nur ein Aspekt des indianischen Handels.Arthur J. Ray: Fur Trade History as an Aspect of Native History, in: Ian A. L. Getty, Donald B. Smith (Hrsg.): One Century Later: Western Canadian Reserve Indians Since Treaty 7, University of British Columbia Press, Vancouver 1978. Die Indianer integrierten die Neuankömmlinge zunächst in ihr Handelssystem, auch wenn die Pocken, die die Europäer mitbrachten, zahlreiche Opfer forderten. Vom Pelzhandel hingen bei vielen Stämmen die Führungsgruppen ab, oder sie etablierte sich erst durch dessen Erträge und das Prestige, das die dazugehörigen Tauschwaren, vor allem Wampum, eintrugen. Im Rahmen des Pelzhandels entstanden neue ethnische Gruppen, vor allem die Métis.
Da sich zudem die Beziehungen innerhalb und zwischen den Gruppen veränderten, sprach man von einer „fur trade society“, einer „Pelzhandels-Gesellschaft“, die vor allem der noch nicht verstädterten kanadischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg ihren Stempel aufdrückte.
Die europäischen Märkte Pelzjagd und -handel auf dem nordamerikanischen Kontinent diente immer nur zum geringsten Teil der Versorgung der eigenen Bevölkerung. Vielmehr wurden die natürlichen Ressourcen der Kolonien von Anfang an gezielt für die Nachfrage auf den europäischen Märkten erschlossen. Insbesondere Biberpelz war begehrt, weil er schon im Mittelalter keinen Kleidervorschriften unterlag und so von Adel und Bürgertum getragen werden konnte. Die größte Nachfrage bestand nach Hüten aus Biberfilz. Die Unterhaare, nach dem Entfernen des Deckhaares, waren der ideale Rohstoff, um sie zu verfilzen und hochwertige Hüte zu fertigen.Kuegler, S. 12.
Ab dem 17. Jahrhundert ging die Mode, einschließlich der Hutmode, von den wirtschaftlichen Zentren England und Frankreich aus; als Material für hochwertige Hüte fast jeden Stils bevorzugte man Biberfilz. Den Ausgang nahm diese Mode ab 1600 und dann insbesondere im Dreißigjährigen Krieg mit dem Aufstieg Schwedens als europäische Macht. In dieser Zeit wurden breitkrempige Hüte aus gefilztem Biberhaar nach schwedischem Vorbild getragen.John F. Crean: Hats and the Fur Trade in: The Canadian Journal of Economics and Political Science 28,3 (August 1962) 373–386, hier: S. 379. Weitere Nachfrage kam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit den stehenden Heeren der europäischen Nationen, zu deren Uniformen eine Kopfbedeckung aus Biberfilz gehörte.
Die Anfänge Die europäischen Biberpopulationen gingen durch Ausbeutung der Bestände und Meliorationsmaßnahmen zur Trockenlegung von Feuchtgebieten zurück, etwa um 1600 waren auch die Bestände Russlands erschöpft und der Import aus dem Osten kam fast vollständig zum Erliegen.Crean, S. 376. Etwa gleichzeitig begann die Erschließung des nordamerikanischen Kontinents. Pelze waren das ideale Gut für die wirtschaftliche Nutzung der transatlantischen Kolonien: Die Gewinnung erforderte kaum Infrastruktur, die Pelze konnten von den Indianern eingetauscht oder durch europäische Pelzjäger selbst gewonnen werden, sie waren leicht zu transportieren und brachten gute Preise.
Ab 1519 begann der Pelzhandel an der Küste. Die dortigen Indianer tauschten Pelze gegen europäische Produkte, vor allem Metallwaren wie Messer, Äxte, Beile und Kessel. Ihr Tauschinteresse wuchs, wie der Bericht Jacques Cartiers zeigt, der 1541 in der Chaleur-Bucht ankerte. Dort wurde sein Schiff von einer großen Zahl Kanus der Mi’kmaq umringt, deren Besatzungen mit Biberpelzen winkten. Cartier hatte bereits 1534/35 am oberen St. Lorenz Pelze bei den Irokesen eingetauscht.
Schon bald zeigte sich jedoch ein von beiden Seiten nicht erwarteter Zusammenhang von Handelskontakten und der Ausbreitung schwerster Epidemien unter den Ureinwohnern, allen voran der Pocken. So wurden die Mi’kmaq 1564, 1570 und 1586 von ihnen unbekannten Krankheiten heimgesucht. Bald führten die Stämme zudem wegen der Handelskontakte Kriege untereinander, vor allem, nachdem nach 1600 erste dauerhafte Stützpunkte der Händler entstanden. 1607 kam es zu einem Krieg zwischen den Penobscot unter ihrem Sagamore Bashabes, der durch französische Waffen große Macht erlangt hatte, und den Mi’kmaq. Dieser Tarrantiner-Krieg, Ausdruck ihrer Rivalität im Pelzhandel, dauerte von 1607 bis 1615.
Lange Zeit florierte der Handel trotz weitgehend fehlender Infrastruktur im Sinne von Handelsstützpunkten. Ein Fluss- und Wegenetz, auf dem Indianer Handel betrieben, existierte schon sehr lange, und die weißen Händler wurden in dieses Handelsnetz integriert.
Monopole, europäische Konflikte und Pelzkriege Staatlich organisiert wurde der Handel jedoch erst Jahrzehnte später. 1603 verlieh Heinrich IV. von Frankreich Pierre Dugua de Mons,Auch Sieur de Mons oder Sieur de Monts genannt. einem Edelmann aus St. Malo, das königliche Privileg für Fischfang und Pelzhandel in allen französischen Besitzungen auf dem nordamerikanischen Kontinent. Er gründete mit Kaufleuten aus der Bretagne eine Handelsgesellschaft und überquerte den Atlantik. Den Winter 1604/05 verbrachte die Expedition auf Saint Croix Island, bevor sie 1605 die erste französische Niederlassung auf dem Kontinent im neuschottischen Akadien aufbaute, aus der sich die Stadt Port Royal (heute Annapolis Royal) entwickelte. Dugua de Mons' Begleiter war Samuel de Champlain, der 1608 Québec gründete und so den ersten Schritt zur Besiedlung des Kontinents machte.
Wenige Jahre später kamen Konflikte zwischen den Franzosen und südlicher siedelnden englischen Kolonisten auf. 1613 griffen die Engländer Port Royal an und brannten die Stadt nieder. Der Handel verlagerte sich nach Norden, in das kleine Tadoussac, an der Mündung des Saguenay in den St. Lorenz, wo der Indianerhandel einen Aufschwung nahm. 1627 verlieh Kardinal Richelieu der Compagnie de la Nouvelle France (auch als Compagnie des Cent-Associés bekannt) ein neues Patent für den Handel im nun so genannten Kanada. Die Konflikte und die Gewalt blieben. 1632 schlossen Frankreich und England den Vertrag von Saint-Germain-en-Laye, in dem die französischen Rechte bestätigt wurden.
Konflikte mit den Indianern führten zu einer Zweiteilung der Handelsmethoden. Einige wenige Franzosen gingen in die „Wildnis“ und lebten mit den Indianern. Sie wurden Coureurs des Bois genannt und sind die Vorbilder der Waldläufer in der frühen amerikanischen Abenteuerliteratur. Sie lebten mit den Einheimischen aus dem Land und deckten ihre geringen Bedürfnisse an europäischen Gütern aus dem Verkauf selbstgejagter Pelze. Die offiziellen Handelsagenten hingegen errichteten feste Niederlassungen, zumeist an der Mündung von Flüssen, und ließen sich von den ansässigen Indianern Pelze direkt in die Agentur liefern. Als Tauschgüter dienten überwiegend metallene Werkzeuge, Messer, Kessel und Töpfe, sowie bunte Textilien und venezianische Glasperlen. Dabei spielten nicht nur offenkundige Vorzüge der Werkzeuge eine wichtige Rolle, sondern auch der Geschmack, den etwa Frauen an bestimmten Farben der häufig kunstvollen Perlen fanden.Lois Sherr Dubin: The History of Beads from 30,000 BC to the Present, London 1987, S. 261–289.
Dieser Handel wurde einerseits durch die Rivalitäten zwischen Engländern und Franzosen häufig erschwert. So eroberten die Engländer 1629 bis 1632 Québec. Als dritte Macht traten die Niederländer auf, die den Irokesen Waffen lieferten, mit denen sie ihr Jagdgebiet weiter nordwärts ausdehnten. Dies löste Konflikte zwischen Irokesen und den mit den Franzosen verbündeten Huronen und anderen Stämmen aus, die in die Vernichtung der Huronen 1650, der Erie 1656 und anderer Stämme mündeten. 1660 griffen die Irokesen auch die Franzosen an.
Frankreich versuchte, nachdem 1652 der direkte Handel mit den Indianern freigegeben worden war – bis dahin konnten nur die Indianer in die Handelszentren kommen –, Montreal zum einzigen Handelszentrum für Pelze zu machen. Dies war jedoch für die Irokesen nicht tragbar. Ihre Führer hingen inzwischen selbst vom Tauschhandel ab, denn sie gewannen Prestige durch das Verschenken begehrter Waren, die sie überwiegend gegen Pelze erhielten. Für sie wurde das Pelzmonopol zur Bedrohung. Daher griffen sie 1687 Montreal an, insgesamt kam bei dem Krieg etwa jeder zehnte der knapp 3000 Franzosen ums Leben.Louise Deschêne: Le peuple, l'État et la guerre au Canada sous le régime français, Boréal, Montreal 2008, S. 162f. Mit dem König-William-Krieg (1689 bis 1697) begann eine Kette von Stellvertreterkriegen, die England und Frankreich mit Hilfe ihrer indianischen Verbündeten austrugen. Erst am Ende dieses Krieges, einem Nebenkrieg des Pfälzischen Erbfolgekriegs, kam es 1698 zu Verhandlungen und 1701 zum Großen Frieden von Montreal zwischen Irokesen und Franzosen. Damit endete nach rund 60 Jahren der letzte der so genannten Biberkriege.
Zehn Jahre nach der Vernichtung der Huronen kamen 1660 zwei Waldläufer nach Trois-Rivières zurück, ihre 60 Kanus vollbeladen mit PelzenKuegler, S. 14. Médard Chouard, Sieur des Groseilliers und Pierre-Esprit Radisson waren im Vorjahr mit Kollegen zu den Großen Seen aufgebrochen, hatten das Gebiet erkundet und die dortigen Indianer kennen gelernt. Dabei waren sie bis in das heutige Minnesota vorgestoßen, hatten dort bei den Lakota überwintert und ihnen Pelze abgekauft. Ihre Methode, als unabhängige Händler die Indianer in ihren Gebieten aufzusuchen und den Handel zu ihnen zu verlagern, war in den folgenden Jahren erheblich erfolgreicher als die Niederlassungen, die unter den Kriegen litten. Aber des Groseilliers und Radisson verstießen gegen das königliche Monopol, das mittlerweile bei der Compagnie des Indes Occidentales lag. Nach nur drei Jahren griff die Compagnie durch und verbot den individuellen Handel.