mini|Teilnehmertisch bei der Disziplin Hour Cards
Als Gedächtnissport wird der sportliche Wettkampf im Auswendiglernen von Datenmengen bezeichnet.
Allgemeines mini|Dominic O’Brien mit zwei Fans
Der wettkämpferische Vergleich des Gedächtnissports strebt möglichst gleiche Voraussetzungen für jeden Teilnehmer an. Es spielt keine Rolle, ob die Gedächtnisinhalte einen Bezug zum Alltag haben oder sich praxisbezogen anwenden lassen. Die Vorbereitung besteht aus einem gezielten Training der Turnierdisziplinen und aus dem Versuch, die Techniken zu ihrer Bewältigung zu verfeinern und auszubauen.
In Abgrenzung zum Gedächtnissport ist Gedächtnistraining die Tätigkeit, mit der die Gedächtnissportler gezielt versuchen, ihre Gedächtnisleistung zu verbessern. Neben der Vorbereitung zum Wettkampf kann es auch aus praktischen, alltäglichen Gründen heraus betrieben werden, wie für Schule, Beruf oder bei Demenz.
Um die Aufgaben zu bewältigen, die im Turnier gestellt werden, greifen Gedächtnissportler auf Mnemotechniken zurück. Dies sind Methoden, die es erleichtern sollen, große Mengen an Wissensstoff auswendig zu lernen. Solche Techniken waren bereits im Griechenland der Antike bekannt und ihre Aneignung setzt keine besonderen Fähigkeiten oder Begabungen voraus, jedoch ist für die ernsthafte Teilnahme an Wettkämpfen eine regelmäßige Vorbereitung notwendig. Die Leistung, die Spitzensportler bei Wettkampfstärke erreichen, ermöglicht es ihnen, sich in einer halben Stunde eine 1000-stellige Zahl zu merken.
Organisationsstrukturen Deutschland Die deutsche Meisterschaft der Erwachsenen wurde von 1997 und die Meisterschaft der Junioren von 1998 bis 2019 von der Gesellschaft für Gedächtnis- und Kreativitätsförderung e. V. (GGK) organisiert. Seit dem coronabedingten Ausfall 2020 kümmert sich der 2002 in Weimar gegründeten Verein MemoryXL um die Ausrichtung der Meisterschaften, aber auch um Seminare für Lehrer und Schüler sowie Projekte in Zusammenhang mit Gedächtnistraining. Seit 2003 werden zusätzlich je eine Nord- und Süddeutsche Meisterschaft ausgetragen. 2024 finden diese Wettbewerbe im Rahmen der MemoryXL Open statt. In manchen Jahren wurden zudem Ländermeisterschaften oder die Memory League-Meisterschaft ausgetragen.
International mini|Tony Buzan, Gründer der Weltmeisterschaften
1990 wurde von Tony Buzan das World Memory Sports Council (WMSC) gegründet. Seit 1991 organisiert das WMSC die Gedächtnisweltmeisterschaften, die bis 2002 immer in London stattgefunden haben. Wegen wachsender internationaler Beteiligung wurden diese in den folgenden Jahren an unterschiedlichen Orten ausgetragen. 2003 war die Weltmeisterschaft in Kuala Lumpur, 2004 in Manchester und 2005 in Oxford. Zum 15. Jubiläum der Meisterschaft kehrte sie im August 2006 wieder nach London zurück, unter anderem 2018 und 2023 war China Gastgeber.
Im Jahr 2006 gab es Umstrukturierungen im Gedächtnissport. Um dem Ziel der offiziellen Anerkennung als Sportart, z. B. bei dem IOC und dem Deutschen Sportbund, Rechnung zu tragen, wurde der WMSC als Welt-Dachverband neu formiert. Die einzelnen Länder sind aufgefordert, nationale Gedächtnissportverbände zu gründen. Die Gesellschaft für Gedächtnis- und Kreativitätsförderung war als offizieller Ausrichter für die Deutschen Gedächtnismeisterschaften von der WMSC anerkannt.
Verbreitung Gedächtnissport weist immer noch den Charakter einer Randsportart auf; so gibt es in Deutschland gerade einmal rund 100 Aktive. In der Weltrangliste mit rund 4400 Einträgen liegen Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland, Italien, China, den USA und Schweden auf den vorderen Plätzen. Bei den Kindern und Jugendlichen hebt sich in Europa Österreich hervor, was auf eine größere Verbreitung dieses Sports durch eine umfassende Basisarbeit mit einem speziell zugeschnittenen Kursangebot und eigenen Turnieren zurückzuführen ist. An der Weltmeisterschaft 2018 nahmen über 250 Teilnehmer aus 30 Ländern von allen Kontinenten teil. Aktuell ist das Interesse am Gedächtnissport in Ostasien am größten (China, Vietnam, Malaysia, Indien).
Sprachfreie Disziplinen Ziffern und Zahlen Das Memorieren von geschriebenen Dezimalziffern ist eine klassische Disziplin, die bei keinem Turnier fehlt. Die Aufgabe besteht hierbei darin, sich so viele Ziffern in der vorgegebenen Zeit zu merken wie möglich.
Aktueller Weltrekord bei fünf Minuten Dezimalziffern: 616 (Wei Qinru, China) Aktueller Weltrekord bei 15 Minuten Dezimalziffern: 1168 (Wei Qinru, China) Aktueller Weltrekord bei einer Stunde Dezimalziffern: 3260 (Zhang Ying, China)
Eine andere Disziplin ist das Memorieren von gesprochenen Ziffern. Diese werden im Ein-Sekunden-Takt vorgelesen und haben die zusätzliche Schwierigkeit, dass sich der Sportler an den Takt halten muss. Der Sportler hat in dieser Disziplin keine Möglichkeit, die Ziffern zu wiederholen. Daher ist diese Disziplin eine der schwierigsten. Den Weltrekord hält Ryu Song I mit 547 Ziffern. – Bis zum Jahr 2000 wurden die Ziffern im Zwei-Sekunden-Takt vorgelesen. Nach einem neuen Weltrekord von Gunther Karsten mit 400 Ziffern wurde eine Herabsetzung des Zeitintervalls auf eine Sekunde vom WMSC beschlossen.
Ganz analog zu den geschriebenen Dezimalziffern gibt es auch eine Disziplin, bei der geschriebene Binärziffern memoriert werden. Zum Einprägen erhalten die Gedächtnissportler nur einen Zettel mit Nullen und Einsen, deren Reihenfolge sie sich einprägen müssen. Bei dem Memorieren von Binärziffern in fünf Minuten liegt der Weltrekord bei 1251 (Lkhagvadulam Enkhtuya, Mongolei), in einer halben Stunde bei 6270 (Munkhshur Narmandakh, Mongolei).
Spielkarten mini|Andi Bell auf der Weltmeisterschaft, bevor er den Weltrekord in Speed Cards aufstellt
Speed Cards ist eine Königsdisziplin des Gedächtnissports. Es geht darum, sich die Reihenfolge eines gemischten Kartenstapels mit 52 Blatt auf Zeit einzuprägen. Den Weltrekord hielt über einige Jahre Andi Bell mit 31,16 Sekunden, bis er 2007 von Ben Pridmore deutlich auf 26,28 Sekunden verbessert wurde. Inzwischen liegt der Weltrekord sogar bei 12,74 Sekunden, aufgestellt von Shijir-Erdene Bat-Enkh (Mongolei) im Jahr 2018.
mini|Spielkarten, wie sie in der Spielkarten-Disziplin memoriert werden müssen
Eine weitere Disziplin ist das Memorieren von Spielkarten in vorgegebener Zeit. Es geht darum, möglichst viele gemischte Pakete von Spielkarten (52er Blatt, Rommé) zu memorieren. Die Wiedergabe auf den Meisterschaften erfolgt in dieser Disziplin schriftlich. In eine leere Tabelle mit 52 Reihen ist jeweils einzutragen, welche Karte sich an dieser Stelle befand. Die Kartenspiele werden nicht untereinander, sondern nur einzeln gemischt, so dass bei der Wiedergabe ein Kartenspiel einen Wertungsblock bildet und jede mögliche Spielkarte genau einmal enthält. Der Weltrekord im Memorieren von möglichst vielen Kartenstapeln in einer Stunde liegt bei 37 Stapeln, also 1924 Karten. Er wird derzeit von Munkhshur Narmandakh gehalten.
Abstrakte Bilder Im Jahr 2006 wurde die Disziplin Abstrakte Bilder neu eingeführt. Dabei sind jeweils fünf kleine, schwarz-weiße Grafiken in einer Reihe abgebildet. Die Sportler bekommen sehr viele Reihen vorgelegt, von welchen sie in 15 Minuten so viele wie möglich auswendig zu lernen haben. Nach der Einprägezeit bekommen die Gedächtnissportler dieselben Grafiken, lediglich pro Zeile in einer anderen Reihenfolge. Durch die Angabe von Ziffern ist die ursprüngliche Reihenfolge anzugeben. Den Weltrekord hält Zhang Xingrong mit 756 Punkten (entspricht ungefähr der Zahl der korrekten Grafiken).
Sprachgebundene Disziplinen Die nachfolgenden Disziplinen sind zwar mehr oder weniger von der Sprache des Sportlers abhängig, sie sind aber bei allen großen Turnieren Teil des Disziplinenkanons.
Namen und Gesichter Es sind eine fest definierte Anzahl Fotos mit fiktiven Vor- und Nachnamen vorgegeben. Die Teilnehmer sollen sich möglichst viele Namen einprägen. Hinterher bekommen die Teilnehmer die Fotos in veränderter Reihenfolge und müssen die Namen dazu notieren. Der Weltrekord lag bei 201 Punkten in 15 Minuten, aufgestellt von Boris Konrad (Regelwerk von 2010). Dabei zählt jeder richtige Vor- oder Nachname einen Punkt. Wenn zu einer Person Vor- und Nachname stimmen, gibt es für die Person zwei Punkte. Wird ein richtiger Name in falscher Schreibweise notiert (z. B. Schmitt statt Schmidt), so wird ein halber Punkt vergeben.
Damit auf internationaler Ebene ein fairer Wettkampf gewährleistet ist, wurde 2011 das Regelwerk dahingehend geändert, dass Fotos von Personen aller Volkszugehörigkeiten, Alter und Geschlecht gleichermaßen vorgegeben sind. Ebenso wird auf Namen in unterschiedlichen Sprachen zurückgegriffen, die beliebig durchmischt sein können. So kann beispielsweise einer Person afrikanischer Herkunft ein chinesischer Vorname und ein europäischer Nachname zugeordnet werden. Der Weltrekord liegt bei 224 Punkten in 15 Minuten, aufgestellt von Katie Kermode.
Wörter mini|hochkant|Mehrfacher Weltrekordhalter Boris Konrad mini|hochkant|Weltrekordhalterin bei Text Astrid Plessl
Eine Liste mit zufälligen Wörtern ist hierbei auswendig zu lernen und in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Der Weltrekord liegt momentan bei 318 Wörtern memoriert in 15 Minuten von Katie Kermode. Diese Disziplin wird üblicherweise in der Landessprache abgehalten. Auf den Weltmeisterschaften erhalten alle Teilnehmer dieselben Wörter. Dabei werden die Wörter in die Sprache ihrer Wahl übersetzt.
Text Ein vorgegebener Text muss mit Satzzeichen, Zeilenumbrüchen, besonderen Schreibweisen etc. komplett richtig eingeprägt werden. Hierbei kommt es darauf an, dass auch das assoziative Gedächtnis sehr gut ist. Der Weltrekord liegt bei 345 Punkten in 15 Minuten, aufgestellt von Astrid Plessl. Hierbei wird pro Wort und Satzzeichen ein Punkt vergeben. Da Texte unterschiedlich schwer sein können, schwanken die Ergebnisse relativ stark. Außerdem gab es immer wieder Unstimmigkeiten, was die genaue Bepunktung und die Übersetzung von Texten angeht. Deswegen wurde diese Disziplin inzwischen abgeschafft und durch Abstrakte Bilder ersetzt.
Historische Daten Hierbei werden zu Jahreszahlen zwischen 1000 und 2099 fiktive Daten (z. B. „Krönung Kaiser Konstantin“, „Sinken der Queen Margot vor Grönland“ usw.) gegeben. Danach werden die Daten in neuer Reihenfolge vorgelegt und die Jahreszahlen sind dazu zu schreiben. Der aktuelle Weltrekord liegt bei 139 Daten in fünf Minuten, aufgestellt von Prateek Yadav. Aufgrund der Sprachabhängigkeit dieser Disziplin wird bei internationalen Meisterschaften mit Übersetzungen gearbeitet.
Wertungssystem Um sich auf Gedächtnismeisterschaften messen zu können, wird ein Wertungssystem benötigt. Dabei werden die Ergebnisse in den einzelnen Disziplinen nach einem gewissen Schlüssel berechnet und miteinander addiert.
Um feststellen zu können, wie viel sich ein Gedächtnissportler gemerkt hat, werden in allen Disziplinen die einzuprägenden Inhalte in Gruppen vorgelegt. Bei den Dezimalziffern sind immer 40 Ziffern in einer Reihe oder bei den Wörtern 20 in einem Block.
Ein Fehler in einem Block hat eine Reduzierung der Punktzahl für diesen auf die Hälfte, ein zweiter Fehler auf null Punkte zur Folge. Wenn sich also ein Gedächtnissportler 120 Ziffern in fünf Minuten merken möchte, so wären dies drei 40er-Reihen. Hat er nun zum Beispiel die erste und die dritte Reihe korrekt wiedergegeben und im zweiten Block genau eine der 40 Ziffern falsch, würde dies wie insgesamt 100 fehlerfrei memorierte Zahlen gewertet. Hat er in jedem Block genau zwei Ziffern falsch, so gibt dies keinen Punkt mehr, obwohl er 114 Ziffern richtig hatte.
mini|Ein korrigiertes Blatt von einer Gedächtnismeisterschaft
Ausnahmen bilden nur die gesprochenen Zahlen und die Disziplin Speed Cards, bei denen bis zum ersten Fehler gewertet wird. Wenn ein Gedächtnissportler 100 Ziffern memoriert und die erste Ziffer falsch hat, aber sonst alle richtig, bekommt er null Punkte.