Heiden (appenzellerdeutsch Hääde ) ist eine Einwohnergemeinde im nordöstlichen Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden. mini|Historisches Luftbild aus 300 m von Walter Mittelholzer von 1922

Geographie Heiden liegt im Appenzeller Vorderland, eingebettet zwischen Kaien, Bischofsberg und Freudenberg, rund 400 Meter über dem Bodensee auf 810 Metern ü. M. Die Gemeinde grenzt an die Ausserrhoder Gemeinden Grub, Rehetobel, Wald und Wolfhalden, die Innerrhoder Gemeinde Oberegg sowie die St. Gallische Gemeinde Eggersriet. Der Gstaldenbach, der Dorfbach, entspringt am Kaien, fliesst durchs Dorf und bildet unterhalb davon ein tiefes Tobel. Der tiefste Punkt der Gemeinde befindet sich auf 470 Metern bei der Engi am Gstaldenbach, der höchste Punkt oberhalb der Risi auf 1030 Metern. Die Fläche der Gemeinde Heiden beträgt 749 ha, wovon 138 ha als Siedlungsfläche und 379 ha als Landwirtschaftsfläche genutzt werden, 231 ha sind bestockte Fläche. 1 ha wird als unproduktive Fläche eingestuft.

Geschichte Mittelalter und Frühneuzeit Das Gebiet der heutigen Gemeinde Heiden wurde im 14. und 15. Jahrhundert urbar gemacht. Der Ortsname findet sich erstmals 1461 in einem Zinsbuch des Heiliggeistspitals St. Gallen erwähnt («Hans Biſchoffberger git die ʒinß. Jtem ain guͦt genannt Haiden»). Der Ortsname ist identisch mit dem Gattungswort Heide und bedeutet damit «weites, offenes Feld».Stefan Sonderegger: Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Herkunft und Bedeutungen der Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Huber, Frauenfeld 2013 (Heiden auf ortsnamen.ch). Der Hirsch im Wappen deutet darauf hin, dass es sich um ein Jagdgebiet gehandelt hat – er erscheint auch in den Wappen der anderen Gemeinden rund um den Hirschberg: Reute, Walzenhausen und Oberegg.

Bis ins 15. Jahrhundert gehörte das Gebiet zum bischöflich-konstanzischen Hof Thal, der ein Teil der Vogtei Rheineck war. Dieser nutzte sein Hinterland am Kurzenberg für Viehauftrieb, Landwirtschaft und Obstbau. Die in der Gemeinde Heiden vorkommenden Ortsnamen Bissau (1404 Bischofouv) und Bischofsberg (1411 Bischoffberg) erinnern an die bischöfliche Grundherrschaft. Nach den Appenzeller Kriegen (1401–1429) bildeten die heutigen Gemeinden Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg zusammen die Gemeinde Kurzenberg. Sie blieben aber weiterhin nach Thal kirchgenössig und vollzogen mit der Pfarrei Thal 1529 auch die Reformation. Aufgrund des langen Kirchwegs sollte im 17. Jahrhundert am Kurzenberg eine eigene Kirche gebaut werden. Über den Standort entbrannte ein heftiger Streit, schliesslich bauten Heiden und Wolfhalden je eine eigene Kirche, beide wurden 1652 eingeweiht. Mit dem Recht, eigene Räte zu wählen, wurde Heiden 1658 eine eigenständige Gemeinde.

Dorfbrand 1838 mini|Heiden nach dem Dorfbrand von 1838, Federzeichnung von Johann Ulrich Fitzi Um die auf einer Hügelkuppe errichtete Kirche bildete sich allmählich ein Dorfkern, und die Gemeinde entwickelte sich zu einem regionalen Zentrum. 1798–1803 war Heiden der Hauptort des Distrikts Wald im Kanton Säntis und 1834–1877 Sitzungsort des Kleinen Rats vor der Sitter. Am 7. September 1838 vernichtete ein Dorfbrand, von einem heftigen Föhnsturm begünstigt, 129 Gebäude samt der Kirche im Dorfkern und den nördlichen Gemeindeteilen. Innerhalb von zwei Stunden brannten unzählige Häuser nieder. Sogar Löschmannschaften aus Lindau kamen nach Heiden, um das Feuer zu löschen. Die einzigen Gebäude, die stehengeblieben waren, waren die «Harmonie» (ehemalige Bank) und das Schützenhaus. Ebenfalls blieb das Archivgut im alten Kirchturm unversehrt.

Der Brand löste in der Gemeinde zwar einen Schock aus, im Ausland zeigte man jedoch grosse Solidarität. Die Pläne für einen systematischen Wiederaufbau gehen auf den Baumeister Johann Konrad Bischofberger aus Heiden zurück. Die Strassen wurden rechtwinklig angelegt, die neuen Häuser mussten feuersicher gebaut werden. Innerhalb zweier Jahre entstand das Dorf neu, in regelmässiger klassizistisch-biedermeierlicher Anlage. Die tempelartige neue Kirche bezieht sich klar auf einen römischen und griechischen Stil. Rund um den Kirchplatz entstanden öffentliche Gebäude und ein Hotel und damit ein einheitliches, repräsentatives Ensemble.

Aufstieg zum Kurort mini|Heiden um 1900 1831/1832 eröffnete Johannes Tobler in Heiden ein Mineralbad, den späteren «Badhof». Es gab dort vierzehn verschiedene Badewannen, die leicht schwefelhaltiges Wasser enthielten. Dieses soll bei Rheuma und Hautausschlägen unterstützend gewirkt haben. Nach dem Vorbild von Trogen und Gais entwickelte sich auch Heiden ab 1848 zum Molkenkurort. Die erste «Molken- & Kräuter-Molken-Anstalt» war der «Freihof». Für die Molkenkuren wurde ausschliesslich Ziegenmilch verwendet. Diese wurde jeden Morgen vom Alpstein ins Tal hinuntergebracht. Die Gäste tranken zwischen sechs und neun Uhr jede Viertelstunde ein Glas davon. 1850 wurde eine zweite Badeanstalt gebaut. Dort gab es warme und kalte Duschen sowie Regenbäder. Schnell wurde Heiden zu einem beliebten Kur- und Ferienort.

Heiden – wie auch das restliche Appenzeller Vorderland – war und ist vor allem als Kurort bekannt. Von 1847 bis 1914 erlebte Heiden dadurch seine wirtschaftliche Blütezeit. Das Wirken des Augenarztes Albrecht von Graefe und des Neurologen Heinrich Frenkel machte Heiden nach 1860 zu einem der berühmtesten Kurorte Europas. Ab 1870 verlagerte sich der touristische Akzent auf die klimatischen Kuren. Heidens mässig kühles Klima mit den feuchtwarmen Strömen des Bodensees und der Bergluft (bei Ostwind) war geeignet für eine Kur. Die «Kurgesellschaft Heiden AG» trieb den Ausbau der Infrastruktur voran, dazu gehörten ein Kurpark, ein Musikpavillon und eine Kurhalle mit Restaurant, Lesezimmer und Konzertsaal. Tourismusfördernd wirkte auch der Bau der Bergbahn von Rorschach nach Heiden 1875. Zu den illustren Gästen zählten Karl I., der letzte Kaiser von Österreich, und der deutsche Kaiser Friedrich III.

1874 nahm das vorderländische Bezirkskrankenhaus, das spätere Kantonale Spital Heiden, seinen Betrieb auf. Hier verbrachte Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, von 1887 bis 1910 die letzten Lebensjahre.

20. Jahrhundert mini|Kursaal und Kurpark in Heiden, 1910 Die Glanzzeit des Kurortes endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Die Hotels in Heiden quartierten Internierte aus kriegsführenden Staaten ein. Für sie wurden Bildungs- und Unterhaltungsangebote eingerichtet. In der Zwischenkriegszeit nahm der Fremdenverkehr wieder etwas Fahrt auf. Jetzt gab es vermehrt auch Ferienkolonien für Kinder und Pensionen für einfachere Gäste. Im Zweiten Weltkrieg wurden im «Wartheim» jüdische Flüchtlingskinder untergebracht. Unter ihnen war Karola Siegel, die später in den USA unter dem Namen Dr. Ruth K. Westheimer als Sexualtherapeutin grosse Bekanntheit erlangte. Nach 1945 erlebte Heiden als Kur- und Ferienort eine Renaissance. 1932 wurde ein modernes Schwimmbad gebaut und 1957 ein neuer Kursaal – zwei Zeugen zeitgenössischer Architektur. Der 1908 gegründete Ski-Club und seine Aktivitäten, die 1926 eingeweihte Sprungschanze am Kellenberg und der Bau des Skilifts von der Bissau auf den Bischofsberg (1964) trugen zum Wintertourismus bei, der aber nie dieselbe Bedeutung erlangte wie die Sommerfrische.

Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1870 1888 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2020 Einwohner 2466 2948 3436 3745 3283 2904 3158 3620 3885 4063 3990 4212

Politik Seit 2023 ist Robert Diethelm Gemeindepräsident. Heiden verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Einwohnerinnen und Einwohnern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde ersichtlich.Gemeinderat Heiden, auf heiden.ch

Aufgrund der Einwohnerzahl darf Heiden fünf Personen im Kantonsrat in Herisau stellen, der die Legislative des Kantons bildet. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Einwohnern für eine Amtszeit von vier Jahren bestimmt. Die Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates, auf ar.ch

Wirtschaft Zur allgemein verbreiteten Gras- und Milchwirtschaft gesellte sich im unteren Gemeindeteil schon früh der Weinbau, der heute wieder verschwunden ist. Ebenso wurde früher auf dem Gemeindegebiet Getreide angebaut. 2020 arbeiteten noch 3 Prozent der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft.

Von grosser Bedeutung ist die Textilindustrie. 1850 arbeiteten 71 Prozent der Arbeitskräfte in der Textilindustrie. Von der Garnherstellung über die Weberei bis zur Stickerei und Strickerei ist die Bandbreite von Betrieben in der Textilwirtschaft gross. Die Heimarbeit in den typischen Web- und Sticklokalen wurde nach 1920 mehr und mehr in Fabriken verlagert. Einen hohen Stellenwert nimmt die Seidenbeuteltuch-Weberei ein. Beuteltücher werden in Mühlen zum Sieben des Mehls gebraucht. Die Seidenbeuteltuchweber gründeten bereits 1872 erste Vereine und organisierten sich damit gewerkschaftlich. 1931 schlossen sich mehrere Beuteltuchfabriken zur Sefar AG zusammen, die heute noch in Heiden einen Standort hat. Die hochpräzisen Textilien werden inzwischen auch aus synthetischen Fäden gewoben und für Siebdruck und im medizinischen Bereich eingesetzt.

Nach dem Ende der Stickerei in den 1920er-Jahren kamen Wirkereien und Strickereien auf. Sie produzierten Trikot und Jersey, die für moderne Bekleidung nachgefragt waren. Bekanntheit erlangte insbesondere die Media AG, die Nylon-Strümpfe produzierte, wie sie ab den 1950er-Jahren in Mode kamen. 1988 wurden im Dreischichtbetrieb täglich 14'000 Paar Feinstrumpfwaren und 8000 Paar sonstige Artikel hergestellt. Danach versuchte ein Management die Firma neu auszurichten, was misslang. 1993 ging Media AG Konkurs.

Als Zentrums- und Tourismusort verfügt Heiden über eine grosse Vielfalt an Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben. Der Detailhandel hat jedoch mit den Veränderungen der Einkaufsgewohnheiten seit 2000 an Vielfalt verloren.

mini|Freihof: Gasthof Kuranstalt & Bierbrauerei, 1870 Der Tourismus entwickelte sich seit dem Dorfbrand 1838 stark und ist noch heute ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Heiden war und ist bekannt für seine Molkenkuren. Im «Kurhotel Heiden», das 1974 errichtet wurde und heute «Hotel Heiden» heisst, wird die Molkekur immer noch angeboten. Von den traditionsreichen Hotels sind die «Krone» und die «Linde» noch in Betrieb. Letztere wird von einer Genossenschaft geführt, die im historischen Saal auch Kulturveranstaltungen durchführt. Dem «Freihof» drohte 1978 der Abriss, doch ein Verein setzte sich für den Erhalt ein, heute ist er ein Wohn- und Geschäftshaus.

Medien Seit 1995 erscheint zehnmal jährlich Aufwind, das Mitteilungsblatt von Heiden. Es enthält Informationen aus Gemeinde, Schule, Wirtschaft und Kultur.

Der Neue Appenzeller oder Häädler Kalender erschien von 1866 bis 1998 in Heiden. Die jährliche Publikation enthielt Kalendergeschichten, geografische und biografische Beiträge und immer auch eine Seite mit Appenzeller Witzen.

Von der vielfältigen Presse mit Monatsblatt von Heiden (1836–1838), Appenzeller Anzeiger (1873–1969), Der Demokrat (1936–1951) und Der Seidenweber (1937–2004) ist nichts übriggeblieben. Die Appenzeller Zeitung hat ihre Lokalredaktion in Heiden 1985 aufgegeben.

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