mini|Victoria Woodhull (1874) Victoria Claflin Woodhull Martin, auch Victoria Woodhull Martin, (* 23. September 1838 in Homer,siehe: Homer in der englischsprachigen Wikipedia. Licking County, Ohio; † 9. Juni 1927 in Bredon's Norton,siehe: Bredon's Norton in der englischsprachigen Wikipedia. Wychavon, nahe Tewkesbury, England)in London laut Women Working, 1800–1930: Victoria Woodhull (1838–1927); auf harvard.edu. Harvard University Library Open Collections Program, abgerufen am 1. Oktober 2016. war eine US-amerikanische Journalistin, Zeitungsverlegerin, Finanzmaklerin, Spiritistin und eine bekannte Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts. Außerdem setzte sie sich für soziale Reformen und die Gleichberechtigung der Afroamerikaner ein. Sie war zudem die erste Frau, die für die US-Präsidentschaft kandidierte – bei der Präsidentschaftswahl 1872. Für ihre Vorträge vor großem Publikum wurde die überzeugende Rednerin gut dotiert. Zu Lebzeiten – vor allem als Anhängerin der freien Liebe – heftig umstritten, geriet sie nach ihrem Tod weitgehend in Vergessenheit oder wurde negativ bewertet.Noch 1988 erschien in den USA ein Artikel über ihre Aktivitäten, in dem hervorgehoben wird, nicht einmal ihr Name sei in der breiten Öffentlichkeit geläufig, obwohl sie zu den bekanntesten Frauen des 19. Jahrhunderts gehört habe. Siehe: Susan Kullmann: Legal Contender. Victoria C. Woodhull. First Woman to Run for President. The Women’s Quarterly, Herbst 1988, S. 16–17, online 1997, abgerufen am 9. Oktober 2016. Während sie in den Vereinigten Staaten, insbesondere seit dem Ende des 20. Jahrhunderts, erneut Aufmerksamkeit erregt, gab es im deutschsprachigen Raum nur wenige Veröffentlichungen. Die Medienresonanz stieg 2016 mit der Bewerbung Hillary Clintons als Präsidentschaftskandidatin der USA erheblich an.
Leben und Wirken Kindheit Victoria California Claflin war das siebte von zehn Kindern von Reuben Buckman Claflin und seiner Ehefrau Roxanna Claflin, geborene Hummel. Die sozial randständigen Eltern, die von bezahltem Wahrsagen lebten, teilweise verbunden mit Erpressung, wurden mehrmals polizeilich u. a. wegen Erpressung, Quacksalberei oder Betreibung eines Bordells gesucht. Sie wechselten daher häufig den Wohnort, lediglich in Homer blieben sie bis zu Victorias achtem Lebensjahr. Die Kinder wuchsen in einer Umgebung auf, die durch Gewalt des Vaters und ekstatische übersinnliche Erfahrungensiehe auch: Christliche Erweckungsbewegung, Schrupp (2002), hier: 2015, S. 147. der selbstbewussten Mutter geprägt war, fernab sozialer Tatsachen, beispielsweise hinsichtlich der untergeordneten Stellung der Frau in der Gesellschaft. Victoria ging nur ca. drei Jahre, bis zu ihrem 11. Lebensjahr, und mit Unterbrechungen zur Schule. Sie musste schon im frühen Kindesalter als Hellseherin und Wahrsagerin arbeiten und trug in großem Maße zum Lebensunterhalt der Familie bei.
Immer wieder zeigte sie sich – auch gemeinsam mit ihrer 1846 geborenen Schwester Tennessee Celeste Claflinsiehe: Tennessee Celeste Claflin in der englischsprachigen Wikipedia. – verantwortlich für die Großfamilie. Sie glaubte an den Spiritismus, vermeinte Visionen über die Zukunft zu haben und führte ihre politischen und sozialen Ideen auf die Geisterwelt zurück. Viele Jahre lang behauptete sie, dass ihr wiederholt der Geist des antiken griechischen Redners und Staatsmanns Demosthenes erschienen sei und Anweisungen für ihr Leben erteilt habe.Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 4 f, 10 ff, 25 f, 34 f, 37. Schrupp (2016), S. 9 ff, 64 f.Grossman (2012), S. 112.
Aufbruch Um den Verhältnissen zu entkommen, heiratete sie 1853 mit 15 Jahren den Arzt Canning H. Woodhull, den sie zuvor als Kunden getroffen hatte. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, den geistig behinderten Sohn Byron, geb. Ende 1854, und die Tochter Zulu Maud, geb. im April 1861. Da Woodhull Alkoholiker war, sorgte sie allein für den Unterhalt ihrer Familie, zunächst in der Goldgräberstadt San Francisco als Schauspielerin, ein Gewerbe, das zu dieser Zeit in den USA wenig anerkannt und für Frauen häufig mit sexuell stimulierenden Vorführungen und teilweise mit Prostitution verbunden war. Nach der Rückkehr der jungen Familie zu Victorias Eltern war sie als Geistheilerin tätig. 1864 ließ Victoria sich im Alter von 26 Jahren scheiden, behielt aber den Namen Woodhull bei.Schrupp (2016), S. 21ff. Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 27ff.
mini|hochkant|Victoria Woodhull, um 1860 Als magnetische Heilerin und Wahrsagerin machte sie sich 1864 in St. Louis selbstständig und begegnete dem verheirateten, gebildeten und ehemals gut situierten Bürger Oberst James Harvey Blood,siehe: James Blood in der englischsprachigen Wikipedia. der sich aufgrund von Erfahrungen im amerikanischen Bürgerkrieg dem Spiritismus zugewandt und verschuldet hatte. Das Paar begab sich 1866 in einem Planwagen auf Reisen und lebte von Victorias ertragreicher Tätigkeit. Zurück in St. Louis, tilgte Blood seine Verbindlichkeiten, übertrug verbliebenes Eigentum auf seine Ehefrau und die Kinder und erreichte die Scheidung. Im Sommer desselben Jahres heiratete Victoria Woodhull den fünf Jahre älteren James Blood in Dayton, weil sich dort auch Geschiedene trauen lassen durften. Nach dieser zweiten Heirat nannte Victoria sich weiterhin Woodhull, eventuell weil der Name Blood (dt. Blut) ungünstige Assoziationen für ihre Tätigkeiten als Heilerin und spirituelle Beraterin hätte wecken können. Die beiden gaben vor, dass ihre Ehe zwei Jahre später aus weltanschaulichen Gründen, nämlich wegen ihres Idealbildes freier Liebe, geschieden worden sei.Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 159. Allerdings ließ sich Victoria erst 1876 scheiden.Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 254. Ihre jüngere Schwester Tennessee, die durch zwielichtige spiritistische Angebote und Prostitution zur Haupternährerin der Familie geworden war, kam wiederholt mit der Polizei in Konflikt. Sie zog zu ihrer Schwester und wurde Teil der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, die, der freien Liebe verpflichtet, insgesamt zehn Jahre dauerte.Schrupp (2016), S. 28ff. Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 37 ff. 43, 45.
Mit Blood traf Victoria Woodhull zum ersten Mal auf einen Intellektuellen, der sie u. a. mit politischen, antirassistischen und sozialen Reformbewegungen, sozialistischem und anarchistischem Gedankengut und Ansätzen zur Überwindung der Benachteiligung von Frauen bekannt machte, darunter auch radikalen Ideen. Er sprach sich nicht nur für das Frauenwahlrecht, sondern für die – aus dem europäischen FrühsozialismusSchrupp (2016) S. 98. stammende – Lebensform der sogenannten Free Lovers aus, die Victoria fernab von jeder Theorie bereits ausübte.Schrupp (2016), S. 31, 34. Die Woodhull-Biografin Antje Schrupp (2016) schreibt über diese Verbindung: „Man kann sich vorstellen, welche Inspiration James Blood und Victoria Woodhull füreinander gewesen sein müssen. Er bot ihr die Möglichkeit, ihre Ansichten und Erfahrungen in einer «Theorie» wiederzufinden, und gab ihr das Selbstvertrauen, mit ihren Überzeugungen und ihrer Lebensweise auch Menschen aus der Mittelklasse gegenüberzutreten. Und sie ermöglichte ihm den Ausbruch aus spießbürgerlichen Verhältnissen, die Umsetzung seiner Theorien in die Praxis.“Schrupp (2016), S. 32; auch Schrupp (2002), hier: Neuausgabe 2015, S. 43.
New York Begegnung mit Cornelius Vanderbilt 1868 zog Victoria Woodhull mit ihrer Schwester Tennessee Claflin und James Blood nach New York City. Während Blood als Zeitungsredakteur arbeitete, nahmen die Schwestern Kontakt zur Prostitutionsszene auf und boten dort ihre spiritistischen Dienstleistungen, aber auch Essigschwämme zur Verhütung, an. Woodhull traf auf die Betreiberin eines Edelbordells für Spitzenpolitiker und führende Unternehmer. Zu dieser Zeit war es Frauen verboten, Börsengeschäfte zu tätigen. So besprachen die Finanzmakler ihre Angelegenheiten offen vor den Prostituierten oder ihren Liebhaberinnen, von denen einige ihr Wissen mutmaßlich gegen Bezahlung an Woodhull weitergaben.Schrupp (2016), S. 51. Schrupp (2002), hier: 2015, S. 50f.Diese Aussage stammt von der Historikerin Barbara Goldsmith (1998), Auszüge im Buchhandel. Vgl.: Susan Zahabzadeh: Victoria Woodhull. Die erste Frau, die US-Präsidentin werden wollte. In: Süddeutsche Zeitung online, 28. Juli 2016. Die Familie war inzwischen nachgereist, und der Haushalt umfasste später zeitweise insgesamt 16 Personen.Schrupp (2016), S. 38f. Schrupp (2002), hier 2015, S. 80.
Im selben Jahr lernten die Schwestern den aus der Unterschicht zum Multimillionär aufgestiegenen Eisenbahnunternehmer Cornelius Vanderbilt kennen, der ebenfalls zum Spiritismus neigte. Vanderbilt machte Claflin zu seiner Heilerin und Geliebten und Woodhull zu seiner hellsehenden Finanzberaterin. Mit den Informationen, die die Schwestern zusammentrugen, konnte Blood an der Börse erfolgreich spekulieren. Vanderbilt beteiligte Woodhull seit November 1868 zu einem bestimmten Prozentsatz an seinen Gewinnen an der Börse und entlohnte Tennessee Claflin großzügig. Nach besonders lukrativen Börsengeschäften, die Vanderbilt auf Woodhulls hellseherische Fähigkeiten zurückführte, vermehrte sich das Vermögen der Schwestern enorm,Schrupp (2016), S. 46–50. und sie führten ein Luxusleben. Als Vanderbilt beim großen Finanzcrash im September 1869 auf die in „Trance“ vermittelten Ratschläge Woodhulls einging, stieg der Reichtum immens an. Victorias Tipps beruhten laut Schrupp (2002) auf Angaben einer Freundin, der Geliebten des Konkurrenten Vanderbilts James Fisk, Josie Mansfield.Siehe Josie Mansfield in der englischsprachigen Wikipedia. 50 Prozent der erzielten Gewinne, ungefähr 650 000 Dollar, gingen an Woodhull.Schrupp (2016), S. 51–54. Schrupp (2002), hier: 2015, S. 65ff.
Börsenmaklerin an der Wallstreet Im Januar 1870 eröffneten die Schwestern das erste von Frauen geführte Maklerbüro an der Wall Street unter dem Namen Woodhull, Claflin & Co. Die beiden Unternehmerinnen waren damit sehr erfolgreich und erwirtschafteten beträchtliche Gewinne. Neben Männern waren vor allem betuchte Frauen die umworbene Zielgruppe. Blood war Angestellter und diente als Vermittler für die Kundinnen an der Börse. Das Presseecho, insbesondere im New York Herald, und die Reaktionen aus Finanzkreisen waren überwiegend positiv, wenngleich die Zeitungen die neue Firma eher als merkwürdig ansahen und boulevardesk berichteten, wozu die Schwestern mit großem Pomp beitrugen. Victoria Woodhull und Tennessee Claflin setzten Zeichen mit kurzen Haaren und männlichen Kleidungsstücken sowie professionellen Aussagen zum Börsengeschäft.Stähelin (2007), S. 282.Schrupp (2002), hier: 2015, S. 77.
Dem Soziologen Urs Stähelin (2007) zufolge war sich Woodhull ihrer Provokation bewusst, als sie mit ihrer Schwester eine Brokerfirma unter weiblicher Führung gründete. Sie wollte damit die absolute Gleichheit der Geschlechter demonstrieren.Stähelin (2007), S. 280. Zur Eröffnung kamen unter Polizeischutz Massen von Schaulustigen zusammen. Ihre männliche Haltung und Kleidung als „karnevaleskes Spiel mit Geschlechtsidentitäten“Stähelin (2007), S. 299. wird als doppelte Provokation gedeutet, als Steigerung des Skandalösen: „Zum einen erinnert das Büro an die nicht-ökonomischen Ursprünge der Finanzspekulation – etwa an den engen Zusammenhang von stockpicking und Spiritismus oder an die kriminellen Ursprünge mancher Vermögen von Spekulanten. Diese klassische ideologiekritische Strategie wird zum anderen ergänzt durch eine Politik der Parodie. Die Claflin-Schwestern konstruierten eine hybride Figur des Brokers, die sich zwar den männlichen Regeln des Geschäfts unterwirft, diese Regeln aber gleichzeitig mit der Semantik weiblicher Verführungskraft und Sexualität offen vermischt.“Stähelin (2007), S. 287.