mini|hochkant=1.4|Goethe in der Campagna (1786/87), von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
Die Italienische Reise ist ein Reisebericht, in dem Johann Wolfgang von Goethe seinen Italienaufenthalt zwischen September 1786 und Mai 1788 beschreibt. Das zweiteilige Werk basiert auf seinen Reisetagebüchern, entstand jedoch erst wesentlich später, zwischen 1813 und 1817. Neben Dichtung und Wahrheit und Kampagne in Frankreich zählt es zu seinen autobiografischen Schriften.
Chronologisch stimmt die Darstellung der Reise mit seinen Tagebuchaufzeichnungen überein, ist im Gegensatz zu diesen aber stilisiert und von allzu persönlichen Kommentaren gereinigt, ferner sind Teile weggelassen, andere aus der Erinnerung hinzugesetzt. Trotz der intensiven nachträglichen Überarbeitung bewahrt die Italienische Reise jedoch die Tagebuchform. Dabei beginnen sich im Laufe des Werks Adressaten herauszukristallisieren: Die ersten Teile sind an keinen bestimmten Leser gerichtet, später wendet er sich explizit an seine „Freunde“, schließlich an konkrete Personen. Im letzten Teil fügt er auch eigene und fremde Briefe auszugsweise ein.
Motivation mini|hochkant|Goethe-Herme im Hof der Scaligerburg in Malcesine
Goethe begann seine Italienreise 1786, nachdem er vorher bereits drei Anläufe zu einer solchen Reise abgebrochen hatte. Tieferer Grund war eine künstlerische Krise, ein Empfinden dichterischer Stagnation.Klaus-Detlef Müller: Das Elend der Dichterexistenz: Goethes „Torquato Tasso“. In: Goethe-Jahrbuch. Band 124, 2007, S. 198–214, hier: S. 198 (). Er hatte zehn Jahre lang am Weimarer Hof gelebt, während derer er sich als Geheimrat mehr den Amtsgeschäften als der künstlerischen Produktion gewidmet hatte. Seine Tätigkeit als faktischer Kultus- und Bergbauminister des Herzogtums Sachsen-Weimar zeitigte wenig Erfolgserlebnisse. Die Zwänge des Hoflebens erschienen ihm allmählich lästig, die Beziehung zu Charlotte von Stein gestaltete sich zunehmend unbefriedigend. Als ihm der Verleger Göschen 1786 das Angebot einer Gesamtausgabe machte, wurde ihm schockartig klar, dass in den letzten zehn Jahren nichts Neues mehr von ihm erschienen war. Wilhelm Meister, Tasso, Egmont und Faust waren dichterische Fragmente geblieben. So verstärkten sich seine Selbstzweifel an der Doppelexistenz als Künstler und Staatsbeamter. In den Figuren Tasso und Antonio hatte er bereits die Unversöhnlichkeit beider Wesen skizziert.Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 307–314. Italien und seine Kunstwerke erschienen ihm als Ausweg. Seine Kenntnisse der italienischen Sprache wurden auf der Reise bald fließend, die römische und griechische Kunst sowie die berühmten Bauwerke Roms hatte er seit langem studiert, vor allem in den Schriften Winckelmanns.
Am 3. September 1786 brach er von einer Kur in Karlsbad auf, ohne von den dort weilenden Freunden Abschied zu nehmen. Nur sein Sekretär und vertrauter Diener Philipp Seidel war eingeweiht.Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 318. Den Herzog Carl August hatte er nach dem letzten persönlichen Zusammensein in Karlsbad, wo vermutlich bereits eine Absprache getroffen worden war, schriftlich um unbefristeten Urlaub gebeten. Am Vortag seiner Abreise kündigte er ihm seine bevorstehende Abwesenheit an. Es ist bis heute umstritten, ob dem Herzog das Reiseziel unbekannt warNicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. Insel, Frankfurt am Main 2004, S. 452, 471. oder ob Goethe die Details seiner Abwesenheit mit seinem Arbeitgeber zuvor abgestimmt hatte.Gerhard Müller: Vom Regieren zum Gestalten. Goethe und die Universität Jena. Heidelberg 2006 (= Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800. Ästhetische Forschungen. Band 6), S. 240–252, hier S. 244. Rolf Selbmann: Goethes Kehrseite. Eine Künstlerfreundschaft und die Entstehung der deutschen Klassik. Vortrag vor der Goethe-Gesellschaft München, 21. Januar 2008 In jedem Fall erreichte Goethe es, seine Ämter für die Dauer der Reise niederzulegen, das Gehalt jedoch weiter zu beziehen.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom. C. H. Beck, München 1999, ISBN 978-3-406-60471-3, S. 8 f.
Inhalt
Reiseroute
Der bereits europaweit bekannte Autor des Werther und des Götz von Berlichingen reiste inkognito als „deutscher Maler“ unter dem Namen Johann Philipp Möller. Meist fuhr er per Postkutsche und fast immer allein, ohne Diener oder Sekretär – damals sehr ungewöhnlich für eine Standesperson wie den 1782 geadelten Geheimrat. Sein in Weimar verbliebener Sekretär Philipp Seidel kannte sein Pseudonym und regelte auf postalische Anweisungen die Korrespondenz und den Geldverkehr.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 7, 12, 40, 110. Nur selten kommt Goethe auf die Beschwerlichkeiten zu sprechen: „Jetzt fühl' ich wohl die Verwegenheit, unvorbereitet und unbegleitet in dieses Land zu gehen. Mit dem verschiedenen Gelde, den Vetturinen, den Preisen, den schlechten Wirtshäusern ist es eine tagtägliche Not, daß einer, der zum ersten Male wie ich allein geht und ununterbrochenen Genuß hoffte und suchte, sich unglücklich genug fühlen müßte. Ich habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei, und wenn sie mich auf Ixions Rad nach Rom schleppen, so will ich mich nicht beklagen.“Italienische Reise, Eintrag vom 25. Oktober 1786 in Perugia.
mini|Goethes Reiseroute Die Reise geht von Karlsbad über Eger, Regensburg, München, Mittenwald, Scharnitz, Seefeld, Zirl, Innsbruck und den Brenner, Bozen, Trient zum Gardasee (Torbole und Malcesine), dann weiter nach Verona, Vicenza, Padua, Venedig (wo er 17 Tage verbringt), Ferrara, Cento, Bologna, Loiano, Perugia, Terni und Città Castellana bis nach Rom, wo er vier Monate bleibt.
Am 29. Oktober traf Goethe in Rom ein. Er logierte zunächst in dem heute noch bestehenden Albergo dell'OrsoWebsite Antica Locanda dell’Orso, welcher schon Dante, Rabelais und Montaigne beherbergt haben soll, quartierte sich aber bald bei dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein, mit dem er seit längerem korrespondiert hatte. Dieser lebte mit anderen deutschsprachigen Künstlern in einer Art Wohngemeinschaft, darunter Friedrich Bury, Heinrich Meyer, Johann Heinrich Lips und Johann Georg Schütz. (Die Casa di Goethe in der Via del Corso Nr. 18 enthält heute ein Museum über Goethes Aufenthalt und diesen Kreis.) Sein „wunderliches und vielleicht grillenhaftes Halbinkognito“ war in der deutschen Künstlerkolonie in Rom bald aufgeflogen, doch verpflichtete sich jedermann „zu ignorieren wer ich sei“ und da „also auch niemand mit mir von mir reden darf, so bleibt den Menschen nichts übrig, als von sich selbst oder von Gegenständen zu sprechen, die ihnen interessant sind, dadurch erfahr’ ich nun umständlich, womit sich ein jeder beschäftigt oder was irgend Merkwürdiges entsteht“.Italienische Reise, Eintrag vom 8. November 1786.
Er machte sich „die Plane des alten und neuen Roms bekannt, betrachtete die Ruinen, die Gebäude, besuchte ein und die andere Villa“, und resümierte:Italienische Reise, Eintrag vom 7. November 1786.
Die Eindrücke erscheinen ihm überwältigend: „Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon überdrängt und überfüllt.“ Es werde „dem Betrachter von Anfang an schwer, zu entwickeln, wie Rom auf Rom folgt, und nicht allein das neue auf das alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst aufeinander“.
Nach vier intensiven Monaten fuhr er im Februar 1787, zusammen mit Tischbein, über Velletri und Fondi nach Neapel. Dort blieb er fast fünf Wochen lang, unternahm zwei Exkursionen auf den gerade aktiven Vesuv und besichtigte Pompeji, Caserta, Capua, Herkulaneum und Paestum. Dann segelte er auf einer Korvette nach Sizilien, wo er Palermo, Alcamo, Castelvetrano, Sciacca, Girgenti, Caltanissetta, Catania, Taormina und Messina besuchte. Sein Rückweg führte ihn, wieder über Neapel, im Juni 1787 zurück nach Rom. Im August entschloss er sich, den kommenden Winter noch dort zu verbringen. Er bezog nach dem Weggang Tischbeins nach Neapel dessen geräumiges Atelier, besuchte die nähere Umgebung und widmete sich – neben seinem Studium der Antike – vor allem praktischen Mal- und Zeichenübungen sowie der Fortsetzung seiner schriftstellerischen Arbeit, insbesondere vollendete er den Egmont und lud im November 1787 den Komponisten Philipp Christoph Kayser nach Rom ein, um eine Schauspielmusik für Egmont zu schreiben.
Nach Ostern 1788 begab er sich auf den Heimweg nach Weimar. Dabei kam er über Siena, Florenz (das er auf der Hinreise aus Ungeduld, endlich nach Rom zu gelangen, nur gestreift hatte), Bologna, Modena, Parma, Piacenza und Mailand – Stationen, die allerdings in seiner Italienischen Reise nicht mehr kommentiert werden.
Themen Der Fokus seiner Beschreibungen wechselt. Oft dominieren naturwissenschaftliche, vor allem mineralogische, aber auch meteorologische, geologische, geographische und nicht zuletzt botanische Beobachtungen: Im „öffentlichen Garten unmittelbar an der Reede“ von Palermo suchte er z. B. nach der „Urpflanze“ und glaubt dort, wie er später an Herder schreibt, dem von ihm schon seit langem gesuchten „Geheimnis der Pflanzenzeugung und Organisation“ ganz nahegekommen zu sein. Schon früh, das heißt spätestens ab seinem gut zweiwöchigen Venedigaufenthalt im Oktober 1786, der von zahlreichen Theaterbesuchen geprägt ist, treten aber auch kulturelle Themen mit in den Vordergrund seines Berichts.
mini|hochkant|Die Juno Ludovisi, eines der von Goethe besonders bewunderten antiken Kunstwerke Sein künstlerisches Hauptinteresse in der „Ewigen Stadt“, der damaligen Hauptstadt des Kirchenstaates, sowie im übrigen Italien gilt der Antike, in der er die Identität von Natur- und Kunstgesetz am vollkommensten verwirklicht findet. Überall betrachtet er in Museen und Privatsammlungen antike Kunstwerke, griechische und römische Kunst. Zweimal reist er zum Königspalast Portici, wo die Ausgrabungen aus Pompeji und Herculaneum ausgestellt werden, mehrfach sucht er die griechischen Tempel in Paestum auf, um die Griechische Architektur zu studieren, intensiv widmet er sich den damals noch weitgehend unbekannten griechischen Ruinen in Agrigent.