Die Lorbeerkirsche (Prunus laurocerasus), auch Pontische Lorbeerkirsche, Pontische Lorbeer-Kirsche, Kolchis-Lorbeerkirsche, oder Kirschlorbeer, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Lorbeerkirsche gehört zur Gattung Prunus, wo sie traditionell mit einer Reihe weiterer, überwiegend ostasiatischer Arten in eine Untergattung oder Sektion Laurocerasus gestellt wurde, diese wurde aber aufgrund neuerer Erkenntnisse aufgelöst. In den gemäßigten Breiten Europas wird die Lorbeerkirsche als Zier- und Heckenstrauch in Parks und Gärten verwendet. Naturschützer raten aber davon ab, da sie leicht verwildert und als invasive Pflanzenart ökologische Probleme verursacht. Die Pflanze ist in allen ihren Teilen giftig, wobei der Giftgehalt des Fruchtfleischs äußerst gering ist, sie wird traditionell in der Türkei als Obst verwendet. Allerdings sind die Samen giftig, so dass Gefahr besteht, wenn sie nicht entfernt werden. 2013 wurde sie in Deutschland Giftpflanze des Jahres.
Beschreibung Vegetative Merkmale Die Lorbeerkirsche ist ein immergrüner Strauch oder kleiner Baum, der Wuchshöhen von bis zu 8 Metern erreicht. Im natürlichen Verbreitungsgebiet, in feuchten und warmen Regionen Westgeorgiens, kommen Lorbeerkirschen auch als baumförmiger gerader Hochstamm mit einem Stammdurchmesser von 60 bis 70 Zentimetern, maximal sogar 1 Meter, und einer Wuchshöhe von 14 bis 18 Metern vor. Für Kleinasien und Europa typisch sind stattdessen Sträucher im Unterwuchs des Waldes.
Die verkehrt-eiförmigen, -eilanzettlichen oder elliptischen, von 0,5 bis 1, teilweise bis 1,5 Zentimeter lang gestielten Laubblätter sind oben dunkelgrün, die Unterseite der Blattspreite heller. Sie sind kahl und glänzend, derb-ledrig, der Spreitengrund keilfömig oder abgerundet, die Blattspitze (Apex) zugespitzt, der Blattrand von mehr oder weniger seicht gezähnt bis ganzrandig. Sie erreichen meist von etwa 8 bis 23 Zentimeter Länge bei 3 bis 8 Zentimeter Breite, sind aber variabel, etwas kleinere und größere kommen vor, größere insbesondere bei manchen Kultivaren. Unterseits an der Blattspreite sitzen die für die Gattung Prunus typischen extrafloralen Nektarien, an denen Nektar abgegeben wird. Die Nektarien dienen, wie in allen Pflanzen der Gattung Prunus, vermutlich zum Anlocken von Ameisen, sie wurden bei der Art selbst aber nicht untersucht. Bei der Art sind meist zwei bis vier, selten bis zu sechs abgeflachte Nektarien vorhanden, gewöhnlich nahe der Mittelrippe.
Die Ähnlichkeit der Kirschblattform zum Lorbeerblatt wurde namensgebend für die Art.
Generative Merkmale Die Blüten stehen in achselständigen, traubigen Blütenständen. Die Blütenstände erreichen 3 bis 16 Zentimeter Länge, typischerweise sind sie etwas kürzer, bis etwa genauso lag, wie ihr Tragblatt, ihr basaler Teil ist immer unbeblättert. Sie können von sitzend bis zu etwa 2 Zentimeter lang gestielt sein. Die Einzelblüten sind 1 bis 6 Millimeter gestielt, mit hochblattartigen Vorblättern. Der für Kirschenblüten typische Blütenbecher ist 2 bis 3,5 Millimeter lang, an der Außenseite kahl, innen meist behaart. Die zwittrigen Blüten sind radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle, von der typischen, relativ einförmigen Gestalt der ganzen Gattung. Die Kelchblätter sind sehr kurz, basal verwachsen, bis einen Millimeter lang und dreieckig. Die Kronblätter sind von rund bis eiförmig oder verkehrteiförmig, sie sind weiß gefärbt und erreichen Längen von etwa 3 bis 3,5 mm. Es sind 15 bis 25 Staubblätter pro Blüte vorhanden, die etwa genauso lang sind wie die Kronblätter. Der Fruchtknoten ist glatt, mit einem etwa 5 Millimeter langen Griffel. Blüten mit einem oder mit zwei Griffeln kommen vor.
Die glänzenden Kirschen (botanisch wie alle Kirschen eine Steinfrucht) werden ca. 12, von etwa 8 bis ca. 14 mm groß. Sie sind eiförmig bis rundlich, fleischig, kahl und enthalten einen einzelnen Kern. Unreife Kirschen sind grün und färben sich während der Reifung über rot, manchmal gelblich oder gelblich gefleckt, zu schwarz.
Die Blütezeit reicht von April bis Mai, vor allem bei vielen Kultivaren mit einer späteren Nachblüte von August bis September. In Mitteleuropa wurde in milden Jahren auch schon Blüte im April oder sogar März beobachtet.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 144 oder 170–180.
Natürliche Vorkommen Die Lorbeerkirsche kommt natürlicherweise in Südosteuropa und Kleinasien vor, das heißt, es gibt Einzelfunde in Albanien, Aserbaidschan, Bulgarien, Georgien, Iran, Libyen, Rumänien, Serbien, Tadschikistan, der Türkei und dem Kaukasusgebiet. Nach einer anderen Quelle gibt es keine verlässlichen Belege dafür, dass die Vorkommen in Albanien, Libyen und Tadschikistan natürlichen Ursprungs sind; der Charakter der rumänischen Vorkommen ist umstritten.
Die Zeigerwerte nach Ellenberg weisen sie als subozeanische Schattenpflanze, als Wärme- bis Extremwärme-, Wasserwechsel-, Frische-, Mäßigsäure- bis Neutralitäts- und Mäßignährstoff-Zeiger aus. Die Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 für die Schweiz sind: Feuchtezahl F = 2+ (frisch), Lichtzahl L = 2 (schattig), Reaktionszahl R = 3 (mäßig sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch). Sie ist kalktolerant, aber nicht salzertragend.
Toxizität Alle Pflanzenteile der Lorbeerkirsche enthalten cyanogene Glycoside. Daraus bildet sich insbesondere beim Zerkauen und Verzehr von Samen und Blättern giftiger Cyanwasserstoff, der die Cytochrom-c-Oxidase der Atmungskette hemmt und die Zellatmung zum Erliegen bringen kann. Die Giftzentrale Bonn stuft alle Pflanzenteile als giftig ein. Nach dem Verzehr eines Blattes oder einiger zerkauter Samen kann es zu Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen und Krämpfen kommen, mehr als zehn zerkaute Samen können zum Tod durch Herz- oder Atemstillstand führen. Der Verzehr unverletzter verschluckter Samen ist für den Menschen ungefährlich, da die cyanogenen Glycoside ohne Entstehung von Blausäure wieder ausgeschieden werden.Franz-Xaver Reichl: Taschenatlas Toxikologie. Thieme, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-13-108973-1, S. 272–273.
mini|hochkant|Honigbiene an extrafloralen Nektarien Blätter und Samen der Lorbeerkirsche können aber auch für Haus- und Nutztiere gefährlich werden: Als tödliche Menge für ein Schaf werden 200 g Blätter angegeben, für Rinder und Pferde 500–1000 g. Randbepflanzungen und Schutzhecken von Pferdekoppeln und Viehweiden sollten daher frei von Lorbeerkirsch-Sträuchern gehalten werden.
Von einigen Giftpflanzen wie z. B. dem Pontischen Rhododendron ist bekannt, dass weitgehend monoflorale Honige aus Nektar dieser Arten für den Menschen giftig oder zumindest bedenklich sein können (Pontischer Honig). In welchem Maße Nektar der Lorbeerkirsche aus Blüten oder extrafloralen Nektarien cyanogene Glycoside enthält, ist heute ebenso wenig erforscht wie ihr möglicher Abbau im Verlauf der Honigreifung im Bienenstock. Da es heute im mitteleuropäischen Raum (noch) keine größeren zusammenhängenden Lorbeerkirsch-Bestände gibt und Lorbeerkirschen meistens auch nur verhalten von Honigbienen besucht werden, geht man heute davon aus, dass Lorbeerkirsch-Nektar im Bienenstock in der Regel hinreichend durch Nektar unkritischer anderer Pflanzenarten verdünnt wird. Eine landwirtschaftliche Beratungsplattform in den USA schließt allerdings mögliche Risiken nicht gänzlich aus.
Verwechslungsmöglichkeiten Die Pontische Lorbeerkirsche ist die einzige verwildert in Mitteleuropa vorkommende Prunus-Art mit aufrechten Blütentrauben in Verbindung mit ledrigen, immergrünen Blättern. Sie kann insbesondere verwechselt werden mit der verwandten Portugiesischen Lorbeerkirsche Prunus lusitanica, die in Südwesteuropa heimisch ist, in Mitteleuropa aber selten gepflanzt wird. Erkennungsmerkmale der (Pontischen) Lorbeerkirsche sind grüne Jungtriebe, grüne Blattstiele sowie ganzrandige oder gesägte Blattränder; zerquetschte Blätter geben einen Geruch von Bittermandeln ab. Erkennungsmerkmale der Portugiesischen Lorbeerkirsche sind rote Jungtriebe, rote (längere) Blattstiele (bei Schattentrieben zumindest in der unteren Hälfte) sowie gewellte und deutlicher gezähnte Blattränder; zerquetschte Blätter geben keinen auffälligen Geruch ab (vgl. ). Beide Arten kommen nicht natürlicherweise im selben Areal vor.
Darüber hinaus gibt es Ähnlichkeiten mit Glanzmispeln, mit dem Echten Lorbeer (Laurus nobilis) und dem mit Wuchshöhen von 0,5–1 m deutlich kleiner bleibenden Lorbeer-Seidelbast (Daphne laureola).
Etymologie und Systematik Das Epitheton laurocerasus ist abgeleitet von den lateinischen Vokabeln laurus für Lorbeer und cerasus für Kirschbaum und bedeutet somit lorbeerblättriger Kirschbaum.
Die Lorbeerkirsche gehört zur Gattung Prunus, zusammen mit zahlreichen Nutzobstsorten wie Kirschen, Aprikosen, Pflaumen oder Mandeln. Aufgrund ihrer schwarzen Früchte wird der Baum als Lorbeerkirsche bezeichnet. Die Benennung als Kirschlorbeer kann dagegen irreführend sein, da die Pflanze nicht zur Pflanzengattung Lorbeeren (Laurus) gehört.
Geschichte Der Franzose Pierre Belon erwähnt in seinen 1553 publizierten Observations de plusieurs singularitez et choses mémorables …, neben anderen Bäumen der Türkei, einen immergrünen Baum „Trapesuntina arbor cerasifera“. Der Name Trapesuntina bezieht sich auf die Hafenstadt Trapezunt, heute Trabzon, an der türkischen Schwarzmeerküste. Soweit bekannt ist das die erste Erwähnung in wissenschaftlicher Literatur. In De neglecta stirpium cultura … erwähnt er Exemplare derselben Art (Cerasiu Trapesuntina) als aus dem Garten der Fürsten Doria in Genua stammend und erwähnt in diesem Zusammenhang auch den Namen „Laurocerasus“, dieser Name stamme angeblich aus den Schriften des römischen Schriftstellers Plinius der Ältere (in denen er aber nicht aufzufinden ist). Aus den Schriften Belons übernahm Clusius im 1583 erschienenen Caroli Clusii Atrebatis Rariorum aliquot stirpium per Pannoniam, Austriam … schon im ersten Kapitel des ersten Buchs den Namen. Clusius lieferte erstmals eine ausführlichere Beschreibung, eine Diagnose und eine Abbildung. Clusius gibt an, den Baum selbst 1576 direkt aus Konstantinopel vom kaiserlichen Gesandten David Ungnad (1530–1600) zugesandt bekommen und dann im Garten kultiviert und zur Blüte gebracht zu haben. Die Abbildung im Werk von Clusius wurde später zum Lektotypus der Art bestimmt.
1588 wird die Pflanze (als Laurocerasus Clusii) im Garten des Joachim Camerarius in Nürnberg erwähnt, regional trat sie danach vor allem am Bodensee und entlang des Oberrheingrabens bis ins Moseltal auf. 1597 gelangte die Lorbeerkirsche nach England. 1654 fand sie sich in Königsberg im damaligen Herzogtum Preußen.
Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts stand die Lorbeerkirsche als Baumschulpflanze – zumindest gut situierten Bürgern und Gartenbesitzern – zur Verfügung; als einer der frühesten Belege dafür gilt ihr Eintrag im 1817 von Christian August Breiter herausgegebenen Katalog seines Breiterschen Wintergartens in Leipzig.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten dokumentierten Zuchtsorten auf, von denen als eine der ersten die um 1865 in Frankreich entstandene Sorte 'Rotundifolia' gilt. Für den deutschsprachigen Raum ist die Selektion und Verbreitung von Lorbeerkirsch-Sorten eng verknüpft mit der Berliner Baumschule von Franz Späth, der z. B. die besonders winterharten Sorten 'Schipkaensis' (1889, vom bulgarischen Schipka-Pass stammender Genotyp) und 'Zabeliana' (1898) einführte.