mini|300px|Einflussbereich der Chinesischen Kultur, auch als „Ostasiatische Sphäre“, bzw. „Sinosphäre“ bezeichnet. Als chinesische Kultur () kann die Gesamtheit der spezifisch in China anzutreffenden kulturellen Aspekte wie Denkweisen, Ideen und Vorstellungen sowie deren Verwirklichung im Alltagsleben, in der Politik, in Kunst, Literatur, Malerei, Musik und anderen Bereichen menschlichen Lebens betrachtet werden. Das heißt, es handelt sich um die Gesamtheit aller Lebensformen im ethnologischen Sinn.Anne Löchte: Johann Gottfried Herder. Würzburg 2005. S. 29. – Auch Klaus P. Hansen (Hrsg.): Kulturbegriff und Methode: der stille Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften. Tübingen 1993, S. 172. Der Sinologe Karl-Heinz Pohl fasst zusammen: „So gesehen umfasst Kultur die Gesamtheit der typischen Lebensformen einer Bevölkerung, d. h. die materiell gestaltete Lebenswelt, die Sprache …, Religion und daraus abgeleitete bzw. abgelagerte Wertvorstellungen, die sich in Verhaltensweisen, Kulturstandards oder ‘Mentalität’ aber auch in politischen Institutionen, wirtschaftlicher Organisation und Rechtsvorstellungen äußern, weshalb wir auch von politischer Kultur bzw. Rechts- und Wirtschaftskultur sprechen.“Karl-Heinz Pohl: Chinesische und asiatische Werte. Die chinesische Welt als zentraler Kultur- und Wirtschaftsraum Ostasiens. In: Religion, Werte und Wirtschaft – China und der Transformationsprozess in Asien. Hans G. Nutzinger (Hrsg.), Marburg 2002, S. 105–128.
Aus der Sicht von Adrian Hsia wird – unter Verwendung von traditionellen westlichen Termini – das „Wesen der Kultur“ als dialektisch bezeichnet. Als Schöpfung des Menschen, so Hsia, sei sie subjektiv. Als etwas Geschaffenes, wie Kulturgüter und Kulturwerte, sei sie objektiv, der „entsprechend ein Mensch sich zu verhalten und zu handeln hat“.Adrian Hsia: Die chinesische Kulturrevolution. Neuwied/Berlin 1971, S. 14. In erheblichem Maße hat die chinesische Kultur die Kulturen anderer ost- sowie auch südostasiatischer Staaten wie insbesondere Japan, Korea und Vietnam beeinflusst und wurde umgekehrt von diesen beeinflusst. Sie strahlte in die türkischen, mongolischen und tungusischen Völker der Mongolei und des Altai, nach Zentralasien und Tibet aus. Laut Aussagen von Sinologen sei sich der Westen nicht bewusst, in welchem Maße er durch diese Kultur beeinflusst wurde.Jacques Gernet: Die chinesische Welt. Frankfurt a. M. 2017, 10. Aufl., S. 10 f.
Anfänge Die chinesische Kultur hat drei Ursprünge: die Zivilisation am gelben Fluss, die Zivilisation am Jangtse-Fluss und die nordische Steppenkultur.Webseite der In: china-botschaft.de Hinsichtlich des Denkens, des Gesellschaftslebens sowie ihrer wirksamen Werte und Sichtweisen entstand dort Kultur im Rahmen verschiedener weltanschaulicher, bzw. philosophischer Traditionen,Chinesen erwarten von der Philosophie und von Weltanschauungen Antworten auf die Fragen des Lebens. So z. B. Fung Yu-Lan: A short History of Chinese Philosophy. New York 1966, S. 2, 10. die im Zusammenhang mit geographischen, ethnischen, ökonomischen, historischen und politischen Bedingungen ein vielfältiges Chinabild zeigen. In der Gegenwart finden in allen Bereichen Veränderungen statt, deren Auswirkungen weder vorhersagbar, noch absehbar sein dürften.Hauser/Häring: China-Handbuch. Berlin 2005, S. 11 f.
Das Handeln der Akteure in der Gegenwart könnte dabei dadurch geprägt werden, wie Veränderungen in der Vergangenheit bewältigt wurden, so der Sinologe Schmidt-Glintzer. Mitglieder westlicher Gesellschaften könnten nur schwer nachvollziehen, wie völlig offen Chinesen ihr „Neues China“ konzipieren. Der Diskurs darüber habe längst begonnen.Helwig Schmidt-Glintzer: Das neue China: Von den Opiumkriegen bis heute. 5. Auflage. München 2009, S. 8.
Gemeinsame Ideale und Vielvölkerstaat Das fast zehn Millionen Quadratkilometer große China, dessen Einwohner vor Jahrtausenden über eine Zeitspanne von Jahrhunderten aus den heute umliegenden Gebieten nach China gekommen waren, wirkt aus europäischer Sicht homogen. Historiker charakterisieren sie als eine von vielen Völkern gemeinsam geteilte Welt, bzw. als einen „Kulturraum im östlichen Asien“China im Focus: Titeltext. mit einer durchlässigen Außengrenze. Beziehungen zu den Nachbarn wurden in der Vergangenheit vermutlich überwiegend auf Augenhöhe gepflegt, wird festgestellt.Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 15. Seine heutigen Bewohner – so die Autoren eines China-Handbuches – seien sich darin einig, dass hinsichtlich Kultur, Religion und Gesellschaft für sie dieselben Grundideale gelten. Denkbar ist, so Schmidt-Glintzer, dass diese Einheitlichkeit der chinesischen Schriftkultur zu verdanken sei, die die Idee von einer Kultur Chinas hervorgerufen habe.Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 11 f. Ungefähr 92 % der Bewohner sehen ihre Wurzeln in der Zeit der Han-Dynastie zu Beginn der christlichen Zeitrechnung. Weitere Völker wie die Hui, Mongolen, Mandschu und Zhuang und viele andere mehr der insgesamt 56 Völker sind Bewohner Chinas. Diese Völker haben eine eigene Sprache, 23 haben eine eigene Schrift und pflegen ihre eigenen Sitten und Bräuche.Shuyang Su: China. Eine Einführung in Geschichte, Kultur und Zivilisation. Gütersloh/München 2008, S. 40. Sprache, Schrift und Brauchtum dieser Völker werden zum einen akzeptiert und gefördert, andererseits werden sie z. B. durch Massenansiedlungen von Han-Chinesen, deren Bildung und Lebensweise, sowie durch das Einbinden in die Partei- und Staatsstrukturen, als auch durch Verbote von Sitten und Gebräuchen assimiliert.Bundeszentrale für politische Bildung BPB.de Von Minderheiten – so Sinologen – werde erwartet sich einzufügen, wenn sie in diesem Land eine Zukunft haben möchten.Hauser/Häring: China-Handbuch. Berlin 2005, S. 16. Wie die Internierungslager in Xinjiang dokumentieren, geschieht die Assimilation auch aktuell wieder zwangsweise. In diesen sollen Uiguren Disziplin und die Liebe zu China und seiner Regierung, zur Han-chinesischen Kultur lernen. Sie sollen unerwünschte Gewohnheiten ablegen, wie zu viel im Koran lesen, zu viel zu beten, sich zu lange Bärte wachsen zu lassen und sich zu stark zu verschleiern.TAZ: Unterdrückung der Uiguren: Lektion China lieben lernen.
Außerdem gelten die geographischen und vor allem die agrarwirtschaftlichen Bedingungen des Landes als bildende Faktoren einer den meisten Bewohnern gemeinsamen Lebensweise, die alltägliche Einstellungen und die Lebensgestaltung der Bewohner jahrhundertelang prägten.Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie. München 2006, S. 25–29. Zu diesen prägenden Bedingungen rechnen Sinologen auch das „Bewässerungssystem“ Chinas, durch das in dem niederschlagsarmen Land erst ausreichende Ernten ermöglicht und Verkehrswege geschaffen wurden, die den Bewohnern zugutekamen und eine gemeinschaftsfördernde Infrastruktur entstehen ließen.Hellmut Wilhelm: Gesellschaft und Staat in China. Hamburg 1960, S. 90f. Gesellschaftspolitisch sehr wirksam war auch das bis ins 20. Jahrhundert hinein gut funktionierende Familiensystem, das eines der bestorganisierten der Welt gewesen sei. Werte, die durch die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern entwickelt und gelebt wurden, haben die gesellschaftlichen Beziehungen und Entwicklungen in erfolgreicher Weise gestaltet.Feng Youlan: A short history of Chinese philosophy. New York 1966, 30. Auflage, S. 21. Es wird sogar gesagt, dass die chinesische Hochkultur die einzige der frühen Hochkulturen sei, die durch die vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen und mit ihnen weiter lebe. Die Vergangenheit, so Schmidt-Glintzer, sei auch in der Gegenwart wirksam und nur im Diskurs über die Vergangenheit sei die Gegenwart Chinas zu verstehen.Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 12.
Die Vorstellung eines einheitlichen China, von einem „Reich der Mitte“ sei eine europäische Schöpfung, vielleicht sogar eine Schimäre, so der Historiker Schmidt-Glintzer, die die historische und gegenwärtigen Vielfalt ausblende. Er stellt fest, dass China eine „leere Mitte“ habe. Die Annahme, der Nationalstaat China gründe sich auf ein homogenes Staatsvolk, sei ein Missverständnis. Sie verstelle möglicherweise den Blick darauf, was China ausmache. Zutreffend sei zwar, dass es eine frühe historische Identität gebe, die mit gewissem Recht mit dem Konfuzianismus verbunden sei. Zugleich sei China seit frühester Zeit „ein Land der Migration und der Grenzziehungen“ gewesen. Die ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt – so Schmidt-Glintzer – war und ist mit einer „Vielzahl von Ordnungskonzepten und Deutungssystemen“ verbunden. Diese Vielfalt sei bis heute mit ungelösten Spannungen verbunden, die Einheit immer unfertig gewesen und das Gefühl, anderen Völkern überlegen zu sein, nie ungebrochen. Möglicherweise, so Schmidt-Glintzer, könne China trotz seiner ‚leeren Mitte‘ ein Beispiel dafür sein, wie „Weltgestaltung und Modernisierung in harmonischer Weise gelingen“.Schmidt-Glintzer: Chinas leere Mitte. Die Identität Chinas und die globale Moderne. Berlin 1990, S. 15–18.
Drei Weltanschauungen Im 2. Jahrtausend v. Chr., als die Shang-Dynastie herrschte, war das Weltbild der damals lebenden Bewohner durch schamanistische Anschauungen und den Glauben an Naturgottheiten (Sonne, Mond, Erde, Berge, Wolken, Flüsse u. a. m.) geprägt.Walter Böttger: Kultur im alten China. Leipzig/Jena/Berlin 1987, S. 188f; 195f. Es wurden zeremonielle Handlungen, vor allem Orakelbefragungen für Zukunftsfragen und Deutungen von Erscheinungen der Naturgottheiten (wie Sternenkonstellationen) praktiziert, die vom Einzelnen und der Gemeinschaft als Hilfe und Unterstützung für den Alltag erlebt wurden (siehe auch Fangshi). Vorstellungen aus diesen Praktiken wirkten in späteren Erscheinungen der chinesischen Kultur, insbesondere den Bestattungsriten und bis heute in der Furcht vor Geistern nach.Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 26f. Auch dürften die Ahnenverehrung und das Bedürfnis nach einer naturgemäßen Lebensgestaltung im Einklang mit dem Kosmos in ihnen ihren Anfang genommen haben.Livia Kohn: Early Chinese Mysticism: Philosophy and Soteriology in the Taoist Tradition. New Jersey 1992, S. 81–83.- Zum Schamanismus und den rituellen Geisterbeschwörungen siehe auch Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie. München 2006, S. 40–43.
Die religiöse Kultur der Shang wurde, so Schmidt-Glintzer, zur Grundlage „aller chinesischen Kultur der späteren Jahrhunderte“, die an die Staatsstruktur und den persönlichen Lebensvollzug der Menschen gebunden war. Sie thematisierte eine Welt der Götter, eine Welt der Ahnen und eine Welt der Lebenden. Diese Welten und ihr Zusammenwirken waren in der nachfolgenden Zhou-Zeit Anlass zu philosophisch-politischen Reflexionen. Die Vorstellungen von Naturgottheiten wandelten sich über Jahrhunderte unter konfuzianischem und daoistischem Wirken zu abstrakteren, wie den des „Himmels“ (天 tian), der so als Ortsbestimmung „alles unter dem Himmel“ für das Herrschaftsgebiet des chinesischen Kaisers dienen konnte. Sie bildete zusammen mit der Praxis traditioneller Rituale bis ins 19. Jahrhundert die chinesische Weltvorstellung.Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 27–29.