Der Begriff Schlafstörung (synonym Agrypnie, Insomnie und Hyposomnie) bezeichnet unterschiedlich verursachte Beeinträchtigungen des Schlafes. Ursachen können äußere Faktoren (wie nächtlicher Lärm, zu helle Straßenbeleuchtung), psychologische Faktoren (z. B. Gedankenkreisen, Ängste), Verhaltensfaktoren (z. B. eine problematische Schlafhygiene) oder auch biologische Faktoren sein.
Die fehlende Erholsamkeit des Schlafes beeinträchtigt kurzfristig die Leistungsfähigkeit und kann mittel- oder langfristig auch zur Verschlechterung oder zum Neuauftreten von Krankheiten führen. Schlafstörungen erreichen dann Krankheitswert, wenn sie körperlich oder psychisch verursacht sind und auch subjektiv von den Betroffenen als krankhaft empfunden werden. Auch das gegenteilige Schlafverhalten, die Schlafsucht (Fachausdruck Hypersomnie), kann als gestörter Schlaf bezeichnet werden.P. Reuter: Der grosse Reuter: Springer-Universalwörterbuch Medizin, Pharmakologie und Zahnmedizin. Birkhäuser, 2005, ISBN 3-540-25102-2, S. 446, 469 und 732; books.google.deP. Reuter: Der grosse Reuter: Springer-Universalwörterbuch Medizin, Pharmakologie und Zahnmedizin. Birkhäuser, 2005, ISBN 3-540-25102-2, S. 721; books.google.de Diese wird jedoch in der deutschsprachigen Literatur mehrheitlich nicht unter dem Begriff Schlafstörung geführt.
Eine Sonderform der Schlafstörungen stellen die Parasomnien dar: Dabei handelt es sich um ein untypisches Verhalten während des Schlafes (mit Störung desselben), wobei die Betroffenen jedoch nicht aufwachen.R. Klinke u. a.: Physiologie. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-796006-5, S. 862; books.google.deS. Dressler: Elsevier’s Wörterbuch Medizin: Englisch-Deutsch/Deutsch-Englisch. Urban & Fischer-Verlag, 2007, ISBN 3-437-15200-9; books.google.de Krankhaft gesteigerte Schläfrigkeit am Tage (z. B. über die sog. Epworth-Schläfrigkeitsskala einschätzbar) hat in den meisten Fällen eine behandelbare biologische Störung der Schlafqualität zur Ursache. Hierzu gehören vor allem nächtliche Atmungs- und Bewegungsstörungen.
Zur Unterscheidung der einzelnen Unterformen der Schlafstörungen bedarf es einer sorgsamen Erhebung der Krankengeschichte und meist auch weiterführender Untersuchungen, beispielsweise im Schlaflabor. Die Behandlung orientiert sich im Wesentlichen an den Ursachen. Ist die Schlafstörung beispielsweise Folge einer inneren Erkrankung, so ist deren Therapie vorrangig. Ist sie aber ausgelöst durch psychische Faktoren oder einen falschen Umgang mit dem Schlaf, so sind eine entsprechende Aufklärung des Patienten und gegebenenfalls eine Verhaltenstherapie angezeigt.
Begriff Begriffsabgrenzung Agrypnie bezeichnet traditionell die Schlaflosigkeit in der deutschsprachigen Literatur.C. A. Wunderlich: Handbuch der Pathologie und Therapie. Band 2, Teil 2, Verlag Ebner & Seubert, 1854, S. 1268 ff.; books.google.de Der Begriff wurde jedoch in der Vergangenheit mehr und mehr von dem in der angloamerikanischen Literatur gebräuchlicheren und synonym verwendeten Begriff Insomnie (auch Insomnia) verdrängt. Beide Begriffe beschreiben nicht nur das Fehlen von Schlaf, sondern auch Störungen von Ein- und Durchschlafen.Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie: mit einem englisch-deutschen Wörterbuch im Anhang. Fischer-Verlag, 2007, S., 14, 268 und 490, ISBN 3-437-15061-8; books.google.de Hyposomnie steht ebenfalls für Schlafmangel durch Schlafstörung.P. Reuter: Der grosse Reuter: Springer-Universalwörterbuch Medizin, Pharmakologie und Zahnmedizin. Birkhäuser, 2005, ISBN 3-540-25102-2, S. 732; books.google.deP. Reuter: Der grosse Reuter: Springer-Universalwörterbuch Medizin, Pharmakologie und Zahnmedizin. Birkhäuser, 2005, ISBN 3-540-25102-2, S. 774; books.google.de
Dyssomnie ist der Oberbegriff für ein gestörtes Schlafverhalten. Dazu gehören sowohl ein „Zuwenig“ als auch ein „Zuviel“ an Schlaf bezüglich Tiefe und Dauer. Der Begriff umfasst also die Schlafstörung und die Schlafsucht. Hypersomnie bezeichnet die Schlafsucht, bei der das Schlafbedürfnis der Betroffenen zeitlich gesehen deutlich länger ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Das Schlafbedürfnis kann dabei auch tagsüber oder anfallsweise auftreten (Narkolepsie).U. H. Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie: mit einem englisch-deutschen Wörterbuch im Anhang. Fischer-Verlag, 2007, S., 74, 268 und 490, ISBN 3-437-15061-8; books.google.de
Die idiopathische Insomnie ist auch als Insomnie in der Kindheit oder lebenslange Insomnie bekannt. Die Pseudo-, subjektive oder paradoxe Insomnie bezeichnet eine subjektiv erlebte Schlafstörung ohne objektivierbaren Befund. Als weitere Bezeichnung dafür finden sich in der Literatur Fehlwahrnehmung des Schlafzustandes oder der englische Begriff „sleep state misperception“. Insomnien durch psychische Erkrankungen werden auch als psychische oder bei Depressionen als depressive Insomnien bezeichnet.
Klassifikationssysteme
Es existieren unterschiedliche Klassifikationen mit dem Ziel, Schlafstörungen schematisch abzubilden. Dieser Prozess ist im Fluss, die Einteilungen waren zum Teil recht kurzlebig oder werden nebeneinander eingesetzt. Ebenfalls ist die Verwendung der im Zusammenhang mit Schlafstörungen verwendeten Begriffe nicht einheitlich.
Zur Einteilung der Schlafstörungen liegen beispielsweise folgende Klassifikationssysteme vor: ICD-10 (International Classification of Disorders, WHO, 1993) DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, American Psychiatric Association, 2013), DSM-5-TR (2022) ICSD (International Classification of Sleep Disorders, 1990), ISCD-R (1997), ICSD-2 (2005)
ICD-10 Nach ICD-10 werden Schlafstörungen je nach vermuteter Ursache (psychogen versus organisch) klassifiziert unter F51 nichtorganische Schlafstörungen (Kapitel Psychische und Verhaltensstörungen) oder G47 (organische) Schlafstörungen (Kapitel Krankheiten des Nervensystems).
Nichtorganische Dyssomnien sind primär psychogene Störungen der Dauer, Qualität oder des Zeitpunktes des Schlafs aufgrund emotionaler Ursachen, die in erheblichem Ausmaß (mindestens dreimal in der Woche über einen Zeitraum von mindestens einem Monat) vorliegen, einen deutlichen Leidensdruck verursachen und/oder sich störend auf die alltägliche Funktionsfähigkeit auswirken (Tagesmüdigkeit): nichtorganische Insomnie (F51.0): Hauptmerkmal sind Ein- und Durchschlafstörungen sowie eine schlechte Schlafqualität (nicht erholsamer Schlaf). nichtorganische Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus (F51.2): das Schlaf-Wach-Muster weicht vom gewünschten Schlaf-Wach-Rhythmus ab (der durch die gesellschaftlichen Anforderungen bestimmt ist und von den meisten Personen im Umfeld des Betroffenen geteilt wird), infolgedessen Schlaflosigkeit während der Hauptschlafperiode und Hypersomnie während der Wachperiode.
Nichtorganische Parasomnien sind abnorme Episoden, die während des Schlafs auftreten: Schlafwandeln (F51.3): wiederholte Episoden (zwei oder mehr), in denen die Betroffenen das Bett während des Schlafs verlassen und mehrere Minuten bis zu einer Stunde umhergehen, meist während des ersten Nachtschlaf-Drittels. Während dieser Episode haben die Betroffenen meist einen leeren, starren Gesichtsausdruck, reagieren kaum auf andere Personen und sind nur unter großen Mühen aufzuwecken. Nach dem Erwachen erinnern sich die Betroffenen nicht an die Episode (Amnesie), ansonsten besteht nach dem Aufwachen (außer einer kurzen Phase von Verwirrung oder Desorientiertheit) keine Beeinträchtigung der geistigen Aktivität oder des Verhaltens. Nachtangst (Pavor nocturnus) (F51.4): wiederholte Episoden (zwei oder mehr), in denen die Betroffenen (meist im ersten Schlafdrittel) aus dem Schlaf mit einem Panikschrei aufwachen, einhergehend mit heftiger Angst, Körperbewegungen und vegetativer Übererregtheit (Tachykardie, schneller Atmung, Schweißausbruch). Bemühungen anderer Personen, während der Episode auf den Betroffenen einzuwirken, bleiben ohne Erfolg bzw. haben Desorientiertheit und perseverierende Bewegungen zur Folge. Eine Episode dauert bis zu 10 Minuten. Albträume (F51.5.): Das Aufwachen aus dem Nachtschlaf oder dem Nachmittagschlaf mit detaillierter und lebhafter Erinnerung an heftige Angstträume. Diese haben meistens Bedrohungen des eigenen Lebens, der Sicherheit oder des Selbstwertgefühls zum Inhalt und verursachen bei den Betroffenen einen erheblichen Leidensdruck. Nach dem Aufwachen aus dem Angsttraum sind die Betroffenen rasch orientiert und wach.
Organisch bedingte Schlafstörungen sind mit
Ein- und Durchschlafstörungen (G47.0), Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus (G47.2) und Schlafapnoe (G47.3) aufgeführt.
DSM-5
Während ältere diagnostische Systeme versuchen, zwischen primärer und sekundärer Insomnie aufgrund der Ursache zu unterscheiden, beschränkt sich die DSM-5 auf einen rein deskriptiven Ansatz. Es wird davon ausgegangen, dass medizinische und psychische Störungen Ursache und Folge einer Schlafstörung sein können, was im Einzelfall schwer zu differenzieren ist.
Die DSM-5 definiert Insomnie als unbefriedigende Menge oder Qualität von Schlaf für: Schwierigkeiten einzuschlafen und/oder Schwierigkeiten durchzuschlafen und/oder vorzeitiges Erwachen, ohne wieder einschlafen zu können Einen Krankheitswert hat die Schlafstörung, wenn sie zu signifikantem Unwohlsein oder Beeinträchtigung der Bewältigung des Tages führt, z. B. durch (mindestens ein Kriterium): Erschöpfung, Energielosigkeit Schläfrigkeit am Tage nachlassende Aufmerksamkeit, Konzentration, Merkfähigkeit berufliche oder schulische Leistungsminderung verschlechterte Kommunikation oder Sozialverhalten verschlechterte Fürsorge oder familiäre Aktivität Die Schlafstörung hat Krankheitswert, wenn: sie mindestens in drei Nächten pro Woche auftritt und sie mindestens drei Monate besteht und ausreichend Zeit zum Schlafen vorhanden wäre Die Diagnose einer Insomnie sollte nicht vergeben werden, wenn die Schlafstörungen durch eine andere Schlaf-Wach-Störung erklärt werden kann (wie z. B. Narkolepsie oder Störung des circadianen Rhythmus) die Schlafstörungen durch eine andere psychische Erkrankung erklärt werden kann physiologische Effekte einer Substanz (z. B. Alkoholmissbrauch) zu den Schlafschwierigkeiten führen.
ICSD-2 Nach der internationalen Klassifikation der Schlafstörungen (ICSD-2) von 2005 können Schlafstörungen in 8 Gruppen eingeteilt werden. Dazu gehören Insomnien (mit verschiedener Ursache), schlafbezogene Atmungsstörungen (z. B. Schlafapnoe), zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen (wie bei Schichtarbeit oder Jetlag oder beim Schlafphasensyndrom), Parasomnien (z. B. Schlafwandeln, Pavor nocturnus, Albträume), schlafbezogene Bewegungsstörungen (z. B. Restless-Legs-Syndrom, Bruxismus), isolierte Symptome, augenscheinlich normale Varianten und ungeklärte Probleme (z. B. Schnarchen, Sprechen im Schlaf) und andere Schlafstörungen (z. B. umweltbedingte Schlafstörung, Lärm). Als achte Gruppe führt die ICSD-2 auch die Schlafsucht (Hypersomnie) zentralen Ursprungs auf, nicht bedingt durch zirkadiane Rhythmusstörungen, schlafbezogene Atmungsstörungen oder andere Ursachen einer Störung des Schlafverhaltens.
Erscheinungen Klinische Erscheinungen mini|Die Symptome des nicht erholsamen Schlafes entsprechen in wesentlichen Aspekten denen des Schlafentzugs