Aufrüstung bezeichnet den Vorgang einer Zunahme des Militärpotentials bzw. militärischer Kapazitäten eines Staates oder eines Militärbündnisses. Sie ist gekennzeichnet durch eine Vergrößerung bestimmter oder aller Streitkräfte, insbesondre durch die Beschaffung neuer Waffen und militärischer Ausrüstung. Dies umfasst auch Soldaten sowie die Aufrüstung von Infrastruktur und Informationstechnologie gegen Cyberkrieg bzw. für die elektronische Kampfführung.

Eine Aufrüstung kann einer Militarisierung folgen. Ebenso kann eine verstärkte militärische Öffentlichkeitsarbeit oder auch Propaganda kann der Aufrüstung vorangehen und/oder sie begleiten.

Aufrüstung ist das Gegenteil von Abrüstung (). Eine Rolle in diesem Kontext spielt auch Rüstungskontrolle (). Aufrüstung ist verwandt mit der Ausrüstung.

Verteidigungstechnik

Für die Aufrüstung wird Wehrtechnik und Wehrmaterial benötigt. Diese umfasst beispielsweise Waffen, Waffensysteme oder Trägermittel, die von einer sogenannten Rüstungsindustrie [offiziell auch die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) bezeichnet] entwickelt, produziert und bei Bestellung geliefert werden. Ebenso liefern staatliche Institutionen Wehrgerät und Technologie. Ein Beispiel ist das ehemalige US-amerikanische Redstone Arsenal, das einen großen Teil der militärischen Raketentechnik entwickelt hat. Für die Entwicklung von Raketenwaffen und Interkontinentalraketen war über mehrere Jahrzehnte die U.S. Army Ballistic Missile Agency (ABMA) zuständig.

Neben der Wehrtechnik ist auch die Forschung und Entwicklung (F&E) eine Grundlage für neue Wehrprodukte und damit der Rüstungsindustrie. In der Geschichte sprach man zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs sogar von einer „Schlacht der Labore“, wobei speziell die US-amerikanischen und britischen Entwicklungsarbeiten im Rahmen des Manhattan Engineer District (MED) sowie die sowjetischen Entwicklungen in den Bereichen Waffentechnik und Raumfahrt gemeint waren.

Zur Aufrüstung gehören auch neue Konzepte, die auf der kontinuierlichen und unaufhaltsamen Weiterentwicklung der Technologie basieren. Einige dieser Konzepte erweisen sich jedoch als nicht tragfähig, trotz öffentlicher Ankündigungen. Ein Beispiel dafür ist die Strategic Defense Initiative (SDI), ein geplantes Abwehrsystem gegen nukleare Angriffe. Die ab den 1970er Jahren entwickelte MIRV-Technologie erschwert die Abwehr eines nuklearen Angriffs erheblich, da sie es einer einzigen Rakete ermöglicht, mehrere Sprengköpfe auf verschiedene Ziele zu lenken. Dies macht es nahezu unmöglich, alle ankommenden Bedrohungen effektiv abzufangen.

Aufgrund der Unberechenbarkeit von Krieg ist auch die Planung von Rüstung äußerst komplex. Es gilt, die Prioritäten zu klären: Produktion von schwerem Gerät, Flugzeugen und Ausrüstung für Streitkräfte oder Investitionen in neue Technologie? Gefragt sind jedoch nicht nur neue Technologien wie Drohnen, die im Vergleich zu alten Fronten eine mehrere Meilen große „Killzone“ (Todeszonen) schaffen können. Im Krieg, wie am Beispiel des russisch-ukrainischen Kriegs (ab 2014, intensiviert ab 2022 mit dem Überfall durch Russland), sind auch Systeme wie das bereits 1967 (Bereitstellung 1980er Jahre) entwickelte Patriot-Flugabwehrraketen-System gefragt. Die zukünftige Verteidigungsfähigkeit wird von diesen und vielen anderen Fragen und Entscheidungen beeinflusst. Zu diesem Thema, speziell im Kontext des Atomzeitalters, haben sich jedoch auch schon Militärstrategen geäußert. Der französische General Beaufre warnt „Man muss sich vor Lösungen hüten, die allzu stark auf den gerade in Mode gekommenen Thesen und Lehrmeinungen aufbauen, denn das könnte schlimme Folgen haben. Ein Wehrgefüge darf nicht wie ein nach Maß geschneiderter Anzug sitzen, es muss Spielraum für die notwendigen Anpassungen und Veränderungen lassen.“

Siehe die Entwicklungen weiter unten.

Rüstungsbeschaffung

Kosten der Rüstung

Finanzierungsinstrumente Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit etwa 2022 stellen die Europäische Union und ihre Partner (USA, NATO) die folgenden Finanzierungsinstrumente bereit: ERA-Kreditmechanismus (Extraordinary Revenue Acceleration) Prioritised Ukraine Requirements List (PURL) Security Action for Europe (SAFE) Gründung einer eigenen Verteidigungsbank, die Defence, Security and Resilience Bank (DSR-Bank) Das Instrument SAFE stellt EU-Mitgliedstaaten Darlehen für den Erwerb von vorrangigen, in der EU hergestellten Verteidigungsgütern zur Verfügung. Die Herausforderungen und Möglichkeiten zur Finanzierung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) sind in der 2024 Nationale Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie unter den Kapiteln 3.2 und 4.5 dokumentiert. Vgl. auch das Weißbuch der Bundeswehr.

NATO Auf dem NATO-Gipfel 2025 in Den Haag haben sich die Bündnispartner verpflichtet, bis 2035 jährlich 5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Kernanforderungen im Verteidigungsbereich sowie für verteidigungs- und sicherheitsbezogene Ausgaben aufzuwenden. Auf der Grundlage der vereinbarten Definition der NATO-Verteidigungsausgaben werden sie bis 2035 jährlich mindestens 3,5 % des BIP für die Deckung des Kernverteidigungsbedarfs und die Erfüllung der NATO-Fähigkeitsziele bereitstellen.

Aufrüstung in der Geschichte

Aufrüstung in Deutschland vor den Weltkriegen mini|Produktionslinie des Aggregat 4 (A4 bzw. V2) Raketentriebwerks im Untergrund des Mittelwerks um 1944. Die A4 läutete das Raketenzeitalter ein. Raketenwaffen wie die V2 wurden nach 1945 in den USA und der Sowjetunion zu Interkontinentalraketen weiterentwickelt. Im Zeitalter des Imperialismus hatte das Militär im Deutschen Kaiserreich einen hohen Stellenwert. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es ein Deutsch-Britisches Flottenwettrüsten.

1893 löste Wilhelm II. den 1890er Reichstag auf, weil dieser die – auch von ihm gewünschte – Aufrüstung des Heeres abgelehnt hatte. Im darauf folgenden Wahlkampf siegten die Befürworter der wilhelminischen Politik aus der Konservativen und Nationalliberalen Partei. Auch die von Alfred von Tirpitz propagierte Aufrüstung der Kaiserlichen Marine, im Volk durchaus populär,Vgl. den allgegenwärtigen Matrosenanzug für Knaben. wurde in der Folgezeit von Wilhelm gefördert, obwohl General Leo von Caprivi, v. Bismarcks Nachfolger von März 1890 bis Oktober 1894, dagegen war (er war entschieden englandfreundlich).

Auch deutsche Kolonialismus-Pläne (siehe Deutsche Kolonien und Schutzgebiete, Platz an der Sonne (1897)) trugen dazu bei, einer leistungsfähigen Marine ein hohes Gewicht beizumessen. Z. B. schickte Kaiser Wilhelm II. 1911 das Kanonenboot Panther nach Agadir, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten. Die am 1. Juli 1911 eingetroffene Panther wurde nach wenigen Tagen durch zwei andere deutsche Kriegsschiffe, den Kleinen Kreuzer Berlin und das Kanonenboot Eber, ersetzt. Es kam zur Zweiten Marokkokrise.

Die Rüstungsmaßnahmen bzw. -ausgaben verursachten nach 1906 Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung. Kanzler Bethmann Hollweg versuchte, diesen Prozess von 1909 bis 1911 durch Einsparungen zu bremsen. Die Rüstungsausgaben stagnierten und gingen in einem Jahr sogar zurück. Ab 1912 stiegen die Rüstungsausgaben wieder; ab 1914 infolge des Eintritts in den Ersten Weltkrieg exponentiell. Zu Beginn der Weimarer Republik wurden Kontingente, Bewaffnung und Organisation der Reichswehr durch den Versailler Friedensvertrag festgelegt. Trotzdem fasste das Kabinett der Regierung unter SPD-Kanzler Hermann Müller 1929 Beschlüsse zur personellen und materiellen Rüstung.

Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 hatte die Aufrüstung der Wehrmacht hohe Priorität. Die Rüstungspolitik wirkte sich positiv auf den Beschäftigungsstand aus; sie wurde als Arbeitsbeschaffung deklariert. Die Rüstung wurde – gegen den Widerstand des Reichsbank-Präsidenten Hjalmar Schacht – primär durch Neuverschuldung (vgl. Mefo-Wechsel) finanziert.

Atomare Aufrüstung von 1945 bis 1990 mini|Blick auf die 700er-Gebäude des ehemaligen Rocky Flats Plants, einer kerntechnischen Anlage, in der während des Kalten Kriegs Plutoniummetall für Kernwaffen verarbeitet wurde. Der US-amerikanische und der russische Kernwaffenkomplex werden seit den 1990er-Jahren abgebaut und in einem Instandhaltungsbetrieb überführt. (Foto von 1988) Seit dem Beginn des Atomzeitalters und der militärischen Nutzung der Kernenergie gibt es nukleare Bewaffnung oder Atomrüstung, die von den fünf Atommächten betrieben wird. Weitere Länder, die im Besitz von Kernwaffen sind, sind Indien, Pakistan, Nordkorea und vermutlich auch Israel.

Die fünf Kernwaffenstaaten – speziell die USA und die ehemalige Sowjetunion – betrieben eine massive Aufrüstung von Atomwaffen in den 1950er bis 1980er Jahren (vgl. Kalter Krieg). Die Mehrzahl dieser Waffen bzw. Kernsprengköpfe wurde durch diverse Abkommen und Abrüstungsvereinbarungen bereits abgebaut. Die großen Kernwaffenkomplexe der USA und der UdSSR wurden von einer Massenproduktion auf einen Laborbetrieb umgestellt. Der Atomwaffensperrvertrag gilt bis heute als sicherheits-politisches Instrument, um die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und einer nuklearen Aufrüstung entgegenzuwirken.

Die weiteren Entwicklungen der Atomrüstung sind unten aufgeführt.

Aufrüstung und Sicherheit in Europa Beispiele für paneuropäisches Rüstungsprojekte sind der Tornado, Tiger, oder der Eurofighter Typhoon. Das Programm des Eurofighter läuft bereits seit Anfang der 1990er Jahre.

In Europa hat man 2004 den Vertrag über eine Verfassung für Europa unterzeichnet, wobei in Artikel I-41 Absatz 3: „Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.“ Der Vertrag trat jedoch nicht in Kraft. Sein Nachfolger war der Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007, welcher am 1. Dezember 2009 in Kraft trat. Der Vertrag beschreibt die Rüstungspolitik in Europa als Teil der Europäischen Verteidigungsagentur (EVA), welche in dem Jahr 2004 gegründet wurde. In einem mehrseitigen Bericht (Originalname: Safer Together – Strengthening Europe’s Civilian and Military Preparedness and Readiness) von Sauli Niinistö aus dem Jahr 2024, wird Europas zivile und militärische Abwehrfähigkeit und Bereitschaft der EU-Staaten gefordert.

Ein weiteres Projekt der EU ist die im Jahr 2004 gegründete Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex). Seit ihrer Gründung ist die Agentur in ihrer Personalstärke gewachsen. Bis 2030 soll eine Reserve von über 10.000 Personen aufgebaut werden. In den letzten 20 Jahren hat Frontex seine Überwachungstechnologie aufgerüstet. Im Rahmen der Recherchen zu den „Frontex Files“ hat das ZDF Magazin Royale einige Details zur Ausrüstung und zu den Inhalten der Agentur aufgedeckt.

Weitere Entwicklungen sind unten aufgeführt.

Aufrüstung Irans

Mohammad Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien bzw. Iran, bestieg am 18. September 1941 den Pfauenthron. Am selben Tag marschierten britische und sowjetische Truppen, die bis dahin nur den Norden und Süden Irans besetzt hatten, in Teheran ein und übernahmen die Kontrolle über die iranische Regierung. Später (und bis gegen Ende seiner Regierungszeit 1979) betrieb der Schah eine massive Aufrüstung der iranischen Armee. Dies konnte er dank des enormen Ölreichtums seines Landes. Diese Aufrüstung trug dazu bei, dass die Islamische Republik Iran im Iran-Irak-Krieg (22. September 1980 bis zum 20. August 1988) den überraschenden Angriff des Irak schnell stoppen konnte und in den folgenden Jahren meist die militärische Oberhand hatte.

Aufrüstung der Vereinigten Staaten und Übersee-Präsenz mini|US-amerikanische Propaganda für die Waffenproduktion: This is our fight, too, buddy! Come on Gang – We're building arms for victory! (Foto von c. 1942)