mini|Wolfgang Petrick (2015) Wolfgang Petrick (* 12. Januar 1939 in Berlin; † 5. Dezember 2025 ebenda)siehe Meldung vom Tod auf der Seite der Galerie Poll, ebenfalls mit Sterbetag im Slider auf der Home-Seite. war ein deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer. Von 1975 bis 2007 war er Professor für Bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin, inzwischen Universität der Künste Berlin. Wolfgang Petricks Werk spiegelt den in den 1960er Jahren erneuerten Kritischen Realismus und aktualisiert ihn mittels dystopischer Bildmotive und Installationen.

Leben und Werdegang Wolfgang Petrick malte und zeichnete bereits, als er die Grundschule in Ludwigsfelde besuchte. In seiner Kindheit baute er Terrarien aus zerbrochenem Flachglas und Käfige für Mäuse, die seine Mutter an Berliner Tierhandlungen verkaufte. Er erlebte die Bombardements der Anti-Hitler-Koalition auf das Flugmotorenwerk Genshagen mit den Zwangsarbeitern aus dem KZ-Außenlager Daimler-Benz Genshagen, und er beobachtete den Nachbarn, der als SS-Mann mit seinem Schäferhund die KZ-Häftlinge in ihrer gestreiften Kleidung dazu antrieb, Panzersperren zu errichten. Diese frühen Erlebnisse, so Petrick im Rückblick, hätten sich prägend auf seine gesamte Arbeit ausgewirkt.

1951 zog Petrick mit seinen Eltern nach West-Berlin und absolvierte das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Lichtenrade. Als Jugendlicher erlebte er das zerstörte Berlin und die Anspannungen des Kalten Kriegs. Ab 1958 studierte Petrick Biologie an der FU Berlin, wechselte aber an die Hochschule für bildende Künste (heute UdK) in Charlottenburg. Als figürlich orientierter Maler musste er sich Anfang der 1960er Jahre zunächst emanzipieren: „von dieser offiziellen Ideologie der Abstrakten Kunst, […] Figur war nicht angesagt,“ beschreibt er seine Hinwendung zur Kunst der Neuen Figuration. Petrick studierte bei den Professoren Mac Zimmermann, einem Vertreter des deutschen Surrealismus, und beim Bauhäusler Fritz Kuhr; als Meisterschüler von Werner Volkert schloss er 1965 die Ausbildung ab. 1964 heiratete er Helma Hartmann. Aus der Ehe ging 1965 die Tochter Nina Petrick hervor.

mini|hochkant|Wolfgang Petrick (1975) Gegen die etablierten Vermarktungsstrategien des Kunsthandels gründete Petrick am Ende des Studiums zusammen mit 15 Künstlern wie u. a. Hans-Jürgen Diehl, Karl Horst Hödicke, Markus Lüpertz und Peter Sorge eine der ersten unabhängigen Produzentengalerien Deutschlands: die Großgörschen 35. 1972 und in Abgrenzung zu den US-amerikanischen Foto- und Hyperrealisten, manifestierte er, wiederum zusammen mit Baehr, Diehl und Sorge sowie sieben weiteren Künstlern die Kunst des Kritischen Realismus in der Gruppe Aspekt. Nach sechs Jahren distanzierte er sich von der Gruppe und entwickelte Bildwelten, die auch erinnern „an die Höllenszenen der Klassiker Bosch, Breughel (vergl. Der Triumph des Todes) und Grünewald mit dem entscheidenden Unterschied, dass es heute nicht um Grauen und Qualen geht, die von außen stehenden Kräfte und mythischen bösen Mächten verursacht werden, sondern um Verletzungen, die sich der Mensch mittels seiner eigenen Zivilisation selbst zufügt.“Alexander Tolnay: Zeichen der Zeitepoche: Zu den Zeichnungen von Wolfgang Petrick, In: Tubulence. Ausstellungsbuch Osnabrück, Hrsg. Stadt Osnabrück. 2012, S. 9. Antiutopien einer nahen Zukunft als mehrschichtige Assemblagen und mutierte, lebensgroße Figuren, die Petrick zum Teil in Glasschaukästen sperrte.

Ab 1993 war Wolfgang Petrick Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Neben der Lehrtätigkeit an der HdK (UdK) arbeitete er an eigenen Werken und war 1978 Teil der fotografischen Reihe Künstler in ihrem Atelier von Erika Kiffl; ihre Fotografie wird u. a. vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg präsentiert.

Ab 1994 nutzte Petrick die vorlesungsfreien Zeiten zur Arbeit in seinem Williamsburger Atelier in New York City. Die Brooklyner Adresse wurde Anlaufstelle für internationale Künstlerfreunde wie u. a. Jim Dine, James Kalm alias Loren Munk, für einige seiner Berliner Studenten wie Kerstin Roolfs, und für Sammler wie Arne Glimcher, Robert Cohen, Dirk Geuer. Aber von dort wurde Petrick auch Zeuge des Einsturzes der Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001. Fünf Jahre später entstand hierzu seine Arbeit Große Zelle: „Da biegt sich ein Feuerwehrlöschzug gegen die Gesetze der Perspektive um die Ecke, da löst sich ruppige Malerei auf in feine Striche, Farbe in Schwarz-Weiß, “ beschreibt die Kunstkritikerin Simone Reber das Bild im Tagesspiegel. Im Dezember 2025 starb er im Alter von 86 Jahren.

Künstlerisches Wirken Von der in den 50er Jahren in den USA und England entstandenen Pop-Art-Bewegung wandte sich Wolfgang Petrick radikal ab. Vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen in einer von Krieg überzogenen und weiterhin davon bedrohten Welt erschien sie ihm künstlerisch als nicht zielführend. Stattdessen experimentierte er mit Vorbildern wie Richard Lindner, doch empfand Petrick das Grelle und Plakative der amerikanischen Werbekunst als zu dominant. Vielmehr hätten ihn Arbeiten von Jean Dubuffet, dem Vertreter der Art brut, und die Malerei von James Ensor, einem Grenzgänger des Expressionismus, Surrealismus, und sein Symbolismus beeinflusst: „Eine Retrospektive über ihn war mein Erweckungserlebnis“, sagte Petrick in Erinnerung an den belgischen Maler der Masken. „In den 1960er Jahren habe es eine regelrechte Aufbruchsstimmung gegeben.“

In seinen Ausdrucksformen war Wolfgang Petrick den Theorien der Neuen Sachlichkeit, dem Symbolismus Carl Gustav Jungs und Impulsen aus der Art brut verbunden. Dazu beschäftigte er sich mit einer der umfangreichsten Sammlungen der Kunst von psychisch Kranken, der Sammlung Prinzhorn. Die Bedeutung Petricks Arbeit wurde 2011 mit seiner Teilnahme an der Ausstellung Von Kirchner bis heute. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn gewürdigt. Weiteren künstlerische Einflüsse, die Abgrenzung als Kritischer Realist gegenüber anderen Formen des Realismus, erklärte Petrick 2004 anlässlich eines Interviews in New York City: „die Neue Sachlichkeit, die in gewisser Weise Teil des Dadaismus war – oder andere [Künstler] wie Grosz, Dix und vielleicht Beckmann.“ Außerhalb Berlins gab es unterschiedliche Formen von Realismus, die sich als Reaktion auf die Abstraktion manifestierten: „der Nouveau Réalisme in Paris, der Kapitalistische Realismus von Gerhard Richter und der Düsseldorfer Szene, sowie der Fotorealismus in Kalifornien. Die Kritischen Realisten unterschieden sich von diesen Formen des Realismus durch ihre Skepsis gegenüber kulturellem Überfluss und der Entmenschlichungstendenz der Konsumkultur.“

Für den Ausdruck der Gesichter in seinen Bildern wählte Wolfgang Petrick zunächst eine Vorlage, „die an Realismus nicht zu überbieten ist – den Atlas für gerichtliche Medizin von Otto Prokop, 1963 veröffentlicht vom VEB Verlag Volk und Gesundheit. Hier findet er Fotos von Erschlagenen, Erstochenen, Erschossenen. Die seltsam bleichen Gesichter der Toten mit ihren starr geöffneten Augen überleben in seiner Malerei.“ In Petricks Berliner Atelier am Schlesischen Tor kamen Portraitzeichnungen von Modellen hinzu: zumeist Frauen wie aus Hochglanzmagazinen, die, so Tim Gierig 1988, als „mit seiner Gerätschaft verwachsener Mensch“ hinab in apokalyptische Welten tauchen: „Es starren Waffe und Prothese. Froschmänner und Staubsaugeramazonen betreten die Bühne.“ Der Zusammenstoß des Organischen mit dem Mechanischen provoziert als Blickfang, doch vielmehr dienen die Robotermenschen als drastische Wegweiser durch die Höllenkreise des Diesseits.

Werk 1974 fragte Jens Christian Jensen: „Ist Petricks Kunst also zynischer Rapport, Anklage, Demaskierung mit den Mitteln der Groteske, utopischer Alptraum von einer Zukunft, in der die totale maschinenmäßige Manipulation des Menschlichen das geschundene Fleisch durch den Wolf dreht?“ Der damalige Direktor der Kunsthalle zu Kiel gibt selbst Antwort darauf: „Es ist alles dies, und es ist so, wie man in der erbarmungslosen Verzerrung des Todes die Macht des Humanen beschwört. Und so mag Petricks Werk das bewirken, was jede Kunst bewirken möchte: Veränderung.“

Eberhard Roters, Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie ging 1977 auf Petricks Installationen ein: „Der Verrottungsvorgang ist das Darstellungsprinzip, das die Arbeit Petricks in ihrer Wirkung bestimmt. Selten vorher ist Verrottung mit solcher Eindringlichkeit künstlerisch durchgeformt worden. Im Dickicht der Städte ist Petrick ins Unterholz gekrochen.“ Zudem wies der Museumskurator auf Petricks besondere Symbolik des gesellschaftlichen Zerfalls hin: „der verletzte Mensch, die verletzte menschliche Gestalt, das verletzte Menschenbild. Es geht dabei um die Verletzungen, die sich der Mensch selbst zufügt, durch die Erfindungen seiner eigenen Zivilisation.“ Der Kunstkritiker Heinz Ohff formuliert dazu: „Wolfgang Petricks Bilder schreien nicht. […] Die Bilder spiegeln das Entsetzen, das zurückbleibt, wenn es nach dem Schrei wieder still geworden ist.“

Alexander Tolnay, bis 2008 Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins, verweist auf die Vielschichtigkeit in der Wirkung von Petricks Arbeiten: „Obwohl in seinen intensiven Bildern so vieles laut wird, was beunruhigt – Globalisierung, Asyl, Gentechnik, ökonomische Krisen, Disziplinierung von Geist und Körper, Selbstoptimierung, Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste, Einschläge, Verfall – folgt man ihnen nur ganz, wenn man versteht, dass in allem Ungenießbaren, Unbehaglichen ein eigentümlicher Reiz liegt“, eine, so wie Petrick selbst formuliert: „Poesie der rätselhaften Dinge, die die Erinnerung an etwas bewahren, das einmal eine Bedeutung für die Menschen hatte.“

Jürgen Schilling, Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor der Deutschen Akademie Villa Massimo, blickt so auf das bis 2006 entstandene Werk: „Wolfgang Petricks Arbeit war nie gültig einzuordnen; alle Versuche, ihn aktuellen Gruppierungen zuzuordnen, mussten fehlschlagen. Seine jüngsten Werke belegen, dass er, von ästhetischer Neugier geleitet, unentwegt an neuartigen Konzepten arbeitet, um seine autonome Kunst fortzuentwickeln.“ Über Petricks Ausstellung in der Sara Asperger Gallery 2009, in der auch Werke seiner Aufarbeitung zu 9/11 präsentiert wurden, schrieb Jens Pepper im Tagesspiegel unter dem Titel Göttin der Feuerwehrmänner: „Es sind apokalyptisch anmutende Visionen einer im Umbruch oder im Zerfall begriffenen Gesellschaft. Schnappschüsse aus New York, am Computer bearbeitet und ausgedruckt, dienten als Grundlage für klassisch gezeichnete räumliche Strukturen, Graffitielemente und Figuren, die die ursprünglichen Motive überlagern und verdichten. […] ein außergewöhnlicher Zeichner, Maler, Bildhauer und Grafiker, der seine Vorstellungen und Auseinandersetzung mit Gegenwart bildgewaltig zu inszenieren versteht. Dabei ist er stilistisch bis heute völlig unabhängig von Moden geblieben, was ihn zu einem der spannendsten Künstler seiner Generation in Deutschland macht.“

In Petricks Skulpturen, seinen verzerrenden Anamorphosen, nehmen New Yorker Feuerwehrautos des 11. Septembers Tempo auf, rasen im Kreis der verspiegelten Zylinder, zeigen ihren Einsatz in apokalyptischen Karussellen. Go(o)d Speed titelt Petrick, wenn sich Perspektiven auflösen, sie sich nur im einzig gewollten Blickwinkel formieren. Simone Reber schrieb 2017 über die gleichnamige Ausstellung im Haus Liebermann über die mit Verzerrungen und Deformationen aufgeladenen Bildwelten unter dem Titel Mensch Zombie: „zum Beispiel Adam und Eva. Bei Wolfgang Petrick sind sie Wiedergänger mit zagem Leichenlächeln. Ausgerüstet mit Brustpanzer und Colt haben sie schon lange ihre Unschuld verloren. Petricks Bilder entstehen in Schichten. Er fotografiert, zeichnet, malt, scannt das Zwischenergebnis, bearbeitet es weiter, zerschneidet die Leinwand, flickt sie, montiert Objekte hinein, bis die Kreativität von der Zerstörung verschlungen ist.“