Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) – anders als bei der Unwahrheit – weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, sie aber mit der Absicht äußert, dass der Empfänger sie glaubt, oder anders formuliert „die (auch nonverbale) Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, im Gegenüber einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten [sic].“Jeannette Schmid: Lügen im Alltag. Zustandekommen und Bewertung kommunikativer Täuschungen. Münster 2000.

Lügen dienen dazu, einen Vorteil zu erlangen, zum Beispiel um einen Geldgewinn zu erlangen, eine Wahlentscheidung zu beeinflussen oder um Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder Strafe zu entgehen. Gelogen wird auch aus Höflichkeit, aus Scham, aus Angst, Furcht, Unsicherheit oder Not („Notlüge“), um die Pläne des Gegenübers zu vereiteln oder zum Schutz der eigenen Person, anderer Personen oder Interessen (z. B. Privatsphäre, Intimsphäre, wirtschaftliche Interessen), zwanghaft/pathologisch, um Harmonie herzustellen, Zwietracht zu säen oder eine Intrige zu spinnen.

Allgemeines Von einer Lüge spricht man nur dort, wo ein ernsthafter Verstoß gegen die Sitten gesehen wird. Soll ein persönliches Verständnis für eine bewusste Falschaussage geäußert werden, verwendet man umgangssprachliche Ausdrücke wie Geschwindel (Verb: schwindeln) oder Flunkerei (Verb: flunkern), so z. B. in Zusammenhang mit einem Scherz, bei emotionaler Überforderung, wenn ein Sachverhalt nur etwas beschönigt wird (Euphemismus) oder wenn die ausgedrückte Unwahrheit unmittelbar wieder zurückgenommen wurde.

Das umgangssprachliche Wort Schwindel hingegen bezeichnet entweder eine wiederum ernsthaftere Täuschungshandlung in Kombination mit einer gemeinen Lüge (z. B. Betrug) oder einen Scherz mit weitreichenden Folgen (z. B. Aprilscherz, Fake).

Die Lüge unterscheidet sich von der Täuschung dahingehend, dass eine Täuschung ohne das Mittel einer falschen Aussage verübt werden kann. Zum Beispiel täuscht man, wenn man vorgibt zu schlafen, um andere zu belauschen. Wenn man dann gefragt wird und sagt, man habe geschlafen, ist das eine Lüge. In der Werbung, im Verkaufsgespräch und in der politischen Propaganda wird oft mit Lügen und Täuschungen gearbeitet.

Die Lüge ist auf Sprache angewiesen: Lügen können in jeder Form geäußert werden, in der mit Sprache kommuniziert wird, zum Beispiel als Text in einer Zeitung oder in Gebärdensprache.

In der zwischenmenschlichen Kommunikation werden unterschieden: soziale Lüge Notlüge Zwecklüge vorsätzliche (dissoziale) Lüge zwanghafte, pathologische Lüge (Pseudologie) Ausrede

Die soziale Lüge soll dem Wohl des Belogenen oder der Harmonie einer Gruppe dienen. Diese Art der Lüge soll meist dem friedlichen Miteinander und der Leistungsmotivation nützen.

Die vorsätzliche Lüge oder auch gemeine bzw. verbrecherische Lüge hat den eigenen Vorteil zum Zweck und nimmt den Nachteil von Mitmenschen billigend in Kauf. Bei der Intrige (von , in Verlegenheit bringen) ist der Nachteil Anderer sogar das angestrebte Ziel.

Zwanghaftes Lügen wurde in der Psychiatrie gelegentlich als Pseudologie bezeichnet. Heutzutage sieht man darin jedoch kein eigenständiges Krankheitsbild mehr, sondern ein mögliches Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Der Autor Brad Blanton schlägt vor, auch Verhaltensweisen wie Informationszurückhaltung, Beschönigung und Übertreibung, aber auch soziale Phänomene wie Taktgefühl, Diplomatie als Formen der Lüge zu werten.

Rechtliches Strafrecht Grundsätzlich ist Lügen nicht strafbar, unabhängig davon, ob man sich mündlich oder schriftlich äußert. Ein Angeklagter darf zur Sache immer schweigen, aber auch lügen, um sich selbst zu entlasten, man spricht dann von einer Schutzbehauptung. Strafrechtlich relevant werden kann eine Lüge als Verleumdung. Zeugen sind bei Vernehmungen stets dazu verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Eine Lüge stellt ein Aussagedelikt dar, wie zum Beispiel Falschaussage oder Meineid. Als Spezialfall der Täuschung kann eine Lüge auch ein Betrugsdelikt darstellen, wenn es dadurch zu einer Vermögensschädigung der getäuschten Person kommt. Schriftliche Lügen können strafbar sein, wenn man zur wahrheitsgemäßen Protokollierung verpflichtet ist ( StGB – Falschbeurkundung im Amt).

Zivilrecht Auch zivilrechtlich ist niemand verpflichtet, in jedem Kontext die Wahrheit zu sagen. In Vorstellungsgesprächen darf zum Beispiel bei bestimmten Fragen gelogen werden. So entschied das Bundesarbeitsgericht am 19. Mai 1983,BAG, Urteil vom 19. Mai 1983, Az. 2 AZR 171/81. dass Lügen bei nicht relevanten Fragen, im abgeurteilten Fall die bisherige Höhe des Gehaltes, keine Anfechtung des Arbeitsvertrages wegen Täuschung rechtfertigt. Auch das Vorliegen einer Schwangerschaft darf verheimlicht werden,BAG Az. 2 AZR 227/92 sofern der Arbeitsplatz kein gesundheitliches Risiko für Schwangere darstellt, z. B. wegen Infektiosität oder Strahlenexposition. Auch Vorstrafen dürfen verheimlicht werden, sofern sie im Bundeszentralregister gemäß dem Bundeszentralregistergesetz gelöscht wurden. Gefälschte Zeugnisse jedoch stellen auch nach Jahren noch einen Kündigungsgrund dar.dazu LAG Köln vom 16. Juni 2000, Az. 11 Sa 1511/99 und LAG Nürnberg vom 24. August 2005, Az. 9 Sa 400/05. Nach Studien der Control Risk Group machen in Deutschland rund 12 % der Bewerber falsche Angaben über ihren beruflichen Werdegang. Im Einzelnen schummeln 30 % bei den Daten zur Beschäftigung, 18 % bei den Qualifikationen, 13 % bei den Gehaltsangaben, 11 % bei den Daten zum Lebenslauf, 6 % bei den Angaben zum Verhältnis zum ehemaligen Arbeitgeber, 4 % bei der Position und 1 % bei den Angaben zur Führungsverantwortung.Norman M. Spreng, Stefan Dietrich: Studien und Karriere-Ratgeber für Juristen. Springer Verlag, 2006, ISBN 3-540-23642-2, S. 184.

Auch Arbeitgeber desinformieren in Bewerbergesprächen. Nach Hesse/SchraderJürgen Hesse, Hans Christian Schrader: Das große Hesse/Schrader Bewerbungshandbuch. Eichborn Verlag, 2010. gilt es in Vorstellungsgesprächen als ein gutes Zeichen, wenn ein vermeintlicher Makel wie z. B. Gewerkschaftsengagement angesprochen wird, weil die Arbeitgeber tendenziell vermeiden, tatsächliche Ausscheidensgründe anzusprechen, besonders wenn sie nicht justiziabel sind. Beispiel für nicht justiziable Ausscheidungsgründe sind Geschlecht, Konfession, Parteizugehörigkeit, Gewerkschafts- oder Betriebsratsengagement etc.

Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags Im Deutschen Bundestag gilt es als unstatthaft, einen Abgeordneten der Lüge zu zeihen. Dies wird regelhaft mit einem Ordnungsruf oder mit einer Rüge durch den Bundestagspräsidenten geahndet. Nicht geahndet wird es dagegen, wenn einem Abgeordneten unterstellt wird, er habe die Unwahrheit gesagt, weil dies die Möglichkeit impliziert, er habe sich nur geirrt. Auch der Vorwurf, jemand habe „wissentlich die Unwahrheit“ gesagt, zieht gemeinhin keine Ordnungsmaßnahme nach sich.Armin Burkhardt: Zwischen Monolog und Dialog. Zur Theorie, Typologie und Geschichte des Zwischenrufs im deutschen Parlamentarismus. Walter De Gruyter, Berlin/New York 2004, S. 371.

Psychologie Psychologische Forschung In der psychologischen Forschung können mehrere Ansätze unterschieden werden, die jeweils darauf abzielen, Merkmale zu bestimmen, mit Hilfe welcher die Unterscheidung zwischen einer wahren und einer falschen Erinnerung bzw. Aussage möglich ist.

Der Fokus kann entweder auf der Erinnerung liegen oder auf der Person, um deren Erinnerung es sich handelt. Weiterhin muss zwischen der bewussten und unbewussten Lüge differenziert werden, da sich die Verhaltensmerkmale der Personen und Inhalte der Aussagen in beiden Fällen unterscheiden.

Legt man den Fokus auf die Person, kann man zum Beispiel herausfinden, ob die Person in ihrer Vergangenheit schon häufiger gelogen hat, was ein Hinweis sein könnte. Weitere Möglichkeiten bestehen in der Analyse von verschiedenen Verhaltensmerkmalen oder auch Mikroexpressionen in der Mimik. Dies lässt sich jedoch nur anwenden, wenn es sich um eine bewusste Lüge handelt.

Bei der Fokussierung auf die Erinnerung werden die Inhalte nach Hinweisen untersucht, die falsche Erinnerungen von wahren Erinnerungen unterscheiden. Kriterien zur Untersuchung sind die logische Struktur, der Anteil an Details und weitere. Ein Problem der unbewussten Lüge besteht darin, dass die Erinnerungen sehr detailliert und reich an Informationen sein können und somit schwer von einer wahren Erinnerung unterschieden werden können.

Psychiatrisch-psychotherapeutische Unterscheidungen Psychotherapeutisch wird unterschieden zwischen unbewussten und bewussten Lügen. Mit dem Problem der falschen Erinnerung beschäftigt sich die Glaubwürdigkeitsbegutachtung. Als Konfabulation bezeichnet man eine sinnlos phantastische Ausdeutung für Erinnerungslücken, die im Rahmen einer exogenen Psychose auftreten und typisch für das Korsakow-Syndrom (= Sekundengedächtnis + Konfabulation + Desorientiertheit) bei Alkoholmissbrauch sind.

Nach Heinz Kohut unterscheiden wir bei den unbewussten Lügen solche, die Ergebnis einer frühkindlichen Verwahrlosung sind (Pseudologie), von Lügen, die Ergebnis einer unzureichenden Verinnerlichung elterlicher Normen im Rahmen der ödipalen Phase entstanden sind. Ein Gewissen aus Einsicht entwickelt sich nach dem allgemeinen psychoanalytischen Verständnis lebensgeschichtlich erst in der phallisch-ödipalen Phase etwa im 4. bis 6. Lebensjahr. Der Vorläufer eines Gewissens aus Einsicht ist nach Schorsch das sogenannte präödipale Gewissen, das sich aus einer Strafangst und einem Kontrollbedürfnis entwickelt.

Bewusste, vorsätzliche Lügen stellen in der Psychotherapie oft ein großes Problem dar. Léon Wurmser (1999) machte auf das Problem der institutionellen Verankerung der bewussten Lüge aufmerksam. Als Beispiele nennt er Krankenhäuser, Universitäten sowie Politik und Wirtschaft. Er habe viele Patienten, bei denen das Lügen eine Gewohnheit sei, die erst in der Psychotherapie fragwürdig und dann zu einem gewichtigen Gewissensdilemma werde. Er selbst habe kaum je in einer Institution gearbeitet, wo das Lügen nicht zu einem Hauptinstrument der Macht, der Administration, geworden sei und die Weigerung daran teilzunehmen als Schwäche oder gar als Verrat behandelt worden wäre. Gewöhnlich werde nicht bedacht, dass kein Vertrauen in einer Gesellschaft möglich sei, in der Täuschung und Lügen geduldet, ja gepriesen werden und sich ein Abgrund des Misstrauens, ein paranoider Stil öffne, wenn das Ausmaß der Unwahrheit eine gewisse Schwelle überschreite.

Neurobiologie pathologischer Lügner Nach einer Studie der Universität Südkalifornien haben pathologische Lügner eine veränderte Hirnstruktur. Sie haben einen größeren Anteil von der für Informationsübermittlung zuständigen weißen Substanz im präfrontalen Cortex als gesunde Vergleichspersonen und einen geringeren Anteil von grauer Substanz, die für Informationsverarbeitung zuständig ist., in: 3sat, nano, 30. September 2005 [19. Februar 2006]

Verhalten während des Lügens Es gibt äußerlich sichtbare, aber nicht eindeutige Anzeichen dafür, dass jemand lügt. Sie beruhen auf unbewussten Verhaltensänderungen, die durch Stress hervorgerufen werden, und unterscheiden sich teilweise von Mensch zu Mensch. Manche Verhaltensweise ist ambivalent – manche Menschen meiden Blickkontakt, wenn sie lügen, andere suchen diesen geradezu, um zu prüfen, ob die Lüge geglaubt wird. Deshalb ist es selbst für Lügendetektoren und geübte Personen nicht zuverlässig möglich, herauszufinden, ob jemand lügt. Selbst wenn man Lügen erkennt, ist nicht zu erkennen, welcher Teil einer Aussage falsch ist und erst recht nicht, was die Wahrheit ist.

Folgende nicht eindeutige Handlungen und Merkmale können Anzeichen einer Lüge sein: Augenbewegung Meidung von Blickkontakt zum Gesprächspartner Verdrehen der Augen häufigeres Blinzeln Augen beim Blinzeln länger geschlossen