Das Gymnasium Gleichense in Ohrdruf (Thüringen) ist ein allgemeinbildendes Gymnasium. Es gehört, im Jahre 1564 gegründet, zu den ältesten Schulen im deutschen Sprachraum. Sein heutiger Name ist auf ihren Gründer und Förderer den Graf von Gleichen zurückzuführen.

Schulchronik Vorgeschichte ab dem 8. Jahrhundert In Ohrdruf gab es bereits im Mittelalter gehobenen Unterricht. Im Jahre 725 errichtete Bonifatius direkt am linken Ufer der Ohra, am Standort der heutigen Michaelisschule, eine Benediktinerkloster. Dieses dem Erzengel Michael geweihte Kloster war das erste Kloster und sogleich die älteste Bildungsstätte in Thüringen. Als weitere Bildungsstätten kamen später die Schule des Petriklosters und des Petristiftes am rechten Ohraufer hinzu.

Lateinschule (1564 bis 1623) Die Ohrdrufer Lateinschule entstand im Rahmen der Reformation während der Schulgründungen in den deutschen Ländern und stand somit unter protestantischem Einfluss. Sie ist die erste neuzeitlich höhere Schule in Ohrdruf und wurde im Jahre 1564 durch den Grafen Georg II. von Gleichen (* 1509; † 1570) gegründet. Dieses, sich in seiner Blütezeit befindliche, Grafengeschlecht war für Wissenschaft, Bildung und Kunst sehr aufgeschlossen. So schufen die Grafen Philipp Ernst (* 1562; † 1619) und Hans Ludwig (* 1565; † 1631) im Jahre 1622 die Gräflich Gleichensche Schulstiftung mit 10.000 Meißnischen Gulden. Nur durch diese große Geldsumme war es möglich, dass die höhere Schulanstalt in Ohrdruf bestehen konnte. Philipp Ernst stiftete kurz vor seinem Tod nochmals 4000 Meißnische Gulden. Auch Hans Ludwig fügte nochmals 6000 Meißnische Gulden hinzu und erließ in einer Stiftungsurkunde genaue Nutzungsbestimmungen. Viele dieser Dokumente sind bis heute im Historischen Archiv der Stadt Ohrdruf erhalten geblieben.

Lyzeum Ohrdruviense (1623 bis 1660) Diese Schulstiftung trug maßgeblich zur Aufwertung und Förderung der Ohrdrufer Lateinschule bei. Dadurch wurde sie durch den Landesherren, den Grafen von Gleichen, im Jahre 1623 zum Lyzeum erhoben. Von nun an gab es an dieser Gelehrtenschule einen vollständigen universitätsvorbereitenden Kursus in Latein und Griechisch, womit die Absolventen unmittelbar aus der obersten Klasse an die Universitäten wechseln konnten. Die Pestjahre vom 14. bis 17. Jahrhundert und die zahlreichen Stadtbrände (16. bis 19. Jahrhundert) setzten dem Ohrdrufer Schulleben stark zu. So brannte das Schulgebäude dreimal vollständig ab (1510, 1653 und 1753).

Lyzeum illustre Ohrdruviense (1660 bis 1854) Die Verleihung des Namens Lyzeum illustre stellte eine weitere Statuserhöhung für die höhere Lehranstalt Ohrdrufs dar. Das lateinische Wort illustris, -e bedeutet so viel wie ‚glänzend, berühmt, vortrefflich‘. Dieses schmückende Beiwort stand unter anderen für die besondere Leistungsfähigkeit des hochschulvorbereitenden Unterrichts und hatte die Erweiterung des Lehrprogramms zur Folge. So hielten universitätsnahe Kurse wie Philosophie, Rhetorik, Ethik, Logik, Hebräisch Einzug in den Unterrichtsplan.

250px|mini| Schulmatrikel des Lyzeums OhrdrufJ. S. Bach ist der vierte Schüler in der zweiten Liste.

Johann Sebastian Bach am Lyzeum illustre Ohrdruviense (1695 bis 1700) Johann Sebastian Bach ist der berühmteste Schüler des Ohrdrufer Lyzeums. In Ohrdruf erwarb Bach einen großen Teil seiner Bildung und wesentliche geistige Anregungen für sein späteres Schaffen. Nach dem Tod seiner Eltern Ambrosius († 1695) und Maria Elisabeth Bach († 1694) kam der Zehnjährige gemeinsam mit seinem Bruder Johann Jacob zu seinem älteren Bruder Johann Christoph Bach (1671–1721) nach Ohrdruf. Johann Christoph war Organist an der Michaeliskirche. Durch ihn lernte Johann Sebastian auch das Orgel- und Klavierspielen. Das Ohrdrufer Lyzeum besuchte Bach von der Quarta, in der der Lateinunterricht einsetzte, über die Tertia und Sekunda bis hin zum ersten Jahr der Prima. Am 15. März 1700 verließ Bach Ohrdruf, da er keinen Freitisch (also kein Stipendium) mehr erhalten konnte, und setzte den Schulbesuch bis zum Abschluss in Lüneburg fort. Seine in diesen Jahren erworbenen umfangreichen Lateinkenntnisse kamen ihm bei seiner späteren Berufung zum Amt des Thomaskantors zugute. Während seiner Ohrdrufer Schulzeit zählte er stets zu den jüngsten und gleichzeitig leistungsstärksten Schülern seiner Klasse. Johann Sebastian Bach gehörte während seiner gesamten Ohrdrufer Schulzeit der Kurrende an.

Moderne Sprachen seit Mitte des 18. Jahrhunderts Im Jahre 1740 wurde der französische Sprachunterricht am Lyzeum illustre Ohrdruviense eingeführt. Daneben etablierten sich Englisch und Italienisch im Jahre 1818. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gewannen auch die Fächer Mathematik (besonders die Geometrie), Geographie und Geschichte immer mehr an Bedeutung. Damit folgte die höhere Lehranstalt Ohrdrufs dem weltoffenen Zeitgeist des höfischen Lebens.

Aufbau einer wissenschaftlichen Bibliothek in der Mitte des 18. Jahrhunderts Der Direktor Dr. Friedrich Krügelstein (* 1774; † 1849) begann während seines Direktoriats mit dem Aufbau einer wissenschaftlichen Bibliothek, als nützliches Hilfsmittel und Statussymbol einer jeden höheren Schule. Zu den vertretenen Sachgebieten zählten: griechische und römische Autoren griechische, lateinische und deutsche Sprache neuere Sprachen Zeitschriften Geschichte Heimatgeschichte (Thüringen und Ohrdruf) Biographien Geographie, Reisebeschreibungen, Wandkarten und Atlanten Naturgeschichte Physik, Chemie, Mathematik Pädagogik Mythologie Musikalien

Zwar überstand diese Bibliothek den Zweiten Weltkrieg, jedoch wurde sie in den Nachkriegsjahren aufgelöst und die Bücher vernichtet.

Verlust der Bezeichnung „Lyzeum“ (1854) Seit dem Jahre 1830 kam es zum Niedergang des Ohrdrufer Lyzeums. Die Schülerzahlen sanken drastisch und so ging 1835 der letzte Absolvent des Lyzeums an eine Universität. Außerdem wurde der Hebräischunterricht eingestellt. Im Jahre 1839 kam vorübergehend nicht einmal eine Prima zustande und auch im Jahre 1847 war dies nicht möglich. So verlor diese Ohrdrufer Lehranstalt, nach 231 Jahren als Lyzeum, im Jahre 1854 diese Bezeichnung. Daraufhin wurde der Unterricht in den beiden oberen Klassenstufen eingestellt, und die Schüler konnten nicht mehr die Hochschulreife erwerben. 1863 wurde die Ohrdrufer höhere Schule in ein Progymnasium umgewandelt, mit dem Recht, Schüler zum Eintritt in die oberen Klassen eines Gymnasiums oder einer Oberrealschule vorzubereiten.

Progymnasium (1854 bis 1863) Die Schüler besuchten die Ohrdrufer Lehranstalt nur noch bis zum 16. Lebensjahr, um danach in die obere Klasse eines Gymnasiums, meist in Gotha, beziehungsweise einer Oberrealschule zu wechseln oder einen nichtakademischen und praktischen Beruf zu erlernen.

Realschule mit Progymnasium (1863 bis 1907) Ostern 1863 wurde die Ohrdrufer Lehranstalt zu einer Realschule II. Ordnung mit progymnasialen Nebenklassen umgestaltet und bekam den Namen „Realschule und Progymnasium“. Es wurde in allen Klassen Latein- und Französischunterricht erteilt. Griechischunterricht bekamen ausschließlich die Progymnasiasten ab Tertia.

270px|mini|Das Renaissanceschloss Ehrenstein am rechten Ohraufer. Von 1870 bis 1946 und von 1952 bis 1954 Schulhaus des Ohrdrufer Gymnasiums.

Gräflich Gleichensches Gymnasium/Gymnasium Gleichense (1870 bis 1907) Im Sommer des Jahres 1869 wurde die Ohrdrufer Realschule Staatsanstalt und zog infolgedessen am 18. Oktober 1870 von der Michaelisschule in das benachbarte Schloss Ehrenstein um. Zur Ehrung der Gründer und Förderer der höheren Schule in Ohrdruf, der Grafen von Gleichen, bekam die Schule ebenfalls im Jahre 1870 den Namen „Gräflich Gleichensches Gymnasium“. Somit wurde die Bürgerschule, welche in der Michaelisschule verblieb, erstmals in der Ohrdrufer Geschichte von der höheren Schule räumlich und organisatorisch getrennt.

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (2006) Als erste Schule im Landkreis Gotha trägt das Gymnasium Gleichense das Prädikat „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Knapp 80 % der Schüler, Lehrer und des Schulpersonals haben in einer Unterschriftenaktion erklärt, sich aktiv gegen Gewalt und Diskriminierung einzusetzen. Unterstützung findet die Schule dabei durch den Oberhofer Biathleten Alexander Wolf, der die Patenschaft für dieses Projekt übernommen hat.

Zeittafel Jahr Ereignisab 8. JahrhundertKlosterschule16. JahrhundertEinfluss durch die Reformatoren Luther und Melanchthon1564Lateinschule, gegründet durch die Grafen von Gleichen1622Gräflich Gleichensche Schulstiftung durch Phillip Ernst und Hans Ludwig von Gleichen, die den Bestand der Schule bis 1850 sichern hilft1623Lyzeum Gelehrtenschule / höhere Lehranstalt; unmittelbare Hochschulreife; Latein und Griechisch; „Lyzeum illustre“1695 bis 1700Johann Sebastian Bach besuchte das Ohrdrufer Lyzeum1753Brandkatastrophe in der Schulgasse (heutige Johann-Sebastian-Bach-Straße)1755Neubau der Michaelisschule; moderner Unterricht, unter anderen Französisch und Englisch; Gründung der wissenschaftlichen Bibliothek durch Dr. Friedrich Krügelstein1870 bis 1946„Gräflich Gleichensches Gymnasium“1854 bis 1945Verlust der Bezeichnung Lyzeum und der direkten Hochschulreife durch Wegfall der zwei oberen Klassen; vorbereitende Anstalt für Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen1863Progymnasiumab 1895 bis 1907Übergang zur lateinlosen Realschule1907 bis 1937„Gräflich Gleichensche Realschule“1923 bis 1937„Deutsche Aufbauschule“; Wahlfach Latein1938„Oberschule für Jungen“1942Einführung der 6. Jahrgangsstufe (10. Klasse); weiterer Aufbau scheitert am Zweiten Weltkrieg1945/46Oberschule im Schloss „Ehrenstein“1947Einheitsschule (Grundschule und Oberschule); 12-Jahrschule in der Michaelisschule19489 Schüler bestehen das Abitur; vollwertige Hochschulreife nach über 100 Jahren1949 bis 1951jeweils eine Klasse Abiturienten1951Zusammenschluss aufgehoben1. Januar 1952Internatsoberschule im Schloss mit 270 Schülern und 23 Lehrern1952 bis 1954jeweils Abiturienten1954Sowjetunion übernimmt das Schloss als Schule1958 bis 1991Polytechnische Oberschule „Erich Weinert“, Teilung 1983, POS „M. A. Buchtujew“1991Wiedereröffnung des Gymnasiums1992Namensgebung „Gymnasium Gleichense“1993Erster Abiturabschlussjahrgang1996Festwoche „5 Jahre Gymnasium Gleichense“ unter anderem 1. Absolvententreffen, Theater- u. Chorprogramme im Schloss Ehrenstein2001Festwoche „10 Jahre Gymnasium Gleichense“ unter anderem 2. Absolvententreffen (Berghof), Theater- und Chorkonzerte200310 Jahre Abitur2004440 Jahre höhere Schule in Ohrdruf2006Rauchfreie Schule6. September 2006Zeichen gegen Rechts: „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“

Rektoren, Direktoren, Schulleiter der höheren Schule zu Ohrdruf (1564 bis 2006)