Quantifizierung (von „wie groß, so groß“ und lateinisch facere „machen“) ist die Beschreibung von Sachverhalten und Tatbeständen durch Angabe von Mengen, Werten oder Zahlen.

Allgemeines Die Tendenz zur Quantifizierung bedeutet, dass Präzision und Exaktheit gesucht werden an Stelle von vagen oder qualitativen Angaben. Quantifizierung ist die Umformung der Darstellung von Eigenschaften auf mathematisch messbare Größen,Ruth Klappenbach, Wolfgang Steinitz (Hrsg.), Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Band 4, 1977, S. 2912 etwa die Umformung von weichen Daten in harte Daten. Dabei werden Eigenschaften und Beschaffenheit von Gegenständen, Sachverhalten und Tatbeständen in Zahlenwerte, insbesondere Kardinalzahlen, umformuliert.

Die Forderung nach höchstmöglicher Genauigkeit der Messungen führt zwangsläufig zu dem Versuch, Datenerhebung und Datenauswertung mittels mathematisch-statistischer Verfahren zu präzisieren und zu standardisieren. Das Streben nach Quantifizierung ist nicht dogmatisch, sondern ein nützliches Ziel, das dort anzustreben ist, wo es der Gegenstandsbereich erlaubt.Dieter Nohlen/Rainer-Olaf Schultze, Lexikon der Politikwissenschaft, 2010, S. 76

Quantifizierungsverfahren Voraussetzung für eine Quantifizierung ist die Definition einer quantifizierbaren Größe und die Angabe eines Quantifizierungsverfahrens. Eine Vergleichbarkeit entsteht durch die Anwendung desselben Verfahrens auf unterschiedliche Tatbestände oder Sachverhalte. Quantifizierung ermöglicht die Entwicklung und Verwendung differenzierter quantitativer Modelle eines Fachgebietes und damit bewusst gesteuertes, differenziert-zielgerichtetes Handeln – im Gegensatz zu intuitiv gesteuertem Handeln.

Die zum Zwecke der Quantifizierung eingesetzten Quantifizierungsverfahren sind vielfältig. Um ihre Akzeptanz zu gewährleisten, muss die Umsetzbarkeit und Integrationsfähigkeit des Verfahrens geprüft werden.Mario Sommer, Konzeption eines DV-Systems zur Quantifizierung von Kreditrisiko unter Berücksichtigung von Bonitätsmigrationen, 2003, S. 9

Folgende Quantifizierungsverfahren werden angewandt:Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (Hrsg.), Innovationen in der Produktion, 2003, S. 104 Direkte Messung weist den höchsten Quantifizierungsgrad auf und gilt als objektive, analytisch verwendbare Größe. Indirekte Quantifizierung über Berechnung erfolgt, wenn eine direkte Messung nicht möglich oder unwirtschaftlich ist. Schätzung durch Experten, wobei Schätzwerte im Regelfall eine geringere Genauigkeit aufweisen. Die Zuverlässigkeit des Quantifizierungsverfahrens ist am geringsten bei der durch Schätzung erzielten Quantifizierung.

Logik

Die Quantifizierung durch einen Allquantor bezeichnet man als Allquantifikation, die durch einen Existenzquantor als Existenzquantifikation.

Naturwissenschaft und Technik Quantifikation ist die durch einen Quantor zu erreichende Umwandlung freier Variabler einer Aussageform in gebundene Variable, also die Umwandlung einer Aussageform zu einer (wahren oder falschen) Aussage.Fischer Taschenbuch-Verlag (Hrsg.), Lexikon der Technik und der Naturwissenschaften, Band 8, 1972, S. 2366 f.; ISBN 3-436-01565-2 In der Meteorologie beispielsweise stellen Wetterdaten die Quantifizierung unscharfer Begriffe wie „heiß“, „trocken“ oder „windstill“ durch Messung der Lufttemperatur (35° Celsius), Luftfeuchtigkeit (30 %) oder Windstärke (0) dar.

Quantifizierbare Größen sind etwa Temperatur, Zeit, Winkel, Frequenz, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Kraft, Druck, elektrische Spannung, Lichtstärke, Strahlendosis. Die Messung besteht in der Gewinnung eines Messwertes, – oft mittels Umformung in ein elektrisches Analog- oder Digitalsignal. Der eigentliche Messfühler heißt Sensor, das Teilgebiet für Sensoren also Sensorik.

Vertreter der klassischen Verhaltensbiologie entwickelten ein sogenanntes Prinzip der doppelten Quantifizierung im Rahmen der Instinkttheorie.Reinhard K. Sprenger/Thomas Plaßmann, Mythos Motivation, 2010, S. 75 Hierbei ging man davon aus, dass Intensität und Geschwindigkeit einer Instinkthandlung von der Qualität des Schlüsselreizes und der Stärke der Handlungsbereitschaft eines Tieres abhängen.

Prädikatenlogik Quantifizierung () ist in der Prädikatenlogik die Anwendung von Quantoren zur Darstellung der logischen Formen universaler (Allquantor: ∀) und partikularer (Existenzquantor: ∃) Urteile.Peter Prechtl, Quantifizierung, in: Helmut Glück (Hrsg.), Metzler Lexikon Sprache, 2010, S. 547

Experimentelle Diagnostik In der Experimentalpsychologie geht es in weiten Teilen darum, qualitative Eigenschaften eines Verhaltens oder einer Leistung detaillierter fassbar, vergleichbar und möglichst objektiv bewertbar zu gestalten. Dazu bedient sich die Testpsychologie geeigneter Verfahren, die über eine Faktorenanalyse und Quantifizierung das zunächst nur einer subjektiven Beobachtung und daraus erwachsenden Bewertung zugänglich erscheinende Ausgangsmaterial einer möglichst objektiven Analyse und statistischen Auswertung zuzuführen. Das bedeutet, dass die Eigenschaften in Zahlenwerte, Qualitäten in Quantitäten transferiert werden müssen.

So zerlegt beispielsweise der Wiener Koordinationsparcours das sehr komplexe Fähigkeitsspektrum der Koordinativen Fähigkeiten mittels einer Faktorenanalyse zunächst in ihre wichtigsten Komponenten. Diese werden anschließend in einer sogenannten Testbatterie miteinander verbunden, über spezifische Aufgabenstellungen provoziert und unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Anforderungen an das Koordinationsvermögen mit der Schnelligkeit der geforderten Bewegungsabläufe graduell erhöhen, über den Korridor der Zeitmessung in Zahlenwerte umgesetzt.Siegbert Warwitz, Der Wiener Koordinationsparcours, in: ders.: Das sportwissenschaftliche Experiment. Planung-Durchführung-Auswertung-Deutung, Verlag Hofmann, Schorndorf, 1976, S. 48–62Klaus Bös, Der Wiener Koordinationsparcours von Warwitz, in: ders.: Handbuch sportmotorischer Tests, 2. Auflage, Göttingen, 2001, S. 361–364 Aus den Rohscores erwachsende, in Zahlen dargestellte Normentafeln ermöglichen in der Folge eine vergleichende Analyse und Bewertung der Testleistungen.Norbert Schirach, Die Erstellung von Normentabellen zu einer sportmotorischen Testbatterie (Wiener Koordinationsparcours), Wiss. Staatsexamensarbeit, Karlsruhe, 1979

In ähnlicher Weise verfährt die Psychologische Diagnostik methodisch mit dem Phänomen der Intelligenz. Sie isoliert zunächst die als relevant eingestuften Faktoren, um sie anschließend über darauf zugeschnittene Aufgabenstellungen in Subtests einer Batterie leistungsmäßig erkennbar zu machen. Vorreiter dieser Strategie waren etwa Alfred Binet, der als Begründer der Psychometrie gilt, Charles Spearman, dem wesentliche Impulse zur Entwicklung der Klassischen Testtheorie zu verdanken sind oder John C. Raven, der mit seinen Matrizentests bahnbrechende Forschungsarbeit zur Umsetzung und Auswertung beigetragen hat.K. J. Groffmann, Die Entwicklung der Intelligenzmessung, in: Robert Heiss (Hrsg.), Psychologische Diagnostik (= Handbuch der Psychologie. Band 6), C. J. Hogrefe, Göttingen, 1964, S. 148–199Gustav A. Lienert/Ulrich Raatz, Testaufbau und Testanalyse. 6. Auflage. Beltz, Weinheim, 2011 Intelligenz wird durch den Intelligenzquotienten quantifiziert.

Pädagogik In Schulen, Universitäten oder sonstigen Bildungseinrichtungen, die mit Prüfungen abschließen, wird die Leistung durch Benotung gemessen. Die Quantifizierung der Schulleistung erfolgt durch Schulnoten, der Arbeitsleistung durch Mitarbeiterbewertungen oder dienstliche Beurteilungen, die in Leistungsklassen abgestuft werden können.

Psychologie und Psychiatrie Quantifizierung ist in der Psychologie die Bezeichnung für das „Ausdrücken von Eigenschaften in Zahlen bzw. in Bezug auf Skalen des Messens, einschließlich der eventuell notwendigen Prozedur der Umwandlung von Qualitäten in Quantitäten“.James Drever/Werner D. Fröhlich, dtv Wörterbuch zur Psychologie, 1970, S. 215; ISBN 978-3-423-03031-1

Psychologische Prozesse sind vielfältig und komplex. Während gewisse Reaktionen in einem Reiz-Reaktions-Modell gut messbar sind, sind andere Prozesse wie Furcht und Träume quantitativ nur schwer zu erfassen. Quantifizierung dient der Externalisierung, Validierung und Verbesserung der Reliabilität. Selbstberichtsverfahren können der statistischen Auswertung dienen, etwa bei der Meinungsforschung.Philip G. Zimbardo/Richard J. Gerrig, Psychologie, Pearson, Hallbergmoos bei München, 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8; S. 39 f. zu Stw. „Quantifizierung“ Einzelne Autoren wie Hans Heinrich Wieck haben sich – etwa zur Verbesserung der Diagnostik bei Funktionspsychosen – um die Quantifizierung von Befunden besonders verdient gemacht.Hans Heinrich Wieck/K. Stäcker, Zur Dynamik des »amnestischen« Durchgangs-Syndroms, Arch. Psychiat. Nervenkr., 1964, S. 479–512 Einerseits sind also naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden, andererseits sind nur metapsychologische über das konkret Erfahrbare hinausgehende begriffliche Annäherungen möglich.Uwe Henrik Peters, Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München, 1984; S. 349 f. zu Wb.-Lemma: „Metapsychologie“. Eine solche begriffliche Annäherung stellt der von Sigmund Freud geprägte Begriff des Affektbetrags dar. Die Quantifizierung kommt auch in seiner Lehre von der Ökonomie zum Ausdruck. Testpsychologische Verfahren werden in der experimentellen Diagnostik verwendet. Auf die Grenzen der psychologisch-psychiatrischen Quantifizierung wird hier in einem weiteren Kapitel eingegangen.

Geisteswissenschaften Geisteswissenschaften wie Quantitative Linguistik, Psychologie und Soziologie versuchen oft, Einstellungen und Verhalten von Individuen oder Gruppen über quantitative Modelle zu erfassen. Da menschliches Verhalten starken Variationen unterworfen ist, sind diese Modelle fast immer statistischer Natur und treffen Wahrscheinlichkeitsaussagen.

Ökonometrie Mit der Aufstellung eines ökonometrischen Modells ist ein wichtiger Schritt zur Quantifizierung ökonomischer Theorien getan. Erhebt eine Theorie Realitätsanspruch, müssen sich die in einem Modell formulierten Beziehungen zwischen den ökonomischen Variablen auch in den tatsächlichen Beobachtungen dieser Variablen widerspiegeln.Walter Assenmacher, Einführung in die Ökonometrie, 2002, S. 47 Die Vorteile, die aus einer Ergänzung qualitativer Beziehungen durch ihre Quantifizierung erwachsen, werden nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften immer deutlicher erkannt.Walter Assenmacher, Einführung in die Ökonometrie, 2002, S. 6

Sport Um im Sport bei Wettkämpfen den oder die Sieger zu ermitteln, muss die sportliche Leistung gemessen werden. Das ist bei allen Sportarten möglich durch Zeitmessung (etwa im Laufsport, Schwimmsport), Zählung von Punkten (Basketball, Eishockey) und Toren (Fußball, Handball) sowie Höhen (Hochsprung, Stabhochsprung) oder Weiten (Weitsprung). Es handelt sich hierbei um Messgrößen, mit denen die sportliche Leistung gemessen und damit quantifiziert werden kann. Wer die beste Messgröße erreicht, gilt als Sieger.

Wirtschaft Im Prozessschritt der Quantifizierung müssen in Unternehmen Eigenschaften und Beschaffenheit von Sachverhalten in messbare Größen und Zahlen umformuliert werden.Sebastian Reddeker, Werbung und Identität im multikulturellen Raum, 2011, S. 48 Die Kapazität oder die Auslastung eines Arbeiters kann beispielsweise als maximal mögliche bzw. tatsächliche Stückzahl gefertigter Güter pro Zeitspanne bestimmt werden. Die schnelle und zutreffende Interpretierbarkeit von quantifizierten Unternehmensrisiken hat maßgeblichen Einfluss auf das Erkennen von Schwachstellen im Unternehmen.Reto Dinkelmann, Kriterien und Instrumente zur Risikofrüherkennung im Firmenkundengeschäft der Banken, 1995, S. 174 f.; ISBN 978-3-258-05250-2