Die Seeschlacht bei Tsushima (; ) fand vom bis zum folgenden Tag in der Koreastraße zwischen der japanischen Flotte unter Admiral Tōgō Heihachirō und dem russischen Zweiten Pazifik-Geschwader unter dem Kommando von Admiral Sinowi Petrowitsch Roschestwenski statt. Die Seeschlacht endete mit einer vernichtenden Niederlage der russischen Seite und war vorentscheidend für den Ausgang des Russisch-Japanischen Krieges.
Vorgeschichte mini|Die Baltische Flotte legte in den Heimathäfen Sankt Petersburg, Reval (Tallinn) und Libau (Liepāja) ab. Erklärung zu den Farben: blau: Flotte Roschestwenski (umrundet Afrika, etwa 33.000 km); rot: Geschwader Dobrotvorski; braun: Geschwader Fölkersahm. Nicht abgebildet ist die Route der Flotte Nebogatow, bis etwa auf Höhe von Mogadischu mit Fölkersahm identisch, verläuft sie über Daressalam nach Nosy Be/Diego Suárez, wo sie sich mit Roschestwenski/Fölkersahm vereint.
Nach der strategischen Niederlage in der Schlacht im gelben Meer, und damit noch vor dem Fall von Port Arthur am 2. Januar 1905, wurde das aus Teilen der Baltischen Flotte bestehende Zweite Pazifik-Geschwader unter dem Kommando von Sinowi Roschestwenski am 15. Oktober 1904 auf die achtmonatige und 18.000 Seemeilen lange Fahrt ins japanische Meer entsandt, um die Reste der russischen Pazifikflotte in Wladiwostok zu entsetzen.Evans, Peattie: Kaigun, Naval Institute Press, Annapolis 2012, S. 109f. Die russische Flotte sah sich von Beginn ihrer Reise an mit verschiedensten Problemen konfrontiert. Neben der Bereitstellung von KohleSchätzungen gingen davon aus, dass mehr als 3.000 Tonnen Kohle pro Tag benötigt würden. stellte die Besetzung der Flotte mit gut ausgebildeten Männern die größte Schwierigkeit dar. Unter den 12.000 Mann, die benötigt wurden, um alle Schiffe zu besetzen, befanden sich viele Kriminelle und Gegner der Monarchie.Connaughton: Rising sun and tumbling bear. Cassell, London 2003, S. 241ff. Der japanischen Seite blieb diese lange und noch durch den Doggerbank-Zwischenfall verzögerte Reise nicht verborgen. Daher nutzte Admiral Tōgō die Zeit bis zur Ankunft der russischen Flotte, um seine Schiffe zu reparieren und seine Mannschaften mit zahlreichen Manövern und Geschützdrill auf die kommende Schlacht vorzubereiten.Jukes: The Russo-Japanese War 1904–1905. Osprey, Oxford 2002, S. 68.
Die Flotten Die japanische Flotte Entgegen der Erwartung der russischen Führung war die japanische Flotte bei Ausbruch des Krieges in einem ausgezeichneten Zustand. Der Großteil der japanischen Einheitslinienschiffe und Kreuzer war zwar bereits vor der Jahrhundertwende gebaut worden, stand den moderneren russischen Schiffen jedoch hinsichtlich Ausrüstung und Kampfkraft in nichts nach. Im Verband befanden sich auch modernste Einheiten, die vom mit Japan verbündeten Großbritannien geliefert worden waren. Der Ausbildungsstand in der japanischen Flotte galt unter Fachleuten als hervorragend. Im Gegensatz zu russischen Matrosen, die oftmals nur während der Sommermonate ihre Manöverübungen abhielten, verbrachten die japanischen Seeleute fast das gesamte Jahr auf See. Dadurch kannten sie Schiff und Ausrüstung besser und konnten auch umfangreichere Gefechtsübungen absolvieren. Admiral Tōgō und einige seiner ihm unterstellten Offiziere hatten die Seekriegführung an britischen Marineakademien erlernt. Nicht zuletzt hatten die Japaner in der Belagerung von Port Arthur und im Gelben Meer wichtige Kampferfahrung sammeln können. Sie gingen, ermutigt durch diese ersten Erfolge, überaus siegesgewiss und motiviert in das Gefecht.
Die russische Flotte mini|hochkant|Admiral Sinowi Roschestwenski Das Zweite russische Pazifikgeschwader bestand aus einer Vielzahl unterschiedlicher Schiffe. Nur die Knjas Suworow, die Imperator Alexander III., die Borodino und die Orjol waren neuerer Bauart und einheitlichen Typs (Borodino-Klasse). Der Rest des Verbandes bestand aus teils veralteten Kreuzern und verschiedenen leichten Einheiten. Wegen der langsamen Küstenpanzerschiffe konnte das Geschwader nur eine Geschwindigkeit von knapp 10 Knoten fahren. Die mitgeführten Hilfsschiffe (Transportschiffe, Werkstattschiff und Lazarettschiff) stellten eine zusätzliche Belastung dar. Alle diese Faktoren setzten die Kampfkraft der russischen Flotte erheblich herab. Schwerer als die technischen Faktoren wog jedoch, dass die Moral der russischen Matrosen durch die sich abzeichnende Revolution, stetige Konflikte mit den Offizieren und die lange und von Schwierigkeiten begleitete Fahrt zermürbt war.
Japanischer Schlachtplan Auch wenn es im Generalstab der Marine erhebliche Befürchtungen gab, dass die russische Flotte nicht nach Norden ziehen, sondern einen Punkt südlich irgendwo vor der chinesischen Küste einnehmen würde, richtete der ranghöchste Stabsoffizier der Flotte, Akiyama Saneyuki, seine Pläne nach der Wahrscheinlichkeit aus, dass der Feind Wladiwostok ansteuern würde. Von den beiden hierfür naheliegenden Routen, via Tsugarustraße oder via Koreastraße, nahm Akiyama die letztere an. Um sich Roschestwenskis Versuch, diese Meerenge zu überwinden, entgegenzustellen, plante Akiyama eine offensive Verteidigung. Strategisch sah er eine Verteidigung in der Tiefe vor, taktisch plante er eine Reihe von Schlägen in mehreren Phasen, um den Feind innerhalb von zwei Tagen zu vernichten. Akiyama kombinierte Strategie und Taktik zu einem siebenstufigen Zermürbungsplan, der sowohl Angriffe der schweren Einheiten bei Tageslicht als auch nächtliche Angriffe durch Zerstörer und Torpedoboote vorsah. Zunächst sollte die russische Flotte mit Zerstörern und Torpedobooten abgefangen werden, um ihr Vorankommen zu verlangsamen. In der zweiten Phase würden die Hauptstreitkräfte einen direkten Angriff auf den sich nähernden Feind starten, wenn dieser versuchte, die Meerenge zu passieren. Weitere nächtliche Angriffe und Auffangoperationen würden die Reste der russischen Flotte in Richtung des verminten Hafens von Wladiwostok treiben.Evans, Peattie, S. 112.
Die Schlacht Auftakt mini|218x218px|Karte der Seeschlacht bei Tsushima In der Nacht auf den 27. Mai näherte sich die russische Flotte tatsächlich der Koreastraße. Die russische Formation war über ein weites Gebiet verteilt in sechs getrennten Kolonnen unterwegs, was die Führung und Kontrolle bei schlechter Sicht sehr erschwerte. Roschestwenski auf der Knjas Suworow führte die 1. Division an, gefolgt von der Imperator Alexander III., der Borodino und der Orjol. Eine Gruppe von zwei leichten Kreuzern und vier Zerstörern deckte seine Steuerbordseite, die der japanischen Küste zugewandt war. Dahinter und an Backbord führte die Osljabja die 2. Division an, gefolgt von der Sissoi Weliki, der Nawarin und dem Kreuzer Admiral Nachimow. Die 3. Division bestehend aus der General-Admiral Apraxin, der Admiral Senjawin und der Admiral Uschakow wurde von Konteradmiral Nebogatow auf der Imperator Nikolai I geführt. Ihm folgte eine Kreuzerdivision, die die Hilfsschiffe begleitete.
Der Großteil der japanischen Seestreitkräfte befand sich zu diesem Zeitpunkt an der koreanischen Küste in Masan. Die japanische Aufklärung hatte allerdings den Kontakt zur russischen Flotte verloren. Daher entsandte Admiral Tōgō die 5. und 6. Division unter Vizeadmiral Kataoka in die Tsushima-Straße und die 3. Division unter Vizeadmiral Dewa sowie fünf Zerstörerflottillen in die Miura-Bucht auf der Insel Tsushima. Schlechtes Wetter schränkte die Sicht der japanischen Aufklärer so ein, dass die Kolonnen verdunkelter russischer Kriegsschiffe unentdeckt durch die Meerenge schlüpfen konnten. Die Orjol im hinteren Teil der russischen Formation behielt jedoch ihre Beleuchtung an und wurde um 04:30 Uhr von der Shinano Maru zwischen den Inseln Tsushima und Iki gesichtet. Nachdem Admiral Tōgō per Funk informiert worden war, verließ die japanische Flotte um 05:05 Uhr Masan mit 14 Knoten (26 km/h) in östlicher Richtung in der Hoffnung, die russische Flotte nordöstlich von Tsushima abzufangen.Forczyk: Russian Battleship Vs Japanese Battleship Yellow Sea 1904– 05. Osprey, Oxford 2009, S. 56f. Im Laufe des Vormittags nahm die Zahl der japanischen Aufklärungsschiffe zu. Obwohl sie sich in Reichweite der Schlachtschiffe befanden, wurde kein Befehl zum Feuern gegeben. Nur die Orjol eröffnete das Feuer auf einen der japanischen Kreuzer in einer Entfernung von 9 km, um ihn zu vertreiben. Gegen 12.00 Uhr befahl Roschestwenski – wahrscheinlich in Erwartung eines japanischen Angriffs von Osten – seiner Ersten und Zweiten Division, sich aus der Formation zu lösen, nach Steuerbord zu wenden und die Geschwindigkeit zu erhöhen. Doch gerade als die erste Division das Manöver beendet hatte, veranlasste das erneute Auftauchen japanischer Kreuzer Roschestwenski, seine Meinung zu ändern. Er befahl der ersten Division, ihre Position wieder einzunehmen, und der zweiten, ihren Kurs beizubehalten.Connaughton, S. 262ff.
Das Hauptgefecht Gegen 13:20 Uhr waren beide Flotten 11 km voneinander entfernt. Die Japaner schlossen zu den Russen von Norden her an Steuerbord auf. Roschestwenski wähnte sich im Vorteil, da er seine Schiffe entweder nach Backbord oder nach Steuerbord bewegen konnte, um das „crossing the T“-Manöver durchzuführen. Gegen 13:40 Uhr drehten die Japaner in einer Kolonne nach Nordwest-Nord. Die Japaner fuhren in Kiellinienformation mit 14 Knoten. Um 13:55 Uhr gab Tōgō das Signal:
Danach wandte er sich mit der japanischen Flotte im Abstand von 11 km zur russischen nach Westen. Um 14:00 Uhr wendeten die Japaner nacheinander nach Backbord, Westsüdwest. Zuerst sah es aus, als ob die beiden Flotten aneinander vorbeifahren und es zu einem Passiergefecht kommen würde. Doch dann kehrten die Japaner ihre Richtung um und schwenkten nacheinander auf einen Kurs nach Ostnordost – der schwächeren russischen Flanke zu, die von der Osljabja angeführt wurde. Daraufhin eröffnete die Knjas Suworow um 14:10 Uhr aus einer Entfernung von 7.000 Meter das Feuer auf die Mikasa und die Shikishima. Die Japaner blieben auf ihrem Kurs, bis sie den Abstand auf 6.400 m verringert hatten.
mini|hochkant=1.5|Ablauf der Kampfhandlungen am 27. Mai 1905 Nachdem die Fuji und die Asahi ihre Wende beendet hatten, befahl Tōgō seiner Flotte, das Feuer zu erwidern. Die russische Linie geriet in Unordnung. Das Manöver zur Bildung einer Schlachtlinie war so misslungen, dass einige Schiffe der zweiten und dritten Division ihre Maschinen stoppen mussten, um Kollisionen zu vermeiden. Trotz starker Winde und hoher Wellen konnten die japanischen Schiffe ihre Geschwindigkeit aufrechterhalten. Während beide Flotten auf parallelem Kurs fuhren, entwickelte sich ein massives Feuergefecht, wobei die Russen mit 42 Kanonen gegenüber nur 17 Geschützen auf Seiten der Japaner im Vorteil schienen. Die japanischen schweren Geschütze hatten jedoch eine doppelt so hohe Feuerrate und dank ihrer Barr & Stroud FA3-Entfernungsmesser war ihre Feuerleitung hervorragend. Während die russischen Schlachtschiffe an der Spitze ihr Feuer auf die Mikasa und die Shikishima konzentrierten, feuerten die älteren Schlachtschiffe auf die hinteren Kreuzer von Kamimura. Die Mikasa und die Asahi erwiderten das Feuer auf die Knjas Suworow und die Shikishima, die Fuji, die Nisshin und die Kasuga bekämpften die näher gelegene Osljabja. Unter dem schweren japanischen Feuer begann sich die russische Formation aufzulösen. Nachdem die Osljabja mehrmals getroffen und schwer beschädigt worden war, drehte das Schiff nach Steuerbord ab und kenterte 20 Minuten später. Etwa zur gleichen Zeit wurde die Knjas Suworow schwer getroffen, wodurch ihre Ruderanlage außer Kontrolle geriet und Roschestwenski verwundet wurde.