Die Reimchronik der Stadt Köln ist ein zentrales Werk der Kölner Literaturgeschichte. Gottfried Hagen schrieb das Boich van der stede Colne im Jahr 1270, ein Jahr später ergänzte er es durch einen Nachtrag. Die mittelalterliche Chronik beschreibt die Geschichte Kölns mit speziellem Fokus auf die Jahre 1250–1270 und vereint dabei historische Fakten mit Legenden (z. B. die heilige Ursula). Im Mittelpunkt steht der Kampf um die Freiheit der Stadt zwischen dem (vom Autor unterstützten) Patrizier-Geschlecht der Overstolzen und den als machtgierig beschriebenen Bischöfen. Gottfried Hagen wollte mit seinem Werk die Bürger der in einer Krise befindlichen Stadt warnen.

Inhalt Im Prolog bittet der Autor Gott um Hilfe für sein Werk, mit dem er die jüngste Geschichte der Stadt präsentieren und die Einwohner zum entschlossenen, gemeinsamen Handeln zum Wohle der Stadt aufrufen will.

Im Anschluss daran beginnt ein universalgeschichtlicher Teil mit der Christianisierung der von da an als heilig angesehenen Stadt Köln. Die tragende Rolle hatte dabei der vorbildliche Bischof Maternus, der sogar von den Toten auferstanden ist, um sich für Köln einzusetzen. Schon in dieser frühen Zeit wurde die Freiheit der Stadt garantiert, die im späteren Verlauf der Geschichte immer wieder gesichert und verteidigt werden muss. Komplettiert wird der erste Teil durch zwei große Legenden, nämlich die der heiligen Ursula mit ihren 11.000 Jungfrauen und die Geschichte von Papst Silvester I. und Kaiser Konstantin.

mini|Denkmal zur Schlacht an der Ulrepforte auf der Kölner Stadtmauer, Sachsenring Der zeitgeschichtliche Teil beginnt mit einem Streit zwischen Bischof Konrad und den Patriziern um die Münzrechte, der den Ausgangspunkt für jahrelange Konflikte zwischen diesen beiden Parteien bildet, die sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Seit dem Thronstreit von 1198 gab es bereits Konflikte zwischen den Anhängern des Kaisers Otto IV. und den Staufern. Einen Höhepunkt bildet die auf den Großen Schied von 1258 folgende Gefangennahme der sogenannten Besten durch den Bischof in Altenahr, die jedoch auf wundersame Weise beendet wird. Nach der Rückkehr der Patrizier werden die Konflikte noch weiter verschärft. Zunächst wird ein Angriff des neuen Bischofs Engelbert durch eine Vision der zuvor schon präsentierten heiligen Ursula, also wiederum mit übernatürlicher Hilfe, vereitelt. Dann kommt es allerdings zum Bruch zwischen den Patriziern. Die Weisen verbünden sich mit dem feindlichen Bischof, während die Overstolzen Unterstützung von außen in Person des Grafen von Jülich bekommen. Somit gibt es einen neuen Gegner und die Situation wird noch komplexer und unübersichtlicher als zuvor. Das Bündnis zwischen Weisen und Bischof erweist sich als sehr hartnäckig. Die Gegner geben sich auch nach vermeintlichen Niederlagen nicht geschlagen. Nach langwierigen Kämpfen, die ihren Höhepunkt in der Schlacht an der Ulrepforte im Oktober 1268 finden, siegen schließlich dennoch die Overstolzen, auf deren Seite auch der Chronik-Autor steht. Die Geschichte endet mit einer Sühne zwischen Stadt und Bischof, die von Meister Gottfried Hagen verlesen wird.

Überlieferung und Rezeption Von Gottfried Hagens Werk ist nur eine vollständige Handschrift erhalten. Die Handschrift F aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts ist als Ms. germ. oct. 26http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/katalogseiten/HSK0020_b113_jpg.htm in der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek registriert. Eberhard von Grootevon Groote 1834, S. XVIII ff. hat die Geschichte des Dokuments rekonstruiert.

Ursprünglich befand sich diese Handschrift in der Bibliothek des Herrnleichnamsklosters in Köln. Einen Beleg dafür findet man in dem Verzeichnis biblioth. Coloniensis von Harzheim aus dem Jahr 1747 (S. 103). Später tauchte das Dokument in Frankfurt wieder auf, wo ein Dr. med. Kloß es bei einer Auktion im Hause Hermann kaufte und 1826 an den Bibliothekar Johann Friedrich Böhmer weitergab.

Die in Holz eingebundene und gut erhaltene Handschrift umfasst 277 Seiten mit je 25 oder 26 Zeilen. Jede Zeile und jeder Abschnitt beginnt mit einer Initiale in roter Farbe. Das Papier enthält ein Wasserzeichen mit einem spitzblättrigen Kleeblatt. Der Text der Reimchronik umfasst die ersten 257 Seiten. Die restlichen zwanzig Seiten enthalten die Geschichte der Weberschlacht. Dahinter befinden sich noch zehn unbeschriebene Blätter.

In den folgenden Jahrhunderten entstanden mehrere Abschriften dieses Dokuments, drei davon Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine dieser drei Kopien erwarb der Staatsrat Niebuhr 1826 bei einer Auktion, eine weitere befand sich in der Bibliothek von Professor Wallraf. Die dritte Abschrift, die von Groote selbst benutzt hat, wurde – so schildert es ein dem Dokument beigelegter Brief – von dem politischen Journalisten Roderique in Auftrag gegeben. Roderique schenkte die Abschrift, die nach seinen Angaben auf einer Handschrift aus der Canonie Corporis Christi basiert, dem Syndicus von Eschenbrender für die Bibliothek des Syndikats.

Eine weitere Abschrift, die frühestens im 17. Jahrhundert entstand, befand sich in der Bibliothek von E. von Mering. Der Autor bemühte sich um eine sehr genaue Wiedergabe des Originals, nicht nur inhaltlich, sondern auch bei der Anzahl der Verse pro Seite und beim Schriftbild. Eine Abschrift aus dem Nachlass des Vikars Alster wurde um 1800 bei einem Brand in Olpe teilweise zerstört. Von Groote verweist weiterhin auf Exemplare in Darmstadt, Heidelberg, München und Wallenstein.

Außerdem gibt es noch ein 125 Verse umfassendes Fragment D aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, das sich seit 1965 als Leihgabe des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf im Historischen Archiv der Stadt Köln befindet.

mini|„Agrippina oder Köln“. Stadtansicht aus der Koelhoffschen Chronik, gedruckt 1499 Die Reimchronik ist die älteste von drei großen Kölner Chroniken des Mittelalters. In den beiden späteren Weltchroniken, der Agrippina von Heinrich von Beeck (1469–1472) und der Koelhoff’schen Chronik (Cronica van der hilliger stat van Collen, 1499), wurde sie nicht nur rezipiert, sondern war die wesentliche Grundlage für die beiden späteren Werke. Koelhoff zitiert 277 Verse wörtlich. Eberhard von Groote hat in seiner Ausgabe der Reimchronik von 1834 auf Parallelen zu Macchiavellis Schilderung von Florenz aus dem 14. Jahrhundert hingewiesen. In Deutschland ist eine solch umfassende Darstellung einer Stadt in dieser Zeit einzigartig.

Die Ausgabe aus dem Jahr 1834 war für die Forschung lange Zeit maßgeblich. Die Version, die Hermann Cardauns und Karl Schröder 1875 in Die Chroniken der niederrheinischen Städte herausgaben, gilt nach den heutigen Prinzipien der Germanistik als unbrauchbar. Dieser Mangel bewog Kurt Gärtner und seine Kollegen an der Universität Trier, im Rahmen des Ende der 1990er Jahre begonnenen SFB 235 eine Neuedition der Reimchronik zu erarbeiten.

Neben der Beschränkung auf eine einzige Stadt ist bei Gottfried Hagen eine deutliche Konzentration auf das zeitgenössische Geschehen der damaligen Zeit vorherrschend. Am Anfang der Chronik steht zwar ein universalgeschichtlicher Teil, der aber mit einem Umfang von rund 650 Versen deutlich geringer ausfällt als der Hauptteil, in dem 20 Jahre aus der Zeit des Interregnums in ca. 5600 Versen beschrieben werden. Die beiden Teile stehen in engem Zusammenhang miteinander; im zweiten finden sich zahlreiche Rückbezüge und Anspielungen auf den ersten.

Die Reimchronik gilt als das „früheste Zeugnis einer gereimten deutschsprachigen Geschichtsschreibung“.Welter 1997, S. 125. Historiker betrachten sie als eine weitgehend zuverlässige historische Quelle. Allerdings gibt es abgesehen von einigen Urkunden, die zum Teil auch in der Reimchronik selbst verwertet wurden, kaum andere Quellen, die über die beschriebenen Ereignisse der Stadtgeschichte informieren. Für Literaturwissenschaftler interessant ist die Rolle des Erzählers und die nicht immer klar erkennbare Verknüpfung von historischen Ereignissen mit fiktionalen Elementen.

Sprache und Stil Die Reimchronik ist im ripuarischen Dialekt verfasst. In die rheinische Volkssprache mischen sich zahlreiche kleverländische Spuren, die durch die Herkunft des Autors zu erklären sind. Der aus 6289 vierhebigen Reimpaarversen bestehende Text zeichnet sich durch einen relativ einfachen Stil aus; er besteht hauptsächlich aus Parataxen und temporalen oder modalen Nebensätzen. Typisch für sermo humilis (einfacher, schlichter Stil) sind auch die vielen vorgeprägten Sentenzen und Allerweltssprüche sowie sprichwörtlich geprägte Formulierungen. Beispiele hierfür finden sich in V. 1136 – ducke komet regen na sunne schine (Häufig gibt es Regen nach Sonnenschein.) V. 2536 – der guede wille maicht vromen man (Der gute Wille macht einen frommen Mann.) V. 3464 – wale an gerant halffveichten is (Gut anrennen ist der halbe Kampf.) V. 3746 – sus wilt maisse aller dingen walten (So soll Maß über allen Dingen walten.) V. 3758 – der beste clemmer kompt meiste zo valle (Der beste Kletterer kommt meistens zu Fall; vgl. das Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“)

Eine Sonderstellung nimmt der Prolog ein, der sich stilistisch deutlich vom Rest des Textes abhebt. Er enthält diverse Topoi, die man aus literarischen Werken des Mittelalters kennt, wie z. B. Bekundungen der Bescheidenheit des Autors. Der aus nur drei komplexen Sätzen bestehende Prolog belegt die dichterischen Fähigkeiten seines Verfassers und unterstreicht die Bedeutung des Werkes.Schindler 1999, S. 30.

Identität des Autors Die Identität des Autors ist ein Thema, um das es lange Zeit intensive und kontroverse Diskussionen in der Forschung gegeben hat. Dabei ging es um die Frage, ob der Chronik-Autor Gottfried Hagen mit dem Kölner Stadtschreiber Meister Gottfried identisch ist. Ausgangspunkt der Debatte war dabei der Epilog der Reimchronik, in dem der letztgenannte Name explizit erwähnt wird (V. 6287 Meister Godefrit Hagene maichde mich allein). Diese Stelle bezeichnet Hartmut Beckers in seinem Eintrag im Verfasserlexikon als „einziges direktes Zeugnis für die Person“ des Autors. Bei der ersten Edition des Textes im Jahre 1834 bestand offenbar noch kein Zweifel an der Gleichsetzung der beiden Personen. Für Eberhard von Groote war sie selbstverständlich, denn er versah seine Ausgabe mit dem Titel Des Meisters Godefrit Hagen, der Zeit Stadtschreibers, Reimchronik der Stadt Cöln aus dem dreizehnten Jahrhundert. Heinrich von Beeck, der Herausgeber der Agrippina, hatte die beiden Personen im 15. Jahrhundert schon gleichgesetzt.

Die einflussreichste und deutlichste Gegenposition nahm 1912 Ernst Dornfeld ein. Er wies u. a. darauf hin, dass der Beiname Hagene nirgendwo anders belegt sei. Aber dieses und seine anderen Argumente, die Gottfried Hagen zu geringe Kenntnisse und viele Irrtümer nachsagen, sind inzwischen widerlegt worden, so dass es heute als sicher gilt, dass der Verfasser der Chronik gleich dem Stadtschreiber ist. Deshalb kann man auch, wie Manfred Groten es 1995 ausführlich getan hat, die Biografie des Stadtschreibers auf den Autor übertragen.

Funktion des Erzählers