Beim Häuten der Zwiebel ist ein 2006 erschienenes autobiografisches Werk von Günter Grass, in dem er seinen Werdegang in den ersten drei Lebensjahrzehnten bis zur Veröffentlichung der Blechtrommel schildert, mit der er seinen Ruhm als Schriftsteller begründete. Beim Häuten der Zwiebel ist der erste Band von Grass’ Trilogie der Erinnerungen (Teil 2: Die Box; Teil 3: Grimms Wörter).
Darstellungsschwerpunkte dieses ersten Erinnerungsbands sind die Familienverhältnisse in jungen Jahren, das Hineinwachsen in das Danziger NS-Milieu, die Einziehung zur Waffen-SS als 17-Jähriger samt seinen Erlebnissen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, die Zeit in Kriegsgefangenschaft und die anschließende umtriebige Suche nach Broterwerbsjobs, die Verwirklichung der eigenen künstlerischen Berufung in der Ausbildung zum Bildhauer, die ersten Erprobungen als Schriftsteller in den Bereichen Lyrik und Theater und – unterdessen als Verheirateter und Vater – die Niederschrift der Blechtrommel im Keller der Pariser Familienwohnung.
Im Fokus der Rezeption des 480 Seiten umfassenden Buches stand zunächst hauptsächlich das späte öffentliche Bekenntnis des Nobelpreisträgers, bei der Waffen-SS gedient zu haben.
Verfassermotive
Die Beweggründe für diesen Lebensrückblick nennt Grass – nachdem in der Figur des Oskar Matzerath (Die Blechtrommel) bereits eine Vielzahl seiner frühen autobiographischen Erfahrungen enthalten waren – gleich eingangs: „Weil dies und das auch nachgetragen werden muß. Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte. Weil wer wann in den Brunnen gefallen ist: meine erst danach überdeckelten Löcher, mein nicht zu bremsendes Wachstum, mein Sprachverkehr mit verlorenen Gegenständen. Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will.“ (S. 8)Alle Seitenangaben gemäß Beim Häuten der Zwiebel, zweite Auflage, Steidl Verlag, Göttingen 2006.
Anfangs des zweiten Kapitels kommt Grass auf die Schuldfrage zu sprechen, auf Schuld, die immerfort ticke und etwa auch auf Reisen nicht abzuschütteln sei. (S. 36) „Aber das Belasten, Einstufen und Abstempeln kann ich selber besorgen. Ich war ja als Hitlerjunge ein Jungnazi. Gläubig bis zum Schluß. Nicht gerade fanatisch vorneweg, aber mit reflexhaft unverrücktem Blick auf die Fahne, von der es hieß, sie sei ‚mehr als der Tod‘, blieb ich in Reih und Glied, geübt im Gleichschritt.“ (S. 43)
Der fragmentarische Stoff, heißt es bei Dieter Stolz, bedinge die erst im fortgeschrittenen Alter gefundene Form der Lebensausschnittinszenierung, die selbstverständlich als Versuch der öffentlichen Wirkungssteuerung gelesen werden könne.Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 342. Günther Rüther zitiert eine Grass-Äußerung, die das Entstehen des umfänglichen Erinnerungswerks unmittelbar an seine Verwendung bei der Waffen-SS knüpft. „Mein Schweigen all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.“ Gemeldet habe er sich nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, die aber niemanden mehr genommen hätten. „Für mich, da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte.“Zitiert nach Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 318 f.
Wichtige Anstöße für sein Erinnerungswerk könnte Grass bereits im Jahr 2000 empfangen haben, als er in Vilnius an den litauisch-deutsch-polnischen Gesprächen über die „Zukunft der Erinnerung“ teilnahm. Die dazu von ihm gehaltene Rede habe laut Volker Neuhaus bei Grass eine das ganze Jahrzehnt anhaltende „Zeit der Rückblicke“ eingeleitet.Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 395.
Gestaltungsmerkmale
Dieser erste Band der Grass-Erinnerungen ist in elf Kapitel gegliedert, deren Überschriften jeweils pointiert auf bestimmte Erlebnisdetails oder Arten der Erinnerungsverarbeitung bezogen sind. Die Erinnerung liebe das Versteckspiel der Kinder, findet Grass, und neige zum Schönreden. „Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.“ (S. 8 f.) Für die Gestaltung der Rückerinnerung an die eigene Vergangenheit greift Grass die Beschaffenheit der Zwiebel auf, wie sie Henrik Ibsen für die Identitätssuche seines Peer Gynt ins Spiel gebracht hat. „Die Zwiebel hat viele Häute. Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach meiner Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an und verlief schlimmer als gewollt, will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten.“ (S. 10)
Aufs Ganze gesehen orientiert sich Grass in diesem ersten Erinnerungsband an der gängigen Art der autobiographischen Darstellung, so Neuhaus: „Ein mit dem empirischen, auf dem Titelblatt genannten Autor auch namentlich identisches Ich erzählt, meist entlang seiner Lebenschronologie, Ereignisse, bei denen es selbst im Mittelpunkt stand.“Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 425. Wiederholt blickt der Verfasser über den für diese Erinnerungen gesetzten Zeitrahmen hinaus in die eigene Zukunft und stellt Bezüge zwischen der autobiographischen Erlebnisschilderung und seinen späteren Werken her.
Zweifel bezüglich des eigenen Erinnerungsvermögens sowie zurückliegender Gefühle, Motive und Bewusstseinszustände gibt Grass gelegentlich in Fragen zu erkennen, etwa angesichts der Gewissheit, sich bereits als Fünfzehnjähriger freiwillig zum Dienst an der Waffe gemeldet zu haben, und zwar vorzugsweise für den U-Boot-Einsatz – doch wann genau und warum? „Ist es der Andrang überbordender Gefühlsströme gewesen, die Lust, eigenmächtig zu handeln, der Wille, übereilt erwachsen, ein Mann unter Männern zu sein?“ (S. 75 und 82)
Inhaltliche Akzente
Die Häute unter der Haut
„Ob heute oder vor Jahren, lockend bleibt die Versuchung, sich in dritter Person zu verkappen“, bekennt Grass im ersten Satz seines Erinnerungswerks, geht aber gleich darauf zur Ich-Form über, als er das Hereinbrechen des Zweiten Weltkriegs in Danzig als das Ende seiner Kindheit bestimmt. Hinsichtlich mancher Erinnerungsdetails gibt Grass sich skeptisch, „denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fotogenau zu gelten haben“. Auf krummen Wegen komme man manchmal der Wahrheit dennoch auf Streichholzlänge näher. (S. 7–10)
Die aus dem Zigarettenerwerb seiner Mutter regelmäßig einkommenden Gutscheine für Papierbilder mit klassischen Malerei-Reproduktionen entfachen das Interesse und die Sammelleidenschaft des Jungen, der nach und nach die zugehörigen Alben für die Malereien der Gotik, der Renaissance und des Barock fällt. Schon als Zehnjähriger habe er unter anderem die Werke Hans Baldungs von denen Matthias Grünewalds unterscheiden können. (S. 13) Befremdlich und fragwürdig erscheint Grass im Rückblick, dass er sich anscheinend mit dem Ausbleiben jeglichen Verkehrs mit der kaschubischen Verwandtschaft mütterlicherseits nach Kriegsbeginn wie selbstverständlich abgefunden hat. (S. 16)
In den Mittelpunkt des Interesses auch seiner Jungenbekanntschaften rückte die Kriegsmarine mit in- und ausländischen Zerstörern und U-Booten. Kenntnisse über die jeweilige Schiffstonnage und -ausrüstung standen hoch im Kurs. Zu Jungvolk und Hitlerjugend vierhielt sich Grass sehr aufgeschlossen, auch weil da Jugend von Jugend geführt sein sollte. (S. 27) Daneben aber sei er auch ein lektürehungriger Stubenhocker gewesen. Für das Kolonialwarengeschäft seiner Mutter betätigte er sich zudem als Schuldeneintreiber an Haustüren mit eigner kleiner Gewinnbeteiligung, die in Bücherkäufe und Kinobesuche umgesetzt wurde. (S. 29–34)
Was sich verkapselt hat
Dabei handelt es sich für Grass um die Schuld, „die nachweisbare wie die verdeckte oder nur zu vermutende“, die immerfort ticke und ihn überallhin begleite – die Schuld, geschwiegen zu haben. „Sie bleibt als Bodensatz, ist als Fleck nicht zu tilgen, als Pfütze nicht aufzulecken.“ (S. 36) Neben dem angesagten Interesse für Frontverschiebungen im Kriegsgeschehen entdeckte Grass für sich die mittelalterliche Geschichte und siedelte darin anlässlich eines Prosa-Wettbewerbs unter Schülern auch einen ihm nach eigenem Bekunden flüssig von der Hand gegangenen Roman unter dem Titel „Die Kaschuben“ an – ein für ihn familienbedingt naheliegendes Sujet, mit dem er jedoch nicht reüssierte. (S. 39–43) Durch die Mitgliedschaft der Mutter in einer Buchgemeinschaft fand der Junge daheim einiges Lesefutter vor. „So viele Sorgen ich ihr bereitet habe – das Sitzenbleiben in der Quarta, der wiederholt durch Aufsässigkeit provozierte Schulwechsel –, sie bewahrte sich ihren durch nichts abzunutzenden Stolz auf das lesende und figurenkritzelnde Söhnchen, das nur durch Anruf aus rückläufigen Traumwelten zu locken war, um ihr dann – auf beiderseitigen Wunsch – als Schoßkind zu gefallen.“ (S. 54–56)
Eine spezielle Neigung entwickelte Grass als Junge zu seinen drei bereits verstorbenen Onkeln mütterlicherseits, nachdem sie – von der Mutter oft erwähnt – ihm durch einen Kofferfund auf dem Dachboden mit den enthaltenen Überbleibseln bedeutsam geworden waren. (S. 58–62) Außer der Zwiebel bedient sich Grass auch des Bernsteins als Gedächtniskammer: „Der Bernstein gibt vor, mehr zu erinnern, als uns lieb sein kann. Er konserviert, was längst verdaut, ausgeschieden sein sollte. In ihm hält sich alles, was er im weichen, noch flüssigen Zustand zu fassen bekam. Er widerlegt Ausflüchte.“ (S. 70)
Er hieß Wirtunsowasnicht
Was den unter der Woche als Flakhelfer verwendeten 15-Jährigen dazu brachte, sich freiwillig zum Kriegsdienst an der Front zu melden, begründet Grass wesentlich mit der an den Wochenenden zu Hause wieder anzutreffenden räumlichen Beengtheit, einschließlich des mit Nachbarn gemeinsam genutzten, oft belegten und verschmutzten Aborts außerhalb der elterlichen Wohnung. „Fluchtwege wurden sondiert. Alle liefen in eine Richtung. Nur weg von hier, an die Front, an eine der vielen Fronten, so schnell wie möglich.“ (S. 79) Der Heldenstatus der von erfolgreichen Feindfahrten zurückkehrenden U-Boot-Besatzungen beeindruckte ihn besonders – von den untergegangenen Booten und Mannschaften hatten die Wochenschauen keine bewegten Bilder zu bieten.
In der Meldestelle in Gotenhafen bedeutete man ihm, sich zu gedulden, sein Jahrgang komme erst später zum Aufruf, und zwar eher für andere Waffengattungen. Vorab müsse er ohnehin seinen Reichsarbeitsdienst leisten, zu dem er nach fortdauerndem Einsatz als kasernierter Flakhelfer im Frühjahr und Sommer 1944 anzutreten hatte. Dabei genoss er das Privileg, nach dem vormittäglichen Drill das Lager verlassen zu können, um als begabter Zeichner Bilder zur Ausschmückung der Kantine anzufertigen. Damit war es allerdings vorbei, nachdem ein bei den Zeugen Jehovas vermuteter Altersgenosse aus religiösen Gründen standhaft das Exerzieren mit der Waffe verweigert hatte mit dem stets wiederholten Ausspruch: „Wir tun sowas nicht.“ Er landete dafür schließlich im Karzer und wurde dann „abkommandiert“ und wohl ins KZ Stutthof überstellt. (S. 81–102)