mini|Stadtgebiet mit Stadtteilen Wächtersbach ist eine Kleinstadt zwischen Frankfurt am Main (50 km) und Fulda (50 km), im Main-Kinzig-Kreis in Hessen, am südlichen Rande des Vogelsberges. Die Stadt war die ehemalige Residenzstadt der Grafen zu Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach, sie liegt in der Nähe der historischen Handelsstraße Via Regia von Frankfurt am Main nach Leipzig.
Geografie mini|Aspenhainer Kopf von Süden Geografische Lage Wächtersbach liegt am südöstlichen Rand des Büdinger Waldes, zwischen Vogelsberg und Spessart, im mittleren Kinzigtal. Seine höchsten Erhebungen sind die Vier Fichten (), die südlichste Bergkuppe in der Gemarkung ist der Aspenhainer Kopf ().
Unweit liegen die Städte Gelnhausen, Bad Orb und Bad Soden-Salmünster. Die Stadtteile Wittgenborn, Waldensberg und Leisenwald liegen am Südrand des Vogelsbergs auf der Spielberger Platte.Spielberger Platte
Nachbargemeinden Wächtersbach grenzt im Norden an die Gemeinden Kefenrod (Wetteraukreis) und Brachttal, im Osten an die Stadt Bad Soden-Salmünster, im Süden an die Stadt Bad Orb und die Gemeinde Biebergemünd, im Südwesten an die Stadt Gelnhausen sowie im Westen an die Gemeinde Gründau und die Stadt Büdingen (Wetteraukreis).
Stadtgliederung Wächtersbach besteht aus den fünf im Kinzig- und Brachttal liegenden Stadtteilen: Wächtersbach, Aufenau, Neudorf mit dem Weiler Kinzighausen, Weilers, Hesseldorf und den drei Berggemeinden Wittgenborn, Waldensberg und Leisenwald.
Geschichte Urgeschichte Unter den Urgeschichtlichen Zeugnissen der Region findet sich ein in Leisenwald gefundenes SteinbeilMartin Schäfer, Unsere Ortsnamen, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. S. XVI.
Auf der Wolferburg, einem Hochplateau oberhalb von Hesseldorf, wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts keltische Steingräber gefunden. Sie verweisen auf eine frühe keltische Besiedlung der Gegend. Wegen der exponierten Lage des Fundortes, könnte es sich um eine Fliehburg gehandelt haben. Dafür sprechen weitere keltische Funde in der Alteburg – einer Ringwallanlage im nahen Biebergemünd-Kassel, in Bad Orb und bei Glauburg.
Mittelalter Ortsname und staufische Zeit Im Jahr 1236 wurde der Ort als Weichirsbach erstmals urkundlich erwähnt, was so viel heißt wie „Der Bach, der die Weiher speist“.
Die Siedlung nahm von einer Wasserburg ihren Anfang – Reste der ehemals sie umgebenden Wasserflächen sind mit den Weihern im Schlosspark noch sichtbar. Diese Veste wurde schon in staufischer Zeit an der Süd-Ost-Ecke des Reichsforstes Büdinger Wald aufgerichtet und diente wie die Burgen in Gelnhausen und Büdingen zu dessen Schutz. Sie war damit Teil der Sicherungsanlagen für das alte Königsland Wetterau. Im Schutze der Burg entwickelte sich eine Siedlung, von der wir erstmals durch eine Urkunde des nahegelegenen Klosters Selbold (vgl. Langenselbold) aus dem Jahre 1236, das hier über Grundstücke und Einnahmen verfügte, erfahren.Carl Hessler (Hrsg.): Hessische Landes- und Volkskunde: Das ehemalige Kurhessen und das Hinterland am Ausgange des 19. Jhdts. Band 1, Teil 1, Elwert, Marburg 1907, S. 695
Herren von Büdingen, Trimberger und Ysenburger Die Herren von Büdingen verwalteten als Lehnsträger des Reichsforstes auch das Wächtersbacher Gebiet. Als sie um 1245 im Mannesstamm ausstarben, teilten sich vier Schwiegersöhne, unter ihnen Albert von Trimberg und ein Neffe, Heinrich von Isenburg, das gesamte Erbe. Zwischen ihnen und ihren Nachfolgern war der Herrschaftsanspruch über Burg und Flecken Wächtersbach lange umstritten.
Konrad von Trimberg stiftete 1354 eine Marienkapelle am Ort. Im Jahre 1404 erhob Johann II. von Isenburg Wächtersbach zur Stadt, deren Verwaltung in dem 1495 errichteten gotischen Fachwerk-Rathaus ihren Sitz hatte. Die Stadt lag verkehrsgünstig zwischen den beiden von West nach Ost verlaufenden Handelsstraßen, der Reffenstraße im Norden über die Höhen des Büdinger Waldes (mit dem namensgebenden Großen Reffenkopf, 298 m, NHN) von Mainz nach Eisenach und der südlich, nahe am Kinzigtal verlaufenden Via Regia von Frankfurt am Main nach Leipzig. Im Jahre 1458 gelangten Burg und Stadt endgültig in den Besitz der Grafen von Ysenburg.
Neuzeit Von Graf Anton bis Ferdinand Maximilian I. Graf Anton von Isenburg-Büdingen zu Ronneburg (1501–1560) begann, nach 1520, mit Umbau und Modernisierung des Schlosses Wächtersbach. „Er hatte sich schon früh der neuen Lehre Luthers zugewandt. Schrittweise … gelang es ihm, im Laufe von etwa 20 Jahren die Reformation in seinem Stammteil durchzuführen. … Wächtersbach erhielt 1541 … den ersten evangelischen Pfarrer“Dagmar Reimers, Schloss Wächtersbach und die Ysenburger In: Samml. Gesch. Wächtersbach. 48. L., Januar 2007, Nr. 331,16 S., , S. 5–7.
Im Jahre 1564 wurde die Faulhaberin aus Wächtersbach in Büdingen als Hexe angeklagt und auf Anordnung von Graf Georg von Isenburg-Büdingen gefoltert. Mangels Geständnisses wurde sie schließlich begnadigt.
1578 wurde die zunächst gräfliche, später fürstliche Brauerei Wächtersbach, durch einen der Söhne Graf Antons gegründet. Sie arbeitete über 400 Jahre, bis sie schließlich, im Jahre 2008 endgültig geschlossen wurde.
Auch die Stadt Wächtersbach und das Schloss litten im Dreißigjährigen Krieg sehr. Es war Graf Johann Ernst I. von Isenburg-Büdingen (1625–1673), der für seine Hochzeit mit Gräfin Marie Charlotte von Erbach das Schloss zunächst wieder bewohnbar machte, später weiter ausbaute und weitere Gebäude sowie einen Lustgarten mit Brunnen hinzufügte.Jürgen Ackermann: Graf Anton zu Ysenburg-Kelsterbach Mißheurath hat seiner Gräflichen Familie vilen Unkust verursacht. In: Samml. Gesch. Wächtersbach. 41. L., Januar 2003, Nr. 265, D. Reimers: Schloss Wächtersbach und die Ysenburger. S. 14–15.Dagmar Reimers: 1650: Eine Nachkriegshochzeit im Schloss zu Wächtersbach. 1987, 4.3.1.6.
Ferdinand Maximilian I. zu Ysenburg-Büdingen in Wächtersbach, der Gründer der Linie Ysenburg-Büdingen-Wächtersbach, machte 1687 Wächtersbach zu seiner Residenz. In seiner Regierungszeit und unter seinen Nachfolgern wurde das heute noch vorhandene barocke Gebäudeensemble von Pferdestall und Remise, der Marstall (1718), das Gebäude der gräflichen Verwaltung, die Rentkammer (1735, unter Graf Ferdinand Maximilian II.) und das Wohnhaus der unverheirateten Geschwister der regierenden Grafen, das Prinzessinnenhaus (1750).
1699 nahm Ferdinand Maximilian I. die wegen ihres evangelischen Glaubens aus dem Piemont vertriebene Waldenser auf. Für sie wurde auf der Spielberger Platte das Dorf Waldensberg gegründet.
Zwischen dem Ysenburgischen Wächtersbach und der Schlossanlage Kinzighausen, dem Stammsitz der Herren Forstmeister von Gelnhausen, lag der den Letzteren gehörende kleine Weiler Hain. Seit dem Jahr 1377 gab es um diesen Besitz eine rechtliche Auseinandersetzung zwischen den Nachbarn. Der Ort und das Hofgut wurden im Dreißigjährigen Krieg verbrannt, das Hofgut jedoch danach, durch die Ysenburger, die das Anwesen zwischenzeitlich käuflich erworben hatten, wieder aufgebautJürgen Ackermann, Der Hainhof bei Wächtersbach und der lange Prozess zwischen den Forstmeistern von Gelnhausen und Ysenburg um seinen Besitz, in Samml. Gesch. Wächtersbach, 53. L., Nr. 367, ISSN 0931-2641. Um 1800 wurde der Hof abgerissen. Heute findet sich in Wächtersbach Hain als Flurname wieder. Der Begriff hat sich auch als Straßenname im Hainhofweg erhalten. Auch ein nahegelegenes Hotel-Restaurant trug über Jahrzehnte hinweg den Namen in abgewandelter Form, als Heinhof.
Von Napoleon bis zum 20. Jahrhundert Die Ysenburger verloren 1806 in napoleonischer (Fürstentum Isenburg) und endgültig in nachnapoleonischer Zeit (Wiener Kongress) ihre Funktion als Landesherren. Sie gehörten ab 1815 für ein Jahr zum Kaisertum Österreich, das das Gebiet 1816 dem Großherzog von Hessen (Hessen-Darmstadt) überließ. Der Großherzog und der Kurfürst von Hessen (Hessen-Kassel) teilten sich das Gebiet Mitte 1816; Wächtersbach wurde kurhessischConvention Territorial entre le Grand Duc de Hesse et Electeur de Hesse. — Signèe à Francfort sur Main, le 29 Juin, 1816. British and Foreign State Papers 1815–1816, Band 3, Compiled by the Librarian and Keeper of the Papers, Foreign Office, James Ridgway and Sons, Piccadilly, London: 1838, S. 812–819; (größtenteils in deutscher Sprache) Digitalisat; auch abgedruckt in Grindaha, Heft 26, Geschichtsverein Gründau e. V., Gründau 2016 S. 4–12 mit Anmerkung von Norbert Breunig und gehörte dort – nach der umfassenden Territorial- und Funktionalreform – von 1821 bis 1829 zum kurhessischen Kreis Salmünster und – nach dessen Auflösung – von 1830 bis 1866 zum kurhessischen Kreis Gelnhausen. Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen gehörte der Kreis (vermehrt um das zuvor bayerische Landgericht Orb) 1867 zum neuen preußischen Regierungsbezirk Kassel, der von 1868 bis 1944 zur neu gegründeten preußischen Provinz Hessen-Nassau gehörte. Wächtersbach war Sitz des Amtsgerichtes Wächtersbach.
Durch den Bau der Eisenbahn zwischen Hanau und Bebra in den Jahren 1864 bis 1868 fand die Stadt Anschluss an das Rhein-Main-Gebiet und erfuhr seither, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, eine rasche Aufwärtsentwicklung. Die Wohnquartiere wuchsen aus dem beschränkten, von der Stadtmauer umwehrten Raum heraus und breiteten sich an den umliegenden Hängen und in der Niederung des Kinzigtals aus. Es entstand eine einheimische Industrie. Im tertiären Sektor (Dienstleistungen) stellt die Stadt in der Region heute einen gewissen Mittelpunkt dar.
Hospital Zweimal wurde in Wächtersbach jeweils ein Hospital gegründet: Im Jahr 1537 entstand durch Privatinitiative ein erstes Hospital in Wächtersbach. Es war, wie in dieser Zeit üblich, Krankenhaus, aber auch dauerhafte Pflegeeinrichtungen für alte Menschen. Dieses Hospital wurde „vom Grafen, der Stadt und der katholischen Kirche getragen. … Als Wächtersbach aber 1543 protestantisch wurde, versiegte die Geldquelle der katholischen Kirche“. 1582 wurde die Anstalt daher geschlossenStädtisches Hospital aufgerufen am 17. November 2021.
Im Jahr 1885 wurde dann in der Wächtersbacher Altstadt, von Augusta von Ysenburg-Wächtersbach, der Ehefrau von Fürst Ferdinand Maximilian III. von Ysenburg-Wächtersbach nochmals ein Hospital gegründet. Dieses tat seinen Dienst bis 1913.
Spuren jüdischen Lebens in Wächtersbach Überblick Zeugnisse jüdischen Lebens in Wächtersbach gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Nennung eines Namens findet sich erstmals 1643 mit einem Hiskias. In der Folgezeit, insbesondere ab dem 19. Jahrhundert, sind stark schwankende Zahlen von jüdischen Einwohnern der Stadt, zwischen 2,3 % und etwa 6 % der Bevölkerung, bekannt. Die Schwankungen gehen wahrscheinlich auf Auswanderungen, insbesondere in die USA zurück. Beruflich handelt es sich überwiegend um Groß- und Kleinhändler, Metzger und Handwerker. Sie nahmen am gesellschaftlichen Leben der Stadt teil und hatten eigene Einrichtungen.Jürgen Ackermann, „Von den Anfängen der Wächtersbacher Judenschaft und ihrem Ende in nationalsozialistischer Zeit“, Sammlungen zur Geschichte von Wächtersbach 72, 1/1989Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Band 1, S. 51 (Aufenau) und Band 2, S. 334/335 (Wächtersbach)
„Hofjuden“ bei Ferdinand Maximilian I. von Ysenburg-Wächtersbach