mini|hochkant|Simon Wiesenthal (1982)
Simon Wiesenthal (geboren 31. Dezember 1908 in Butschatsch, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; gestorben 20. September 2005 in Wien, Österreich) war ein österreichisch-jüdischer Architekt, Publizist und Schriftsteller.
Als Überlebender des Holocausts machte er nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen im Mai 1945 die „Suche nach Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter“ zu seiner Lebensaufgabe. Dadurch wurde er zu einem Zeitzeugen, der weltweit nach Tätern aus der Zeit des Nationalsozialismus fahndete, um sie einem juristischen Verfahren zuzuführen. Er gründete das Dokumentationszentrum Jüdische Historische Dokumentation in Linz und später das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien.
Wiesenthal verstand sich nicht als „Nazijäger“, wie er im Laufe der Zeit sowohl anerkennend von Anhängern als auch ablehnend von Gegnern bezeichnet wurde, sondern eher als Rechercheur, der jene zur Verantwortung ziehen wollte, die an der geplanten „Endlösung der Judenfrage“ mitgewirkt hatten. Entsprechend lehnte er die Kollektivschuldthese nach einem frühen Umdenken ab. In seinem Buch Recht, nicht Rache unterschied er ausdrücklich zwischen „Nationalsozialisten“ und „NS-Verbrechern“. Wiesenthal sah in seiner Tätigkeit unter anderem die Pflichterfüllung, als Zeitzeuge und Überlebender des Holocausts vor dem Vergessen der Shoah zu warnen, die nicht mit Massenmord und Gaskammern begonnen habe, sondern mit der Demontage von Demokratie und Menschenrechten. Seine internationale Vortragstätigkeit stand deshalb unter dem Leitspruch „Aufklärung ist Abwehr“.
Als Autor zahlreicher Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, wollte Wiesenthal ein Vermächtnis für nachfolgende Generationen hinterlassen.
Leben Vorkriegszeit und Schoah mini|hochkant|Simon Wiesenthal (etwa 1940)
Wiesenthal war der Sohn des Zuckergroßhändlers und Offiziers des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn Asher Hensel Wiesenthal (1878–1915), der im Ersten Weltkrieg starb, und dessen Frau Rosa geb. Rapp (1874–1942). In Buczacz, das ab Juli 1919 zur neugegründeten Zweiten Polnischen Republik gehörte, überlebte Simon Wiesenthal als Zwölfjähriger nur knapp ein Pogrom marodierender russischer Kosaken. Nach seiner Matura (23. Mai 1928, Butschatscher GymnasiumSprawozdanie Dyrekcyi Państwowego Gimnazyum w Buczaczu za rok szkolny 1927/28, Buczacz 1928, S. 22. (polnisch).) wurde er wegen einer Quotenbeschränkung gegenüber jüdischen Studenten im polnisch dominierten Vielvölkerstaat nicht für die Nationale Polytechnische Universität Lemberg in Lemberg (Lwów) zugelassen. Stattdessen studierte er Architektur an der Tschechischen Technischen Hochschule in Prag und schloss sein Studium 1932 mit dem Ingenieur-Diplom ab.
1936 heiratete er seine Schulfreundin Cyla Müller (1908–2003), eine entfernte Verwandte Sigmund Freuds, und eröffnete in Lemberg ein Architekturbüro. Nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens ab September 1939 wurde sein Stiefvater inhaftiert und enteignet. Schließlich starb dieser an den Folgen der Haft. Wiesenthal musste sein Architekturbüro schließen. Er durfte nur noch als Techniker arbeiten.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde Wiesenthal im Juli des Jahres von Angehörigen der Legion Ukrainischer Nationalisten („Wehrmacht-Bataillon Nachtigall“) in Lemberg verhaftet.Tom Segev: Simon Wiesenthal. Siedler, Berlin 2010, S. 369. Er arbeitete schon damals mit der polnischen Widerstandsorganisation zusammen. Diese Kontakte nutzte er zur Rettung seiner Frau, so dass sie der Deportation entkam und unter dem Namen Irena Kowalska zuerst nach Warschau flüchten konnte. Mit einem falschen Pass wurde sie zur Zwangsarbeit nach Heiligenhaus ins Rheinland verschlepptPaul Köhnes: Wie die Nazis in der Stadt an die Macht kamen, Rheinische Post, Lokalausgabe Heiligenhaus, 4. Februar 2023, S. D3 und konnte unerkannt überleben.
Nach seiner Verhaftung in Lemberg zwangen deutsche SS- und Wehrmacht-Angehörige Männer der Stadt, sich auf dem Marktplatz neben manngroßen Holzkisten aufzustellen. Die Erschießungen begannen. Um 12 Uhr mittags läuteten die Glocken der Kirche. Einer rief „Schluss jetzt, Vesper“ (Originalinterview mit S. Wiesenthal), und etwa 10 bis 20 Mann vor Simon Wiesenthal hörte das Morden auf. Daraufhin wurde er in ein KZ gebracht.
Simon Wiesenthal sagte oft, er sei in insgesamt zwölf Arbeits- und Konzentrationslagern inhaftiert gewesen,Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. transcript Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8394-0773-8, S. 46. darunter den KZ-Stammlagern Groß-Rosen und Buchenwald, dem Arbeitslager Płaszów und dem Ghetto Lemberg (obwohl laut Tom Segev die richtige Zahl fünf ist).Tom Segev: Simon Wiesenthal: The Life and Legends, Doubleday, New York 2010, ISBN 978-0-385-51946-5, S. 395–396. Am 5. Mai 1945 befreite ihn eine Division der 3. US-Armee aus dem KZ Mauthausen in Oberösterreich.
Nach dem Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er sofort mit den zuständigen amerikanischen Behörden in Kontakt und übergab bereits am 20. Mai 1945 eine Liste mit 91 nationalsozialistischen Verbrechern. Schon im Juli wurde er von den Amerikanern beauftragt, Adolf Eichmann zu suchen. Erst Ende 1945 sah er seine Frau Cyla wieder.
Seine einzige Tochter, Pauline, wurde 1946 geboren. Er gründete 1947 in Linz, Oberösterreich, die Jüdische Historische Dokumentation, die sich unter anderem zum Ziel setzte, von Zeugen erhaltene Informationen auszuwerten sowie Karteien zu Tätern und Tatorten anzulegen. Wiesenthal engagierte sich in dieser Zeit auch mehrere Jahre lang in der Israelitischen Kultusgemeinde Linz und war deren geschäftsführender Präsident. Das Büro in Linz schloss er 1954, da sich auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges kaum eine staatliche Organisation für seine Ermittlungen einsetzte und er daher keine Unterstützung bekam. In dieser Zeit arbeitete er in der Weiterbildung für jüdische Flüchtlinge, die ohne Beruf kaum eine Chance zur Auswanderung hatten. 1961 gründete er in Wien erneut ein Jüdisches Dokumentationszentrum. Auch dieses Zentrum konnte nur aufgrund von Spenden arbeiten.
Simon Wiesenthal berichtete, wie seine neunjährige Tochter Pauline von der Schule nach Hause gekommen sei und gefragt habe: Was sind wir für Menschen? Alle aus der Klasse haben Oma, Opa, Onkel, Tanten, warum haben wir niemanden? Darauf habe er nicht antworten können und sei in Tränen ausgebrochen. Er berichtete, wie ihn das Grauen und das Morden in Träumen und Gedanken immer wieder heimgesucht haben: Dann lag ich in der Nacht schweißnass. Das Ehepaar Wiesenthal verlor im Holocaust 89 Verwandte. Seine Schlafstörungen bekämpfte Wiesenthal mit dem akribischen Sammeln von Briefmarken, vorwiegend aus seiner galizischen Heimat., Meldung der dpa (Deutsche Presseagentur), 26. Mai 2006.
Bereits 1953 hatte Wiesenthal mit Hilfe von Briefmarkenfreunden Eichmann in Argentinien aufgespürt. 1954 fand er einen Vermittler, der bereit war, Eichmann zu identifizieren. Jedoch fehlten 500 US-Dollar für dessen Fahrtkosten. Wiesenthal bat den damaligen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, um diesen Betrag, er lehnte jedoch ab. Daraufhin gab Wiesenthal sein Wissen an die israelische Regierung weiter.
Im Mai 1960 wurde Eichmann von israelischen Agenten nach Israel entführt und im Eichmann-Prozess in Jerusalem vor Gericht gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Eichmann mit Hilfe von argentinischen Diplomaten, Funktionären der katholischen Kirche und auch der CIAScott Shane: C.I.A. Knew Where Eichmann Was Hiding, Documents Show, in: Tageszeitung The New York Times, 7. Juni 2006. unbehelligt in Argentinien leben können. Eichmann war neben John Demjanjuk der einzige Nationalsozialist, der in Israel vor Gericht gebracht wurde.
Später bestritt der frühere Mossadchef Isser Harel, dass Wiesenthal bei der Ergreifung Eichmanns geholfen habe.Alexander Schwabe: Zum Tode Simon Wiesenthals: Der Held des Lebens ist tot auf: Spiegel Online, Website des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Hamburg, 20. September 2005. Tom Segev, Wiesenthal-Biograf und israelischer Journalist, bestätigte aber im Juni 2006 die Existenz eines Schreibens von Wiesenthal an den Jüdischen Weltkongress aus dem Jahr 1954, in dem er auf den Aufenthalt Eichmanns in Argentinien hinwies.Anne-Catherine Simon: Briefmarken brachten ihn auf Eichmanns Spur, in: Tageszeitung Die Presse, Wien, 6. Juni 2006.
Tom Segev schrieb in seiner Biografie auch, dass Wiesenthal jahrelang mit dem israelischen Mossad zusammenarbeitete. Er erhielt ein Monatsgehalt des Geheimdienstes und regelmäßig Besuch von Agenten aus Israel. Mit dem Geld finanzierte Wiesenthal die Arbeit seines Dokumentationszentrums.Willi Winkler: Deckname ‚Theokrat‘. Nazijäger Simon Wiesenthal stand auf der Gehaltsliste des Mossad. In: Tageszeitung Süddeutsche Zeitung, München, 4./5. September 2010.
Zu den bekanntesten Tätern, die Wiesenthal neben Eichmann ausfindig machte, zählte 1963 Karl Silberbauer in Wien, der 1944 die damals 15-jährige Anne Frank in Amsterdam verhaftet hatte. Silberbauer arbeitete bis dahin unerkannt als Wiener Kriminalrayonsinspektor. Seine Aufdeckung war Wiesenthals schwierigster Fall, da auch in Österreich alte Seilschaften von Nationalsozialisten aktiv wurden.
1967 fand er den KZ-Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, Franz Stangl, Franz Murer und 1987 in Brasilien den ehemaligen Ghettokommandanten von Przemyśl, Josef Schwammberger. Der Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, bekannt als „Schlächter von Lyon“, arbeitete als Folterspezialist zuerst mit dem CIC zusammen und tauchte dann 1951 in Bolivien unter. Dort spürte ihn das Ehepaar Serge und Beate Klarsfeld auf, worauf er unter Wiesenthals Mithilfe 1983 nach Frankreich ausgeliefert wurde.
Franz Murer, der „Schlächter von Vilnius“, wurde auf Wiesenthals Betreiben mehrmals vor Gericht gestellt. Murer wurde 1948 an die Sowjetunion ausgeliefert und in Vilnius zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Todesstrafe wurde damals wegen einer Gesetzesänderung nicht gegen ihn verhängt. 1955 wurde er, den Vereinbarungen im Staatsvertrag entsprechend, an Österreich ausgeliefert, aber damals von der österreichischen Justiz nicht weiter verfolgt. Erst 1962 kam es nach Intervention von Simon Wiesenthal zur neuerlichen Verhaftung und einem Prozess in Graz, der mit einem skandalösen Freispruch endete.Josef Berghold: Das Österreich-Bild in Italien. In: Robert Kriechbaumer, Oliver Rathkolb, Otto M. Maschke (Hrsg.): Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Mit anderen Augen gesehen. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3-205-99105-2, S. 284. Franz Murer lebte bis an sein Lebensende, auch nach wiederholten Versuchen, ihn erneut vor Gericht zu stellen, in Gaishorn am See, Bezirk Liezen. Er war noch zuletzt Bezirksbauernvertreter der ÖVP. Im Prozess standen ihm prominente Fürsprecher vor allem aus dem Lager der ÖVP zur Seite.