mini|hochkant=1.2|Menschenopfer der Azteken im Codex Magliabechiano (16. Jh.) Als Menschenopfer bezeichnet die Religionswissenschaft die rituelle Tötung von Menschen als Gabe für eine Gottheit im Rahmen von Kulten und Religionen. Das Töten, gegebenenfalls auch als Selbstopfer, und der Umgang mit dem Leichnam gehören dabei zur Kulthandlung.Katja Triplett: Menschenopfer und Selbstopfer in den japanischen Legenden: Das Frankfurter Manuskript der Matsura Sayohime-Legende. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7990-9, S. 17f. Solche Darbringungsrituale wurden ähnlich wie Tieropfer vollzogen, waren in der jeweiligen Religion und Kultur allgemein akzeptiert und galten nicht als rechtswidrig.Hildegard Cancik-Lindemaier: Menschenopfer. In: Hubert Cancik et al. (Hrsg.): Der Neue Pauly: Enzyklopädie der Antike, Band 7. Metzler, Stuttgart 1999, S. 1253

Umgangssprachlich werden auch rituelle Hinrichtungen, etwa von Normbrechern und sogenannten Hexen, mitunter als Menschenopfer bezeichnet.

Kultische Menschenopfer gab es eventuell schon seit dem Paläolithikum, vermehrt in von Ackerbau und Viehzucht geprägten Gesellschaften des Neolithikums. Sie kamen dort jedoch empirisch weit seltener als Sach- und Tieropfer vor. Sie hatten verschiedene Motive und Zwecke: etwa als Bittopfer in besonderen Notlagen, um den Willen einer Gottheit zu beeinflussen oder zu erkunden, als Bauopfer, Dankopfer (etwa durch Tötung besiegter Gegner), Totenfolge oder Sühne für schwere religiöse Vergehen. Manche waren mit Kannibalismus verbunden.Bernhard Maier: Menschenopfer I. religionswissenschaftlich. In: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) Band 7, Herder, Freiburg 1993, Spalte 117f. Sie wurden seit der Antike literarisch fremden Völkern nachgesagt und kritisch erörtert. Im Judentum wurden sie früh streng verboten.

Menschenopfer werden offiziell in keinem Land mehr geduldet, sondern als Ritualmorde eingestuft und entsprechend strafverfolgt.

Frühe Belege und Verbreitung Aus dem Mittelpaläolithikum (ab 300.000 bis 45.000 v. Chr.) stammen einzeln deponierte menschliche Schädel mit schweren Verletzungsspuren und erweiterten Hinterhauptlöchern, die eine rituelle Tötung vermuten lassen. Manche dieser seltenen Knochenfunde zeigen Gewaltspuren, die auf Kannibalismus hinweisen könnten. Jedoch ist für diese Frühzeit kaum nachweisbar, dass rituell getötete Menschen tatsächlich verzehrt wurden und diese Anthropophagie Teil eines Opferkults war.Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 101

Erst in frühen Hochkulturen kamen Menschenopfer häufiger vor, meist als Totenfolge bei der Bestattung eines Herrschers oder Oberpriesters, um diesem im Jenseits zu dienen.Volkhard Krech: Opfer und Heiliger Krieg: Gewalt aus religionswissenschaftlicher Sicht. In: John Hogan, Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-322-80376-4, S. 1257

Schriftliche Zeugnisse zu Menschenopfern sind weit verbreitet, sollten aber oft Religion und Kultur der jeweiligen Eroberer, Kolonialherrscher und Missionare durchsetzen oder sogar Völkermorde rechtfertigen. Dazu werteten sie den Glauben besiegter Völker ab und diffamierten ihre Kultur als blutrünstig und grausam. Dies geschah besonders in der Religions- und Kolonialgeschichte Europas seit der Antike. Solche Darstellungen gelten daher nicht als zuverlässige Belege.

Afrika Altes Ägypten Im Alten Ägypten waren staatliche Menschenopfer als Totenfolge beim Begräbnis der Herrscher in der 1. und 2. Dynastie (ca. 3032–2707 v. Chr.) wahrscheinlich üblich. Dies schließt man aus einheitlich gebauten Gräberreihen für Nebenbestattungen in der Nekropole Umm el-Qaab bei den Grabanlagen von Pharaonen in Abydos, später auch in Sakkara. In diesen Gräbern fanden sich Skelettreste meist junger Männer. Man nimmt an, dass sie als Diener gestorbener Herrscher geopfert und mit diesen bestattet wurden.David Wengrow: The Archaeology of Early Egypt. Cambridge 2006, ISBN 0-521-54374-6, S. 246f. Diese Totenfolgepraxis endete wohl um 2760 v. Chr., da die Gräber der Pharaonen Peribsen und Chasechemui keine Nebengräber mehr hatten.Giulio Magli: Architecture, Astronomy and Sacred Landscape in Ancient Egypt. Cambridge University Press, Cambridge 2013, ISBN 978-1-107-03208-8, S. 15

Epigrafisch dokumentiert sind zudem zeremonielle Opferungen von besiegten Feinden des Pharaos. Deren Verfolgung, Bestrafung und Vernichtung gehörte im Alten Ägypten zu seinen Amtspflichten.

Nubien In Nubien sind Menschenopfer als Totenfolge bei Königsbestattungen in zwei Perioden zuverlässig bezeugt. In der Kerma-Kultur (bis etwa 1550 v. Chr.) wurden viele Gefolgsleute mit ihrem Herrscher bestattet. In den Königsgräbern in Kerma fanden sich hunderte Leichen.Rudolf Fischer: Die schwarzen Pharaonen. Manfred Pawlak, Bergisch Gladbach 1986, ISBN 3-88199-303-7, S. 23f. Diese Sitte verschwand mit dem Untergang dieser Kultur. Sie ist erst wieder von etwa 300 bis 600 n. Chr. in Ballana und Qustul belegt. Dort fand man große Grabhügel, die zum Teil unternubischen Königen gehörten. Auch damals wurden Gefolgsleute getötet und mitbestattet.Rudolf Fischer: Die schwarzen Pharaonen, Bergisch Gladbach 1986, S. 235

Subsahara-Afrika In Subsahara-Afrika unterscheiden Forscher als Gabe an Gottheiten verstandene Menschenopfer von heute sogenannten Medizinmorden für Körperteile von Menschen, denen eine vitale, heilende Kraft zugeschrieben wird. Beide Formen ritueller Tötungen folgen aus einem Glauben an übernatürliche Kräfte in oder hinter der Natur, die man glaubte, durch okkulte, magische Rituale direkt oder indirekt beeinflussen zu können. Grundmuster dieses Glaubens vieler historischer subsaharischer Völker ähnelten sich.Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, Vorwort S. viii und S. 7f.

Rituelle Tötungen für die Fruchtbarkeit des Landes oder zum Beenden einer Dürre haben Anthropologen etwa bei den Kuria,Malcolm Ruel: Non-Sacrificial Ritual Killing. In: Man Band 25, Nr. 2, Juni 1990, S. 323–335, hier S. 332 in Benin, Botswana und Tansania festgestellt. Regenmacher benutzten rituell auch menschliches Blut.Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 10

Durch okkulte Medizin motivierte Ritualmorde gab es noch bis 2013 an Albinos in Tansania,Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 115–138 (6. Kapitel) bis 2007 bei den Muti,Oliver Becker: „Muti-Morde“ in Afrika: Töten für okkulte Medizin. In: Burghart Schmidt, Rolf Schulte (Hrsg.): Hexenglauben im modernen Afrika / Witchcraft in Modern Africa. Hexen, Hexenverfolgung und magische Vorstellungswelten / Witches, Witchhunts and Magical Imaginaries. Dobu, Hamburg 2007, ISBN 978-3-934632-15-8, S. 87–212 bis etwa 1960 auch bei den Tiv in Nigeria. Dort wurden nach einer Untersuchung von Paul Bohannan (1957/1960) manchmal männliche Verwandte der Stammesältesten rituell getötet, begraben, wieder ausgegraben und vor Fetischen symbolisch erneut geopfert, um die geglaubte heilbringende Substanz des tsav wirksam zu erhalten.Rüdiger Schott: Fetische in Magie und Religion westafrikanischer Völker. In: Annemarie Fiedermutz-Laun (Hrsg.): Zur Akzeptanz von Magie, Religion und Wissenschaft: Ein medizinethnologisches Symposium der Institute für Ethnologie und Anatomie, Westfälische Wilhelms-Universität 1999. LIT, Münster 2002, ISBN 3-8258-5211-3, S. 137f.

In der Religion der Yoruba in Nigeria sollen den Orisha-Gottheiten früher auch Menschen geopfert worden sein,Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 13 eventuell noch bis etwa 1950.Rahul Peter Das: Die Widergötter: Rivalisierende 'Götter'-Geschlechter in der Mythologie indogermanischer Völker. Helmut Buske, Hamburg 2011, ISBN 978-3-96769-923-4, S. 20

Im Aschantireich und in Buganda gab es Totenfolge-Opfer. In Uganda wurden zum Teil Kinder als Bauopfer dargebracht.Lawrence Ezekiel Yona Mbogoni: Human Sacrifice and the Supernatural in African History. Daressalam 2013, S. 139–168 (7. Kapitel)

Amerika Nordamerika In einem Grabhügel der Stadt Cahokia, dem Zentrum der Mississippi-Kultur (~900–1200) fand man die kostbar geschmückte, in ein Muschellager gelegte, mit reichen Beigaben versehene Leiche eines „Vogelmannes“ sowie mehr als 250 Leichen um ihn herum, meist mit von hinten eingeschlagenen Schädeln. Die wenigen Männer darunter, wahrscheinlich Sklaven oder Kriegsgefangene anderer Ethnien, hatte man zuvor schwer misshandelt. Die übrigen waren gesunde, junge Frauen aus Cahokia selbst, eventuell weibliche Verwandte des verstorbenen Herrschers. Man nimmt an, dass sie geopfert wurden, um Thronerben auszuschließen. Auch das Volk der Natchez opferte die engeren Angehörigen und den Hofstaat des Herrschers, wenn er verstarb.Martin Zimmermann: Lost Cities: Vom Leben mit verlassenen Städten in den Kulturen der Welt. De Gruyter, Berlin 2023, ISBN 978-3-11-107184-8, S. 99

Die Pawnee opferten ab und zu ein Mädchen aus einem anderen Stamm, um die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu sichern. Bekannt wurde ihr Ritual im April 1838: Damals wurde ein junges Mädchen geschmückt durchs Dorf geführt, an jedem Wigwam beschenkt, am Opferplatz mit roter und schwarzer Farbe bemalt und gefesselt. Dann wurde es in brennender Glut zu Tode geröstet und zugleich mit Pfeilen beschossen, um viel Blut fließen zu lassen.Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 27 Anlass des Rituals soll der Traum eines Kriegers gewesen sein. Man vermutet, dass das Ritual aus Mexiko stammt, da Bilder von dort eine ähnliche Opfermethode zeigen.Willy Schroeter: Die Jagd- und Kriegswaffen der Indianer Nordamerikas. Verlag für Amerikanistik, Wyk auf Föhr 1987, ISBN 3-924696-20-9, S. 181

Mittelamerika mini|Codex Tudela, Opferung der Gefangenen für die Götter.

In den alten Kulturen Mittelamerikas sind Menschenopfer ikonografisch, epigrafisch und paläografisch bereits früh und vielfältig belegt.Michael Rind: Menschenopfer, Regensburg 1996, S. 92 Dies bestätigten unter anderem viele Skelettfunde mit Opfermerkmalen in Teotihuacan, etwa im Mondtempel der Göttin Quetzalcoatl.Hans-Joachim Löwer: Ruinenstadt Teotihuacán: Gräbersuche in der Stadt der Menschenopfer. Spiegel, 5. November 2006; Daniel Lingenhöhl: Grausige Grundsteinlegung. Spektrum.de, 3. Dezember 2004; Teotihuacaner opferten Fremde. Spektrum.de, 14. April 2007 Ausmaß, Methoden, Zwecke und gesellschaftliche Bedeutung dieser Opfer werden in der Forschung stark diskutiert.

In der Maya-Zivilisation (ab etwa 1500 v. Chr.) waren sie zwar fester Teil des Kults, wurden aber relativ selten und nur zu besonderen Anlässen vollzogen, etwa zur Tempeleinweihung, bei Orakelbefragungen, in Notzeiten (Dürren, Hungersnöten etc.) oder zum Dank für militärische Erfolge.Klaus Helfrich: Menschenopfer und Tötungsrituale im Kult der Maya. Gebr. Mann, Berlin 1973, ISBN 3-17-020029-1, S. 26–45