mini|hochkant|Michail Pletnjow (2007) Michail Wassiljewitsch Pletnjow (, wiss. Transliteration , international Mikhail Pletnev; * 14. April 1957 in Archangelsk, Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein russisch-schweizerischer Pianist, Komponist und Dirigent.
Michail Pletnjow gewann 1978 mit 21 Jahren den ersten Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Seine Diskografie umfasst über 100 Aufnahmen, die Fachpresse weist einigen Solo-, Kammermusik- und Orchestereinspielungen Referenzstatus zu.
Pletnjows Kompositionen wurden von Martha Argerich, Juri Baschmet, Michael Collins, Steven Isserlis, Kirill Gerstein, Daniil Trifonow und dem Russischen Nationalorchester (RNO) uraufgeführt. Seine Klavier-Transkriptionen aus Tschaikowskis Ballettsuiten Der Nussknacker und Dornröschen haben einen festen Platz im Repertoire der Konzertpianisten. Pletnjows eigene Einspielungen dieser Werke sind Bestandteil der Philips-Edition Die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts. Für die Aufnahme seiner Arrangements aus Prokofjews Ballett Cinderella für zwei Klaviere erhielt er mit seiner Duettpartnerin Argerich einen Grammy Award.
Neben seiner pianistischen Solokarriere gründete Pletnjow 1990 mit dem RNO eines der ersten nichtstaatlich finanzierten Sinfonieorchester der postsowjetischen Ära. Unter Pletnjows Chefdirigat und künstlerischer Leitung wurde es zu einem weltweit anerkannten Klangkörper. Das RNO wurde als erstes Orchester der russischen Orchestergeschichte mit einem Grammy Award ausgezeichnet. Pletnjow ist Träger des Europäischen Dirigentenpreises.
Biografie Kindheit Michail Pletnjow wurde als Einzelkind des Musikerehepaares Olga Dmitrijewna und Wassili Pawlowitsch Pletnjow geboren. Die Mutter war ausgebildete Pianistin, der Vater Absolvent der Musikhochschule Jaroslawl und des Gnessin-Instituts Moskau. Kurz nach der Geburt Pletnjows zog die Familie nach Saratow und weiter nach Kasan. Am dortigen Konservatorium gründete Pletnjows Vater 1962 die Fakultät für Volksmusikinstrumente und war bis 1973 Leiter der Nationalen Bajanschule. Olga Dmitrijewna Pletnjowa arbeitete als Korrepetitorin an den Fakultäten Gesangskunst und Volksinstrumente und war Konzertmeisterin am Tatarischen Staatsoper & Ballett-Theater, benannt nach Musa Cälil. Michail Pletnjow zeigte schon früh musikalisches Talent und wurde von seiner Mutter, die er täglich ans Konservatorium begleitete, spielerisch gefördert. Er versuchte sich an verschiedenen Instrumenten, hörte den Musikern des Konservatoriums zu und imitierte den Orchesterdirigenten Natan Rachlin während dessen Proben. Pletnjow erinnert sich rückblickend an eine ungezwungene und glückliche Kindheit.
Ausbildung und Klavierwettbewerbe Musikschulen Mit sieben Jahren begann Pletnjow seine Klavierausbildung an der Schule für Hochbegabte am Kasaner Konservatorium bei Kira Alexandrowna Schaschkina. Mit 13 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung der Zentralen Musikschule Moskau am dortigen Tschaikowski-Konservatorium – unter anderem nach dem Vortrag einer selbst komponierten Sonatine – und wurde Schüler von Jewgeni Timakin. Die herausragenden pädagogischen Fähigkeiten Timakins beschreibt Pletnjow als „genial“ und bemerkt scherzhaft „Ich kam mit Dreizehn nach Moskau und konnte noch nicht wirklich spielen, aber er hat mir eine fabelhafte Technik beigebracht. Ich glaube, wenn er zwei Jahre einen Elefanten oder einen Affen unterrichtet, dann können die so perfekt spielen wie alle anderen seiner Schüler,“Dieter David Scholz: Mythos Maestro. Dirigenten im Dialog. Mikhail Pletnev: Ich mache was ich will. Parthas Verlag, Berlin 2002, ISBN 978-3-932529-76-4, Seite 256. zu denen zum Beispiel Ivo Pogorelich, Vladimir Feltsman und Olga Kern zählen.
Student des Moskauer Konservatoriums mini|Moskauer Konservatorium (2017) Nach seinem ersten Erfolg 1973 beim Internationalen Jugend-Musikwettbewerb der Jeunesses Musicales International in Paris wechselte Pletnjow 1974 an das Moskauer Konservatorium, um bei Albert Leman Komposition und in der Meisterklasse von Jakow Flier Klavier zu studieren. Pletnjow, über dessen außergewöhnlich schnelle Auffassungsgabe, enorme Merkfähigkeit und autodidaktischen Fähigkeiten die Kommilitonen Alexander Bruni und Dang Thai Son anekdotisch berichten, war ein unbequemer Student. „Ich wollte nie machen, was man mir diktiert, ich wollte immer sprechen, diskutieren, mich mit dem Lehrer auseinandersetzen.“ Flier, für den Pletnjow größte Bewunderung hegte und hegt, äußerte dementsprechend, dass er für eine Stunde mit diesem jungen Mann so viel Kraft und Nerven wie für zwei Solo-Konzerte benötigte.
Pletnjow gewann 1977 den sowjetischen All-Union-Wettbewerb in Leningrad und erlangte dadurch Bekanntheit. Nach dem krankheitsbedingten Tod Fliers im Dezember 1977 wechselte er in die Klasse von Lew Wlassenko. In der Saison 1977/78 debütierte er als Dirigent mit seiner Komposition Fantasie über ein kasachisches Thema in Jaroslawl, Minsk und Kasan.
Tschaikowski-Wettbewerb Im Juli 1978 gewann Pletnjow den ersten Preis beim renommierten und international beachteten Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Das Jury-Mitglied Eugene List lobte anschließend öffentlich Pletnjows hohe musikalische Intelligenz und Weitsicht. Er spiele nicht nur mit Verstand, Pletnjows Vorträge hätten diese Ausgewogenheit zwischen Kopf und Herz, die so wichtig für Musiker sei. Beim Preisträgerkonzert zeigte Pletnjow neben seiner pianistischen Brillanz alles was ihn auch in späteren Jahren auszeichnen sollte: die Aufmerksamkeit des Publikums auf Werke abseits des Standardrepertoires zu lenken und sein Selbstverständnis als Musiker, wonach jeder Interpret komponieren sollte, um mehr Verständnis für die Werke anderer Komponisten zu erlangen. Neben Tschaikowskis unvollendeter Romance in f-Moll op. 5 brachte er drei seiner Klavier-Transkripte aus der Ballettsuite Der Nußknacker, die bereits im Februar 1978 für das Plattenlabel Melodija aufgezeichnet worden waren, zum Vortrag.
1979 schloss Pletnjow sein Studium erfolgreich ab und wurde 1981 nach Beendigung eines Graduiertenstudiums Solist der staatlichen Konzertagentur Goskonzert. Zeitgleich begann er am Moskauer Konservatorium als Assistent von Wlassenko Klavier zu unterrichten – soweit es seine nationalen und internationalen Konzertverpflichtungen zuließen. Zu Pletnjows Schülern gehören unter anderen Sergei Babayan, Lev Vinocour, Aleksandra Žvirblytė und Justas Dvarionas.
Beginn der musikalischen Karriere Internationale Bühnen Nach dem Gewinn des Tschaikowski-Wettbewerbs und einer anschließenden Konzerttournee durch die Sowjetunion stellte sich Pletnjow nach und nach auf internationalen Bühnen vor. Am 14. Januar 1979 debütierte er im Rahmen seiner ersten westdeutschen Tournee mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR unter Wladimir Fedossejew in Viersen, anschließend in Bielefeld, Kassel, Hoechst, Nürnberg und Augsburg.Zu Gast: Wer - Wo - Wann?. Fono Forum, Ausgabe 1/1980, Seite 15. Im Juli des gleichen Jahres spielte er erstmals in den Vereinigten Staaten beim Newport Music Festival, Rhode Island zusammen mit den 1978er Preisträgern Elmar Oliveira und Nataniel Rosen der Sparten Violine und Violoncello.
Als Pletnjow im Februar 1982 als Ersatz für Andrei Gawrilow zum ersten Mal in Frankfurt, Stuttgart und München als Solist konzertierte, war das Interesse am „Geheimtipp unter Freunden virtuoser Klaviermusik“ groß.Klaus. K. Füller: Die russische Schule. Der Pianist Michail Pletnjow. Frankfurter Rundschau, 4. Februar 1982, Seite 11. Nicht zuletzt, da Pletnjows vorgelegte Langspielplatten überschwängliche Kritiken erhalten hatten.Schallplatten Topliste 1982. Fono Forum, Ausgabe 12/1982, Seite 66. Die Tournee war ein Erfolg, das Publikum hingerissen. Pletnjow selbst konnte den „prasselnden Beifall gar nicht fassen“ und die Musikkritik erging sich angesichts seiner „virtuosen Vitalität“ in Superlativen.
Konzertauftritte Pletnjows blieben dennoch „außerhalb der sowjetischen Einflusssphäre“ auf Veranlassung der Goskonzert, die sich auch in das Konzertprogramm einmischte, selten und wurden phasenweise ganz ausgesetzt. Das Interesse an Pletnjow, dem interpretatorisch eine „intellektuelle Verhaltenheit“ und spieltechnisch eine „pianistische Über-Potenz“ zugesprochen wurde,Klaus Bennert: Perfektion und Skepsis. Fono Forum, Ausgabe 8/1986, Seite 24 bis 26. blieb hoch – ungeachtet seiner zeitweiligen Bühnenabstinenz und der jenseits des Eisernen Vorhangs nur in geringem Umfang erhältlichen Tonträger. Grund hierfür waren Rundfunk-Konzertübertragungen, die nicht nur die „Weite seines Repertoires“ verdeutlichten, sondern Potential zeigten, wie vormals „bei Michelangeli und Horowitz zu klavieristischen Kultplatten aufbereitet“ zu werden.
Angesprochen auf seine steile Karriere nach dem Tschaikowski-Wettbewerb, bemerkte Pletnjow: „Aber keine schnelle.“ Der Wettbewerb habe ihm „sehr geholfen, aber es gab da noch die Probleme mit der sowjetischen Politik. Herr Breschnew wollte nicht, daß ich im Westen spiele. Deshalb hat meine Karriere zunächst stagniert“.Dieter David Scholz: Mythos Maestro. Dirigenten im Dialog. Mikhail Pletnev: Ich mache was ich will. Parthas Verlag, Berlin 2002, ISBN 978-3-932529-76-4, Seite 254. Pletnjow ergänzt zu diesem Lebensabschnitt lakonisch: „Ich blieb zu Hause“ und „habe ein bißchen komponiert, ein bißchen Klavier gespielt, ein bißchen dirigiert und ein bißchen Musikprofessor gespielt.“ Die Möglichkeit, sich mit Musik „in jeder Form“ zu beschäftigen, sei „nicht schlecht“ für ihn gewesen.
Sowjetunion mini|Tschaikowskis Flügel in Klin (2011) Pletnjow konzertierte in den 1980er Jahren häufig in Moskau und trug Klavierwerke von Tschaikowski vor. Seine Interpretationen verweigerten sich der damals üblichen „bombastisch“ romantisierten Aufführpraxis und zeigten Züge „Mahlerischer Zerissenheit“ – „kühn, bedrohlich, unerbittlich.“Klaus Bennert: Perfektion und Skepsis. Fono Forum, Ausgabe 8/1986, Seite 26. Der Pianist Babayan erinnert sich, dass dies „tatsächlich eine Tschaikowski-Renaissance“ auslöste. Er erläutert: Pletnjow „war ein Glücksfall, der Tschaikowski für uns neu eröffnete“.Zoltan Bognar: Sergei Babayan in Conversation: Playing to win. International Piano, Ausgabe November/Dezember 2012. Zitat: […] time showed Pletnev's significance in history. He was no less than a godsend who opened Tchaikovsky for us anew - he truly initiated a Tchaikovsky renaissance. (englisch) 1986 lud Vladimir Horowitz anlässlich seiner Russland-Tournee Pletnjow ein, mit ihm das Tschaikowski-Museum in Klin zu besuchen und auf Tschaikowskis Klavier zu spielen. Im Dezember 1986 notierte Swjatoslaw Richter in sein Tagebuch, wie „außerordentlich talentiert“ Pletnjow sei. Dieser hatte auf Richters Festival Dezembernächte im Puschkin-Museum Tschaikowski-Werke vorgetragen.
Am 1. Juni 1990 gestaltete Pletnjow zusammen mit dem Tenor Zurab Sotkilawa das künstlerische Rahmenprogramm des Empfangs George Bushs durch Michail Gorbatschow in der sowjetischen Botschaft, Washington, D.C., anlässlich des sowjet-US-amerikanischen Gipfeltreffens.Martha Sherrill, Roxanne Roberts: Toasted inside and out at the Soviet Embassy. The Washington Post, 2. Juni 1990. (englisch)
Internationale Anerkennung 1990 gründete Pletnjow das RNO und ist neben seiner pianistischen Karriere als Komponist in Erscheinung getreten.
Grammy Award und mediale Präsenz mini|Eröffnungskonzert der Russisch-Deutschen Kulturbegegnungen (2003)