mini|Poster zu Fervaal, einer Oper von Vincent d’Indy, für das Théâtre de l’Opéra-Comique, Paris (1898) mini|220px|Impression, soleil levant von Claude Monet mini|Claude Debussys „Nuages“, aus Trois Nocturnes. Digital erzeugt.

In der Musik ist Impressionismus eine von ungefähr 1890 bis 1920 vorherrschende Stilrichtung, deren impulsgebender Hauptvertreter der französische Komponist Claude Debussy war. Ebenso wie der Impressionismus in Malerei und Literatur versucht der musikalische Impressionismus Eindrücke von Augenblicken darzustellen. Aus diesem Grund liegt das Hauptaugenmerk der Komponisten nicht auf der Form der Musik, so wie es beispielsweise in der Wiener Klassik und Romantik der Fall war, sondern auf dem Klangbild. Dieses Klangbild hat, einem Bild der impressionistischen Malerei ähnlich, zur Aufgabe, dem Zuhörer die Stimmung und Atmosphäre eines Augenblickes zu vermitteln, wobei es um subjektive Eindrücke und nicht um konkrete materielle Eigenschaften geht. Durch die Ausbildung und Weiterverarbeitung dieser Klangbilder entsteht ein verschwommenes Gesamtbild, in dem normalerweise keine festen Formen auszumachen sind.

Impressionismus-Begriff Der wesentliche Impuls für den musikalischen Impressionismus ging von der Malerei aus (siehe Impressionismus). Entgegen dem üblichen Arbeiten innerhalb des geschlossenen Ateliers begannen einige französische Künstler, ihnen voran Claude Monet, unter freiem Himmel (frz. plein air) zu malen. Genaue Beobachtung der Licht- und Schattenverhältnisse ließen sie mit diesen Effekten spielen, statt klaren Konturen setzten die Impressionisten der Leinwand subjektiv wahrgenommene Farbe ein, entscheidend wurde schließlich der Eindruck (frz. l’impression) des Augenblicks. Eine solche Haltung warf man 1887 Debussys Kompositionen als „vagen Impressionismus“ vor.

Einflüsse Bereits 1882/83 bis 1886 komponierte Ernest Fanelli (1860–1917) ein Orchesterwerk namens Tableaux Symphoniques d’après le Roman de la Momie, in dem orientalische und avancierte, impressionistisch wirkende Klangfarben verwendet werden. Teile des Werks wurden erst 1912 auf Betreiben Gabriel Piernés uraufgeführt. Wie George Antheil in seinen 1945 publizierten Memoiren anekdotisch unter Berufung auf Fanellis Witwe berichtet, hatten jedoch bereits die jungen Komponisten Debussy und Ravel Einblicke in Manuskripte Fanellis. Pierné fand in Fanellis Komposition Hinweise auf jene radikalen Neuerungen, die dann etwa in Debussys Musik auftauchten.Adriano, CD-Beilage Marco Polo 8.225234, Ernest Fanelli: Symphonic PicturesGeorge Antheil: Enfant Terrible der Musik. Langen Müller, München 1960, S. 140–143.

Debussy hatte einen weiten Bereich von Einflüssen. Unter den klassischen Komponisten waren Peter Tschaikowski, Mily Balakirev, Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Modest Mussorgski die bekanntesten, insbesondere Mussorgskis Bilder einer Ausstellung, die später von Ravel für das Orchester transkribiert wurden, greifen bereits Ideen auf, die später eine Rolle spielten.François Lesure, Roy Howat: Debussy, Claude. Grove Music Online. Oxford Music Online. 14. Dezember 2009 (Zugriff nur über Login).Poleshook, Oksana. 2011 Russian Musical Influences of The Five on piano and vocal works of Claude Debussy LAP Lambert Publishing, ISBN 978-3-8443-1643-8.

Weiteren Einfluss auf das Schaffen von Debussy und Ravel hatten die harmonischen und formellen Innovationen Eric Saties, dem Wegbereiter der Neuen Musik und Zeitgenossen von Debussy und Ravel. Als weiterer Wegbereiter gilt außerdem Edvard Grieg, insbesondere dessen Streichquartett in g-moll.

Komponisten

Ein weiterer bedeutender Komponist des Impressionismus ist Maurice Ravel, der allerdings auch viele Werke komponierte, die nicht als impressionistisch bezeichnet werden können. Die Werke vieler Komponisten gehören dem Impressionismus an, oder wurden von ihm beeinflusst. Im französischen Sprachraum unter anderen Paul Dukas, Vincent d’Indy, Déodat de Séverac, Florent Schmitt, Joseph Ryelandt, Abel Decaux, Olivier Messiaen, Guillaume Lekeu, Guy Ropartz, Albéric Magnard, Ernest Chausson, Charles-Marie Widor, Charles Tournemire, Gabriel Fauré, Lili Boulanger, Mel Bonis, Louis Vierne, Gabriel Pierné, Paul Ladmirault, Albert Roussel, Paul Le Flem, Reynaldo Hahn, André Caplet, Jehan Alain, Jacques Ibert, Georges Migot, Dynam Victor Fumet, Charles Koechlin, Emmanuel Chabrier, Maurice Duruflé, Henri Duparc oder Maurice Emmanuel. In den Niederlanden Rosy Wertheim. In Spanien unter anderen Manuel de Falla, Isaac Albéniz, Joaquín Turina, Joaquín Rodrigo, Manuel Blancafort und Federico Mompou. In Italien Ottorino Respighi und Giacomo Puccini. In Osteuropa sind bei Leoš Janáček, Alexander Skrjabin und Karol Szymanowski impressionistische Klangideen zu finden. In England zeigen sich impressionistische Einflüsse beispielsweise bei Frederick Delius, John Ireland, Cyril Scott, teilweise auch bei Arnold Bax. Zu den wenigen deutschen und österreichischen Komponisten, die zumindest in einigen ihrer Werke vom Impressionismus beeinflusst wurden, zählen Paul Graener, Sigfrid Karg-Elert, Joseph Marx, Walter Niemann, Ferdinand Pfohl, Max von Schillings, Franz Schreker, Hans Winterberg und maßgeblich Richard Strauss. In Skandinavien ist u. a. Kurt Atterberg zu nennen. In den Vereinigten Staaten ist Eastwood Lane zu nennen.

Synergie der Künste

mini|150px|links|Vaslav Nijinsky als Faun

Die mit Debussy befreundeten Dichter Charles Baudelaire, Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé brachten ihn mit dem Symbolismus der Dichtung in Verbindung. Auf ein Libretto von Maurice Maeterlinck komponierte Debussy seine Oper „Pelléas et Mélisande“. Auch seine Lieder sind von einer hohen Konzentration auf den Textinhalt und die daraus resultierende Atmosphäre gekennzeichnet. Die Musik „Prélude à l’après-midi d’un faune“ wurde später in ein Ballett umgewandelt.

Merkmale Impressionistische Musik wählt vielfach ein Thema (Natur, Phänomene etc.) zum Subjekt und intoniert es. Das Subjekt wird anschaulich in Musik codiert.

Wenngleich sich Impressionismus und Spätromantik zeitlich überschnitten, hob sich der Impressionismus von der Spätromantik durch eine neue, charakteristische Tonsprache ab.

Das hervorstechendste Merkmal der impressionistischen Musik ist die Klangfarbe und die Instrumentierung. Typisch sind Schichtungen von musikalischen Ebenen: Ein profunder, aber nicht aufdringlicher Bass, bewegte Mittelstimmen und ein signifikantes Motiv in den Oberstimmen, das aber nicht den Gesetzen der üblichen klassisch-romantischen Verarbeitung (Diminution, Abspaltung usw.) unterworfen ist, sondern eher assoziativ behandelt wird. Ein Sonderfall ist Maurice Ravels Boléro.

Durch diese Elemente ist es möglich, Stimmungs- und Raumwechsel innerhalb eines Werkes subtil und changierend zu gestalten, ohne dass das Werk an sich mehrere abschließende, in sich geschlossene Kleinformen wie Lieder oder deutlich vom Rest einer Oper abgetrennte Duette benötigen würde. Innerhalb eines Aktes verlaufen sämtliche Übergänge fließend und ohne formal bedingte Pausen. Die ambivalente Harmonik sorgt dabei heute noch für Überraschungen in den Hörgewohnheiten und lässt sich oft nicht mehr nach harmonischen Gesetzmäßigkeiten festlegen.

Typische Formen der Musik des Impressionismus sind die durchkomponierte Oper (neben Pelléas et Mélisande von Debussy auch Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas und L’enfant et les sortilèges von Maurice Ravel) und sinfonische Dichtungen. Auch Klavierwerke und Lieder, die in verschiedenen Sammlungen nach Dichtern gruppiert waren, sind häufig. Ein weiteres Charakteristikum ist der Rückgriff auf vorklassische Formen, wie Toccata, Sarabande, Menuett und Passepied. Anknüpfungspunkt sind in diesem Fall die Cembalomeister François Couperin (siehe Ravels Suite für Klavier Le Tombeau de Couperin) und Jean-Philippe Rameau.

Form impressionistischer Werke

Die Komponisten des musikalischen Impressionismus versuchten bewusst, Abstand von den strengen Formenregeln der vorgehenden Epochen zu gewinnen. So werden im musikalischen Impressionismus keine Themen mehr nach dem Satz- oder Periodenmodell gestaltet. Allerdings werden auch keine neuen Regeln dieser Art für Formen entwickelt. Vielmehr ist ein Werk so, wie es für die Darstellung des Eindrucks sein muss. Es existieren durchaus Motive und Themen, jedoch werden sie nicht im sinfonischen Sinne vom Komponisten weiterentwickelt, sondern erzeugen ein Klangbild. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie häufig nicht fertig sind, sondern Ideen andenken und wie beim Mischen von Farben eines Malers miteinander verwoben werden. mini|links|Beispiel für verwobene Motive (aus Debussys La Mer) Im Beispiel links taucht in der Flöte ein Motiv, das vorher im Stück eingeführt wurde, für einen Takt auf, davor und danach herrschen aber völlig andere Motive vor. Dieser Motiveinwurf zieht sich durch das gesamte Orchester.

Anders als in der Sinfonie spiegelt der zeitliche Ablauf der impressionistischen Musik im Regelfall kein zeitliches Aufeinanderfolgen des Dargestellten wider, sondern wird genutzt, um den Eindruck der Szenerie zu verstärken und zu vervollständigen. Die Musik beschreibt also einen Zustand (Zuständlichkeit).

Harmonik

mini|Beispiel für Parallelführung von Septnonakkorden (aus Nuages aus Debussys Trois Nocturnes) Die Harmonik des Impressionismus ist wie die gesamte Musik auf die Vermittlung von Eindrücken und die Schaffung von Atmosphäre ausgerichtet. Dabei wird kein Wert auf althergebrachte Regeln aus Klassik und Romantik gelegt, im Gegenteil, es wird eher versucht, diese Regeln bewusst zu brechen, um alles, was über die Schaffung einer Klangatmosphäre hinausgeht, zu vermeiden. Ein Beispiel hierfür ist die Mediantenharmonik: Statt Quintverwandtschaften zwischen aufeinanderfolgenden Akkorden, die vormals die bestimmenden Akkordverwandtschaften darstellten, werden nun auch gerne Terzverwandtschaften wie Parallel- und Gegenklänge als dominierende Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Akkorden genutzt. Beliebt ist vor allem auch die Parallelführung von Akkorden, in Terzen, aber auch in Oktaven, Quinten oder Quarten. Gerade Septakkorde oder andere dissonante Akkorde werden gerne parallel geführt (siehe die Abbildung rechts).

Folge und Ziel dessen ist die Aufhebung der Leittonfunktion. Stattdessen werden Septim- und andere dissonante Akkorde als tonmalerisches Element gleichberechtigt mit anderen Akkorden verwendet. Allgemein wird nicht zwischen Konsonanz und Dissonanz unterschieden, Akkorde werden nur nach ihrer tonmalerischen Wirkung differenziert. Insgesamt bedient sich die impressionistische Musik einer Vielzahl auch neuer und exotischer Akkorde, die als gleichberechtigte tonmalerische Elemente die detaillierte Schaffung besonderer und exotischer Atmosphären ermöglichen. Die Akkorde sind frei schwebend und harmonisch ungebunden, Klangnuancen bekommen eine äußerste Wichtigkeit, die atmosphärische Stimmungen unmerklich verändern kann.

mini|links|Beispiel für Reizdissonanzen und differenzierte Instrumentierung (aus Nuages aus Debussys Trois Nocturnes) mini|Beispiel für Bitonalität (aus Debussys Preludes) Dies sind z. B. Klänge mit Reizdissonanzen (klanglich motiviert Akkorden hinzugefügte Töne im Sekundabstand; sie sind nicht gesetzt, um aufgelöst zu werden), Nonen- und Undezimakkorde und übermäßige Dreiklänge sowie Bordunquinten. Auch Quarten- und Ganztonharmonik sind typisch. Die Reizdissonanzen sind exemplarisch in der Abbildung links zu sehen.

Außerdem werden im Impressionismus gerne verschiedene Tonarten überlagert, die Folge ist Bi- bzw. Polytonalität. In dem Beispiel rechts zu Bitonalität sind die Tonarten in der linken und rechten Hand anhand der Vorzeichen offensichtlich unterscheidbar. Insgesamt stellt die Harmonik der impressionistischen Musik eine „Abkehr von der Vorherrschaft harmonikaler Flächen“Riemann: Riemann Musik Lexikon 1967, S. 389–390 dar.

Melodik