Bernhard Erich Oskar Irrgang (* 22. August 1953 in WürzburgEintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; † 7. Februar 2024 in Dresden) war ein deutscher Technikphilosoph und Ethiker.
Leben und Wirken Bernhard Irrgang studierte Philosophie, katholische Theologie, Germanistik und Indologie in Würzburg, Philosophie und Theologie auch in Passau und München. Sein erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien absolvierte er im Jahr 1979 in den Fächern Deutsch, Katholische Religionslehre und Philosophie. Seine Dissertation schrieb er über die Skepsis in der Aufklärung und wurde 1982 in Würzburg zum Doktor der Philosophie promoviert. Er erhielt ein Stipendiat der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk in der Grund- und Promotionsförderung. Nach dem zweiten Staatsexamen 1985 folgte 1991 eine Promotion in Theologie in Würzburg und München über das Thema Christliche Umweltethik. Im Jahr 1996 folgte in Bamberg die Habilitation im Fach Philosophie mit einer Arbeit über Forschungsethik Gentechnik und neue Biotechnologie, betreut von Walther Zimmerli.
Nach Lehrtätigkeiten an der Universität Würzburg in den Jahren 1982 und 1983 und an der TU Braunschweig 1985 im Fach Philosophie wechselte er 1986 als Assistent in theologischer Ethik an die Universität München und 1992 nach Siegen. Von 1988 bis 1993 hielt er interdisziplinäre Seminare am Genzentrum München ab, darin von 1992 und 1993 als Lehrbeauftragter des Zentrums. 1993 wechselte er an die TU Dresden. Von 1993 bis 2019 lehrte er dort als Professor für Technikphilosophie und leitete anfangs das Zentrum für Interdisziplinäre Technikforschung – mit Emeritierung im Jahr 2019.
Irrgang war Mitglied in der Arbeitsgruppe „Innovation“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech, 2004–2008) und Mitglied in der Projektbetreuung zur personalisierten Medizin und Patientenkarte sowie zum altersgerechten Wohnen in Smart Homes (2010–2015).
Am Indian Institute of Technology Madras in Indien übernahm Irrgang 2003 eine Gastprofessur. Er leistete ab ehrenamtliche Politikberatung für die EU; für die Deutsche Bischofskonferenz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), in dessen ITA-Beraterkreis er wirkte. 2017 wurde er in den ITA Beraterkreis für Forschungsberatung beim BMBF berufen – im Themenfeld: 1 Künstliche Intelligenz und virtuelle Realitäten.
Irggang war nach seiner Emeritierung weiterhin als Autor zahlreicher Publikationen tätig sowie in den von ihm gegründeten Forschungsgruppen. Er war Mitbegründer der Zeitschriften- und Buchreihe Forum für Interdisziplinäre Forschung und dort Mitherausgeber seit 1988. Er arbeitete mit beim Philosophischen Literaturanzeiger und bei Ethica. Außerdem war er Herausgeber der Buchreihe Technikhermeneutik.
Forschungsschwerpunkte Irrgangs internationale Lehr-/Forschungstätigkeit hatte Schwerpunkte in Süd-, Südost und Ostasien, Südamerika und den USA, mit den wissenschaftlichen Schwerpunkten Kulturtheorie der Technik, Technologie- und Kulturtransfer, Techno-science und Techno-research, hypermoderne Technologie (Gentechnologie, Biomedizin, Informationstechnologie, KI und Expertensysteme, Robotik), Neue Kriege und Cyberwar, Neurophilosophie und Anthropologie, Grenzfragen Biologie/Philosophie.
Seine Arbeitsschwerpunkte von 2014 bis 2019 waren Technikhermeneutik als Technikgestaltung, Evolutionäre Erkenntnistheorie, neuronale Entwicklungsbiologie und kognitive KI, Synergetische Hermeneutik und synergetisch-strukturale Prozessphänomenologie sowie Modellierung technologisch-ökonomischer Entwicklungspfade als Alternative zur Neoklassik
Im Einzelnen – die Kulturtheorie der Technik, Technologie- und Kulturtransfer, Forschung und Ethik in den Bereichen hypermoderne Technologie (neue Gentechnologie, Biomedizin, Systembiologie, Informationstechnologie, KI und Expertensysteme, Robotik). Intradisziplinäre Beschäftigung mit Grenzfragen moderner Technologien (u. a. Robotik, moderne Kriege und modern warfare), speziell mit Grenzfragen der Biologie/Philosophie, Bioethik und Umweltethik. Dies führte zu der Erarbeitung einer umfassenden Biophilosophie, zu technologisch-ökonomische Entwicklungspfaden im Rahmen hypermoderner Technologie und Kultur unter dem Zeichen der Nachhaltigkeit.
Zum Thema Moderne Kriege, Modern Warfare und den Einsatz von Drohnen und Kampfroboter schrieb Irrgang eine „Ethik-Bewertung“ (Drohnen und Kampfroboter. Neue Militärtechnik für den gerechten Krieg im Globalisierungsstrudel?), die kontrovers diskutiert wurde. Er kam zu dem Schluss, dass autonome Waffensysteme sich einer ethischen Bewertung entziehen, damit ethisch nicht „vertretbar“ seien – immer ein Mensch die letzte Kontrolle ausüben muss. „Dabei muss der Einsatz autonomer oder semi-autonomer Militärtechnik der Kontrolle durch Menschen unterliegen, weil Maschinen weder Bewusstsein noch Sittlichkeit aufweisen, um im moralischen Sinne zurechenbar entscheiden zu können. Gemäß dem technologischen Imperativ könnte völlig autonome militärische Technik zwar entwickelt werden, ihr Einsatz allerdings könnte sich als nicht verantwortbar herausstellen. Letztlich muss die Verantwortung dem Befehlshaber zukommen. Militärtechnik muss der Kontrolle des Menschen unterliegen, da ethische Überlegungen sonst ins Leere laufen.“ETHICA 22 (2014) 2, 160 – 161
Auch nach seiner Emeritierung war Irrgang in der Forschung tätig. Die Schwerpunkte seiner Arbeit an einer Ethik der Zukunft waren – Wege zu ökosozialen hypermodernen Technologiezivilisationen – technokratische und ökoliberale Denkansätze in Gesellschaft, Ökonomie und Kultur – Erforschung/ethische Betrachtung des Übergangsfeldes zwischen Industriegesellschaft im Globalisierungsstrudel und einer hypermodernen Welt-Zivilisation. Außerdem Transformation der Philosophy of Mind (die Entwicklung der Verbindung Körper/Geist) im Umfeld von evolutionärer Erkenntnistheorie, Neurowissenschaften und der Revolution durch Künstliche Intelligenz, Cyberspace-Technologisierung und Robotik. Er befasste sich ebenfalls mit der Biophilosophie der Evolution u. a. vor dem Hintergrund der synergetischen Kybernetik und Bionik in der Transformations-Biotechnologie.
Veröffentlichungen (Auswahl) Monographien
Technik im südlichen und östlichen Asien - Philosophisch-kulturelle Aspekte von Technikhöhe und Techniktransfer zwischen Europa, Indien und China, Thelem Verlag (=Technikhermeneutik. Nr.4.), Dresden 2008, ISBN 978-3-933592-29-3
Wege zu ökosozial-liberalen hypermodernen Technologiezivilisationen Networking, KI, Kybernetik und Synergetik. Die Rolle von Wissenschaft und Technologie. Koenigshausen & Neumann, Würzburg 2022, ISBN 978-3-8260-7778-4. Vom impliziten technischen Wissen zum technologischen Design von KI und Biotechnologie. Cyberphilosophie des Designkonzeptes der Tüftler und reflektierten Praktiker. Koenigshausen & Neumann, Würzburg 2022, ISBN 978-3-8260-7578-0.
Als Herausgeber mit Matthias Lutz-Bachmann: Begründung von Ethik. Beiträge zur philosophischen Ethik-Diskussion heute. Königshausen & Neumann, Würzburg 1990, ISBN 978-3-88479-415-9. mit Jörg Klawitter: Künstliche Intelligenz. Hirzel, Stuttgart 1990, ISBN 978-3-8047-1122-8. mit Ricardo Maliandi: Technikphilosophie in Lateinamerika. Themen, Probleme und Entwicklungsperspektiven am Beginn des 21. Jahrhunderts. (= Technikhermeneutik Nr. 1). Thelem, Dresden 2003, ISBN 978-3-935712-34-7. mit Sybille Winter: Modernität und kulturelle Identität. Konkretisierungen transkultureller Technikhermeneutik im südlichen Lateinamerika. (= Dresden philosophy of technology studies Nr. 2), Lang, Frankfurt/M. u. a. 2007, ISBN 978-3-631-56693-0, mit Thomas Rentsch: Bioethik in der philosophischen Diskussion (= Dresdener Hefte für Philosophie 12), Thelem, Dresden 2010, ISBN 978-3-937672-26-7. mit Arun Kumar Tripathi: Critics of technological lifeworld. Peter Lang, Frankfurt/M. u. a. 2011, ISBN 978-3-631-58570-2. mit Michael Funk: Robotics in Germany and Japan. Philosophical and Technical Perspectives. Peter Lang, Frankfurt/M. 2014, ISBN 978-3-631-62071-7. mit Thomas Rentsch: „Leib“ in der neueren deutschen Philosophie. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, ISBN 978-3-8260-4769-5. mit Michael Funk, Silvio Leuteritz: Cyberwar @ Drohnenkrieg. Neue Kriegstechnologien philosophisch betrachtet. (= Technologien philosophieren 2), Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-6043-4.
Literatur Dorit Petschel: 175 Jahre TU Dresden. Band 3: Die Professoren der TU Dresden 1828–2003. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e. V. von Reiner Pommerin, Böhlau/Köln u. a. 2003, ISBN 3-412-02503-8, S. 403. Heiko Weckbrodt – Der Gedankensegler vom Elbhang 19. Februar 2016 erschienen bei „Oiger – Neues aus Wirtschaft und Forschung“ (oiger.de)
Weblinks
Website von Bernhard Irrgang Lebenslauf von Bernhard Irrgang auf der Website des Bundesministerium für Bildung und Forschung (ITA-Beraterkreis) archiviert vom Original im Internet Archive am 13. Februar 2024 Publikationsliste Letzte Veröffentlichung „Homo futura und hypermoderne Technologie“, Swiss Portal for Philosophy, Januar 2024 Rezensionen von Bernhard Irrgang, socialnet Netphiltech – Networking Philosophy of Technologies e. V. Technikphilosophischer Frühschoppen: Cyberphilosophie, September 2018
Belege
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