mini|hochkant=1.25|Vereinfachte Karte der europäischen Kulturen um 1200 v. Chr. (Bezeichnungen in englischer Sprache)
Die Urnenfelderkultur (Kürzel UK) ist die am weitesten verbreitete mitteleuropäische Kultur der späten Bronzezeit. Sie bestand etwa von 1300 bis 800 v. Chr.Urnenfelderkultur. In: Bertelsmann Universal Lexikon. In zwanzig Bänden. Band 18: Teno-Verk. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1993 (Lizenzausgabe), ISBN 3-570-01558-0, , S. 289 (in der Urnenfelderzeit). Da der Bestattungsritus – Leichenverbrennungen auf einem Scheiterhaufen und die Beisetzung des Leichenbrands in Urnen – auch in anderen Kulturen geübt wurde, ist die Urnenfelderkultur durch weitere Kriterien wie typische Bronze- und Keramikformen sowie die zugehörigen Gebiete Europas definiert.
Die Urnenfelderkultur folgt auf die Hügelgräberkultur der mittleren Bronzezeit. In vielen Teilen ihres Verbreitungsgebietes wird die Urnenfelderkultur mit Beginn der Eisenzeit durch die Hallstattkultur abgelöst. Sowohl die Ursprünge der Keltenhttps://www.swr.de/wissen/1000-antworten/wie-lange-waehrte-die-keltenzeit-104.htmlhttps://www.worldhistory.org/trans/de/1-140/die-kelten/ als auch der Römerhttps://indo-european.eu/2019/11/r1b-rich-bell-beaker-derived-italic-peoples-from-the-west-vs-etruscans-from-the-east/https://www.historyfiles.co.uk/KingListsEurope/ItalyPicentes.htm (über die Italiker) werden auf die Urnenfelderkultur zurückgeführt.
Chronologie Die Urnenfelderkultur wird in mehrere relativchronologische Stufen eingeteilt, die nach der Einteilung Paul Reineckes als Bronzezeit D (Bz D) sowie Hallstatt A und B (Ha) bezeichnet wurden. Allerdings gehören die Stufen Ha A und B nicht zur eisenzeitlichen Hallstattkultur, sondern noch zur Bronzezeitlichen Urnenfelderkultur. Diese falsche Bezeichnung kam daher, dass es in der späten Bronzezeit durchaus schon Eisenfunde gab, allerdings zu wenige, um sie zur Eisenzeit zu rechnen. Hermann Müller-Karpe und andere Forscher führten eine weitere Untergliederung der Stufen durch (Späte Bronzezeit). Für den Bereich der süddeutschen Urnenfelderkultur wurde die Chronologie von Lothar Sperber weiter verfeinert.
Stufen nach Hermann Müller-Karpe Stufen nach Lothar Sperber Absolute Chronologie Bz D SB Ia etwa 1300 v. Chr. bis 1200 v. Chr. SB Ib Ha A1 SB IIa etwa 1200 v. Chr. bis 1100 v. Chr. Ha A2 SB IIb etwa 1100 v. Chr. bis 1050 v. Chr. Ha B1 SB IIc etwa 1050 v. Chr. bis 950 v. Chr. Ha B2 SB IIIa etwa 950 v. Chr. bis 880 v. Chr. Ha B3 SB IIIb etwa 880 v. Chr. bis 800 v. Chr.
Verbreitung der Urnenfelderkultur mini|Bronzehelm der Urnenfelderkultur aus Thonberg in Oberfranken, einer der ältesten Helme nördlich der Alpen mini|Waffen der Urnenfelderkultur Die Urnenfelderkultur war über weite Teile des westlichen Mitteleuropa verbreitet. Sie reichte vom Pariser Becken im Westen bis nach Niederösterreich im Osten und reichte in erweiterter Definition im Südwesten vom spanischen Katalonien bis Oberitalien. Die Grenzen zwischen ihrem Verbreitungsgebiet im engeren Sinne und Regionen, die lediglich unter mehr oder weniger starkem Einfluss der Urnenfelderkultur standen, sind dabei nicht immer deutlich zu ziehen, zumal sie sich im Verlauf der Spätbronzezeit mehrfach verschieben.
Als ein mögliches Entstehungszentrum kommt vor allem der nördliche, östliche und südöstliche Voralpenraum und dabei insbesondere die Laugen-Melaun-Kultur in Frage. Von dort aus verbreiteten sich wichtige Merkmale der Urnenfelderkultur in alle Himmelsrichtungen. Wenige Jahrhunderte später ist sie in Italien, wo sie von der Villanovakultur abgelöst wird, und in Siebenbürgen wieder verschwunden. Nach Südfrankreich und Nordostspanien hingegen breitete sie sich erst gegen Ende der Spätbronzezeit (etwa im 9. Jahrhundert vor Christus) aus.
In Deutschland verlief die Nordgrenze etwa vom Niederrhein bis zum Thüringer Wald. In Österreich zählten der Alpen- und Donauraum zum Kernbereich der Urnenfelderkultur. Das Gebiet der UK wird in einen westlichen und einen östlichen Kreis gegliedert. In der älteren und mittleren Urnenfelderzeit lag die Grenze zwischen den beiden Kreisen im Bereich Strudengau–Dunkelsteinerwald, in der jüngeren Phase gehörte der oberösterreichisch-salzburgische Raum zum Ostkreis.
Anhand von Unterschieden in der Keramik wurden innerhalb des westlichen UK-Kreises seit Beginn der Hallstattzeit A drei größere Regionalgruppen definiert: die rheinisch-schweizerische, die untermainisch-schwäbische und die oberbayerisch-salzburgisch-südoberösterreichische Gruppe. Die Definition der rheinisch-schweizerischen sowie der untermainisch-schwäbischen Gruppe geht auf Emil Vogt und Wolfgang Kimmig zurück. Die Grenze dieser beiden Gruppen fällt annähernd mit der Ost- und der Nordgrenze Südbadens und weiter nördlich mit dem Rhein zusammen. Die Ostgrenze der untermainisch-schwäbischen Gruppe ist entlang der Westgrenze Oberfrankens, Mittelfrankens und Niederbayerns sowie südlich entlang der Isar zu fassen.
Während der Hallstattzeit A und der Hallstattzeit B bildete die rheinisch-schweizerische Gruppe mit der Urnenfelderkultur des ost- und zentralfranzösischen Raumes eine mehr oder minder einheitliche Keramikprovinz heraus. Die oberbayerisch-salzburgische Gruppe grenzt im Westen an die untermainisch-schwäbische Gruppe und im Norden an die niederbayerisch-südoberpfalzische Keramikprovinz. Sie endet an der Inn/Salzach-Linie.
Die Lausitzer Kultur, die im Nordosten an das Verbreitungsgebiet der Urnenfelderkultur grenzt, ähnelt dieser im Bestattungsbrauch und in manchen Aspekten der materiellen Kultur. Von manchen Forschern wird sie deshalb ebenfalls zur Urnenfelderkultur gerechnet.
Bestattungsritus mini|Ausgegrabenes spätbronzezeitliches Urnengrab im Neuen Botanischen Garten Marburg mini|Urnen, Fundort: Lahnberge (Botanischer Garten Marburg) Die Toten wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, die Knochenreste und die Asche wurden anschließend in Grabgruben, in Behältnissen aus Stoff oder Holz sowie in tönernen Urnen auf Urnenfeldern beigesetzt. Dabei können schlichte Brandgräber und aus Steinen errichtete Grabkammern unterschieden werden. Im Einzelnen ist der Bestattungsritus in den verschiedenen Regionen unterschiedlich ausgeprägt und war im Verlauf der Spätbronzezeit gewissen Änderungen unterworfen. Bei den Bestattungssitten und den Grabformen kommen entsprechend viele Varianten vor: Es gab Brandgruben-, Brandschüttungs-, Urnen- und sogenannte Glockengräber, Gräber mit Steinschutz, aber auch Wagengräber.
Bei Brandgrubengräbern wurde der Scheiterhaufen direkt über der späteren Grabgrube errichtet und seine Reste nach dem Abbrennen an Ort und Stelle mit Erdreich oder Steinen überdeckt. Bei Brandschüttungsgräbern wurden die aus dem Scheiterhaufen aufgelesenen Knochenreste und die Asche der Toten auf den Boden eines separat vom Scheiterhaufen angelegten Grabes gestreut. Danach wurde hier der Leichenbrand mit Erde oder Steinen bedeckt. Bei Urnengräbern wurden die Knochenreste in größere Urnen geschüttet, hinzugegeben wurden noch die meist fast vollständig verbrannten Beigaben. Die Urne wurde meistens mit einer Schale abgedeckt. In oder neben die Urne wurde häufig ein vier- bis sechsteiliges Keramikservice gestellt. Bei Glockengräbern wurde die Urne mit einem größeren Tongefäß (meist ein großes Vorratsgefäß) überstülpt. Der Steinschutz spätbronzezeitlicher Gräber kommt in Form von Steinpackungen, Steinunterlagen und Wandsteinen vor. Daneben treten vollständig aus Steinplatten konstruierte Steinkistengräber auf, die sowohl Aschestreuungen als auch Urnen- und Körperbestattungen enthalten können.
In vielen Regionen wurden in der Urnenfelderkultur große Gräberfelder angelegt, beispielsweise Kelheim mit mehr als 258, Ingolstadt-Zuchering mit mehr als 316, Franzhausen mit über 400 Gräbern. Eines der größten bekannten Gräberfelder überhaupt befindet sich am Westrand des Duisburger Stadtwaldes am Fuße des Quellheiligtums „Heiliger Brunnen“ mit mehreren tausend Grabhügeln, von denen bis auf einige heute noch erhaltene fast alle beim Wachsen der Stadt im 19. Jahrhundert überbaut wurden.
Vor allem westlich des Rheins sind die Gräberfelder sehr viel kleiner, was vielleicht auf andere gesellschaftliche Organisationsformen schließen lässt.
Teilweise wurden die Urnen mit Kreisgräben eingefasst oder in Grabhügeln bestattet. Auf manchen Gräberfeldern wurden nur ausgewählte Bestattungen so behandelt, was möglicherweise ebenfalls als Hinweis auf eine besondere Stellung des jeweiligen Toten gedeutet werden kann. In den Niederlanden wurden Urnenfelder besonders im Gebiet der Kempen gefunden. Ein einigermaßen erhaltenes Urnenfeld ist das auf der Boshover Heide bei Weert. Der Grund für die Erhaltung ist der schlechte Boden dort. Darüber hinaus liegen in Vaassen und an den Grabhügeln in Veldhoven (Reste von) erhaltenen Urnenfeldern.
Die Urnenfelderzeit Bayerns kennt einige wenige Gräber einer hochgestellten Oberschicht, der sogenannten „Wagenfahrer“, welche auf dem Scheiterhaufen zusammen mit vierrädrigen Repräsentationswagen verbrannt wurden (beispielsweise aus Poing).
Die Waffenbeigabe im Grab kennzeichnet vermutlich eine Kriegerschicht mit einer führenden gesellschaftlichen Rolle. Schwerter wurden dabei allerdings nur in sehr wenigen Gräbern gefunden. Anstatt der Beigabe im Grab kommt es im Lauf der Spätbronzezeit vermehrt zur Deponierung von Waffen und Geräten in Gewässern – ein Ritus mit vermutlich kultischem Hintergrund.
Keramik mini|Urne aus Urnengrab, 1000-800 B.C., Donk (B) Gallo-Römisches Museum Tongern Die typische Keramik der Urnenfelderkultur variiert von Großgefäßen wie henkellosen Zylinder-, Trichter- und Kegelhalsgefäßen, Amphoren sowie doppelkonischen Gefäßen bis hin zu Kleingefäßen wie Bechern, Krügen, Knickwandschalen, konischen Schalen, tellerartigen flachen Schälchen und Näpfen.
In den Formen, vor allem aber in der Verzierung der Keramik lassen sich zeitliche und regionale Unterschiede beobachten. Der untermainisch-schwäbischen Gruppe ist die Ausschmückung von Innenflächen generell fremd, eine Gliederung oder Verzierung erfolgt normalerweise nur auf der Außenseite der Keramik, wobei eine plastische Verzierung mit Riefen und teilweise auch Buckeln ein besonders charakteristisches Merkmal der untermainisch-schwäbischen Gruppe bildet. Dagegen stellt die Verzierung von Innenflächen, besonders bei Schalen, ein Charakteristikum der rheinisch-schweizerischen Gruppe dar. Unter den verschiedenen Verzierungstechniken sind Kammstrich, Ritz- und Stempelverzierung sowie polychrome Verzierung typisch für die rheinisch-schweizerische Gruppe.
Rote Bemalung und Graphitierung erscheinen in der Urnenfelderkultur erst mit der Stufe Ha B, ihr Auftreten ist hier so charakteristisch, dass sie ein wichtiges Datierungsmerkmal darstellt. Der Ursprung der Rotfärbung ist noch nicht völlig geklärt. Es dürfte aber kein Zufall sein, dass sie besonders im Gebiet der rheinisch-schweizerischen Gruppe aufkommt, steht doch die bunte und abwechslungsreiche Ornamentik der rheinisch-schweizerischen Urnenfelderkultur in starkem Gegensatz zum konventionellen Stil der untermainisch-schwäbischen Gruppe.
Bronzeerzeugnisse mini|links|Bronzekultwagen, aus Acholshausen mini|„Bronzeräder von Haßloch“ mini|Erläuterungen mini|Bronzedepotfund aus Winterlingen, 9. Jh. v. Chr. Die Metallbearbeitung erreichte in der Urnenfelderkultur einen hohen technischen Stand. Bronzeerzeugnisse wurden zum größten Teil in Gussformen aus Stein und gelegentlich aus Bronze gegossen, seltener hingegen wird wohl der arbeits- und zeitaufwendige Guss in verlorener Tonform gewesen sein (Doppelschneidige Rasiermesser). Auf Bronzegießerwerkstätten in Siedlungen der Urnenfelderkultur weisen bei Ausgrabungen gefundene Schmelztröpfchen hin.