Die Militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee war ein Instrument der militärischen Führung der Deutschen Demokratischen Republik zur Beschaffung, Bearbeitung, Analyse und Bewertung von Informationen zur militärpolitischen und militärischen Lage auf hoher militärischer und politischer Ebene möglicher Konfliktgegner, um durch rasche Auswertung der Nachrichten zu einer aktuellen Lagebeurteilung und Feindbeurteilung zu kommen.

Die Bezeichnung dieses militärischen Nachrichtendienstes (Mil. ND bzw. MIL-ND)Friedrich-Wilhelm Schlomann: Die Maulwürfe, Seite 17. wurde in der Zeit seines Bestehens mehrmals geändert.

Allgemeines Die Organisation umfasste zuletzt 1270 hauptamtliche Mitarbeiter zuzüglich 1620 Angehöriger des Funkaufklärungsregiments-2 in Dessau.

Decknamen Die Decknamen des Dienstes waren: 1952–1953 Verwaltung für Allgemeine Fragen 1953–1956 Verwaltung 19 (Synonyme: Dienststelle 1000, Verwaltung 1000) 1956–1959 Verwaltung für Koordinierung 1959–1964 12. Verwaltung 1964–1984 Verwaltung Aufklärung 1984–1990 Bereich Aufklärung 1990 Informationszentrum des Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung

Leiter Leiter waren:Walter Richter: Der Militärische Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee der DDR … 2. Auflage, Frankfurt am Main 2004, S. 26–182. 1952–1957 Generalmajor Karl Linke 1957–1959 Oberst Willy Sägebrecht 1959–1974 Generalleutnant Arthur Franke 1974–1982 Generalleutnant Theo Gregori 1982–1990 Generalleutnant Alfred Krause 1990 Oberst Manfred Zeise

Im gedeckten Nachrichtenverkehr hatte der Bereich Aufklärung als Teil des Ministeriums für Nationale Verteidigung den Namen „Wostok 21“. Sein letzter Standort lag bis zur Auflösung 1990 in Berlin-Köpenick.

Hintergrund und Aufstellung Hervorgegangen ist die „Militärische Aufklärung der NVA“ aus der 1950 gegründeten Aufklärungsabteilung der Kasernierten Volkspolizei (KVP). Dieser frühe Militärische Nachrichtendienst wurde nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 in die einheitliche militärische Führung einbezogen.

Am 23. Juni 1953 beschloss der Ministerrat der DDR, das Kommando über die damalige KVP, die Volkspolizei-See (VP-See) und die Volkspolizei-Luft (VP-Luft) an Generalleutnant Heinz Hoffmann zu übertragen. Damit ging auch die Verantwortung für die Militäraufklärung an den späteren Verteidigungsminister der DDR über.

Entsprechend der sowjetischen Militärtradition wurde mit der Gründung der NVA 1956 ein militärischer Nachrichtendienst (militärischer Aufklärungsdienst) eingerichtet, bei der die GRU Pate stand. Von dem jungen Ministerium für Staatssicherheit argwöhnisch als unliebsamer Konkurrent betrachtet, setzte sich aber das sowjetische Militär durch und sorgte formal für eine relative Unabhängigkeit der militärischen Aufklärung, die direkt dem Hauptstab der NVA referierte.

Auftrag Der Hauptauftrag des Militärgeheimdienstes der DDR war die „Verhinderung der Überraschung durch den Gegner“. Der Auftrag der militärischen Aufklärung, der sich daraus ergab, bestand in erster Linie darin, die Lage in Bezug auf potentielle Gegner zu erkunden und deren Zustand, Möglichkeiten und Absichten zu erforschen. Dabei unterschied man in: Hauptländer Nebenländer Drittländer Innerhalb dieser Länder lagen 1988 allein 17 „Räume mit besonderer Aufmerksamkeit“, in denen sich Hauptobjekte und Beobachtungsobjekte der Aufklärung befanden. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland waren dies in den 1980er Jahren etwa 1700 Objekte. Für die Staats- und Parteiführung der DDR und für die militärische Leitung hatte der militärische Nachrichtendienst strategische Bedeutung. Ziele und Aufträge der Verwaltung Aufklärung wurden vom Ministerium für Nationale Verteidigung festgelegt. Die Hauptanstrengungen der Verwaltung Aufklärung galten im Wesentlichen der Aufklärung der NATO-Streitkräfte in den Kommandobereichen Europa Mitte und Ostseezugänge. Sie waren insbesondere auf die strategischen Richtungen Berlin, Osnabrück und Brüssel sowie Leipzig, Frankfurt/Main und Nancy zu konzentrieren. Für die Aufklärungstiefe wurde eine Begrenzung von 400 bis 600 Kilometer, die Operationszone der Volksmarine (VM) einbezogen, festgelegt. Als ständige Räume besonderer Aufmerksamkeit waren ein Streifen zwischen der Staatsgrenze der DDR und CSSR zur Bundesrepublik Deutschland und die Linie Hamburg-Soltau-Hannover-Paderborn-Marburg-Nürnberg, dazu das Territorium von Berlin (West), definiert.

Die Spionageabwehr gehörte nicht zu den Aufgaben der militärischen Aufklärung, sondern fiel in die Zuständigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit („Verwaltung 2000“ bzw. „Linie I“).

Organisation Unterstellung Dieser Nachrichtendienst unterstand dem Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV). Die Truppenaufklärung war im MfNV unter der Bezeichnung „Verwaltung Aufklärung“ personell und organisatorisch vom militärischen Nachrichtendienst der NVA bis zum Jahre 1964 getrennt. Bis dahin gab es einen Chef Aufklärung im Hauptstab des MfNV und einen Chef der 12. Verwaltung. Die 12. Verwaltung und die Verwaltung Aufklärung wurden am 1. September 1964 zusammengefasst. Der Chef der neuen Verwaltung Aufklärung war von nun an in Personalunion Chef Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung.

Gliederung Die Militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee gliederte sich 1988 in die vier Organisationselemente „Stab“, „Agenturische Aufklärung“, „Strategische Aufklärung“ und „Operativ-Taktische Aufklärung“.

Stab Als Stabsorgane waren dem Chef des Bereichs Aufklärung unmittelbar unterstellt: Abteilung für GrundsatzfragenHier wurden von knapp zehn Mitarbeitern Grundsatz- und Führungsentscheidungen sowie Planungs- und internationale Aufgaben für den Chef Aufklärung vorbereitet und dessen Posteingänge und -ausgänge bearbeitet. Abteilung Operative Sicherstellung und KontrolleDie Abteilung (ca. 30 Mitarbeiter) bestand aus den Arbeitsgruppen Operative Reisetätigkeit, Sicherheitslage, Dokumente und Sicherstellung. Die Stabsabteilungen waren in alle sicherheitsrelevanten Belange einbezogen und hatten damit eine hohe operative Bedeutung, da hier sowohl die agenturischen Kenntnisse als auch die militärischen Geheimnisse am höchsten konzentriert waren.Bodo Wegmann: Die Militäraufklärung der NVA. Die zentrale Organisation der militärischen Aufklärung der Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik. 2. Auflage. Köster, Berlin 2006, ISBN 3-89574-580-4, S. 110, 112 Mitarbeiter (Auswahl) Alfons Hexamer, Kapitän zur See Günter Weiß, Oberst Werner Brettschneider, Oberst Jochen Kelling, Oberst

Agenturische Aufklärung (1984 umbenannt in 1. Verwaltung)

Die Aufgaben der Ende der 1980er Jahre etwa 160 Mitarbeiter umfassenden Verwaltung bestanden in der Beschaffung von Aufklärungsaufgaben über die NATO-Führungsorgane (militärische und militärpolitische Dokumente über Pläne und Absichten des Gegners), die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland und die dort stationierten NATO-Streitkräfte mit menschlichen Quellen (HUMINT). Informanten können in drei Kategorien eingeteilt werden:

Erstens sogenannte Spezialkadern (SK). Dies waren hauptamtliche Mitarbeiter, die ins Operationsgebiet entsandt wurden. Spezialkader wurde als Quelle im Objekt oder als illegaler Resident eingesetzt. Letztere haben einen konspirativer Zusammenschluss von Agenten (agenturisches Netz) bei der Beschaffung von Aufklärungsangaben aus Aufklärungsobjekten angeleitet und die Informationen an die Führungsstelle übermittelt. Eine Sonderform des Spezialkaders war der sogenannte Legalist (SK-L), der als Mitarbeiter eines DDR-Unternehmens oder einer DDR-Auslandsvertretung legalisiert und zeitlich begrenzt wiederholt eingesetzt wurde.

Zweitens Agenturische Mitarbeiter (AM), gemäß der Anordnung AO 10/86 „geeignete, befähigte, überprüfte und auf der Basis unterschiedlicher Motive fur die strategische Agenturaufklärung geworbene und mit konspirativen Mitteln und Methoden geführte Bürger des Aufklärungslandes bzw. ein dort lebender Ausländer“. Bevor sie endgültig als AM kategorisiert und gefuhrt wurden, wurden sie als „Vorgesehener (V)“ und sodann als „Fester Vorgesehener (FV)“ bearbeitet. Die AM waren unterteilt in AM-Q/Quelle; AM-OB/Objektbeobachter; AM-MA/Marschaufklärer; AM-PK/Perspektivkandidat; AM-Re/Resident; AM-K/Kurier; AM-F/Funker; AM-E/W (Ermittler/Werber); AM-Qu/Quartiergeber; AM-PS/Poststelle; AM-TS/Telefonstelle; AM-AS/Anlaufstelle; AM-ÜS/Übergabestelle; AM-D/Depot oder AM-OP/Originalperson.

Die dritte Kategorie waren Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Auf dem Gebiet der DDR waren sie im sogenannten Hilfsnetz vorwiegend als Quartiergeber zur Durchführung von Treffs bzw. als Post- und/oder Telefonstelle zur Weiterleitung von schriftlichen oder mündlichen Mitteilungen an die Zentrale tätig. Im westlichen Ausland kamen IM vor allem als Instrukteur (IM-I) zur persönlichen Instruktion und Ausbildung von AM sowie als Kurier (IM-K) zur Übermittlung von Aufträgen und Entgegennahme von Aufklärungserkenntnissen mit persönlicher oder unpersönlicher (Versteck/Depot) Materialübergabe zum Einsatz. Der Ermittler bzw. Werber (IM-E/W) war mit der Ermittlung, Kontaktierung und Werbung sowie mit der Überprüfung von AM beauftragt. Ein IM-A führte selbst Aufklärungsaufträge durch.

Zur 1. Verwaltung gehörten Außenstellen in 10 Bezirken der Deutschen Demokratischen Republik. Leiter waren 1955–1960 Erich Ripperger, Oberst 1960–1975 Eberhard Lehmann, Oberst 1975–1980 Heinz Hofmann, Oberst 1980–1982 Eberhard Siewert, Oberst 1982–1983 Roland Wunder, Oberst 1983–1988 Heinz Hofmann, Generalmajor 1988–1990 Harry Schreyer, Oberst

Mitarbeiter (Auswahl) Helmut Hannusch, Oberst Siegfried Hoppe, Kapitän zur See Heinz Köhler, Oberst Fritz Küchler, Oberst Ernst Lauschke, Oberst Klaus Meinicke, Oberst Kurt Merkwirth, Oberst Rolf Pechstein, Oberst Dieter Wieckhusen, Oberst Helmut Zerbock, Oberst

Strategische Aufklärung (1984 umbenannt in 2. Verwaltung)

Mitte der 1980er Jahre hatte die 2. Verwaltung knapp 250 Mitarbeiter, mit denen die Aufklärung gegen die NATO außerhalb der BRD geführt, durch die Militärattachés und Residenturen unter offizieller Deckung insbesondere in Krisenräumen weltweit betrieben sowie die Beziehungen zu den Armeen der Gastgeberländer gepflegt wurden. Die Verwaltung hatte ihre Mitarbeiter in 49 Staaten. Dazu gehörten 34 Militärattachéapparate, 6 Zweitakkreditierungen und 9 durch Legalisten besetzte Residenturen.Walter Richterwerden: Der Militärische Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee der DDR … 2. Auflage, Frankfurt am Main 2004.

Leiter waren 1967–1972 Eberhard Bauer, Oberst 1972–1980 Eberhard Siewert, Oberst 1980–1981 Roland Wunder, Oberst 1981–1983 Heinz Hofmann, Generalmajor 1983–1988 Harry Rathmann, Generalmajor 1988–1990 Günter Oldenburg, Generalmajor 1990–1990 Jura Hoffmann, Oberst

Mitarbeiter (Auswahl, außer Militärattachédienst) Werner Denn, Oberst Klaus Ebert, Oberstleutnant Hans-Jürgen Gericke, Kapitän zur See Peter Mühle, Oberst Hans-Dieter Nowak, Oberst Frank Wimmer, Oberstleutnant Werner Zelt, Oberstleutnant

Militärattachés

Operativ-Taktische Aufklärung (1984 umbenannt in 3. Verwaltung)

Die Truppenaufklärung war bis 1964 im Ministerium für Nationale Verteidigung unter der Bezeichnung „Verwaltung Aufklärung“ personell und organisatorisch vom militärischen Nachrichtendienst der NVA getrennt. Bis dahin gab es einen Chef Aufklärung im Hauptstab des MfNV und einen Chef der 12. Verwaltung. 1964 wurden die Truppenaufklärung als „Stellvertreterbereich Operativ-taktische Aufklärung“ (OTA) in die 12. Verwaltung integriert, die dann ab 1966 als Verwaltung Aufklärung bezeichnet wurde. . 1984 wurde aus dem Stellvertreterbereich die 3. Verwaltung (Operativ-taktische Aufklärung) mit etwa 50 Mitarbeitern. Die 3. Verwaltung war für die operativ-taktische Aufklärung, die Truppenaufklärung, zuständig.