Die Hannöversche Südbahn, auch Bahnstrecke Hannover–Kassel, ist eine zweigleisige, elektrifizierte Hauptbahn in Niedersachsen und Hessen. Sie verläuft von Hannover über Göttingen und Hann. Münden nach Kassel.

Geschichte mini|links|1856: Die hannöversche Südbahn: Die Kragenhofbrücke bei Kassel; Holzstich aus der Illustrirten Zeitung mini|links|Zuwachsendes Südportal des Volkmarshäuser Tunnels mini|links|Schienenbus im ehemaligen Haltepunkt Kragenhof (Brücke) nahe Spiekershausen

Für den Bau einer Eisenbahn von Hannover in den Süden des Königreiches setzte sich 1846 der Stadtsyndikus von Göttingen, Ferdinand Oesterley, ein.Ferd. Oesterley: Ueber die Hannoversche Süd-Eisenbahn. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1846. - Nachdruck in Jens-Uwe Brinkmann: Auf Schienen durch die Zeit. Der Göttinger Bahnhof von der Hannoverschen Südbahn bis zum Ende des Dampfzeitalters. Edition Peperkorn, zweite Auflage, Göttingen 2001, S. 95 bis 160. 1847 leistete auch Rudolph Berg Vorarbeiten für die „Verbindung Hannover-Kassel“.Helmut Knocke: Berg, Theodor F. Rudolph. In: Dirk Böttcher, Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Hugo Thielen: Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 51 und öfter. (online bei Google-Bücher) Ihre nördlichen Abschnitte Hannover–Alfeld und Alfeld–Göttingen wurden am 1. Mai 1853 bzw. am 31. Juli 1854Deutsche Bundesbahn, Generalvertretung Göttingen der Bundesbahndirektion Hannover (Hrsg.): 125 Jahre Eisenbahnstrecke Alfeld–Göttingen, Göttingen 1979, S. 23. eröffnet und sind als Teil der einst wichtigen Nord-Süd-Strecke weiterhin in Betrieb. Der südliche Streckenabschnitt von Göttingen nach Hann. Münden, auch bekannt als Dransfelder Rampe, wurde am 8. Mai 1856 eröffnet und in Teilen von 1980 bis 1995 stillgelegt. Der Anschluss von Hann. Münden bis Kassel wurde noch 1856 eröffnet, er ist weiterhin als Teil der Hannöverschen Südbahn in Betrieb.

Der Begriff Hannöversche Südbahn wurde mit der preußischen Annexion 1866 hinfällig, ist jedoch von Eisenbahnfreunden in den heutigen Sprachgebrauch übernommen. Inzwischen wird der größte Abschnitt von Hannover nach Göttingen der Nord-Süd-Strecke zugerechnet.

Obwohl die Gesamtstrecke bis Kragenhof (kurz vor Kassel) mit Ausnahme des braunschweigischen Ortes Kreiensen vollständig auf hannöverschem und heute niedersächsischem Gebiet lag, wurden die beiden Streckenteile Hannover–Göttingen und Göttingen–Hann. Münden betrieblich unterschiedlich behandelt. Der Abschnitt Elze–Kassel gehörte bis 1945 zur Reichsbahndirektion Kassel, seitdem gehört der Abschnitt Elze–Hann. Münden zur Reichsbahndirektion/Bundesbahndirektion Hannover. Nach Auflösung der Direktion Kassel gehörte der Abschnitt Hann. Münden–Kassel zur Bundesbahndirektion Frankfurt/M. Ab Mitte der 1960er Jahre erhielten die Streckenteile unterschiedliche Kursbuchnummern (Hannover–Göttingen: 202/250; Göttingen–Hann. Münden: 202a/257).

Bis in die 1960er Jahre war diese Strecke auf ganzer Länge eine der wichtigsten Hauptverbindungen Deutschlands. Durch die Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerten sich die Verkehrsströme in Nord-Süd-Richtung, was sich neben den Rheinstrecken Köln–Frankfurt auch auf dieser Nord-Süd-Verbindung bemerkbar machte. Dies änderte sich zumindest für die Dransfelder Rampe, als 1963 die Nord-Süd-Strecke Hannover–Gemünden (Main) und 1964 die davon abzweigende Werratalstrecke Kassel–Hann. Münden–Eichenberg elektrifiziert wurden. Der Abschnitt Göttingen–Dransfeld–Hann. Münden blieb ohne Fahrdraht. Die Züge nahmen fortan den zwar acht Kilometer längeren, aber wesentlich steigungsärmeren und elektrifizierten Weg über Eichenberg. Der Dransfelder Rampe blieben werktags drei Nahverkehrszüge pro Richtung, 1980 wurde der Personenverkehr auf diesem Abschnitt eingestellt und zwei Jahre später mit dem Abbau der Gleise zwischen Göttingen und Dransfeld begonnen. Der Restabschnitt diente von Hann. Münden aus noch 10 bis 15 Jahre als Güteranschlussgleis, bis auch hier Stilllegung und teilweiser Gleisabbau folgten. Damit war die Hannöversche Südbahn im Abschnitt Göttingen–Hann. Münden unterbrochen.

Angesichts der stetig steigenden Belastung der Strecke wurde die Strecke in den 1960er-Jahren auch mit neuer Stellwerkstechnik und zusätzlichen Überholgleisen versehen und der Oberbau verstärkt. Die weiter steigende Belastung mündete in Diskussionen zum Bau einer Neubaustrecke.H. Weber: Die Neubaustrecke Hannover–Würzburg. In: Bundesbahndirektion Hannover (Hrsg.): 1843 - 1983: 140 Jahre Eisenbahndirektion Hannover. Hannover, ca. 1983, S. 95–97.

Mit Einführung des stündlichen Intercity-Verkehrs war der verbliebene Abschnitt Hannover–Göttingen chronisch überlastet. IC teilten sich die Strecke mit D-, Eil- und Nahverkehrs- sowie Güterzügen. Nicht selten folgten einander mehrere Züge im Blockabstand. Kassel wurde aufgrund seines Kopfbahnhofs vom IC-Netz abgetrennt, die Züge nahmen von Göttingen den Weg über Bebra.

Im Zuge der Errichtung der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg wurde die Hannöversche Südbahn im Bereich der Northeimer Kiesseen nach Osten verlegt. Erst nachdem der Betrieb auf dem verlegten Streckenabschnitt im November 1985 aufgenommen worden war, konnten die Bauarbeiten an der Neubaustrecke beginnen.Projektgruppe der NBS Hannover der Bahnbauzentrale (Hrsg.): Neubaustrecke Hannover–Würzburg: Der Abschnitt Northeim – Göttingen, Broschüre, 44 A4-Seiten mit Stand von Mai 1988, S. 7 Im Stadtgebiet Hannover und Laatzen wurden neun Bahnübergänge im Zuge des Schnellfahrstreckenbaus beseitigt. Auch im gemeinsamen Abschnitt nördlich von Göttingen (bis Edesheim) wurden mehrere Bahnübergänge aufgehoben. In den Jahren 1978 und 1979 wurden die Planfeststellungsbeschlüsse für die notwendigen Ersatzanlagen in diesem Abschnitt erlassen.Helmut Weber, Walter Engels, Helmut Maak: Die Neubaustrecke Hannover–Würzburg. In: Eisenbahntechnische Rundschau. 28, Nr. 10, 1979, S. 725–734.

mini|links|Bahnhof Fuldatal-Ihringshausen mit Cantus-Triebwagen. Die Bundesbahn beabsichtigte nach dem Bau der Schnellfahrstrecke (im Trog) auf diese Station zu verzichten.|248x248px

Als 1991 die Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg, die zwischen Hannover und Göttingen in einigen Bereichen parallel zur Hannöverschen Südbahn verläuft und mehrere Anschlussmöglichkeiten zu dieser bietet, auf ihrer gesamten Länge eröffnet wurde, büßte auch der Nordabschnitt die wichtigsten Fernverbindungen ein. IC-Verbindungen führten fortan über die Schnellfahrstrecke und wurden zunehmend auch in ICE-Verbindungen umgewandelt. Interregio- und Schnellzüge nahmen hingegen weiterhin den Weg auf der alten Strecke. Die Interregio-Züge wurden mittlerweile in IC umgewandelt. Da die Schnellfahrstrecke ab 23:00 Uhr allein dem Güterverkehr vorbehalten ist, nimmt ein von Göttingen fahrender ICE den längeren Weg über die Hannöversche Südbahn. Auch Kassel erhielt mit dem Fernbahnhof Wilhelmshöhe Anschluss an das Hochgeschwindigkeitsnetz.

Betrieb Hannover–Göttingen mini|links|Ein Triebwagen Richtung Nordhausen (Südharzstrecke) verlässt den Bahnhof Göttingen.

Während sich der ICE-Fernverkehr fast ausschließlich auf der Schnellfahrstrecke abspielt, verkehrten bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2009 im Zweistundentakt die nunmehr zu „Intercity“ umbezeichneten, ehemaligen Interregio-Züge Stralsund–Karlsruhe. Zum Fahrplanwechsel 2009 wurde diese IC-Linie von einzelnen Zügen abgesehen zwischen Hannover und Göttingen auf die Schnellfahrstrecke verlegt, womit die Halte in Northeim, Kreiensen und Alfeld entfallen sind; auf der Bestandsstrecke verkehrt (Stand: Fahrplanjahr 2011) nur noch ein IC-Zugpaar täglich.

Ab Dezember 2005 führte die Metronom Eisenbahngesellschaft im angenäherten Stundentakt den Regionalverkehr auf der Relation von Hamburg über Uelzen und Hannover nach Göttingen durch, dieser ersetzte (bis auf den Abschnitt von Hannover über Sarstedt nach Hildesheim) alle Regionalzüge der Deutschen Bahn. Die Verbindung von Löhne über Hameln, Elze und Nordstemmen nach Hildesheim wurde von 2003 bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2011 von der eurobahn befahren. Seit 2011 hat die NordWestBahn die Bedienung von Weserbahn und Lammetalbahn übernommen.

Der Verkehrsvertrag für das Hanse-Netz, zu dem auch die Linie RE 2 (Uelzen–)Hannover–Göttingen gehört, wurde vorzeitig aufgehoben und endet im Juni 2026. Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen schrieb den Betrieb der Linie RE 2 getrennt von den übrigen Linien des Netzes erneut aus. Im Juli 2025 erhielt DB Regio den Zuschlag und nahm im Juni 2026 den Betrieb auf.

Im Streckenabschnitt zwischen Hannover und Barnten nutzen auch Züge nach Hildesheim die Hannöversche Südbahn. Seit Dezember 2008 verkehrt die S-Bahn Hannover mit der Linie S 4 zwischen Bennemühlen und Hildesheim. Zusätzlich verkehrt pro Stunde ein Regional-Express von Hannover nach Bad Harzburg. Diese Züge wurden bis Dezember 2014 von DB Regio bedient, seitdem durch die OHE-Tochter erixx.

Nacht- und Autoreisezüge sind ebenfalls auf der „alten“ Strecke unterwegs. Nach wie vor ist die Strecke auch vom Güterverkehr stark frequentiert.

Göttingen–Kassel mini|Die zum Bahntrassenradweg umgebaute Strecke auf dem Abschnitt der Dransfelder Rampe

Der ehemalige Streckenabschnitt von Göttingen über Dransfeld nach Hann. Münden ist größtenteils zu einem Fahrradweg umgebaut oder als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet ausgewiesen und zugewachsen. Einzelne Grundstücke sind inzwischen mit Wohnhäusern oder Gewerbebauten überbaut.

Nach Einstellung des Personenverkehrs über Dransfeld im Mai 1980 fuhren alle Züge ausschließlich über Eichenberg. Die Anliegerorte der Dransfelder Strecke wurden, wie zuvor auch schon, durch Bahnbusse bedient, im Kursbuch unter der Nummer 2554, heute die RBB-Linie 120.

Im Abschnitt Hann. Münden–Kassel verkehren heute die über Eichenberg kommenden Regionalzüge der cantus Verkehrsgesellschaft von Göttingen sowie bis 2015 die Regionalzüge der DB Regio aus Richtung Erfurt/Halle (Saale). Auch hier findet reger Güterverkehr statt. Seit Dezember 2015 befährt der RE 9 der Abellio Rail Mitteldeutschland die Strecke über Hann. Münden und Eichenberg nach Halle (Saale).

Bildergalerie

Betriebsunfälle

1955 entgleiste auf der Dransfelder Rampe der Gliedertriebzug „Senator“ VT 105, verursacht durch einen Steinschlag am Volkmarshäuser Tunnel. Es gab keine Verletzten. 1966 wurden in Oberscheden beladene Schotterwagen rangiert, die dabei außer Kontrolle gerieten und die abschüssige Strecke nach Hann. Münden hinabrollten. In der engen Bahnhofseinfahrt von Hann. Münden entgleisten die Wagen, nachdem sie über 100 km/h schnell geworden waren, und kippten um. Es gab keine Verletzten. Am 8. Juni 1970 entgleiste in Alfeld (Leine) der Schnellzug D 588 bei einer Geschwindigkeit von 125 km/h. Unter den Reisenden gab es Verletzte. Ein Junge, der sich auf einem Weg westlich des Gleises aufhielt, wurde von einem sich lösenden Drehgestell erschlagen. Unfallursache war ein nur provisorisch befestigtes, ausgetauschtes Gleisstück, das sich in der sommerlichen Hitze verformte und das zu frühe Aufheben der dort bestehenden Langsamfahrstelle.Rudolf Breimeier: Vor 50 Jahren: Zwei Schnellzugentgleisungen in Norddeutschland. Eine persönliche Erinnerung. In: Eisenbahn-Revue International. 6/2020, S. 315–319 (318). Am 15. November 1992 ereignete sich der Eisenbahnunfall von Northeim, bei dem im Bahnhof Northeim (Han) ein Schnellzug mit einem kurz zuvor entgleisten Güterzug zusammenstieß. 11 Tote und 52 zum Teil schwer Verletzte waren die Folge.