Martigny ( [], im frankoprovenzalischen Ortsdialekt , ,Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 573 f. ) ist eine Munizipalgemeinde, eine Burgergemeinde mit einem Burgerrat und Hauptort des gleichnamigen Bezirkes im Schweizer Kanton Wallis. Der deutsche Name ist im Oberwallis und bei den kantonalen Behörden gebräuchlich.

Geographie Die Stadt Martigny liegt im französischsprachigen Unterwallis in der Rhoneebene und am Unterlauf der Dranse, die nördlich der Stadt in die Rhone mündet. Das Stadtgebiet ist im Südosten vom Mont Chemin und im Westen von den steilen Hängen des Mont d’Ottan unterhalb des Roc Blanc begrenzt. Im Norden folgt die Gemeindegrenze dem Flussbett, das beim «Rhoneknie» an der rechten Talseite dem Bergmassiv des Sé Carro entlang verläuft. Talabwärts umfasst das Gebiet vom Martigny die Ebene bis zum Seitenfluss Trient.

Die Gemeinde besteht aus den Ortsteilen: Martigny-Ville (), im Talgrund Martigny-Bourg (), am Eingang ins Val de Bagnes La Bâtiaz, auf der linken Seite der Dranse unterhalb der Burg La Bâtiaz Charrat, einer Ortschaft fünf Kilometer nordöstlich der Stadtsiedlung, die sich 1836 von der Gemeinde Martigny trennte und 2001 wieder mit dieser fusionierte.

Martigny-Combe, am linken Ufer der Dranse gelegen, spaltete sich 1841 ebenfalls von der Stadt Martigny ab und bildet seither eine eigene Munizipalgemeinde. In dieser Nachbargemeinde liegen der grösste Teil des Rebbergs von Martigny und die Alpweiden Bovine und Arpille.

Am Nordfuss des Mont Chemin verläuft ein Bewässerungskanal auf die Feldflur nordöstlich der Stadt. Die einst sumpfige Rhoneebene wird mit einem System von zahlreichen Kanälen entwässert. Im Hauptkanal Canal du Syndicat verläuft ein Abschnitt der Stadtgrenze zur Nachbargemeinde Fully. In der Nähe der Rhone sind einige Gebiet nicht entwässert und urbarisiert worden. Weiher und Feuchtgebiete sowie Baggerseen in ehemaligen Kiesgruben sind die einzigen grösseren Wasserflächen im Rhonetal zwischen den Naturschutzgebieten Poutafontana bei Siders und Les Grangettes am Genfersee. Das Naturschutzgebiet le Verney hat unter anderem eine Funktion als Rastplatz für Zugvögel.La réserve naturelle du Verney: une Camargue en Octodure, auf canal9.ch, 14. Mai 2021. Abgerufen am 21. Februar 2022.Christian Keim: Les gravières du Verney (Martigny). Importance pour l’avifaune locale et migratrice. In: Bulletin de la Murithienne, 106, 1988, S. 25–36.

mini|Luftbild (1949)

Geschichte Der vicus Octodurus (oder Octodurum) wird erstmals in Julius Cäsars Bellum Gallicum im Zusammenhang mit der Schlacht von Octodurum 57 v. Chr. genannt («in vico Veragrorum, qui appellatur Octodurus»). 47 n. Chr., in römischer Zeit, hiess der Ort offiziell Forum Claudii Augusti oder Forum Claudii Vallensium, doch ist ab 280 wieder der ursprüngliche Name aus den Quellen bezeugt. Die erste Erwähnung des heutigen Namens Martigny datiert von 1058 («usque Martiniacum»).

Octodurus ist ein nicht sicher geklärter keltischer Name; möglicherweise bedeutet er «acht Tore». Forum Claudius Augusti/Vallensium erweist dem römischen Kaiser Claudius die Ehre, der das Gebiet des heutigen Wallis zur eigenen Provinz Vallis Poenina erhob. Der Namenwechsel von Octodurus auf Martiniacum wird mit der Aufgabe der antiken Stadt Ende des 4. Jahrhunderts und dem Umzug der Bevölkerung in eine jüngere Siedlung in der Nachbarschaft erklärt. Der neue Name geht auf den lateinischen Personennamen Martinius zurück, verbunden mit dem keltischen Suffix -akos, -acum und bedeutet «bei den Leuten des Martinus», verweist also auf einen Landbesitzer der Spätantike.

Vom späten 4. Jahrhundert bis 585 residierten die ersten Bischöfe des Wallis, die Vorgänger der Bischöfe von Sitten, in Octodurus. Die Überreste der ältesten Bischofskathedrale sind unter dem Fussboden der Stadtkirche konserviert.La première cathédrale du Valais, auf martigny.ch. Abgerufen am 21. Februar 2022. Im Mittelalter gehörte der Ort zur bischöflichen Kastlanei Martigny, die sich 1351 unter den Schutz des Hauses Savoyen stellte. Nachdem die sieben Oberwalliser Zehnden 1475 das Unterwallis erobert hatten, gliederten sie Martigny der Landvogtei Saint-Maurice ein. Dank Privilegien des Bischofs von Sitten und der Grafen von Savoyen konnten die Bürger ihre lokalen Behörden selbst wählen.

1800 durchquerte Napoleon Bonaparte mit der französischen Italienarmee die Stadt. 1840–1847 war der Ort Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen den Liberalen und den Konservativen; erstere, die «Junge Schweiz», unterlag 1844 in der nahe Martigny geschlagenen Schlacht bei Trient.

Am 28. Januar 1906 wurde auf Initiative von Ulrich Gailland eine Versammlung von etwa 70 Arbeitern und Angestellten einberufen, die einstimmig die erste eigentliche Vorläuferorganisation der Sozialdemokratischen Partei des Wallis gegründet. Im Oktober 1916 folgte die Gründung des Arbeitervereins Union ouvrière de Martigny.

Martigny war wegen der Umweltbelastung durch die Aluminium- und Magnesiumfabriken einer der Hauptbrennpunkte des «Fluorkriegs», in dem sich geschädigte Bauern nicht mehr mit den seit 1938 bezahlten Abfindungen zufriedengeben wollten, sondern die Einstellung der offenen Öfen verlangten. Am 4. September 1941 hielt die Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg in Martigny eine grosse Parade ab.

Martigny ist bis heute eine Bastion der Freisinnig-Demokratischen Partei bzw. der FDP.Die Liberalen im mehrheitlich konservativen Kanton Wallis. Die heutige Munizipalgemeinde Martigny entstand im Rahmen mehrerer Abspaltungen und erneuter Fusionen. 1835 verselbständigte sich Martigny-Ville, 1836 Charrat, und 1841 folgten Martigny-Bourg sowie Martigny-Combe; von Letzterem trennten sich 1845 La Bâtiaz und 1899/1900 Trient. 1956 schlossen sich Martigny-Ville und La Bâtiaz zur neuen Munizipalgemeinde Martigny-Ville zusammen, und diese wiederum vereinigte sich 1964 mit Martigny-Bourg zur gegenwärtigen Munizipalgemeinde Martigny. 2021 schloss sich die Gemeinde Charrat mit Martigny zusammen.

Bevölkerung Die Einwohnerzahl von Martigny entwickelte sich seit 1850 wie folgt (für die Zeit vor 1956 bzw. 1964 werden die Zahlen der früheren Gemeinden Martigny-Ville, La Bâtiaz und Martigny-Bourg zusammengerechnet):

+ Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1900 1950 1970 2000 2010 2012 2014 2016201820202022 Einwohner 2545 3550 5915 10'478 14'361 16'143 16'897 17'342 17'99818'30918'29120'974

Nach Angaben aus Meyers Konversationslexikon hatte Martigny la Ville um 1888 1'525, Martigny le Bourg 1'303 und Martigny-Combe 1'714 Einwohner.

Politik Stadtparlament Im Kanton Wallis haben – wie in andern Westschweizer Kantonen – die grösseren Gemeinden ein Gemeindeparlament, das Conseil général heisst, während kleinere Gemeinden eine Gemeindeversammlung kennen.

Der Generalrat (Conseil géneral) von Martigny besteht aus 60 Mitgliedern. Die Behörde wird traditionell von Vertretern der Freisinnigen Partei dominiert. In der aktuellen Legislatur hat sie jedoch keine absolute Mehrheit. Der Generalrat setzt sich in der Amtsperiode 2021 bis 2024 wie folgt zusammen:

FDP.Die Liberalen: 30 Sitze Christlichdemokratische Volkspartei: 15 Sitze Grüne: 8 Sitze Sozialdemokratische Partei/Gauche Citoyenne: 7 Sitze Im Jahr 2020 ist Jean-Pierre Terretaz Präsident des Conseil général von Martigny.

Stadtregierung Die Exekutive der Stadt Martigny, der Conseil municipal, besteht aus neun Mitgliedern. Die parteipolitische Zusammensetzung für die Legislaturperiode 2021–2024 ist folgendermassen: FDP 5, CVP 3, SP 1.

Sitzverteilung in der Stadtregierung von Martigny

Stadtpräsidium 1834–1837: Eugène Gay 1837–1841: Joseph-Samuel Cropt 1841–1843: Eugène Gay 1843–1848: Valentin Morand 1848–1850: Joseph Morand 1850–1853: Joseph-Antoine Vouilloz 1853–1858: Valentin Morand 1859–1860: Alexis Gay 1861–1864: Valentin Morand 1865–1868: Louis Closuit 1869–1874: Charles Morand 1875–1884: Alexis Gay 1885–1888: Joseph Pillet 1889–1900: Alphonse Orsat 1901–1905: Louis Cropt 1906–1918: Georges Morand 1918–1920: Denis Orsat 1921–1960: Marc Morand 1961–1976: Edouard Morand 1965–1976: Edouard Morand 1977–1984: Jean Bollin 1985–1998: Pascal Couchepin 1999–2003: Pierre Crittin 2004–2008: Olivier Dumas 2009–2016: Marc-Henri Favre seit 2017: Anne-Laure Couchepin Vouilloz

Nationalratswahlen Bei den Schweizer Parlamentswahlen 2023 betrugen die Wähleranteile in Martigny: FDP 27,35 % (−4,91), Die Mitte 20,03 % (−0,05), SP 18,4 % (+ 0,15), SVP 18,26 % (+5,58), Grüne 11,22 % (−1,26), PdA 2,70 % (+ 2,70), glp 2,01 % (+ 1,47).

Wirtschaft Die Stadt Martigny ist ein regionales Zentrum für das Unterwallis mit zahlreichen Dienstleistungsbetrieben. Im weiten Gemeindegebiet liegen mehrere Landwirtschaftszonen. In der Rhonebene ist der Obstbau dominierend. Westlich der Stadt liegt ein Rebberg. Martigny besitzt grosse Waldflächen an den Berghängen im Süden und im Westen der Ebene. Jährlich findet in Martigny auf dem Messegelände im Südosten der Stadt die kantonale Publikumsmesse Foire du Valais statt. Martigny ist der Hauptsitz der Versicherungsgruppe Groupe Mutuel. Die familiengeführte Distillerie Morand produziert seit 1889 Spirituosen in Martigny, später wurde die Produktion von Sirup aufgenommen. In der Schwemmebene befinden sich Areale von Kiesgruben mit Baggerseen, die eine ökologische Bedeutung für die Fauna haben.

Infrastruktur Durch das Stadtgebiet führen die internationale Ölleitung Oléoduc du Rhône und mehrere Hochspannungsleitungen.

In der Rhoneebene stehen zwei Windkraftanlagen. 2008 wurde unterhalb des Mont d’Ottan eine Anlage mit einem hohen Turm und drei Rotorblättern errichtet,Enérgie éolienne, auf eolien-valais.ch. Abgerufen am 21. Februar 2022. bei Martigny steht eine Anlage mit einem Darrieus-Rotor.

Bei La Bâtiaz befindet sich ein Wasserkraftwerk der Emosson-Kraftwerke.

Verkehr mini|hochkant=1.3|Gleis 1 Normalspur nach Saint-Maurice, rechts Meterspur nach Le Châtelard (2014) Martigny ist ein Verkehrsknotenpunkt im Strassennetz und für die Eisenbahn. Von der Nationalstrasse A9 zweigt hier die Umfahrungsstrasse A21 nach Aosta (Italien, durch den Grosser-St.-Bernhard-Tunnel) und über den Col de la Forclaz nach Chamonix (Frankreich) ab.

Die Stadt befindet sich an der Eisenbahnlinie Lausanne–Brig (Simplonbahn). Die Transports de Martigny et Régions (TMR) betreiben Eisenbahnlinien nach Orsières, Le Châble und Le Châtelard (Richtung Chamonix, Frankreich).

Folgende Bahnlinien bedienen den Bahnhof Martigny:

Martigny – Le Châtelard-Frontière (Martigny-Châtelard-Bahn)

Öffentlicher Verkehr In Martigny gibt es drei Stadtbus- und fünf Postauto-Linien. mini|hochkant=1.3|Liniennetzplan Verkehrsbetriebe in Martigny BetreiberLinieStreckeHaltestellen Stadtbus201Martigny, gare – Martigny-Croix, Croisée 9202Martigny, gare – Martigny, Le Guercet 6203Martigny, Bassin du Manoir – Martigny, Grandes Maresches 9/7 Postauto213Martigny, gare – Le Châtelard-Frontière 34214Martigny, gare – Ravoire, Le Feylet 21215Martigny, gare – Val de Bagnes, Col-des-Planches 17220Martigny, gare – Evionnaz, Grande salle 15311Martigny, gare – Sitten, gare 54

Sehenswürdigkeiten

mini|hochkant|Château de la Bâtiaz Amphitheater von Martigny Burg La Bâtiaz Museen/Stiftungen (Fondations) Pierre Gianadda, Louis Moret, B. + S. Tissières, André Guex-Joris das Museum von Plan-Cerisier (Gemeinde Martigny-Combe) das Barryland – Bernhardinermuseum die Wassermühle Semblanet Altstadt von Martigny-Bourg Kirche Notre-Dame de la Visitation, mit Ruinen der antiken Kathedrale von Octodurus Kirche Saint-Michel Galerien Theater

Bilder

Sonstiges Am Ort gibt es einen Verein der Verkehrsfreunde, der zum Teil Original-Fahrzeuge von 1906 erhält und betreibt (Nostalgiefahrten auf der 1-Meter-Bahnstrecke, Strassenbahn).

Das im Kanton Luzern gelegene Sursee ist Freundschaftsstadt von Martigny.