mini|hochkant=1.2|rechts|Das Marmarameer mini|Der Bosporus, Istanbul und das Marmarameer im Hintergrund

Das Marmarameer (türkisch Marmara Denizi, in der Antike Propontis, veraltet Marmorameer) ist ein Binnenmeer des Mittelmeers. Über Bosporus und Dardanellen verbindet es das Schwarze Meer mit der Ägäis. Salzarmes Wasser strömt an der Oberfläche aus dem Schwarzen Meer durch das Marmarameer in das Mittelmeer. Die verkehrsgünstige Lage begünstigte die Entstehung der Millionenmetropole Istanbul am Nordufer.

Das Marmarameer liegt zwischen Europa und Asien und hat eine europäische Nord- und eine asiatische Südküste. Es stellt somit einen Abschnitt der innereurasischen Grenze dar. Das Meer liegt auf der Nordanatolischen Verwerfung und ist somit häufiger Schauplatz von Erdbeben und Tsunamis.

Der reiche Fischgrund, in dem insbesondere Sardellen gefangen werden, leidet unter dem industriellen Kerngebiet am Nordufer des Meeres ebenso wie unter dem exzessiven Schiffsverkehr, den die zentrale Lage des Meeres hervorruft. Ebenso trug diese strategische Lage dazu bei, dass die Passage durch das Meer umkämpft war und ist, da das Meer gleichzeitig ein türkisches Binnenmeer ist, dessen Befahrung aber multilateralen Verträgen unterliegt.

Die Schleimplage im Marmarameer hat für irreversible Schäden gesorgt. Durch die gräuliche Masse sind bereits 60 Prozent der Spezies verschwunden.

Namensherkunft Seinen Namen (Bedeutung: Marmormeer) hat dieses Meer von der darin liegenden Marmara-Insel (Marmorinsel; im Altertum Prokonnesos), die 21 km lang und 10 km breit ist, etwa 130 km² umfasst und neben dem berühmten weißen Marmor (daher der Name) besonders Wein, Getreide und Oliven liefert. In einigen anderen Sprachen wird es als „Marmormeer“ bezeichnet.

Geografie mini|Ausgang des Bosporus ins Marmarameer in Istanbul Lage und Gestalt Das Meer ist von Gelibolu bis İzmit 282 km lang und 80 km breit. Das Marmarameer bedeckt eine Fläche von 11.655 km², davon entfallen 182 km² auf Inseln, das Volumen beträgt 3378 km³.Bayram Ozturk: The Marmara Sea, A Link Between the Mediterranean Sea and the Black Sea. In: Erkki Leppäkoski u. a.: Invasive aquatic species of Europe: distribution, impacts, and management. Springer, 2002, ISBN 1-4020-0837-6, S. 337–340. Die Küstenlinie beträgt 928 Kilometer, das Meer ist komplett von der Marmararegion der Türkei umgeben.

Die Wassertiefe beträgt in der Nähe der Küste meist nur 50 Meter und liegt an den tiefsten Stellen bei etwa 1355 Meter. Im Osten bildet es den Golf von İzmit, im Südosten den Golf von Mudanya. Das Marmarameer ist durch die Dardanellen mit dem Ägäischen Meer verbunden sowie durch den Bosporus (Straße von Istanbul) mit dem Schwarzen Meer.

Der Marmaragraben nimmt knapp die Hälfte der Meeresfläche ein und erreicht Tiefen von 1300 Meter. Ungefähr 57 % der Fläche bestehen aus flachen Schelfgebieten.Yıldız Altınok und andere: Historical tsunamis in the Sea of Marmara in: ITS 2001 Proceedings, Session 4, Number 4-2 Der Marmaragraben gliedert sich in drei große Becken, das Çınarcık-Becken, das Zentralbecken und das Tekirdağ-Becken. Zwischen Çınarcık- und Zentralbecken liegt das kleinere Silivri-Becken. Die Becken sind durch komplexe Verwerfungen voneinander getrennt, die Tiefen von etwa 500 bis 700 Metern erreichen. Vom flacheren Meer trennen sie steile Abhänge.Peter C. Wille: Sound images of the ocean in research and monitoring. Springer, 2005, ISBN 3-540-24122-1, S. 242–245.

In der südlichen Hälfte des Meeres befindet sich ein Schelf-Gebiet, das weniger als 100 Meter Wassertiefe erreicht. Auch dort gibt es mehrere Becken und Anhöhen, die jedoch größtenteils von Sedimenten aufgefüllt sind. Vermutlich tragen die Flüsse Biga Çayı, Gönen Çayı und Nilüfer Çayı, die von Süden aus in das Meer fließen, ausreichend Sedimente mit sich, um die Unregelmäßigkeiten des Bodens zuzudecken.Aykut Barka: Neotectonics of the Marmara Region. In: Conrad Schindler und andere: Active tectonics of northwestern Anatolia: the Marmara Poly-Project: a multidisciplinary approach by space-geodesy, geology, hydrogeology, geothermics and seismology. vdf Hochschulverlag AG, 1997, ISBN 3-7281-2425-7, S. 59–62.

Salzgehalt und Strömungen mini|Satellitenaufnahme des Meeres; die deutlich sichtbare Strömung aus dem Bosporus bestimmt die Oberflächenhydrografie des Meeres

Die Wasserzirkulation im Marmarameer folgt demselben Muster wie die in allen türkischen Meerengen: An der Oberfläche fließt salzarmes Oberflächenwasser aus dem Schwarzen Meer nach Süden, da das Schwarze Meer über der Ägäis liegt. In tieferen Wasserschichten bestimmt der unterschiedliche Salzgehalt zwischen salzreicher Ägäis und dem salzarmen Schwarzen Meer den Wasserhaushalt, sodass Tiefenströmungen von der Ägäis durch das Marmarameer ins Schwarze Meer fließen. Dabei fließen im Jahr etwa 587 km³ brackiges, leichtes Wasser aus dem Marmarameer in die Ägäis, in umgekehrter Richtung 381 km³ schweres salzreiches Wasser.Peter Jablonka: The Link Between the Black Sea and Mediterranean Since the End of the Last Ice Age: Archaeology and Geology. In: Günther A. Wagner: Troia and the troad: scientific approaches. Springer, 2003, ISBN 3-540-43711-8, S. 86.

Im Marmarameer lassen sich dementsprechend zwei Wasserschichten klar trennen, die von einer etwa acht bis zehn Meter breiten Übergangsschicht getrennt werden. An der Oberfläche bis in etwa 15 Meter Tiefe befindet sich Wasser aus dem Schwarzen Meer mit einer Salinität von etwa 18, wobei der Salzgehalt in Richtung Ägäis zunimmt. Die obere Schicht mit einem Volumen von etwa 230 km³ wird in vier bis fünf Monaten vollständig ausgetauscht. Die Schichten weisen untereinander kaum eine Verbindung auf, so dass die tiefe Schicht auf den Zufluss von sauerstoffreichem Wasser aus der Ägäis angewiesen ist. Nur aufgrund der Bedingungen im Marmarameer selbst würden in tieferen Wasserschichten dieselben anoxischen Bedingungen auftreten wie in den tiefen Wasserschichten des Schwarzen Meers.Emin Özsoy: Current Understandings of Environmental and Water Resource Impacts in the Eastern Mediterranean. In: E. J. Moniz (Hrsg.): Climate Change and Energy Pathways for the Mediterranean. Springer, 2007, ISBN 978-1-4020-4858-6, S. 27.

In tieferen Schichten des Ägäiswassers liegt die Salinität bei 38. Besonders im Winter kommt es nahe den Mündungen aufgrund von Abkühlungs- und Sinkeffekten sowie Stürmen zu stärkeren Vermischungen, sodass der Salzgehalt nahe dem Bosporus in diesen Monaten auf 23 steigt. Die tiefe Wasserschicht (3378 km³) benötigt sechs bis sieben Jahre, um sich einmal zu erneuern.

Die hauptsächliche Oberflächenströmung verläuft im Uhrzeigersinn, sie wird vom hereinfließenden Wasser durch den Bosporus angetrieben. Varianzen über das Jahr ergeben sich durch verstärkte Bosporusströmung in den von der Schneeschmelze beeinflussten Frühlingsmonaten und von Stürmen in den Wintermonaten.

Entstanden sind diese Strömungsverhältnisse und die besagte Wasserschichtung vor etwa 7000 Jahren.Frühere Untersuchungen gingen von 10.600, 9.500 und 7.000 Jahren aus (Thomas Reichel: Rekonstruktion der paläozeanographischen Entwicklung des Marmarameers anhand multipler Analyseverfahren, Diss., FU Berlin 2004, S. 15 f. und S. 99).

Klima Das Klima über dem Marmarameer widerspiegelt die mittlere Lage zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer. Obwohl generell ein Mittelmeerklima herrscht, ist die Trockenheit im Sommer im Vergleich abgemildert. Die Regenmenge liegt im Sommer bei etwa 40 mm/Monat im Nordosten und bei 10 mm/Monat in der Gegend der Dardanellen. Im Winter regnet es im Schnitt etwa 10 bis 15 Tage im Monat, dabei fallen um die 120 mm Niederschlag. Im Norden des Meeres kann im Januar und Februar der größere Teil des Niederschlags als Schnee niedergehen. In den Wintermonaten können die Temperaturen im Norden des Meeres unter null Grad sinken, bleiben aber nur selten über den ganzen Tag bei diesem Wert. Nebel kommt im Winter an etwa ein bis zwei Tagen im Monat vor, ein lokales Hoch liegt an der Südküste, wo sich der langjährige Schnitt bis zu vier Regentagen aufschwingt.Griffes: North Atlantic, Baltic Sea, North Sea and Mediterranean Sea. ProStar Publications, ISBN 1-57785-877-8, S. 336–340.

Im Marmarameer herrschen nordöstliche Winde vor (etwa 60 %), gefolgt von südöstlichen mit 20 %. Die durchschnittliche Windgeschwindigkeit beträgt vier Meter pro Sekunde. Starkwindereignisse mit Windgeschwindigkeiten zwischen 8 und 25 m/s bei mehr als 16 Stunden Dauer kommen vor allem in den Wintermonaten in der Nähe des Bosporus vor. Die nordöstlichen Sommerwinde sind dabei auf der europäischen Nordseite deutlich ausgeprägter als auf der Südseite, dort bieten zudem die zahlreichen Inseln Schutz vor dem Wetter.

Küste und Städte mini|Fähre vor İzmit an der Ostküste

Während die Südostküste durch Gebirge und den Zufluss mehrerer großer Flüsse in das Marmarameer gekennzeichnet ist, ist die Nordküste wesentlich flacher, die Thrakische Ebene setzt sich zumindest in Teilen bis an das Marmarameer fort. In der Küstenzone des Marmarameers, insbesondere an der Nordküste befindet sich das wirtschaftlich-industrielle Zentrum der Türkei.Deniz Bölükbaşı: Turkey and Greece: the Aegean disputes: a unique case in international law. Routledge Cavendish, 2004, ISBN 1-85941-953-4, S. 107–109. Im Bereich der Marmaraküsten lebt ein Viertel der türkischen Bevölkerung.

Die gesamte Küstenregion des Marmarameeres ist städtisch geprägt, Häfen und Industrieanlagen finden sich entlang der gesamten Küstenregion. Die städtische Verdichtung erreicht ihren Höhepunkt insbesondere im Nordosten zwischen Bursa und vor allem Istanbul.Stanley D. Brunn und andere: Cities of the world: world regional urban development. Rowman & Littlefield, 2003, ISBN 0-8476-9898-X, S. 264. Neben Istanbul und Bursa gibt es noch drei größere und wichtige Städte: İzmit, Bandırma, Tekirdağ.

Beherrschende Stadt am Marmarameer ist die 13-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul, die beiderseits der Mündung des Bosporus in das Marmarameer liegt. Sie geht auf die beiden Städte Chalcedon, gegründet 688 v. Chr., auf der asiatischen Küstenseite und Byzanz, gegründet 671 v. Chr., auf der europäischen Seite der Mündung zurück. Während der Hafen von Konstantinopel ursprünglich am Goldenen Horn im Bosporus lag, stellte sich mit dem Aufstieg der Stadt heraus, dass dieser von Süden nur schwer zu erreichen war, bald folgten große künstliche Hafenbecken am Marmarameer.Michael McCormick: Origins of the European economy: communications and commerce, A.D. 300-900. Cambridge University Press, 2001, ISBN 0-521-66102-1, S. 86.

Inseln Die Inseln im Marmarameer liegen vor allem auf der südlichen, asiatischen Seite, auf der das Schelfgebiet deutlich breiter ist. Dort liegt die Gruppen der Marmarainseln und die nahe gelegene Halbinsel Kapıdağ, die Molainsel und İmralı. Die Prinzeninseln liegen zwar auf der asiatischen Seite des Meeres, aber nördlich des Marmaragrabens.Irad Malkin, Robert L. Hohlfelder: Mediterranean cities: historical perspectives. Routledge, 1988, ISBN 0-7146-3353-4, S. 26–33. Die Marmarainseln liegen im südwestlichen Teil des Marmarameeres. Vier der sieben Inseln sind bewohnt: Marmara-Insel, Avşa, Paşalimanı und Ekinlik, besonders Avşa ist durch den Fremdenverkehr geprägt.

Geologie Entstehung des Marmarameers mini|Annäherung an Tethys/Mittelmeer und Paratethys zur Zeit ihrer Trennung vor etwa 33 Millionen Jahren