Die Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius) ist eine Rundkopfzikade (Cicadomorpha, Clypeorrhyncha) innerhalb der Familie der Schaumzikaden (Aphrophoridae). Die Art gehört zu den bekanntesten und am weitesten verbreiteten Vertretern dieser Insektengruppe.

Sie zeichnet sich durch eine sehr hohe Zeichnungsvariabilität aus; etwa 20 verschiedene Farbmorphen sind bekannt. Aufgrund seiner außerordentlichen Sprungfähigkeit, mit der es sogar den Floh (Siphonaptera) übertrifft, wird das erwachsene Insekt häufig mit Heuschrecken verwechselt, mit denen die Zikaden aber nicht näher verwandt sind. Die äußere Gestalt erinnert an Käfer (Coleoptera). die Wiesenschaumzikade ist aber leicht an der dachartigen Flügelhaltung als Zikade erkennbar. Den meisten Menschen sind weniger ihre Larven als deren selbst erzeugte Schaumhüllen als sogenannte „Kuckucksspucke“ bekannt. Diese ist im Frühling auf Wiesen meist am Wiesen-Schaumkraut vermehrt zu beobachten. Die Wiesenschaumzikade hat sich im Verlauf der Evolution an vielfältige Lebensräume anpassen können und ist heute durch zahlreiche Einbürgerungen nahezu weltweit verbreitet. In den Epidemiegebieten des Feuerbakteriums gilt sie als hoch gefährlicher Schädling.

Etymologie mini|220px|Schaumnester an Ginster (Genista). Für den Gattungsnamen „Philaenus“ bestehen mehrere Ableitungen:Herbert Nickel: Zur Etymologie der Zikadennamen Mittel- und Nordeuropas. In: Acta Musei Moraviae, Scientiae biologicae (Brno) 98(2): 273-315 (284), 2013. der die (Lob-)Rede Liebende (griech. phil-ainos); aus philenor (griech.: verliebt); Name eines Karthagers, der sich aus Vaterlandsliebe lebendig begraben ließ.

Der Artname „spumarius“ ist auf das lateinische „spuma“ = „Schaum“ zurückzuführen und nimmt auf die von den Larven erzeugten Schaumnester Bezug.

Der sogenannte „Kuckucksspeichel“, regional auch als „Hexenspucke“ bezeichnet, findet sich häufig auf Wiesen, oft an Wiesen-Schaumkraut (Cardamine pratensis), welcher dieser Pflanze den Namen eingetragen hat. Der Begriff „Kuckucksspeichel“ wird in Europa mit dem Erscheinen des Kuckucks (Cuculus canorus) im Frühling in Zusammenhang gebracht, wenn die Schaumballen vermehrt zu beobachten sind. Vielerorts wird das Wiesen-Schaumkraut, die Blume des Jahres 2006, daher auch „Kuckucksblume“ genannt.

Im Englischen und Französischen wird die Wiesenschaumzikade bedeutungsgleich Meadow Spittlebug beziehungsweise Cercope des prés mit Bezug auf ihren Hauptlebensraum genannt. Im Niederländischen heißt sie Spuugbeestje, was mit „Spucktierchen“ übersetzt werden kann.

Geographische Verbreitung und Lebensräume mini|220px|Wiese mit Wiesen-Schaumkraut (Cardamine pratensis), ein typischer Lebensraum der Wiesenschaumzikade Wiesenschaumzikaden kommen mit Ausnahme der Arktis und Antarktis in allen zoogeographischen Regionen vom Flachland bis in Gebirgslagen bis etwa vor. Ihre ursprüngliche Verbreitung war auf die Paläarktis beschränkt. Europa ist von Lappland bis zum Mittelmeergebiet besiedelt. Sie wurde auch in Nordafrika, Teilen Russlands, in Afghanistan und in Japan nachgewiesen.

Die Wiesenschaumzikade wurde nach Nordamerika und Kanada eingeführt und hat sich dort als Neozoon etabliert. Zu ihrem Verbreitungsareal gehören heute auch die Azoren, Hawaii und Neuseeland auf der Südhalbkugel, wo sie in den vergangenen fünf Jahrzehnten ebenfalls eingeschleppt wurde. Die jüngsten Funde schließen die Türkei in das Verbreitungsgebiet der Zikade ein.

Wiesenschaumzikaden haben sich im Verlauf der Evolution an vielfältige Lebensräume anpassen können. Sie sind ausgesprochen eurytop, das heißt, sie kommen in vielen verschiedenartigen Lebensräumen vor. Sie leben in nahezu allen Offenlandbiotopen und in offenen Wäldern.

Äußere Gestalt mini|220px|Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius f. quadrimaculata) mini|220px|Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius f. trilineata) mini|220px|Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius f. flavicollis)

Die Wiesenschaumzikade ist meist unauffällig strohfarben, bräunlich oder schwarz gefärbt. Sie trägt verschiedene Musterungen mit helleren Flecken auf dunklem Untergrund, dunkleren Zeichnungen auf hellem Untergrund oder sie ist einfarbig dunkel oder strohfarben. Sie ist ein Standardbeispiel für innerartlichen Farb- und Zeichnungspolymorphismus. Es sind über 20 verschiedenfarbige Formen bekannt, wobei zwischen diesen noch zahlreiche Übergänge bestehen. Viele der Farbmorphen tragen einen eigenen Namen wie beispielsweise Philaenus spumarius f. albomaculata, Philaenus spumarius f. leucophthalma oder Philaenus spumarius f. lateralis.

Die Körperform ist im Umriss breitlänglich-oval, etwas breiter als jene der Vertreter der Gattung Neophilaenus – beispielsweise der Grasschaumzikade. Die Flügelenden sind unten nicht spitz, sondern stumpf abgerundet – im Gegensatz zu den Vertretern der Gattung Aphrophora, zum Beispiel der Alpenschaumzikade. Die behaarten Flügeldecken sind ledrig und mit Punktgruben besetzt. Obwohl häufig mit Käfern (Coleoptera) verwechselt, ist sie leicht an der dachartigen Flügelhaltung als Zikade erkennbar. Unter den Vorderflügeln liegen die häutigen Hinterflügel. Die Art erreicht Körperlängen zwischen 5,3 und 6,9 Millimeter. Meist sind die Weibchen etwas größer als die Männchen.

Die Füße (Tarsen) der Wiesenschaumzikade sind dreigliedrig. Die Schienen des hinteren Beinpaares (Tibien) sind rund und relativ kurz. Die Schienen der Hinterbeine tragen zwei kräftige Dornen sowie einen Dornenkranz (Meron) an der Basis, die ihnen eine gute Sprungkraft verleihen.

Ihr Kopf ist von oben gesehen so breit wie der Halsschild (Pronotum) und verfügt über zwei Punktaugen (Ocellen), ein Paar Facettenaugen und einem Paar kurzer borstenförmiger Fühler (Antennen). Die Stirn zeigt im Gegensatz zu den nahe verwandten Vertretern der Gattung Neophilaenus und Aphrophora keinen medianen Längskiel. Die Stirnplatte (Clypeus) (Kopfpartie zwischen den Ocellen) ist von vorn und seitlich betrachtet mehr oder weniger blasenförmig vorgewölbt und beinhaltet die Saugpumpe. Wie alle Zikaden verfügen auch Wiesenschaumzikaden über einen Saugrüssel zur Nahrungsaufnahme. Die Unterlippe (Labium) der Tiere ist als Gleitschiene für die aus den Mandibeln und Maxillen bestehenden Stechdornen ausgebildet. Innerhalb der Lacinien (einem Teil der Maxillen) verläuft ein Kanal, durch den gesaugt werden kann, sowie ein Speichelkanal, durch den Speichel in die Fraßstelle geleitet wird. Teile der Mundhöhle sind bei allen Schnabelkerfen zu einer Saugpumpe umgestaltet.Robert Biedermann & Rolf Niedringhaus: Die Zikaden Deutschlands – Bestimmungstafeln für alle Arten. Fründ, Scheeßel 2004, ISBN 3-00-012806-9.

Innerer Bau und Physiologie Die innere Anatomie und die Physiologie der Schaumzikaden entspricht weitgehend jenem der Insekten. In Anpassung an die spezielle Ernährung verfügen Wiesenschaumzikaden wie alle Rundkopfzikaden jedoch über eine besondere Konstruktion des Verdauungstraktes, um überschüssiges Wasser beziehungsweise Kohlenhydrate abzugeben. Der sehr wasserreiche Pflanzensaft der Leitungsbahnen (Xylem) ist im Gegensatz zum zuckerreichen Phloemsaft deutlich ärmer an Nährstoffen, weshalb Schaumzikaden, die sich ausschließlich hiervon ernähren, sehr viel davon aufnehmen müssen. Im Darm der Pflanzensaftsauger existiert eine Filterkammer, die eine Übergangsregion zwischen Vorder- und Mitteldarm und dem Hinterdarm herstellt. Sie ermöglicht die direkte Ableitung des überschüssigen Wassers in den Enddarm und der Nahrungssaft wird vor dem Eintritt in den Mitteldarm verdickt.Wilfried Westheide & Reinhard Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie, Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart / Jena / New York 1996, S. 650–651. Ferner sind die Zentren der für Insekten typischen Strickleiternervensysteme bei den Rundkopfzikaden nur noch im Kopf und in der Brust vorhanden; der Hinterleib wird vom Nervenzentrum der Brust versorgt.

Lebensweise mini|220px|Schaumnest der Wiesenschaumzikade. Bei genauem Hinsehen sind die grünlichen Larven zu erkennen.

Die Basis für das Existieren einer Art ist das möglichst lange Überleben einer ausreichenden Zahl von Individuen selbst bei sich verändernden und ungünstigen Umweltbedingungen und hohem Prädationsdruck (viele Räuber). Der Erfolg der Wiesenschaumzikade liegt vor allem in ihrer breiten ökologischen Potenz, das heißt, sie kann eine große Bandbreite von Umweltfaktoren ertragen und damit in den verschiedensten Biotopen existieren. Es wird angenommen, dass die Feuchteverhältnisse ein bedeutender Faktor für das Vorkommen der Art sind. Sie fehlt nur in sehr nassen und in sehr trockenen Biotopen. Sie fehlt außerdem in arktischen, alpinen und ariden Zonen. Hier ist die zu niedrige beziehungsweise zu hohe Jahresdurchschnittstemperatur ein begrenzender Faktor. Ferner ist ihre Wirtspflanzenspezifität gering, denn sie kann sich von einer Vielzahl von Pflanzen ernähren – im Gegensatz zu den meisten Zikadenarten, welche oft mono- oder oligophag sind. Es wurden über 170 Nährpflanzen nachgewiesen. Die Entwicklung der Larven findet auf krautigen Pflanzen statt. Die adulten Tiere fliegen dann im Verlauf des Frühjahrs in die Bäume oder sonstigen Nährpflanzen.Xylella fastidiosa (Well et Raju). Ein Bakterium mit großem Schadpotential für viele Pflanzen. Julius Kühn-Institut, 3. aktualisierte Auflage, Januar 2020.

Ihre Vielseitigkeit ermöglicht es dieser Zikade, auch nach Einschleppung in andere Länder wie beispielsweise Neuseeland zu überleben und sich fortzupflanzen. Ferner nutzt sie ihre ausgeprägte Sprungfähigkeit zur Flucht vor Feinden und zur Ausbreitung in neue Lebensräume. Ungünstige Klimaperioden überdauert sie in Form von Eiern. Ein einzelnes Weibchen kann bis zu 400 Eier produzieren. Ihre Larven sind in den Schaumballen weitgehend vor Fressfeinden geschützt. Sie erhalten außerdem die für die Weiterentwicklung nötige Feuchtigkeit und Temperatur, so dass ihre Mortalität selbst bei ungünstiger Witterung gering bleibt.

Fortbewegung Die häufigste Fortbewegungsart der Wiesenschaumzikaden ist das Laufen und das Fliegen, die markanteste aber das Springen. Die Beine der erwachsenen Insekten verleihen ihnen im Gegensatz zu den trägen Larven eine gute Sprungkraft. Die mächtigen Dornen an ihren Hinterbeinen kommen ihnen beim Absprung zugute, da sie den Sprungbeinen Halt auf der Unterlage gewähren. Schaumzikaden sind sogar die Weltmeister im Hochsprung. Dieses hat der Forscher Malcolm Burrows auf Hochgeschwindigkeitsfotos entdeckt. Im Verhältnis zur eigenen Körperlänge kann kein Lebewesen so hoch springen wie die Wiesenschaumzikade. Das Insekt ist einen halben Zentimeter lang und erreicht aus dem Stand heraus 70 Zentimeter Höhe. Menschen müssten umgerechnet auf unsere Körpergröße etwa 200 Meter hoch springen können, um mit den Zikaden gleichzuziehen. Im Verhältnis zu ihrer Körpergröße schlägt sie damit alle anderen Insekten, auch den bisherigen Rekordhalter, den Floh (Siphonaptera). Außerdem geht sie viermal schneller in die Luft. Sprungenergie liefert nur das hinterste Paar. In diesen Beinen kann die Wiesenschaumzikade wie in einem Katapult Spannung aufbauen und dann entladen. Diese Art der Fortbewegung dient den Schaumzikaden in erster Linie zur Flucht.Malcolm Burrows: Froghopper insects leap to new heights. In: Nature, vol. 424, p. 509 (31. Juli 2003).

Ernährung und Schadwirkung