Harry Elmer Barnes (* 15. Juni 1889 in Auburn, New York; † 25. August 1968 in Malibu, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Historiker und Soziologe. Barnes vertrat geschichtsrevisionistische Ansichten zur Entstehung des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Seiner Ansicht nach war Adolf Hitler friedliebend und hatte mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg nicht begonnen. Gegen Ende seines Lebens vertrat Barnes den Holocaust leugnende Thesen.

Leben und Werk bis zum Dezember 1941 Barnes erwarb 1918 seinen Doktorgrad im Fach Geschichte an der Columbia University. Danach arbeitete er für zwei Jahre als ordentlicher Professor an der Clark University. Von dort wechselte er 1923 als ordentlicher Professor ans Smith College, ein angesehenes Frauen-College, und lehrte dort bis 1929 Historische Soziologie und Geschichte, die er als sein Hauptfach betrachtete. Barnes war ein sehr vielseitiger Historiker. Bis Mitte der 1930er Jahre war er ein anerkannter Wissenschaftler und produktiver Historiker. Er schrieb 30 Bücher, über 100 Essays und über 600 Buchkritiken und Zeitschriftenartikel.Justus D. Doenecke: Harry Elmer Barnes. Wisconsin Magazine of History, Spring 1973, S. 311. Barnes gehörte einerseits zu den liberalen Reformern: Er war gegen das Alkoholverbot in den USA, gegen Zensur und Todesstrafe, setzte sich für eine Reform des Strafvollzuges ein, war für sexuelle Befreiung, für Empfängnisverhütung und mehr Gleichberechtigung von Frauen und Farbigen. Auf der anderen Seite vertrat Barnes sehr engagiert vom Mainstream der liberalen US-Historiker abweichende Meinungen.Justus D. Doenecke: Harry Elmer Barnes. Wisconsin Magazine of History, Spring 1973, S. 312.

Ab 1924 bestritt Barnes die deutsche Verantwortung an der Entstehung des Ersten Weltkrieges. Deutschland sei friedliebend gewesen. Dagegen hätten Großbritannien und Frankreich mit Russland eine riskante Politik verfochten, die zum Krieg geführt habe. Deutschland und Österreich seien die Opfer der Julikrise gewesen. Die Alliierten hätten Deutschland bewusst in den Krieg getrieben. Außerdem hätten sie nach dessen Ende Deutschland die Kriegsschuld zugeschoben und mit dem Vertrag von Versailles einen für Deutschland sehr nachteiligen Diktatfrieden erzwungen. Der Kriegseintritt der USA sei ein Fehler gewesen. Die USA sollten sich aus fremden Konflikten heraushalten. Diese Thesen publizierte Barnes u. a. in den Journalen Nation und Current History. Sie fanden in Deutschland aufmerksames Gehör, etwa bei der dem Auswärtigen Amt unterstellten und von dem ehemaligen Kolonialoffizier Major Alfred von Wegerer geleiteten und als Bürgerinitiative getarnten Dienststelle Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen, die der im Versailler Vertrag festgeschriebenen deutschen Schuld am Weltkrieg entgegenwirken sollte. Die Mitarbeiter besorgten Barnes insgeheim Archivmaterial und Literatur, druckten seine Artikel ab und sorgten für Übersetzungen.Herwig Holger: Clio Deceived: Patriotic Self-Censorship in Germany after the Great War. In: International Security 12, Nr. 2 (1987), S. 26.

Seine Thesen veröffentlichte Barnes 1926 in seinem Buch Genesis of the World War and Introduction to the Problem of War Guilt. In der Folge wurde er von Heinrich Schnee für den Sommer 1926 und 1927 nach Deutschland eingeladen, wo er Vorträge an den bedeutendsten Universitäten hielt. Schnee war Präsident einer weiteren Tarnorganisation des Auswärtigen Amtes, des „Arbeitsausschusses Deutscher Verbände“ (ADV), einer stärker propagandistischen Parallelorganisation zur „Zentralstelle“, die bemüht war, jede Beteiligung Deutschlands an der Entstehung des Ersten Weltkrieges zu bestreiten. Barnes wurde beinahe wie ein Staatsgast empfangen: Es wurden viele Essen und Empfänge für Barnes veranstaltet. In Berlin wurde er nach eigener Darstellung von einer Gruppe bedeutender Wissenschaftler und Publizisten zu einem Lunch im Eden-Hotel eingeladen. Daran nahm auch ein Vertreter von Reichspräsident Paul von Hindenburg teil, der selbst verhindert war.Marguerite Fisher: An all overall overview. In: Arthur Goddard (Hrsg.): Harry Elmer Barnes, Learned Crusader: The New History in Action. Ralph Myles Publisher, Colorado Springs 1968. S. 25 ff. In Bayern veranstaltete der ADV ein Essen zu seinen Ehren, bei dem Ministerpräsident Heinrich Held die Begrüßungsansprache hielt.Ulrich Heinemann: Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1983, S. 114. In Österreich war der Empfang genauso positiv. Barnes nutzte die Zeit, um seine Forschungen voranzutreiben. Er interviewte Personen aus der Führungsetage der Kaiserzeit in Deutschland und Österreich, um ihre Ansichten zur Entstehung des Weltkrieges kennenzulernen. Außerdem hielt er Vorträge über seine Arbeit, die in Deutschland sehr gut ankamen.Jürgen Zarusky: Leugnung des Holocaust. Die antisemitische Strategie nach Auschwitz. In: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften Aktuell – Amtliches Mitteilungsblatt. Jahrestagung, Marburg, 9./10. November 1999, S. 7. Ein Höhepunkt seiner Reise war ein zwei Tage dauernder Aufenthalt im niederländischen Schloss Doorn beim ehemaligen deutschen Kaiser.Marguerite Fisher: An all overall overview. In: Arthur Goddard (Hrsg.): Harry Elmer Barnes … Colorado Springs 1968, S. 25 ff. Wilhelm II. war, wie Barnes berichtete, froh, dass dieser nicht ihn für den Ausbruch des Weltkrieges verantwortlich machte. Er hielt aber nicht wie Barnes Frankreich und Russland für verantwortlich für den Ausbruch des Krieges, sondern das „Freimaurertum“ und das „Internationale Judentum“.Deborah Lipstadt: Leugnen des Holocaust. Rechtsextremismus mit Methode. Mit einer Einführung von Micha Brumlik, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 3-499-60101-X. S. 128ff. Barnes’ Buch wurde mit Hilfe des ADV ins Deutsche übersetzt und 1928 veröffentlicht. Barnes’ Thesen, dass die USA eine isolationistische Politik verfolgen und sich aus internationalen Konflikten heraushalten sollten und dass Deutschland nicht für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich sei, wurden von einem Kreis amerikanischer Historiker geteilt, so auch unter anderem Sidney Bradshaw Fay, Bernadotte Everly Schmitt, William L. Langer. Diese Haltung wurde als akademischer Geschichtsrevisionismus betrachtet, galt aber als seriös. Barnes gilt als Mitbegründer dieser Haltung, die die Verantwortlichkeiten einzelner Länder für die Entstehung des Weltkriegs hinterfragt.

Auf der anderen Seite hatte Barnes häufiger Schwierigkeiten mit Kollegen, mit denen er zusammenarbeitete, denn er war von den eigenen Ideen immer sehr überzeugt. Ein Freund schrieb nach seinem Tod: „Harry hatte einen großen Fehler, er war immer seinen Überzeugungen treu und blieb bei seinen Ansichten, auch wenn sich das Blatt gewendet hatte.“Murray Rothbard: Harry Elmer Barnes, RIP. In: Left & Right 1968, wiedergegeben auf der Homepage des amerikanischen Ludwig von Mises Institute, 21. Dezember 2007. Barnes unterstellte Kollegen, die nicht seiner Meinung waren, häufig öffentlich unlautere Motive. Sie seien opportunistisch und gäben das Bestreben nach „Wahrheit und Gerechtigkeit“ häufig auf, um ihren finanziellen Status zu sichern und Reichtümer zu erwerben. Ausdrücke wie „Verrat und Verleumdung“ war ein normales Vokabular für Barnes.Justus D. Doenecke: Harry Elmer Barnes. Wisconsin Magazine of History, Spring 1973, S. 322.

Am College wurde die Arbeit Barnes’ mit den jungen Frauen geschätzt, aber auch kritisch betrachtet. Ende der 1920er Jahre bildete sich eine Gruppe besorgter Eltern, die gegen Barnes vorgehen wollten, weil er von einigen Eltern als indoktrinär eingeschätzt wurde. Ehe es zu einer Auseinandersetzung kam, verließ Barnes 1929 das College und wurde freier Publizist. Von nun an arbeitete er auch journalistisch. Barnes kam bei Zeitungen des Scripps-Howard-Konzern unter. Dort verfasste er unter anderem eine tägliche Kolumne in der Zeitung World Telegram.

Seit seinen Forschungen zum Ersten Weltkrieg vertrat Barnes die Ansicht, die USA sollten sich aus internationalen Konflikten heraushalten. Dieser Isolationismus war weit verbreitet und bildete auch eine Leitlinie der offiziellen amerikanischen Außenpolitik in den 1930er Jahren. Die expansive Außenpolitik des nationalsozialistischen Deutschland veranlasste aber viele Amerikaner, auf die Entwicklung in Europa zu achten. Die USA blieben bis Ende 1941 offiziell strikt neutral, obschon Sympathie für die europäischen Demokratien bestand, von denen eine nach der anderen von den Deutschen besetzt wurde. Viele Amerikaner sahen die Entwicklung in Europa als Bedrohung an. Nicht so Barnes, der auch nach der Niederlage der Alliierten in Frankreich im Juni 1940 gegen eine vorsichtige Lockerung der Neutralitätspolitik polemisierte. Die USA fingen an, vorsichtig Großbritannien unterstützen, das ohne ihre Hilfe gegen Deutschland nichts ausrichten konnte. Die offizielle Neutralität blieb aber gewahrt.

Zur gleichen Zeit blieb Barnes in seinem Denken stur auf Neutralität ausgerichtet. Das führte im Mai 1940 zu seiner Entlassung aus der Redaktion des World Telegram. Als Deutschland 1941 die Sowjetunion angriff, wurde das Bedrohungsgefühl vieler Amerikaner noch stärker.

Die USA waren kein Mitglied des Völkerbundes geworden. Seit 1931 hatte Japan immer wieder seinen Anspruch vertreten, die politischen Angelegenheiten im Westpazifik zu bestimmen. 1931 besetzte es die Mandschurei, 1937 marschierte es in China ein und besetzte Nanjing. 1940 eroberte Japan große Gebiete in China und besetzte Französisch-Indochina. Die USA reagierten sehr zurückhaltend, obwohl sie Chinas Kampf gegen die Japaner unterstützten. Im Jahr 1941 versuchten sie in Verhandlungen mit Japan dessen Drang einzudämmen, Ostasien zu beherrschen. Japan beteiligte sich an den Gesprächen, bereitete in Wirklichkeit aber seit dem Frühjahr 1941 den Angriff auf Pearl Harbor vor. Japan beabsichtigte, die dort stationierte Pazifikflotte der USA auszuschalten, um freie Hand in Ostasien zu haben.

Zur Zeit zunehmender Bedrohung des Westens und auch der USA durch das nationalsozialistische Deutschland und Japan entwickelte sich in den USA eine starke isolationistische Bewegung. An deren Spitze stand auch Barnes. Er war Vice Chairman des „Keep America Out of War Congress“ und zeitweise Sprecher des America First Committee.Justus D. Doenecke: Harry Elmer Barnes. Wisconsin Magazine of History, Spring 1973, S. 313. In diesem Komitee waren u. a. viele Schriftsteller und Politiker organisiert. Noch Anfang Dezember 1941 hatte die Bewegung ihre Höchstzahl an Mitgliedern. Am 7. Dezember überfiel Japan ohne Kriegserklärung und ohne Vorwarnung die in Pearl Harbor stationierte Pazifikflotte der USA. Am Tag darauf erklärten die USA sich als im Krieg mit Japan befindlich. Die Neutralität zu Deutschland wurde nicht angetastet. Drei Tage später erklärten Deutschland und Italien den Vereinigten Staaten den Krieg. Fortan führten die USA gemeinsam mit England, der Sowjetunion und vielen Staaten den Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland, Italien und Japan. Die America-First-Bewegung löste sich auf, ihre politische Einschätzung hatte sich als falsch erwiesen. Die meisten ihrer Protagonisten vermieden es fortan, ihre ehemalige Beteiligung an dieser Bewegung zu erwähnen.

Nach dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg