mini|Tom Kiely Thomas Francis „Tom“ Kiely (* 25. August 1869 in BallynealeFür Kielys Geburtsort bestehen verschiedene Schreibweisen. Kevin McCarthy verwendet einheitlich Ballyneill, andere Darstellungen nutzen Ballyneale oder Ballyneal. Am häufigsten findet sich Ballyneale. bei Carrick-on-Suir im County Tipperary; † 6. November 1951 in Deerpark bei Carrick-on-Suir) war ein irischer Leichtathlet.

Kiely trat in verschiedenen Leichtathletikdisziplinen an und gewann zwischen 1892 und 1907 mehr als 50 nationale Meistertitel unter anderem im Hürdenlauf, im Gewichtwurf und im Weitsprung. Besonders erfolgreich war er im Hammerwurf, wo er nicht nur in Irland, sondern auch in Schottland und England Wettkämpfe für sich entschied. Wegen seiner Vielseitigkeit war Kiely einer der weltweit führenden Mehrkämpfer seiner Zeit. 1904 reiste er in die Vereinigten Staaten und gewann einen aus zehn Disziplinen bestehenden Mehrkampf in St. Louis, der im erweiterten Umfeld der Olympischen Spiele ausgetragen wurde. Seit 1969 führt ihn das Internationale Olympische Komitee deswegen als Olympiasieger, wobei der Status unter Sporthistorikern kontrovers diskutiert wird. Kiely arbeitete zeitlebens als Landwirt und Viehhändler. Seine aktive sportliche Laufbahn beendete er 1908.

Werdegang Herkunft und frühe Jahre (bis 1888) Thomas Francis Kiely wurde am 25. August 1869 geboren und wuchs in Ballyneale auf, einem Dorf im Süden des County Tipperary zwischen den Städten Carrick-on-Suir und Clonmel.Kevin McCarthy: Tom Kiely: Erin’s Champion, Blackrock 2020. Zitiert wird das auf EPUB basierende E-Book ohne feste Seitenzahlen. Um dennoch die Nachvollziehbarkeit der Belege zu gewährleisten, wird anstelle der Seitenzahl das Kapitel und der jeweilige Absatz genannt. Langzitate innerhalb des Buches werden nicht als eigene Absätze gezählt. Unter den neun Kindern des Ehepaars William und Mary Kiely, die das Erwachsenenalter erreichten, war er das zweitälteste. Seine sechs Schwestern und seine beiden (jüngeren) Brüder kamen zwischen 1867 und 1884 auf die Welt. Kielys Vater William gehörten mehr als 180 Acres (etwa 73 Hektar) Land, die von der Familie landwirtschaftlich betrieben wurden. Wenngleich die Kielys in mehreren späteren Berichten als Landwirte bezeichnet wurden, begriffen sie sich selbst – gemäß der Aussage von Tom Kielys Biographen Kevin McCarthy – in erster Linie als Viehhändler. Im Vergleich zu anderen irischen Bauern zeigte Tom Kiely später in seinem Leben wenig emotionale Verbindung zu seinem Land, vielmehr verstand er es als wirtschaftliches Gut und Ware, das zum richtigen Zeitpunkt verkauft werden konnte.Tom Hunt: Tom Kiely: Ireland’s First Track and Field Olympic Gold Medallist? In: Journal of Olympic History, 2019, 27. Jahrgang, Nr. 3, S. 44–55. Insgesamt gehörten ihm in seinem Leben acht verschiedene Bauernhöfe, größtenteils in der Region rund um Ballyneale.

Die Kielys gehörten zu den wohlhabendsten fünf Prozent der irischen Bauernfamilien: Alle neun Kinder waren gut ernährt und hatten Zugang zu Schulbildung. Fünf von Tom Kielys sechs Schwestern traten als Nonnen verschiedenen katholischen Ordensinstituten bei. Sie wurden von der Familie mit einer beträchtlichen Mitgift ausgestattet. Tom Kiely selbst besuchte von Juni 1874 bis Februar 1885 die Ballyneale National School. In den ersten Jahren seiner Schulzeit wies er eine außergewöhnlich hohe Anwesenheitsquote von 85 bis 90 Prozent auf. Der durchschnittliche irische Grundschüler dieser Zeit erschien angesichts von häuslichen Verpflichtungen nur etwa an jedem dritten Schultag zum Unterricht. Auch Kielys Teilnahmerate am Unterricht sank letztlich. Er verließ die Schule im Alter von 15 Jahren während der sechsten Klasse, die er somit nicht abschloss. Als ältester Sohn der Familie wurde er fortan auf dem Hof gebraucht: Sein Vater führte ihn in den Viehhandel ein, außerdem half er beim Viehtrieb und beim Heumachen. Laut seinem Biographen McCarthy nahm Kiely bereits als Teenager eine „regelrechte Vaterrolle“ für seine jüngeren Geschwister an (im Original: „he had become quite a father figure among his siblings“). Ansonsten sind wenige biographische Details über Kielys Jugend überliefert. Er lernte Fiddle und Schwegel (englisch: Fife) zu spielen, seine musikalischen Fähigkeiten wurden später in Zeitungsberichten über ihn würdigend erwähnt.

Auf Tom Kielys beginnende sportliche Laufbahn übten die Brüder Maurice, Patrick und Tom Davin großen Einfluss aus. Die Davins lebten wenige Kilometer entfernt von den Kielys in Deerpark in der Nähe von Carrick-on-Suir und waren Teil der nationalen Leichtathletikelite. Seit den 1870er-Jahren hatten sie in verschiedenen Wurf-, Sprung- und Laufdisziplinen irische und englische Meistertitel gewonnen, Maurice Davin war 1884 einer der Gründer des nationalen Sportverbands, der Gaelic Athletic Association (GAA). In Deerpark legten die Davins einen der ersten umzäunten Sportplätze Irlands an. Wann Tom Kiely in Kontakt mit den Davins kam, ist nicht gesichert. Der Sporthistoriker Tom Hunt schreibt, Pat Davin sei 1886 bei einem Gaelic-Football-Spiel auf Kiely aufmerksam geworden. In der Folge hätten ihn die Davins in den verschiedenen von ihnen beherrschten Leichtathletikdisziplinen trainiert. Kiely war etwa 1,88 Meter groß (6 Fuß und 2 Zoll) und wog bis in seine Mittdreißiger nie mehr als etwa 82 Kilogramm. Er war stark genug für die Wurfdisziplinen und dabei gleichzeitig so wendig, dass er auch beim Springen zu den besten Sportlern zählte. Sein Vater William lehnte die sportlichen Ambitionen Tom Kielys – und später auch die von Toms jüngeren Brüdern Larry und Willie – ab. Er sah darin eine Zeitverschwendung. Kevin McCarthy vermutet, dass William Kiely nie zu einem Wettkampf seiner Söhne erschien, was zu tiefen Spannungen im familiären Verhältnis beigetragen habe.

Aufstieg in die irische Leichtathletikspitze (1888 bis 1894)

Erste Wettkampfteilnahmen und Preise Kurz vor seinem 19. Geburtstag trat Kiely im August 1888 in Clonmel nahe seiner Heimat erstmals zu einem Leichtathletikwettkampf für Erwachsene an. Er belegte dort zwei zweite Plätze in Wurfwettbewerben. Im gleichen Jahr nahm er an weiteren Wettkämpfen teil, wobei ihn seine weiteste Reise in die 25 Meilen (etwa 40 Kilometer) entfernte Hafenstadt Dungarvan führte. Um seine Pflichten auf dem Hof nicht zu lange zu vernachlässigen, konzentrierte sich Kiely in den ersten Jahren seiner sportlichen Laufbahn vor allem auf Veranstaltungen in seiner Heimatregion. Diese zumeist jährlich ausgetragenen Wettkämpfe etwa in Clonmel, Cahir oder Carrick-on-Suir waren Zuschauermagneten. Irland war im späten 19. Jahrhundert neben den Vereinigten Staaten von Amerika – wohin viele irische Topsportler dieser Zeit auswanderten – weltweit führend in der Leichtathletik, insbesondere in den Sprung- und Wurfdisziplinen.Frank Zarnowski: Thomas F. Kiely – A Biography. In: Journal of Olympic History, 2006, 14. Jahrgang, Nr. 2, S. 6–11.

Wie viele junge Leichtathleten seiner Zeit fokussierte sich Kiely bei seinen Wettkampfteilnahmen nicht auf einzelne Disziplinen, sondern trat sowohl in den Wurf- und Sprungwettbewerben als auch bei Läufen an. (Weil er auf den längeren Sprintstrecken nicht zu den führenden Sportlern zählte, verzichtete er ab 1890 außer bei Mehrkämpfen auf die Teilnahme an 400- und 440-Yards-Läufen.) Er verbesserte seine persönlichen Bestleistungen von Jahr zu Jahr deutlich und gewann bei seinen Starts bei den verschiedenen regionalen Wettkämpfen viele Preise (die nicht nur an die Sieger, sondern zumindest auch an die Zweitplatzierten verliehen wurden). Diese Preise waren zum Teil keine Medaillen, sondern praktische Gegenstände wie etwa ein Tweedanzug, Salatbesteck oder eine Schüssel. Ein ebenfalls bei einem Wettbewerb gewonnenes Album nutzte Kiely, um sorgfältig Buch über seine Erfolge zu führen und Zeitungsausschnitte mit entsprechenden Berichten zu sammeln. Für den Zeitraum von 1888 bis 1895 dokumentierte er in diesem Album insgesamt 269 von ihm gewonnene Preise, 67 davon alleine im Jahr 1893. Gegen Ende seiner Laufbahn berichtete die New York Times 1904, Kiely habe insgesamt in seiner Karriere 1500 Preise gewonnen. Der Sporthistoriker Tom Hunt erachtet die Größenordnung dieser Schätzung als plausibel, hält sie aber dennoch für um mehrere hundert übertrieben.

Irische Meistertitel und Rekorde In den Jahrzehnten vor der irischen Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich 1922 gab es zwei konkurrierende irische Sportverbände: zum einen die von Kielys Mentor Maurice Davin mitgegründete Gaelic Athletic Association (GAA), zum anderen die Irish Amateur Athletic Association (IAAA). Die IAAA galt als städtisch und eher unionistisch ausgerichtet und hielt keine Wettkämpfe an Sonntagen ab.Kevin McCarthy: Gold, Silver and Green: The Irish Olympic Journey 1896–1924, Cork University Press 2011, Seite 12. Die GAA war eher nationalistisch geprägt und erlaubte Wettbewerbe an Sonntagen, die für die Landbevölkerung oftmals die einzige Möglichkeit zur Teilnahme boten. Beide Verbände richteten jährlich nationale Meisterschaften aus. Den irischen Sportlern stand es frei, an Veranstaltungen beider Verbände teilzunehmen, was Kiely im Laufe seiner Karriere auch tat und dadurch zwischen 1892 und 1907 die große Zahl von insgesamt 53 irischen Meistertiteln sammelte, 38 bei GAA-Meisterschaften und 15 bei IAAA-Meisterschaften. Sein Biograph Kevin McCarthy schreibt diesbezüglich zu Kiely, er sei ein „entschlossener Wettkämpfer“ gewesen, „unbedarft genug, sich nicht mit Politik zu beschäftigen, aber klug genug, um zu erkennen, wann Preise zu gewinnen waren“ (im Original: „He was […] a determined competitor, innocent enough not to concern himself with politics but shrewd enough to know when prizes were there for the winning“).

Bei seinen ersten GAA-Meisterschaften 1889 in Kilkenny wurde Kiely in vier Wurfdisziplinen Zweiter und belegte in zwei Sprungdisziplinen sowie im Hürdenlauf den dritten Platz. 1890 und 1891 nahm er weder an den GAA- noch an den IAAA-Meisterschaften teil. Irischer Meister wurde Kiely erstmals im August 1892, als er bei den nationalen IAAA-Mehrkampfmeisterschaften im Dubliner Stadtviertel Ballsbridge siegte. Die genaue Zusammensetzung des Mehrkampfs war in Irland zu dieser Zeit nicht festgelegt und unterschied sich von Turnier zu Turnier. In Ballsbridge 1892 gehörten neun Disziplinen dazu, wobei Kiely auf die Teilnahme am abschließenden Meilenlauf verzichtete, weil sein Punktevorsprung zu diesem Zeitpunkt bereits uneinholbar war. Zuvor hatte er den Hochsprung, den Weitsprung, das Kugelstoßen, den Hürdenlauf, das 440-Yards-Rennen sowie den Hammerwurf für sich entschieden. 1893 und 1894 verteidigte er am gleichen Ort seinen Mehrkampftitel, wobei der Wettbewerb etwa 1893 lediglich aus sieben Teildisziplinen bestand. Fünf Wochen nach seinem ersten Sieg im Mehrkampf gewann Kiely im September 1892 (ebenfalls in Dublin) an einem Tag sieben Entscheidungen bei den GAA-Meisterschaften: im Weitsprung, im Dreisprung, im 120-Yards-Hürdenlauf und in vier verschiedenen Wurfwettbewerben.