mini|hochkant=1.3|Georgenkirche Wismar von Nordosten (Juli 2009)

Die Georgenkirche, auch St.-Georgen-Kirche genannt, gehört neben der Marienkirche und Nikolaikirche zu den drei monumentalen gotischen Sakralbauten der Wismarer Altstadt. Ausgehend von der Baumasse und dem umbauten Raum ist die um 1295 begonnene Georgenkirche das größte dieser Bauwerke. Zugleich ist es auch der jüngste Kirchenbau und gilt als das „Wunder von Wismar“.Katja Haescher: Stein auf Stein bis zum Himmel. In: JOURNAL eins. Das Magazin für Westmecklenburg, September 2020, S. 32. St. Georgen war das Gotteshaus der Landesherren und der Handwerker von Wismar. Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte und zu DDR-Zeiten weiter verfallene Kirche ist in wesentlichen Teilen bis 2010 wiederaufgebaut worden. Sie ist als Teil der Wismarer Altstadt seit 2002 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes verzeichnet. St. Georgen und St. Marien bilden zusammen die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Wismar St. Marien/St. Georgen in der Propstei Wismar, Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.Informationen zur Gemeinde

Geschichte mini|Grundriss der Georgenkirche (1891) mini|Außenansicht (April 2023) mini|Innenansicht (2026) mini|Deckengewölbe (2026)

Die Pfarrkirche der Neustadt gehörte zur zweiten Phase der Stadtgründung, die bis 1250 ihren Abschluss fand. Wann genau die Kirche gegründet wurde, ist nicht überliefert. Die älteste überlieferte Urkunde stammt von 1255, in dieser ist ein Godfridus plebanus sancti Martini als Zeuge genannt. Der Heilige Martin wird in späteren Urkunden als zweiter Patron neben dem heiligen Georg genannt, und Godfridus wurde bis 1296 mehrfach als Pleban erwähnt. Ob sich das erwähnte Kirchengebäude an der Stelle der heutigen Kirche befand, ist nicht sicher, da ein alter Kirchhof von St. Georgen vor der Stadt belegt ist. Wahrscheinlich wurde die Kirche später verlegt.Steve Ludwig: St. Georgen zu Wismar. Kiel 1998, ISBN 3-9805480-7-4, S. 15 und 16

Erste Bauphase Die erste Georgenkirche an ihrem heutigen Ort, wohl eine dreischiffige Hallenkirche, wird in einer Urkunde von 1269 erstmals erwähnt. 1270 übertrug Heinrich I. von Mecklenburg das Patronat an den Deutschen Orden in Riga. Zu dieser Zeit besaß die Gemeinde noch kein Pfarrhaus, dies spricht für ein zu der Zeit noch junges Kirchspiel. Für den Kirchenbau wurde der Platz an der (alten) Stadtmauer zugewiesen, welche in den 1270er Jahren durch eine neue, die Alt- und Neustadt umschließende Stadtmauer ersetzt wurde. Für das Jahr 1286 ist erstmals ein Kirchturm erwähnt. Von dem ersten Kirchengebäude sind einige Reste an den Pfeilern zwischen Chor und Langhaus der jetzigen Kirche erhalten.Steve Ludwig: St. Georgen zu Wismar. Kiel 1998, ISBN 3-9805480-7-4, S. 16 und 17. Die Lage der archäologisch ergrabenen Fundamente des Langhauses dieses ersten Baus ist in der Pflasterung des Fußbodens angedeutet.

Zweite Bauphase (Chor) Wenig später, schon im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts begann man einen Neubau, jetzt als Basilika mit einem im Osten gerade geschlossenen, dreischiffigen Chor. Der Chor der Vorgängerkirche blieb bis zur Fertigstellung innerhalb des Gebäudes erhalten. Nach der Eindeckung der Dächer wurde der neue Chor eingewölbt. Diese Arbeiten begannen um 1340, da die originalen Hölzer des Dachstuhles auf dieses Jahr datiert werden konnten. Eine Messfeier, ein Ablass und eine Jubelfeier werden 1350 erwähnt. Für den weiteren Anbau von Kapellen gibt es Hinweise in Urkunden aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die in der Nordostecke des Chores noch heute vorhandene Kapelle wurde 1394 in einer Urkunde erwähnt. Sie ist außen mit ihrem zum Fürstenhof orientierten Schaugiebel reich mit Maßwerk bekrönt. Eine nicht mehr vorhandene Kapelle in der Mitte der Chornordwand wurde als Fürstenempore genutzt. An der Südseite standen ursprünglich zwei Kapellen, die östliche wurde im 19. Jahrhundert abgerissen, die westliche ist als Ruine erhalten. Eine neue Sakristei wurde 1495 gebaut.

Dritte Bauphase (Turm und Schiffe) mini|Heutige Westwand des Langhauses (Oktober 2015) Eine Inschrift von 1404 an der Nordwand der Turmhalle verweist auf den Beginn der dritten Bauphase. Hier begann der Neubau und wurde, vielleicht nach einer Bauunterbrechung zwischen etwa 1410 und 1445Dehio, 2000, S. 688. unter gleichzeitiger Abtragung der Hallenkirche, Stück für Stück Richtung Chor fortgesetzt. Die Arbeiten gestalteten sich langwierig, die beiden Kapellen am Turm wurden wohl erst 1469 fertig gebaut. Eine Kapelle wurde als Wollenweberkapelle bezeichnet, die andere als Marienzeitenkapelle. Vor 1487 wurden die Bauarbeiten eingestellt. Da der alte Chor schmaler und vor allem niedriger war als das neue Langhaus, schloss man die Lücke mit einer Wand aus Fachwerk, das erst nach 1877 durch einen Chorbogen aus Backstein ersetzt wurde. Friedrich Schlie bemerkte dazu: Die Jahreszahl 1594 aber am Schluss der Ostwand des Neubaus oberhalb des ältesten Chorfirstes lässt erkennen, dass man damals den Gedanken einer Vollendung des großartigen Planes aufgibt und zugleich gewillt ist, einen Teil des Fachwerkbaues, womit ursprünglich doch ohne Frage nur ein vorläufiger Schluss beabsichtigt war, dauernd von Bestand zu lassen. So ist St. Jürgen zu einem Wahrzeichen des Auf- und Niedergangs der städtischen Verhältnisse während des Mittelalters geworden.Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. II. Band: Die Amtsgerichtsbezirke Wismar, Grevesmühlen, Rehna, Gadebusch und Schwerin. Schwerin 1898, Neudruck Schwerin 1992, S. 69 ff. An dieser Stelle sehen wir heute Säulen und Bögen aller drei Kirchenbauabschnitte von 1270 bis zum endgültigen Abschluss der Bauarbeiten im Jahr 1594. Der Westturm mit Glockenstube wurde ebenfalls 1594 fertiggestellt. Jedoch wurde schon 1487 die nordöstliche Seitenkapelle einer Familie Herder Krempe abgekauft und zum Eingangsbereich der Kirche umgestaltet. Über der Tür und Richtung Marktplatz wurde zinnenbekrönte Wimperge angebracht. Offensichtlich wusste man zu dieser Zeit also schon, dass eine Fertigstellung des gesamten Großbauwerks nicht realisierbar war.

In der Zeit von 1877 bis 1905 wurden umfangreiche Renovierungs- und Reparaturarbeiten vorgenommen. Die Wände und Säulen im Innenraum mussten stabilisiert werden, der Fußboden erhielt farbige Fliesen und eine Wandfassung wurde in historischen Formen wieder aufgebracht. Die Orgel bekam ein neues Gehäuse und das Gestühl wurde neu angeordnet.

Zerstörung und Wiederaufbau Kurz vor Kriegsende wurde das Bauwerk am 14./15. April 1945 bei einem Luftangriff der britischen Royal Air Force durch zwei Luftminen schwer beschädigt. Das Turmmassiv brannte völlig, der Kirchenraum teilweise aus. Gewölbe und Dachkonstruktionen von Langhaus, Querschiff und Turm stürzten ein. Die Umfassungsmauern blieben erhalten. Die im Turm befindliche Orgel verbrannte. In der Folgezeit traten Verfallserscheinungen am Gesamtbauwerk, auch am erhaltenen Chorbereich auf.Arno Krause: Wismar. In: Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. Götz Eckardt, Henschel-Verlag, Berlin 1978. Band 1, S. 88–89

Mit Planungen für die Wiederherstellung wurde 1949 begonnen, dabei wurde der Bau einer Notkirche angeregt. Ein neuer Dachstuhl wurde in den 1950er Jahren über dem Hochschiff aufgebaut. Da er nie eingedeckt wurde, brach er in späteren Jahren zusammen. Die ungeschützten Gebäude verfielen mehr und mehr, die Sprengung der neuen und alten Sakristei wurde 1961 für erforderlich erachtet. Im selben Jahr wurde zwischen dem Bezirk Rostock, der Stadt Wismar und der Landeskirche in Schwerin ein Vertrag über die Geistlichen Hebungen geschlossen. Die Stadt verpflichtete sich nach der Sprengung der Marienkirche, „die Kirche St. Georgen wieder aufzubauen, den Turm von St. Marien zu sichern, die Heilig-Geist-Kirche zu restaurieren und danach der Kirchengemeinde wieder als ihr Eigentum zur Nutzung zu übergeben“. Im Gegenzug verzichtete die Gemeinde auf Grundstücke, vor allem in Wendorf.

Seit seiner Gründung 1987 hat sich der Förderkreis St. Georgen mit verschiedenen Aktionen zunächst für eine Rettung und dann den Wiederaufbau der Kirche eingesetzt. Am 25. Januar 1990 wurde durch den Orkan Daria der Giebel des nördlichen Querhauses heruntergerissen und durchschlug zwei gegenüberliegende Häuser. Handlungsdruck entstand, es war zur Zeit der Friedlichen Revolution und der Runde Tisch Wismar sandte Hilferufe aus. Von westdeutscher Seite kam rasche Unterstützung, örtliche Betriebe nahmen sich der Aufgabe an, und in der Folge wurde der Wiederaufbau der Georgenkirche umgesetzt.

Der Wiederaufbau der Georgenkirche ab 1990 kostete 43 Millionen Euro bis zum Jahr 2017. Engagierte Unterstützung und Geld kamen aus verschiedenen Quellen, allein 15 Millionen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Für diese war die Kirche St. Georgen das erste und größte Hilfsprojekt in den östlichen Bundesländern.Dorothee Reimann: Das Wunder von Wismar. monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. Hrsg. Deutsche Stiftung Denkmalschutz. 20. Jg. Nr. 3/4. April 2010. S. 8–17 Bis 2010 dauerte das Projekt bis zur Fertigstellung. Die Stadt Wismar und die Kirchengemeinde St. Marien / St. Georgen schlossen im Jahr 2014 eine Vereinbarung über die gemeinsame Nutzung der Georgenkirche. Die zukünftige Nutzung der Georgenkirche soll in einer Kombination von Gotteshaus und Kulturkirche liegen. Die Arbeiten gehen aber weiter. So wurde eine Aussichtsplattform auf dem Turm im Mai 2014 eröffnet. Die jährlichen Unterhaltungskosten der Kirche werden auf 40.000 Euro geschätzt.Gottfried Kiesow: Vollendet ist das große Werk. monumente 3/4-2010, S. 3 Am 8. Mai 2010 wurde in der Kirche ein Festakt zum vorläufigen Abschluss der Arbeiten abgehalten. Die Rückführung mittelalterlicher Ausstattungsstücke ist noch umstritten und wird im Zusammenhang der zukünftigen Nutzung zu sehen sein.

Architektur St. Georgen ist ein Werk der norddeutschen Backsteingotik, weicht aber stärker als die anderen großen Wismarer Kirchen von deren „Urvorbild“ der Lübecker Marienkirche ab. Der Vorgängerbau, eine Hallenkirche aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts, wurde nach der Mitte des 14. Jahrhunderts in mehreren Bauphasen (s. o.) durch eine dreischiffige Basilika mit Einsatzkapellen, großem Querhaus und flachem Chorabschluss ersetzt. Nach Erstellung der ersten drei Chorjoche entschied man sich für einen Planwechsel zugunsten größerer Höhen und Breiten. Mit der zeitweise beabsichtigten Verbreiterung auch der drei östlichen Chorjoche wäre das Querhaus beinahe zu einer zweiten Symmetrieachse geworden, ähnlich wie bei der Zisterzienserkirche von Pelplin.

Da die Einsatzkapellen die gleich Höhe wie die ziemlich breiten Seitenschiffe haben und wie in der Lübecker Marienkirche auf ein Triforiumsgeschoss verzichtet wurde, sind die Obergadenfenster zu mehr als der Hälfte ihrer Höhe vermauert. Die Mittelschiffsarkaden werden von fast schmucklosen Achteckpfeilern getragen. Die Dienste zu den Mittelschiffsgewölben beginnen erst auf Höhe der Scheitel der Arkadenbögen, oftmals mit Konsolen in Form von Menschenköpfen aus Kunststein, der einzigen figürlichen Bauplastik des Kirchenraums. Der Seitenschub der Mittelschiffsgewölbe wurde durch hölzerne Zuganker abgefangen. Der eingezogene Westturm ist aus Kostengründen unvollendet geblieben. Sein Stumpf endet heute auf Höhe des Mittelschiffsfirstes.

Maße Höhe des Turmstumpfes: 36 m Länge: 78 m Breite: 44 m Querschiffbreite: 57 m Gewölbehöhe des Quer- und Hauptschiffes: 35 m

Erhaltene Ausstattung mini|Orgel, Aufnahme von Karl Eschenburg 1934

Bis auf die um 1500 entstandenen und 1888 kräftig renovierten Wandmalereien in den seitlichen Turmhallen ist die Kirche heute von ihrer ursprünglichen Ausstattung völlig entblößt.