Das Kunsthistorische Museum Wien (kurz KHM) ist ein Kunstmuseum am Maria-Theresien-Platz in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Gegründet als k. k. Kunsthistorisches Museum, zählt es zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt. Der Neorenaissancebau wurde 1871 bis 1891 durch Franz Joseph I. von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer als Teil des Kaiserforums errichtet. Im Jahr 2024 verzeichnete das KHM rund 1,95 Millionen Besucher.Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (2025): Besuchsstatistik der Bundesmuseen und der Österreichischen Nationalbibliothek 2024, abgerufen am 6. Februar 2025.
Museum Das Kunsthistorische Museum gehört mit seinem Schwestergebäude, dem gegenüber liegenden Naturhistorischen Museum, zu den bedeutendsten historistischen Großgebäuden der Ringstraßenzeit. Zusammen umschließen sie den Maria-Theresien-Platz (neben dem Burgring), auf dem das Maria-Theresien-Denkmal steht. Dieser Platz bedeckt einen Teil des ehemaligen Glacis zwischen heutiger Ringstraße und Zweierlinie und bildet ein Ensembledenkmal, das auch zum Weltkulturerbe Historisches Zentrum von Wien gehört.
Geschichte mini|hochkant=1.2|David Teniers der Jüngere: Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel, um 1651
Das Museum ist aus den Sammlungen der Habsburger entstanden, vor allem aus der Porträt- und Harnischsammlung Ferdinands von Tirol, der Sammlung Kaiser Rudolfs II. (deren größter Teil jedoch verstreut ist) und der Gemäldesammlung von Erzherzog Leopold Wilhelm. 1833 forderte Joseph von Arneth, Kustos (und später Direktor) des kaiserlichen Münz- und Antikenkabinetts, die Zusammenführung aller kaiserlichen Sammlungen in einem einzigen Gebäude.
Baugeschichte mini|hochkant|Plan aus der Encyclopædia Britannica, 1911
Den Auftrag zum Bau des Museums gab Kaiser Franz Joseph I., der zu Weihnachten 1857 den Abriss der Stadtmauer entschieden hatte, im Zuge der 1858 anlaufenden Stadterweiterung. In der Folge wurden zahlreiche Entwürfe für die Ringstraßenzone eingereicht. Pläne von August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll sahen vor, zwei Museumsgebäude im unmittelbaren Anschluss an die Hofburg links und rechts vom heutigen Heldenplatz zu errichten. Der Architekt Ludwig Förster plante Museumsbauten zwischen dem Schwarzenbergplatz und dem Stadtpark. Martin Ritter von Kink bevorzugte Bauten an der Ecke Währinger Straße / Schottenring, wo in der Folge die Votivkirche entstand. Peter Joseph Lenné schlug die Gegend um die Bellariastraße vor (also unweit des tatsächlich gewählten Standortes). Moritz von Loehr wollte die beiden Hofmuseen an der Südseite des Opernrings errichten (wo später die Akademie der bildenden Künste Wien gebaut wurde), Ludwig Zettl an der Südostseite des Getreidemarkts.
1867 wurde ein Wettbewerb für die Museen ausgeschrieben, und dabei deren heutige Platzierung festgelegt – auf Wunsch des Kaisers sollten die Museen nicht zu nahe an der Hofburg, sondern jenseits der Ringstraße entstehen. Der Architekt Carl von Hasenauer beteiligte sich an diesem Wettbewerb und konnte dabei den damals in Zürich tätigen Gottfried Semper zur Zusammenarbeit bewegen. Die beiden Museumsbauten sollten dabei im Stilempfinden der italienischen Renaissance errichtet werden. Die Pläne fanden das Wohlwollen des Kaiserhauses. Im April 1869 erfolgte eine Audienz Sempers beim Kaiser und dabei die mündliche Auftragsvergabe, im Juli 1870 erging der schriftliche Auftrag an Semper und Hasenauer.
Ausschlaggebend für den Erfolg von Semper und Hasenauer gegenüber den Projekten anderer Architekten war u. a. Sempers Vision eines großen Baukomplexes namens „Kaiserforum“, in dem die Museen ein Teil gewesen wären. Nicht zuletzt durch den Tod Sempers 1879 kam das Kaiserforum nicht in der geplanten Form zur Ausführung, die beiden Museen wurden jedoch errichtet.
mini|thumbtime=20|Video-Aufnahme der Kuppelhalle und des Stiegenhauses
Der Baubeginn der beiden Museen fand ohne Feierlichkeiten am 27. November 1871 statt. Semper übersiedelte in der Folge nach Wien. Von Anfang an bestanden erhebliche persönliche Differenzen zwischen ihm und Hasenauer, der schließlich ab 1877 die alleinige Bauleitung übernahm. Im Jahr 1874 wurden die Gerüste bis zum Dachgeschoß aufgestellt und das Hochparterre vollendet; 1878 wurden die ersten Fenster eingebaut, 1879 die Attika und die Balustrade fertiggestellt und 1880–1881 die Kuppel und die Tabernakel gebaut.
Die Fassaden sind mit einem kunsthistorischen Skulptur- und Reliefprogramm ausgestattet. Die Attika ist mit Statuen umkränzt, die Persönlichkeiten aus dem Bereich der Kunst darstellen. Der Skulpturenschmuck wurde von Edmund Hellmer, Carl Kundmann, Viktor Tilgner, Caspar Zumbusch und anderen geschaffen. Der Eingang wird von sitzenden allegorischen Statuen der Malerei (links von Edmund Hellmer) und der Bildhauerei (rechts von Johannes Benk) flankiert. Die Kuppel ist mit einer Bronzestatue der Pallas Athene von Johannes Benk gekrönt.
Das Stiegenhaus des Kunsthistorischen Museums ist mit Werken von Gustav Klimt, Ernst Klimt, Franz Matsch, Hans Makart sowie Mihály Munkácsy ausgestattet.
Das Beleuchtungs- und Klimatisierungskonzept mit einer doppelten Verglasung der Decken machte den Verzicht auf Kunstlicht (damals vor allem als Gasbeleuchtung) möglich, führte aber aufgrund dieser Tageslichtabhängigkeit zu saisonal unterschiedlichen Öffnungszeiten.
Kaiserzeit mini|hochkant|Die Eröffnung des Kunsthistorischen Museums durch Kaiser Franz Joseph I. am 17. Oktober 1891 (Robert Raschka)
Als k. k. Kunsthistorisches Museumvgl. Generalstadtplan 1904. wurde es am 17. Oktober 1891 von Kaiser Franz Joseph I. offiziell eröffnet. Seit dem 22. Oktober 1891 ist es der Öffentlichkeit zugänglich. Bereits am 3. November 1889 hatte die Waffensammlung, heute Hofjagd- und Rüstkammer, ihre Türen geöffnet. Am 1. Jänner 1890 nahm die Bibliothek ihren Dienstbetrieb auf. Die Zusammenführung und Aufstellung der anderen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses aus dem Unteren und Oberen Belvedere, der Hofburg und Schloss Ambras in Tirol dauert weitere zwei Jahre. mini|hochkant|Antikensammlung: Büste des Eutropios (spätantik, Mitte/2. Hälfte 5. Jh.), Büste eines spätantiken Stifters, gefunden in Ephesos 1891 war das Hofmuseum in sieben Sammlungen mit drei Direktionen organisiert:
Direktion der Münzen-, Medaillen und Antiken-Sammlung Ägyptische Sammlung Antiken-Sammlung Münzen- und Medaillen-Sammlung Direktion der Sammlung von Waffen und kunstindustriellen Gegenständen Waffensammlung Sammlung kunstindustrieller Gegenstände Direktion der Gemäldegalerie und Restaurieranstalt Sammlung von Aquarellen, Handzeichnungen, Skizzen etc. Restaurier-Anstalt Bibliothek
Bald war der Raum, den das Hofmuseum für die kaiserlichen Sammlungen bot, zu eng geworden. Um Abhilfe zu schaffen, wurde eine Ausstellung der antiken Fundstücke aus Ephesos im Theseustempel im Volksgarten konzipiert. Zusätzlich mussten Räume im Unteren Belvedere angemietet werden.
1914, nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand, ging dessen Estensische Sammlung in die Verwaltung des Hofmuseums über. Diese Sammlung, hervorgegangen aus der Kunstsammlung des Hauses d’Este und der Weltreisesammlung Franz Ferdinands, war seit 1908 in der Neuen Hofburg aufgestellt. Aus diesen Beständen ging die heutige Sammlung alter Musikinstrumente sowie das Völkerkundemuseum hervor.
Der Erste Weltkrieg ging, abgesehen von der drückenden wirtschaftlichen Lage, ohne Verlust vorüber. Das Hofmuseum blieb während der fünf Kriegsjahre dem Publikum regelmäßig zugänglich. Bis 1919 unterstand das k.k. kunsthistorische Hofmuseum dem Oberstkämmereramt und gehörte zum Familien-Fideikommiss des Hauses Habsburg-Lothringen. Die Beamten und Angestellten waren Teil des kaiserlichen Hofstaates.
Erste Republik Der Übergang von der Monarchie zur Republik vollzog sich im Museum in völliger Ruhe. Am 19. November 1918 wurden die beiden Hofmuseen am Maria-Theresien-Platz unter den staatlichen Schutz der jungen Republik Deutschösterreich gestellt. Für die Bestände des Museums bedrohlich wurden die in den folgenden Wochen und Monaten von den „Nachfolgestaaten“ der Monarchie sowie Italien und Belgien erhobenen Ansprüche auf österreichischen Kunstbesitz. Tatsächlich erfolgte am 12. Februar 1919 die gewaltsame Entnahme von 62 Gemälden durch bewaffnete italienische Einheiten. Dieser „Kunstraub“ hinterließ für lange Zeit ein Trauma unter den Kuratoren und Kunsthistorikern.
Der Friedensvertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 sah in Artikel 195 und 196 die Regelung der Ansprüche auf kulturellem Gebiet im Verhandlungswege vor. Die Ansprüche Belgiens, der Tschechoslowakei sowie neuerlich Italiens konnten auf diese Weise großteils abgewendet werden. Einzig Ungarn, das mit Abstand die größten Forderungen stellte, wurde nach mehr als zehn Jahren der Verhandlungen in 147 Fällen entsprochen.
Am 3. April 1919 erfolgte die Enteignung des Hauses Habsburg-Lothringen per Gesetz und die Übernahme seines Eigentums, so auch der „Sammlungen des Erzhauses“, durch die Republik. Mit 18. Juni 1920 ging die bis dahin provisorische Verwaltung der ehemaligen Hofmuseen sowie der Estensischen Sammlungen und der Weltlichen und Geistlichen Schatzkammer an das „Staatsamt für Inneres und Unterricht“, seit 10. November 1920 das „Bundesministerium für Inneres und Unterricht“, über. Wenige Tage später erfolgte die Umbenennung des Kunsthistorischen Hofmuseums in „Kunsthistorisches Staatsmuseum Wien“, 1921 in „Kunsthistorisches Museum“. Mit 1. Jänner 1921 gingen die Angestellten des Museums in den normalen Personalstand der Republik über.
Durch die Übernahme der ehemals kaiserlichen Sammlungen in Staatsbesitz sah sich das Museum in einer völlig neuen Situation. Um den veränderten Gegebenheiten im Musealbereich gerecht zu werden, entwarf Hans Tietze 1919 das „Wiener Museumsprogramm“. Es sah enge Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Museen vor, um an den verschiedenen Häusern Sammlungsschwerpunkte zu setzen. So beherrschten Tausch, Verkauf und Ausgleich die Erwerbungspolitik in der Zwischenkriegszeit. Daraus ergaben sich bis heute gültige Sammlungstendenzen. Ebenfalls richtungsweisend war die Übersiedlung der Waffensammlung ab 1934 in ihre heutigen Räumlichkeiten in der Neuen Burg, wo bereits seit 1916 die Sammlung alter Musikinstrumente aufgestellt war.
Mit dem Wechsel der kaiserlichen Sammlungen in das Eigentum der Republik ging auch die Neuordnung der inneren Organisation einher. So gliederte sich das Museum ab 1919 in die
Ägyptisch-Orientalische Sammlung (mit den orientalischen Münzen) Antikensammlung Sammlung antiker Münzen Sammlung von Medaillen und modernen Münzen Waffensammlung Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe mit der Sammlung alter Musikinstrumente Gemäldegalerie
Museum 1938–1945 mini|hochkant|Graf Philipp Ludwig Wenzel Sinzendorf nach Rigaud. 1948 von Baronesse Clarisse de Rothschildt zum Gedächtnis an Baron Alphonse de Rothschildt „gewidmet“; 1999 an die Familie Rothschild restituiert; 1999 Schenkung von Bettina Looram Rothschild, der letzten österreichischen Erbin.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich wurden sämtliche jüdische Kunstsammlungen wie die der Rothschilds zwangsweise „arisiert“. Sammlungen wurden entweder „geschenkt“ oder einfach von der Gestapo an die Museen verteilt. Dadurch ergab sich ein beträchtlicher Zuwachs an Beständen. Das KHM war nicht das einzige Museum, das von der „Arisierung“ profitierte. Geraubter jüdischer Besitz wurde systematisch an Museen, Sammlungen oder in Pfandhäusern im gesamten Reich verkauft.Sophie Lillie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens. Czernin, Wien 2006.