mini|hochkant=1.5|Haupteingang Turmstraße im September 2006, links: Wohnheim für Pflegerinnen (1902–1904), rechts: Personalwohnhaus (1893–1895)
Das Krankenhaus Moabit war ein Krankenhaus im Berliner Ortsteil Moabit. Es entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Seuchenstation für Berlin, entwickelte sich dann aber bald zum Schwerpunktkrankenhaus. In den 1920er Jahren war es ein Zentrum jüdischer Ärzte und das wichtigste Krankenhaus Berlins nach der Charité. Nach der Übernahme des Krankenhauses durch nationalsozialistische Ärzte und den starken Zerstörungen der Gebäude im Zweiten Weltkrieg verlor das Krankenhaus seinen medizinischen Ruf. Es folgten zwar umfangreiche Auf- und Umbauten, dennoch wurde das Krankenhaus Moabit im Zuge von Einsparungen im Oktober 2001 geschlossen.
Geschichte mini|Grundriss einer typischen Krankenbaracke von 1896 mini|Schnitte einer typischen Krankenbaracke auf Höhe des Tagesraumes und des Krankensaales mini|Profilansicht einer einfachen Krankenbaracke
1872–1874: Barackenlazarett als Seuchenstation Aus einer Notsituation heraus wurde im Jahr 1872 die Errichtung eines Barackenlazaretts als Seuchenstation für Pockenepidemien befohlen. Das vorher genutzte Gelände, der Exerzierplatz der Berliner Garnison auf dem Tempelhofer Feld, wollte das Kriegsministerium zu „Felddienstübungen“ nutzen und ließ die dortigen Baracken abreißen. Eine dreiköpfige Kommission, darunter der Stadtrat Rudolf Virchow, bestimmte Ackerland bei Moabit als neuen Standort. Auf einer 75.900 Quadratmeter großen Fläche wurden innerhalb von zwei Monaten nach Plänen des Architekten Adolf Gerstenberg 16 Baracken für je 30 Betten, ein Verwaltungsgebäude, eine Koch- und Waschküche, ein Maschinenhaus, ein Portierhaus, zwei Schuppen und ein Leichenhaus erstellt.
Ganz ohne Widerstand verlief der Bau nicht: 1075 Moabiter protestierten gegen die Verlegung von hunderten Cholera-, Pocken- oder Typhuskranken in ihr Gebiet. Laut Angaben des Magistrats der Stadt Berlin beliefen sich die Kosten für Bau und Einrichtung auf 1.056.114 Mark. Die Baracken waren eingeschossig und ohne Keller erbaut, da das Gelände zunächst nur als Provisorium gedacht war. Trinkwasser minderer Qualität wurde über einen eigenen Brunnen bezogen, bis 1885 der Anschluss an die zentrale Wasserversorgung erfolgte. Versuchsweise wurden von Anfang an die Gebäude durch Dampf beheizt: Leitungen mit einer Gesamtlänge von 7,5 Kilometer durchzogen das Gelände und sorgten für warme Räume und warmes Badewasser.Architektenverein zu Berlin und Vereinigung Berliner Architekten (Hrsg.): Berlin und seine Bauten, II. Band, Verlag Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1896, S. 438 Bereits 1873 wurde die Anlage durch acht weitere Baracken und ein Desinfektionshaus ergänzt. Da die Kranken noch auf Strohsäcken in den Betten lagerten, wurde aus hygienischen Gründen ein Jahr später eine Strohverbrennungsanlage gebaut.
Die offizielle Eröffnung fand am 7. Mai 1872 statt, doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Seuchensituation in Berlin bereits stark gebessert. Der Wohnungsmangel unter der armen Bevölkerung führte jedoch zu einer Ausbreitung ansteckender Krankheiten und Erkrankungen unter Kindern. Da alle geeigneten Häuser im Mai 1872 erklärten, keine Patienten mehr aufnehmen zu können, eröffnete die Armenverwaltung eine Kinderstation in den Moabiter Baracken. Bis Oktober wurden 144 Kinder versorgt und erst im Herbst, beim Auftreten einer Typhusepidemie, die ersten Erwachsenen eingeliefert. Fleckfieber- und Cholera-Erkrankungen trugen zu den 2288 Kranken bei, die bis zum Oktober 1874 behandelt wurden. Danach öffnete das Städtische allgemeine Krankenhaus Friedrichshain und das Provisorium Moabit wurde für überflüssig gehalten und geschlossen.
1875–1932: Krankenhaus mit Reputation Die Stilllegung dauerte nicht lange. „Um sich im Falle neu auftretender Epidemien ein geschultes Personal […] zu sichern“, entschieden die Kommunalbehörden im August 1875 die Wiedereröffnung des Geländes als ordentliches Krankenhaus. Als ärztlicher Direktor wurde der frisch habilitierte Heinrich Curschmann berufen. Den ursprünglichen Zweck erfüllte das Krankenhaus bei der großen Berliner Fleckfieberepidemie, die von Januar 1879 bis in den Sommer hinein andauerte.
Die weitere Nutzung veränderte auch den Charakter der Anlage. Solide Backsteinbauten nach Plänen des Stadtbaurates Hermann Blankenstein ersetzten in einem sich bis 1896 hinziehenden Umbau nach und nach die ursprünglichen, eher provisorischen Gebäude aus Fachwerk und Ziegeln. Für neue Bedürfnisse entstanden neue Anlagen wie etwa eine Isolierbaracke, ein Laboratorium und im Jahr 1889 ein neues Leichenhaus. Dazu kamen unter anderem noch ein Stall für Versuchstiere und fünf neue Baracken an der Nordseite des Geländes, sodass sich die Gesamtzahl der Baracken auf 29 erhöhte – die Baracken Nummer 30 bis 34 entstanden um 1895. Von der Küche mit den Wirtschaftsräumen aus wurden Schienenstränge entlang der freistehenden Baracken gelegt, sodass die Speisen „in einem Wagen bis vor die Thür geschoben werden“ konnten.Meyers Konversationslexikon, Band 10, 1888, S. 149
730 Betten, vier Assistenzärzte und 43 Wärter zählte das Krankenhaus 1886. Behandelt wurden vornehmlich Kranke, die durch die Armenverwaltung, die Krankenkassen oder von Dienst- und Arbeitsherrschaften eingewiesen wurden. Diese mussten sich auf die Zahlung der Kurkosten verpflichten oder einen Vorschuss von 52,50 Mark zahlen. Notfälle wurden kostenlos aufgenommen. „Augen-, Syphilis- und Geisteskranke, sowie Schwangere“ waren jedoch strikt ausgeschlossen, denn eine Schwangerschaft wurde damals nicht als Krankheit verstanden und die Geburt in der eigenen Wohnung galt als normal. Dagegen behandelten die Ärzte viele Erkrankungen an den Atemorganen, denn Moabit war ein Industrieviertel mit hoher Luftbelastung. Die Einwohner waren zu der Zeit meist einfache Arbeiter und so trug die Armenkasse um 1884 für über 82 Prozent der Kranken die Kosten. Die Ausgaben für die Medikamente waren dabei sehr gering: Die Krankenhausapotheke listete 1890 pro Patient Beträge von 8,4 Pfennig auf. Es wurden jedoch nur stationär behandelte Kranke versorgt. Patienten der Ambulatorien erhielten Rezepte, die in den öffentlichen Apotheken eingelöst werden mussten. Als zweitgrößter Kostenpunkt der Krankenhausapotheke führte diese um 1900 „Cognac, Wein, Eier, Fleischextrakt“ auf.
mini|Grundriss des Operationshauses (1893–1896)
Robert Koch experimentierte in den 1880er Jahren zur Desinfektion und Sterilisation mit den zwei Hitzedesinfektionsapparaten des Krankenhauses. Um 1890 wurden ihm fünf Baracken mit 150 Betten zur Verfügung gestellt, in denen Paul Ehrlich in Kochs Auftrag Versuche mit Tuberkulin zur Tuberkulosebehandlung durchführte. Mit der Eröffnung einer chirurgischen Abteilung im April desselben Jahres konnten neben den äußeren auch innere Erkrankungen behandelt werden. Operationssäle besaß das Krankenhaus zu dieser Zeit noch nicht. Erst nach dreijähriger Bauzeit wurde am 25. Juli 1896 ein massives Operationshaus in Betrieb genommen – einschließlich getrennter Warteräume für Frauen und Männer.
Um die ungelernten Wärter des Krankenhauses ablösen zu können, wurde 1904 die erste städtische Krankenpflegeschule Berlins gegründet. Bereits 1890 war die Einrichtung eines „Pflegerinnen-Asyls“ angeregt und die Frage nach ausgebildetem Personal aufgeworfen worden. Den männlichen Wärtern fehle, so Stadtrat Weigert „die Humanität, die der Schwester anhaftet und ihren Verkehr mit den Kranken zu einem ersprießlichen macht.“ Zur Ausbildung der zukünftigen Pflegekräfte begann daher 1892 der Bau des Beamtenwohnhauses mit Unterrichts- und Schulungsräumen. Nach Gründung der Schule ersetzten die Krankenschwestern bis 1914 alle männlichen Wärter und Pfleger. Die Oberin Edith Koehler berichtete: „Überall empfingen die Kranken die Schwestern mit großer Freude.“ Koehler war es auch, die 1904 die erste städtische Schwesternschaft Berlins gründete. Nach und nach hielten so immer mehr Frauen Einzug in das Krankenhaus. Der Magistrat stellte 1906 probeweise die erste Assistenzärztin ein.
Gegen Privatstationen in städtischen Krankenhäusern sprach sich Weyl bei der Stadtverordnetenversammlung 1908 aus: „Wir kennen nicht eine Lungenentzündung oder einen Typhus erster oder zweiter Klasse!“ Dennoch wurde 1911 die erste Station für privat zahlende Kranke mit 60 Betten eingerichtet.
Die weiteren Gebäude auf dem Gelände des Krankenhauses entstanden ab 1907 im Wesentlichen nach Plänen des Stadtbaurats Ludwig Hoffmann.Bauunterlagen im Archiv des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin
mini|Haus J: Hörsaalgebäude mit großem und kleinem Auditorium, 1937
Die Qualität der medizinischen Leistungen im Krankenhaus Moabit war so gut, dass es 1920 als einziges städtisches Krankenhaus Berlins zum Universitätsklinikum erhoben wurde. Die III. Chirurgische und die IV. Innere Universitätsklinik wurden eingerichtet und 1937 ein eigener Hörsaal erbaut. Das städtische Krankenhaus stieg damit zum wichtigsten Berliner Krankenhaus nach der Charité auf. Auch seine Ärzte hatten einen weltweiten Ruf: 1922 wurden Georg Klemperer und Moritz Borchardt nach Moskau gerufen, um eine Kugel aus Lenins Hals zu entfernen, die bei einem Attentat auf ihn abgefeuert worden war. Reichstagspräsident Paul Löbe ließ sich 1927 von Borchardt am Blinddarm operieren.
Der Amtsarzt ließ eine Schwangeren- und Sexualberatung einrichten, nachdem das Krankenhaus 1924 dem Gesundheitsamt Tiergarten unterstellt worden war. Auch Fürsorgestellen für Alkoholiker und „Giftsüchtige“ eröffneten in den Räumen. Die Sucht wurde allmählich als Krankheit angesehen, die es zu heilen und nicht zu bestrafen galt. Das Krankenhaus wurde dabei zur „Stätte des kommunalen Gesundheitswesens“, das auch Sanierungsstellen für Tuberkulosekranke und Krüppel, die Kreishebammenstelle und eine Schulzahnklinik beherbergte.
1932–1945: „Säbelrasseln“ der Nationalsozialisten mini|Berliner Gedenktafel für Georg Groscurth am Eingang in der Turmstraße
In den frühen 1930er Jahren wurden die Opfer der politischen Straßen- und Saalschlachten im Moabiter Bezirk in das Krankenhaus eingeliefert, darunter 1932 auch Herbert Norkus, der seinen Verletzungen erlag und dessen Geschichte in dem Propagandafilm Hitlerjunge Quex verarbeitet wurde.
Die Zeitung Völkischer Beobachter titelte am 21. März 1933: „Jüdische Ärzte beurlaubt, Stadtmedizinalrat Pg. Dr. Klein räumt im Krankenhaus Moabit auf.“ Da rund 70 Prozent der Ärzte jüdischer Herkunft waren und zehn Prozent des Pflegepersonals gewerkschaftlich organisiert, galt das Krankenhaus als „rot und jüdisch“. In dem Artikel hieß es, die Ärzte seien „mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden“ und Mitarbeitern, die „entweder Juden bzw. Ausländer oder Angehörige der marxistischen Parteien sind“, sei „das Betreten des Krankenhauses verboten worden“. Nach vier Tagen wurde den jüdischen Ärzten „vorsorglich zum 30. September 1933“ schriftlich gekündigt. Doch das Datum war nur ein Schein. Am 1. April verschleppte der SA-Sturm 33 nach vorgefertigten Listen der Krankenhausverwaltung einige Ärzte in das SA-Gefängnis Papestraße, ein „wildes“ Konzentrationslager. Ältere Ärzte und andere Beschäftigte wurden schubweise entlassen. Die Krankenhausverwaltung meldete dem Bezirksamt am 7. Oktober die erfolgreiche „Säuberung“: 89 Mitarbeiter seien bereits entlassen worden, acht weitere sollten noch folgen.
mini|hochkant|Berliner Gedenktafel (im Eingang K des Hauses M)