Rabat (, , „Amazigh language portal“, Maroc.ma, abgerufen am 27. Mai 2025, https://www.maroc.ma/amz) ist seit 1956 die Hauptstadt Marokkos mit dem Regierungssitz und der Residenz des Königs; gleichzeitig ist die Stadt Hauptort der Region Rabat-Salé-Kénitra. Rabat liegt an der Atlantikküste am südlichen Ufer des Bou-Regreg gegenüber der Nachbarstadt Salé. Das Ballungsgebiet (Wilaya) Rabat-Salé ist in vier Präfekturen aufgeteilt; die Präfektur Rabat umfasst ein überbautes Gebiet mit dem Verwaltungs- und Geschäftszentrum.

Rabat ist neben Fès, Meknès und Marrakesch eine der vier Königsstädte Marokkos. Der Name geht auf eine islamische Grenzfestung (Ribat) zurück, die Zanata-Berber im 10. Jahrhundert an der Flussmündung des Bou-Regreg errichteten. Im 12. Jahrhundert ließen die Almohaden den Ribat zu einer befestigten Stadt (Kasbah) erweitern, die bis ins 19. Jahrhundert mit und in Konkurrenz zu Salé eine bedeutende Handelsstadt blieb. Im 17. Jahrhundert sorgten die unabhängige Piratenrepublik Bou-Regreg für eine wirtschaftliche Blütezeit und von der Iberischen Halbinsel zugewanderte Andalusier für ein Bevölkerungswachstum. Mit Beginn des Französischen Protektorats wurde Rabat 1912 Sitz des Generalresidenten. Seit der Jahrtausendwende entsteht am Bou-Regreg das großangelegte Bab el-Bahr-Projekt, mit dem das bisher unbesiedelte Flussufer zu einem kulturellen Zentrum gemacht werden soll.

Lage und Klima Rabat liegt an der Mündung des Bou-Regreg in den Atlantischen Ozean knapp 90 km (Fahrtstrecke) nordöstlich von Casablanca bzw. ca. 250 km südwestlich von Tanger. Die Entfernung nach Meknès beträgt ca. 120 km; bis nach Fès sind ca. 200 km. Das Klima wird in hohem Maße vom Atlantik beeinflusst, ist aber insgesamt eher trocken und mild; Regen (ca. 400–600 mm/Jahr) fällt überwiegend im Winterhalbjahr.

Rabat und Salé liegen jeweils auf einer Felsnase über dem breiten Bou-Regreg-Tal. Knapp zwei Kilometer Luftlinie trennen die Befestigungsmauern beider Altstädte an der Einmündung des Flusses in den Atlantik. Die einzige Straßenbrücke im Innenstadtbereich war die vierspurige, Ende der 1950er Jahre erbaute Pont Moulay El Hassan, die im Mai 2011 durch eine höhere Brücke (Pont Hassan II) ersetzt wurde. Die neue Brücke dient dem Kraft- und Straßenbahnverkehr. Durch die größere Höhe der neuen Brücke von 12,8 m wurde die Bou-Regreg-Mündung landeinwärts schiffbar, größere Yachten können die neuentstandene Marina von Salé anlaufen, die kurz vor der Brücke liegt. Für den Fernverkehr kommen zwei weitere Straßenbrücken einige Kilometer landeinwärts hinzu.

Der Flughafen Rabat-Salé befindet sich ca. 12 km nordöstlich des Zentrums in der Nähe von Salé.

Der Küstenstreifen von der ca. 45 km nördlich gelegenen Industriestadt Kenitra bis nach Casablanca im Süden gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen des Landes und verfügt über die wirtschaftlich stärkste Industrieproduktion. In diesem, während der Kolonialzeit zur bevorzugten Entwicklungszone erklärten Bereich leben etwa ein Drittel der marokkanischen Bevölkerung. Die Präfektur Rabat mit einer Fläche von 9.526 ha und die Präfektur Salé mit 15.095 ha sind getrennt durch die alluviale, landwirtschaftlich genutzte Ebene des Bou-Regreg.Francoise Navez Bouchanine, S. 2, 5 Nördlich von Salé bildet die Felderebene des Ortes Bouknadel die Grenze des Ballungsgebiets, 15 km südlich von Rabat gehört noch die Industriestadt Témara dazu.

Bevölkerungsentwicklung Jahr 1982 1994 2004 2014 2024Einwohner 526.124 623.457 627.932 577.827 515.619Rabat – Karte + Fakten Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Rabat und Salé zusammen etwa 30.000 Menschen. Im Jahr 1912 wurden für Rabat 27.000 und für Salé 19.000 Einwohner geschätzt. Bei der Volkszählung des Jahres 1952 waren es 156.000 Einwohner, deren Zahl bis 1960 auf 231.000 angewachsen war, etwa dreimal so viel wie in Salé. Ab den 1970er Jahren begann Salé aufzuholen. Für die Metropolregion wurden im Jahr 2020 ca. 1.885.000 Einwohner geschätzt.

Geschichte Im Jahr 1933 wurden die ersten Hominiden-Schädelknochen Nordwestafrikas in der Nähe von Rabat gefunden, die von einem Homo erectus oder wahrscheinlicher von einem etwa 100.000 Jahre alten Homo sapiens stammen, der als „Rabat-Hominide“ bezeichnet wird.G. Philip Rightmire: The Evolution of Homo Erectus: Comparative Anatomical Studies of an Extinct Human Species. Cambridge University Press, Cambridge 1993, S. 119, ISBN 978-0-521-44998-4 Steinwerkzeuge aus der näheren Umgebung deuten auf eine neolithische Besiedlung hin.

Vermutlich ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. besaßen die Phönizier einen Hafen an der Mündung des Bou-Regreg. Nachweisbar ist jedoch erst der karthagische Siedlungsplatz Sala auf dem südlichen Flussufer aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Dieser Ort wurde während der Herrschaft des römischen Kaisers Claudius (reg. 41–54) erobert. Kaiser Trajan (reg. 98–117) verlieh ihm unter dem Namen Colonia Sala Stadtrechte. Es war die südlichste Stadt der Provinz Mauretania Tingitana, deren Grenze etwa auf einer Linie bis Meknès verlief und die Volubilis mit einschloss. Die Grundmauern der römischen Siedlung sind innerhalb der ummauerten mittelalterlichen Nekropole Chellah am Ostrand des heutigen Stadtzentrums erhalten. Bis zur Ankunft der arabischen Fatimiden scheint es keine durchgängige Besiedelung gegeben zu haben. An der Südseite der Flussmündung errichteten Ende des 10. Jahrhunderts Angehörige der Banu Ifran, eines Berberstammes, der zu den Zanata gehörte, eine islamische Grenzfestung (Ribāt) an der Stelle der heutigen Kasbah des Oudaïas. Von dieser übernahm die spätere Stadt Rabat ihren Namen. Der befestigte Stützpunkt diente dem Kampf gegen das politisch und religiös verfeindete unabhängige Berberreich der Bargawata, das sich entlang der Atlantikküste von hier bis Safi im Süden erstreckte. Am gegenüberliegenden nördlichen Ufer bestand zu der Zeit bereits ein von Banu Ifran bewohnter Ort namens Salā. Das landeinwärts gelegene Gebiet der Chellah hatte seine Bedeutung verloren.

mini|Almohadische Stadtmauer am Boulevard ed Dousteur. Südliche Begrenzung des Palastbezirks – noch ohne die Straßenbahntrasse vor der Stadtmauer (2009) Der Streit um verschiedene islamische Glaubensrichtungen wurde mit der Eroberung durch das sunnitische Reich der Almoraviden (1061–1147) beendet. Während der Herrschaft des ersten Almohaden-Kalifen Abd al-Mu'min (reg. 1147–1163) wurde der Ribat ab 1150 zu einem befestigten Palast mit einer Wohnstadt (Kasbah des Oudaïas) erweitert. Die frühe islamische Siedlung hatte al-mahdiya geheißen, unter den Almohaden wurde daraus nach dem Begründer dieser religiösen Reformbewegung mahdiyat Ibn Tūmart.Thomas K. Park, Aomar Boum, S. 300 Unterhalb des Burghügels legten die strenggläubigen Kämpfer (Mudschaheddin) der Almohaden ein Zeltlager an, wo sie sich vor der Überfahrt zur Iberischen Halbinsel versammelten. Yaʿqūb al-Mansūr (reg. 1184–1199) plante, aus der wichtigsten Hafenstadt des sich als Großmacht gerierenden Reiches auch die Hauptstadt zu machen. Der Vorzug von Rabat war die gegenüber Marrakesch günstigere strategische Lage. Al-Mansur ließ die bis heute erhaltenen massiven Umfassungsmauern mit Stadttoren von beeindruckenden Dimensionen errichten. Das von den Mauern umschlossene Gebiet ist so weitläufig, dass es erst im 20. Jahrhundert vollständig überbaut wurde. Zu seinen Leistungen gehört auch die Anlage der Großen Moschee, deren Minarett, der Hassan-Turm, zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Sein Nachfolger ließ die Bauarbeiten an der neuen Stadtanlage sogleich einstellen. Die meisten Gebäude blieben unvollendet und das Zentrum des Reiches wurde wegen der Umorientierung auf die neuen innenpolitischen Schwierigkeiten wieder ins Landesinnere nach Marrakesch verlegt.

Ab dem 13. Jahrhundert bestand an der Mündung des Bou-Regreg die Stadt Salé am nördlichen Ufer, die Kasbah des Oudaïas im Süden am Meeresufer und dahinter die beinahe verlassene Stadtanlage von al-Mansur. Von Nordosten kommend eroberten ab der Mitte des 13. Jahrhunderts die Meriniden das Almohadenreich; 1251 dehnten sie ihre Kontrolle bis an den Bou-Regreg aus und besetzten Salé. Für Rabat interessierten sie sich nicht, dagegen bestimmten sie Ende des 13. Jahrhunderts den Ort der ehemaligen römischen Siedlung 300 Meter östlich der almohadischen Stadtmauer zur königlichen Nekropole (Chellah). Ab dem 14. Jahrhundert konzentrierte sich das wirtschaftliche Leben auf den internationalen Seehafen der Nachbarstadt Salé. Der arabische Reisende Leo Africanus kam im Jahr 1500 durch Rabat und berichtete, dass es nur noch rund 100 bewohnte Häuser gab.

Rabat erholte sich erst, als durch die Reconquista aus Spanien vertriebene Mauren (Andalusier) sich in Rabat und Salé niederließen. Die letzten Mauren waren zwangsweise zum Christentum bekehrte Morisken, die in Massen zwischen 1609 und 1614 in Marokko ankamen. Wie ein zeitgenössischer Historiker schilderte, machten sich die Neuankömmlinge in Salé durch unislamische Verhaltensweisen und Kleidung unbeliebt, weshalb sie auf die andere Flussseite in ein eigenes Stadtviertel von Rabat ziehen mussten. Rache gegen die Spanier ließ sie zu erbitterten Kämpfern der 1627 gegründeten Piratenrepublik Bou-Regreg werden. Beide Städte wurden zum Zentrum einer organisierten Piraterie und bildeten gegenüber der im Land herrschenden Saadier-Dynastie ein praktisch unabhängiges Kleinreich. Beiderseits des Flusses waren die Aufgaben verschieden: Der Hafen und die Schiffswerft lagen in Salé, von dort gingen die meisten Handelsaktivitäten und die Piraterie aus. Rabat, das zu dieser Zeit S'lah Dschedid („Neu-Salé“) genannt wurde, übernahm mit der Kasbah und der Medina politische und militärische Kontrollfunktionen.

Zwischen den beiden Nachbarstädten kam es dennoch in den folgenden Jahren mehrfach zu Machtkämpfen, die mit Kanonenfeuer über den Fluss ausgetragen wurden. 1637 beendete eine englische Flotte die Belagerung der Andalusier von Salé. Nach einem Gegenangriff auf Rabat im selben Jahr suchten die Andalusier die Unterstützung von Muhammad al-Hajj (Muḥammad al-Ḥāǧǧ, † 1671), einem Sufi-Anführer, dessen Großvater den Orden der Dila-Bruderschaft (Dilāʾiyya) gegründet hatte, der bedeutendsten Oppositionsbewegung gegen die Saadier.Abun-Nasr, S. 221f 1641 eroberten die Dilaiyyas den begehrten Hafen Salé, den Muhammad al-Hajj bis 1651 kontrollierte. Danach übernahm sein in der Kasbah residierender Sohn Abdullah die Herrschaft über den Stadtstaat. 1660 belagerten die Andalusier die Kasbah, bis ein Jahr später Abdullah seine Stellung aufgab. Die unabhängige Republik bestand bis 1668, als der erste alawidische Sultan Mulai ar-Raschid (reg. 1666–1672) die Stadt einnahm und der Zentralgewalt unterstellte.Peter Lamborn Wilson: Pirate Utopias: Moorish Corsairs & European Renegadoes. Autonomedia, Williamsburg (Brooklyn) 2004, S. 89–91, 151, ISBN 978-1-57027-024-6

Im 17. Jahrhundert gab es Zeiten, als bis zu 100 Handelsschiffe aus Europa pro Jahr im Hafen anlegten. Unabhängig davon wurden die Piratenüberfälle gegen Handelsschiffe bis Anfang des 19. Jahrhunderts fortgesetzt, weshalb mehrmals englische und französische Kriegsschiffe die Stadt beschossen. Nach dem Tod des zweiten Alawidensultans Mulai Ismail (reg. 1672–1727) brachen im Land Unruhen aus, welche die Einheitsherrschaft des Makhzen beendeten. Zwischen Salé und Rabat gab es erneut Gefechte, da beide Städte einen anderen Sohn Ismails im Thronfolgekrieg unterstützten. 1755 wurden große Teile der Stadt durch ein Erdbeben zerstört. Zehn Jahre später bombardierten französische Kriegsschiffe Rabat, um gegen die anhaltende Piraterie vorzugehen. Anschließend erlaubten die Alawiden die Einrichtung eines französischen Konsulats. 1807 wurde die Mellah, ein den Juden zugewiesenes Wohnviertel, eingerichtet. Beendet wurde das Piratenproblem 1829, als die Marine der Österreichischen Monarchie sich für den Verlust eines Handelsschiffes rächte und sämtliche marokkanischen Küstenstädte unter Feuer nahm.