mini|Marienaltar von Conrad von Soest, heutige Mensa, Chor

Der Marienaltar des Conrad von Soest ist ein Altarretabel in der Marienkirche in Dortmund aus der Zeit um 1420. Er gilt als Meisterwerk der Spätgotik und ist ein gutes Beispiel des höfischen Stils. Er ist der Hauptaltar der Dortmunder Kirche. Das als Triptychon ausgeführte Retabel ist das späteste bekannte Werk des Malers, welches er kurz vor seinem Tod vollendete.

Geschichte

mini|Spuren der Sägearbeiten an der mittleren Tafel mini|Der barocke Altar; Mittlere Tafel im oberen Altaraufbau Im Laufe der Jahrhunderte war der Altar mehrfach bedroht und ist heute nur noch als Fragment erhalten. Er war ursprünglich als verschließbares Altarretabel gestaltet, die Tafeln der Außenseite sind heute von der Rückseite zu besichtigen. Sie sind im Gegensatz zur Innenseite stark verwittert.

Die Gemälde waren ursprünglich Teil eines gotischen Flügelaltars. Um die Tafeln in einen barocken, etwa 16 Meter hohen Altaraufbau einzufügen, den der Dortmunder Bürgermeister Dethmar Wessel Nies der Gemeinde gestiftet hatte,Horst Appuhn: St. Marien in Dortmund. In: Konrad Lorenz: Die Ev. St. Marienkirche zu Dortmund. Dortmund 1981, S. 26. wurden sie 1720 beschnitten und teilweise mit dem Hammer bearbeitet, ein angesichts der Qualität des Kunstwerks aus heutiger Sicht unvorstellbarer Vorgang. In dem geschnitzten Barockaltar waren die Gemälde anders angeordnet. Im unteren Teil befanden sich die beiden Außentafeln, deutlich darüber in einem gewölbten Bogen die Mitteltafel. Die beiden unteren Tafeln wurden von einer Lünette überwölbt.Siehe auch die Ausführungen zu den einzelnen Tafeln Am unteren Rand wurden die Tafeln mit ca. 20 cm hohen Spruchbändern übermalt, die Jesus in den Mittelpunkt des Geschehens stellten und wohl die Marienverehrung relativieren sollten. 1848 wurde die Rückseite mit Zeitungspapier zugeklebt, um sie vor der endgültigen Zerstörung zu schützen.

Carl Baumann hat den barocken Altar 1890 fotografisch dokumentiert, Wolfgang Rinke aufgrund der vorhandenen Dokumente die Stiftung des Bürgermeisters Nies analysiert.Wolfgang Rinke: Die Donation des Bürgermeisters Nies im Jahre 1720, Zur Geschichte des Hochaltar-Retabels in St. Marien zu Dortmund im 18. Jahrhundert, in: Brigitte Buberl (Hrsg.): Conrad von Soest, Neue Forschungen über den Maler und die Kulturgeschichte der Zeit um 1400, Bielefeld 2004, S. 28–36. 1926 sollten anlässlich einer Restaurierung die Außentafeln abgesägt werden. Für die große „Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande“ in Köln hatte die Mariengemeinde den Berswordt- und den Marienaltar zur Verfügung gestellt. Der Kustos des Wallraf-Richartz-Museums, Otto H. Förster, schlug der Gemeinde daraufhin ein Geschäft vor: Das Museum wollte die komplette Restaurierung übernehmen und dafür die Außentafeln abtrennen und behalten. Erst als die Tafeln schon beim Restaurator Robert Hieronymi lagen, wurde von der Gemeinde der Beschluss gefasst, die Tafeln zu behalten.

Erneute Gefahr drohte durch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges. Auf Initiative der Dortmunder Museumsdirektoren Rolf Fritz (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte) und Leonie Reygers (Museum am Ostwall) wurden die Tafeln im Depot der deutschen Museen auf Schloss Langenau in Rheinland-Pfalz sichergestellt. Nach Recherchen von Rinke wurde der barocke Hochaltar zwischen dem 29. November 1944 und dem 12. März 1945 bei einem Bombenangriff zerstört.Wolfgang Rinke: Die Donation des Bürgermeisters Nies im Jahre 1720, Zur Geschichte des Hochaltar-Retabels in St. Marien zu Dortmund im 18. Jahrhundert, in: Brigitte Buberl (Hrsg.): Conrad von Soest, Neue Forschungen über den Maler und die Kulturgeschichte der Zeit um 1400, Bielefeld 2004, S. 34. Dabei gingen auch die Ergänzungen des 18. und 19. Jahrhunderts verloren, die man nicht ausgelagert hatte und demnach in der Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht als eigene künstlerische Leistungen akzeptierte.

1948 gelangte der Altar zunächst zum Schloss Cappenberg in die Räume des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte. 1957 setzte man die Gemälde in moderne Metallrahmen und in die ursprüngliche Ordnung. Die Tafeln stehen heute in der Marienkirche über einer gotischen Mensa.

Die Gemälde

Marienaltar des Conrad von Soest 1420 (Vorderseite)zentriert|200pxzentriert|222pxzentriert|200px

Die beiden Außentafeln sind 1,40 Meter hoch, die mittlere Tafel aufgrund der Aussägungen geringfügig niedriger. Alle Tafeln wiesen neben der Verkleinerung kleinere Schäden von früheren Übermalungen und Restaurierungen auf. Bei den Tafeln der Rückseite, der früheren Außenseite des geschlossenen Altars, ist die Malsubstanz stark geschädigt und fehlt an manchen Stellen, vor allem bei der Verkündigung, ganz. Die Tafeln zeigen ausschließlich Motive aus dem Leben Marias, eine in der Malerei der Zeit in Norddeutschland unbekannte Ausschließlichkeit des Themas.

Die Geburt Jesu

mini|220px|Detail der linken Tafel, Maria hält Jesus Auf der linken Tafel vorn dominieren die Farben Gold, Blau und Rot. Dargestellt ist die Geburt Jesu. Ein geflochtener Zaun hinter Marias Bett deutet den Stall an, in dem die Geburt Jesu stattfand. Es bleibt jedoch bei dieser symbolischen Andeutung, wie etwa die Bodenfliesen des Raumes zeigen. Nach der Rekonstruktion von Rolf Fritz anhand einer Kopie des Marienaltars für St. Walpurgis in SoestHeute im Westfälischen Landesmuseum in Münster. befand sich allerdings auf der rechten, verlorenen Seite der Tafel die Abbildung eines Stalls mit Futterkrippe, Ochs und Esel.

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich der flammend rote Ring hinter dem Bett als Engelwolke. Der Gesang der blauen Engel hoch über dem Bett wird durch ein Schriftband angedeutet. Bei den Engeln fällt die Ähnlichkeit der Gesichter auf. Die Schriftzüge im Heiligenschein der Mutter und des Kindes sind schwer zu entziffern (Maria: „Sancta Maria, mater Cristi vir(go)“ (Heilige Maria, Mutter Christi, Jungfrau); Jesus: „Jesus Christus“ (teilweise in griechischen Buchstaben)). Vor dem Goldhintergrund des Heiligenscheins tritt der innige Blickkontakt von Mutter und Kind deutlich hervor, betont durch die Gleichfarbigkeit der braunen Augen. Die Münder scheinen sich zum Kusse zu nähern. Maria hält das Jesuskind mit ihren schmalen Händen zärtlich im Arm, während das Kind sich sanft am Hals der Mutter abstützt. Josef ist mit weißem Haar und Bart als alter Mann dargestellt. Der Rosenkranz am Gürtel, ein erst mittelalterliches Accessoire der Marienverehrung, verweist auf seine Rolle im Dienste an Maria und ihrem göttlichen Kind. Die feinen Punzierungen des Goldhintergrundes sind nur teilweise erhalten.

Andrea Zupancic weist in ihrem Vergleich mit der Maltechnik des Berswordt-Meisters auf den differenzierten Umgang Conrad von Soests mit Farben hin.

Der Kontrast zwischen der farblich nuancierten Gestaltung der Kleidung des Josef zu den fast reinen Farben anderer Bildpartien fällt ins Auge. Das leuchtende, fast reine Rot der Engelwolke über Marias Bett wiederholt sich in der Bettdecke. Die roten Flächen bilden einen Rahmen um Maria und das Kind und heben sie deutlich von anderen Bildelementen ab. Durch die geringe farbliche Differenzierung verschwindet die Darstellung der Engel fast wie in einem abstrakten Farbelement. Die Dreidimensionalität der Decke wird nur schwach angedeutet.

Die Tafel weist in verschiedenen Aspekten über die Spätgotik hinaus. Die Konzentration des Geschehens auf wenige Figuren vor dem flächigen Goldgrund und die nur angedeutete Landschaft zeigen Merkmale, wie man sie von den italienischen Meistern der Frührenaissance kennt.

Marias Tod

mini|Detail der mittleren Tafel, Johannes reicht Maria die Sterbekerze Die mittlere Tafel hat durch die Beschneidung den größten Substanzverlust erlitten und ist auch durch frühere Übermalungen im unteren Bereich geschädigt. Nach der Rekonstruktion von Rolf Fritz ist durch den Beschnitt deutlich über die Hälfte der Tafel verloren. Wahrscheinlich zeigte sie ursprünglich alle Apostel am Sterbebett Marias.

Rolf Fritz hatte bereits darauf hingewiesen, dass das Motiv der Tafel dem Bildtyp der Dormitio folgt.Rolf Fritz: Beobachtungen am Dortmunder Marienaltar Conrads von Soest. In: Westfalen 28, 1950, S. 110. Der Sage nach war Maria in der gleichnamigen Kirche südlich der Altstadt von Jerusalem auf dem Zionsberg im Kreise der Apostel verstorben. Bildliche Darstellungen dieses Ereignisses folgen einer bestimmten Typologie, die sich auch bei Conrad von Soest wiederfindet.

Im Zentrum des Bildes steht der Tod Marias. Auffällig sind ihre jugendlichen, seit der Geburtsszene unveränderten Züge. Die Figur Marias leuchtet kräftig aus einem blauen Umfeld von Engeln. Zwei Engel schließen ihr Augen und Mund und stützen ihr Kinn, ein dritter bewundert ihr Haar, das Symbol der Jungfräulichkeit. In der Hand hält die liegende Maria als Symbol des Todes eine Sterbekerze.

Drei rot gewandete Figuren umgeben die Sterbende. Der ebenfalls jugendlich gezeichnete Johannes reicht Maria die Sterbekerze. Auffällig sind hier die an der Kerze angebrachte Münze und der mit der Kerze überreichte Palmwedel. Links entzündet Thomas den Weihrauchbehälter. Vor dem Bett kniet ein namentlich nicht genannter Apostel und liest in einer Schriftrolle. Durch eine Kapuze hat er sich vom eigentlichen Geschehen abgeschottet und konzentriert sich ganz auf den Text. Im heutigen Zustand des Gemäldes scheint er auf eine fast weiße Schriftrolle zu blicken, nur schwach sind Zeichen und Linien angedeutet. Nachdem verschiedene ältere Versuche, die Schriftzeichen zu entziffern,etwa Rolf Fritz: Beobachtungen am Dortmunder Marienaltar Conrads von Soest. In: Westfalen 28, 1950, S. 111. einen ersten Texteindruck entwickelten, wurden die 13 lesbaren Zeilen der Schriftrolle durch neuere Infrarot-Untersuchungen deutlich sichtbar:

Hans-Walter Storck erläutert, dass der Anfang des Textes aus der Ordo commendationis animae, dem kirchlichen Sterbegebet stammt, das Angehörige nachweislich seit dem achten Jahrhundert beim Sterbenden sprachen.Vgl. Hans-Walter Storck: Realienkundliches auf den Tafelbildern des Conrad von Soest, oder: was auf den Bildern zu lesen ist, in: Brigitte Buberl (Hrsg.): Conrad von Soest, Neue Forschungen über den Maler und die Kulturgeschichte der Zeit um 1400, Bielefeld 2004, S. 169.

Oben rechts im goldenen Hintergrund eröffnet sich ein Blick in den Himmel, das Motiv der geöffneten Hand zeigt, dass Maria der Weg ins Paradies offensteht. Das nur schemenhaft zu erkennende Motiv von Jesus als Weltenherrscher wird auf der früheren Außenseite des Retabels in der Darstellung der Krönung Marias detailliert ausgeführt (s. u.). Im Goldgrund schwach zu erkennen, schweben zwei Engel vom Himmel herab. Sie fallen stilistisch aus dem Kontext des Gemäldes heraus, die verschlungenen Gewänder wirken eher barock, die Köpfe der Engel könnten anderen Engelsfiguren des Gemäldes nachempfunden sein. Einige Quellen betrachten diese Engel daher als barocke Hinzufügung, andere als Reste der Punzierung des Goldhintergrundes, der früher die goldenen Bildbereiche strukturiert habe. Conrad von Soest galt auch als Meister der Goldbearbeitung.

Interessant ist in diesem Kontext eine Untersuchung Wolfgang Rinkes zum barocken Hochaltar. In diesem Altar wurden, wie oben beschrieben, die Tafeln zur Geburt Jesu und zur Anbetung der Könige im unteren Feld nebeneinandergestellt. Die beiden Tafeln wurden, wie Fotos aus dem 19. Jahrhundert dokumentieren, von einer Lünette überdacht, die wahrscheinlich eine Hinzufügung von 1721 war. Diese Lünette zeigt zwei Engelpaare, die in Stil und Ausführung den beiden Engeln der Tafel zum Tode Marias weitgehend entsprechen.

Rinke nimmt an, dass die beiden Engelpaare in der Lünette Hinzufügungen des Restaurators Friedrich Welsch und des Vergolders J. H. Stockmann aus den Jahren 1848 bis 1850 waren.