mini|hochkant=1.2|Carl Grossberg: Jacquard-Weberei, 1934

Mit Neuer Sachlichkeit bezeichnet man die Rückbesinnung auf die Welt des Sichtbaren.Kunstlexikon. Neue Sachlichkeit. Beitrag auf der Website des Hatje Cantz Verlags. Abgerufen am 17. März 2016. Sie begann unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zugleich mit der Hinwendung vieler Künstler zu sozialkritischen Bildthemen (George Grosz, Otto Dix, Christian Schad, Lotte Laserstein u. v. a.). Sie etablierte sich als eine führende Kunstrichtung der Weimarer Republik.Klaus Petersen: „Neue Sachlichkeit“: Stilbegriff, Epochenbezeichnung oder Gruppenphänomen? In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 56, Nr. 3, 1982, , S. 463–477. Der Zeitrahmen wird gemeinhin mit dieser gleichgesetzt.

Bedeutung und Geschichte mini|hochkant|Alexander Kanoldt: Stillleben I / Blumentöpfe, 1926

Die Neue Sachlichkeit war eine prägende Stilrichtung im Deutschen Reich der Zwischenkriegszeit mit führenden Vertretern wie George Grosz, Otto Dix,Jan Dix über seinen Vater Otto Dix. Auf YouTube. Abgerufen am 19. März 2018. Carl Grossberg, Alexander Kanoldt, Karl Hubbuch, Franz Radziwill, Christian Schad, Georg Scholz und Georg Schrimpf.Sergiusz Michalski: New Objektivity. Neue Sachlichkeit – Painting in Germany in the 1920s. (Vorschau in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2016). Sie beschränkte sich nicht nur auf Deutschland, sondern entfaltete sich auch in Österreich (Sergius Pauser, Rudolf Wacker), in der Schweiz (Niklaus Stöcklin, François Barraud) und den Niederlanden (Pyke Koch).Britta Jürgs (Hg.): Leider hab ich’s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Neuen Sachlichkeit. Aviva, Grambin 2000, ISBN 3-932338-09-X. Eintrag auf der Website des Verlags Aviva, abgerufen am 19. März 2016. Nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Einfluss gravierender gesellschaftspolitischer Umbrüche, die in der Weimarer Republik mündeten, entwickelte sich unter dem Einfluss der italienischen Pittura metafisica die Neue Sachlichkeit als eine Kunst, die nach den Aufbrüchen und Utopien der Avantgarde im Sinne einer Desillusionierung wieder zum Gegenstand, zum Alltagsobjekt, einem klaren Bildkonzept und einer objektivierenden Darstellungsweise zurückgefunden hat. Wie in Deutschland dominierte seit Mitte der 1920er Jahre in vielen Ländern der Eindruck, dass sich Stilrichtungen wie Expressionismus, Kubismus oder Dadaismus zu einem subjektivistischen „Manierismus des Gegenstandslosen“ entwickelt hatten und damit uninteressant und gesellschaftsfern geworden waren.Jost Hermand: Avantgarde und Regression. Leipzig 1995, S. 131. Der bereits während des Ersten Weltkriegs in Frankreich laut gewordene „Ruf nach Ordnung“ (Retour à l’ordre; Return to order) leitete auch in der Kunst eine erneute Rückbesinnung auf nicht nur subjektive Ordnungsprinzipien und künstlerische Traditionen (z. B. Anti-Idealismus, Realismus, Naturalismus) ein.

Unter dem Programm gewordenen Ausstellungstitel „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ fasste Gustav Friedrich Hartlaub, Leiter der Kunsthalle Mannheim, 1925 die führenden Vertreter – einschließlich des eine Sonderrolle einnehmenden Max Beckmann – in einer Wanderausstellung zusammen. Die stark beachtete Schau mit „nach-expressionistischer“ Kunst brachte unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten auf einen Nenner.Kunst: Gleitende Schwellform. Die Mannheimer Kunsthalle versucht eine große Reprise ihrer Epochenschau „Neue Sachlichkeit“ von 1925. In: Der Spiegel, 3. Oktober 1994. Auf Spiegel.de, abgerufen am 10. September 2020. Ausgehend von der Vorstellung einer krisenhaften Gegenwart unterteilte Hartlaub die Neue Sachlichkeit in einen veristisch-gesellschaftskritischen Flügel und einen eher klassisch-konservativen Flügel, die im Sinne einer Kritik- und Fluchttendenz auf die als Krise wahrgenommene Umbruchszeit seismographisch reagierten.

Kunst zwischen gesellschaftlicher Stabilität und Melancholie? Die Nüchternheit dieser Kunstrichtung bei beispielsweise Carl Grossberg und Alexander Kanoldt wurde in Bezug gesetzt zu den gefestigten gesellschaftlichen Verhältnissen Mitte der 1920er Jahre und den vorherrschenden kulturellen und technischen Werten. „So heißt es bei Ursula Horn (1972), dass die Neue Sachlichkeit, indem sie das Dinghafte, Statische und Nüchterne hervorhebe, Züge der technizistischen Grundhaltung des modernen Managertums und Ingenieurwesens reflektiere, eine Sicht der Realität, wie sie der kapitalistischen Rationalisierung entspräche.“German Post-Expressionismus. Fußnote 18. Ursula Horn: Neue Sachlichkeit – Richtung und Sammelbegriff? In: Bildende Kunst. 9 (1972). S. 429–33. (Vorschau in der Google-Buchsuche, abgerufen am 14. März 2016).Beate Reese: Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit (= Europäische Hochschulschriften. Reihe XXVIII. Kunstgeschichte. Bd./Vol 321.) Frankfurt am Main 1998. ISBN 3-631-32078-7. Hier: Kapitel 1. Neue Sachlichkeit und Melancholie – ein Widerspruch? Problemstellung, Terminologie und Methode. S. 13. Eintrag auf der Website von Museen Nord. Sammlungen vernetzen – Kultur sichern. Abgerufen am 19. März 2016. Die Bilder wirken deshalb so technisch, weil jede Emotion als unsachlich galt.Lexikon: Die Neue Sachlichkeit und der Sachliche Stil. Auf der Website von Ketterer Kunst. Abgerufen am 17. März 2016. Man bemühte sich um die größtmögliche Reduktion. Der Bezug zu den Schriften des 1920 in München gestorbenen Soziologen und Ökonomen Max Weber und seinem Thema Rationalisierung ist unverkennbar: Die Neue Sachlichkeit ist Ausdruck der Effektivierung und Stabilisierung der kapitalistischen Massenproduktion, die mit besitzbürgerlichen Vorstellungen von Individualität und Gemütlichkeit bricht und zur Depersonalisierung der gestalterischen und künstlerischen Ausdrucksformen beiträgt.

Der französische Kulturhistoriker Jean Clair analysierte die Neue Sachlichkeit als Ausdrucksform der Melancholie der Zwischenkriegszeit und widersprach damit der gängigen Lehrmeinung.Beate Reese: Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit (= Europäische Hochschulschriften. Reihe XXVIII. Kunstgeschichte. Bd./Vol 321.) Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-631-32078-7. Hier: Kapitel 2.2.1. Jean Clairs Forschungsansatz zur Melancholie der Zwischenkriegszeit. S. 26–28. Die Sonderexistenz, das Schwierige, das Melancholische dieser Künstler rückte in den Blickpunkt. Avantgarde – oder Tradition? Der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim, der sich zwischen 1922 und 1925 bei dem Bruder Max Webers, dem Kultursoziologen Alfred Weber habilitierte, ist durch den von ihm geprägten Terminus der Freischwebenden Intelligenz schon als ein früher Gradmesser einer ganz anderen Deutung wichtig.

Beate Reese hat den Versuch Jean Clairs, die Neue Sachlichkeit an die Tradition des Saturnischen und an Albrecht Dürers Thema der Melancholie und seinen Meisterstich Melencolia I anzubinden, überhaupt historisch zu verorten, durch eine Fülle von Quellen und Dokumenten belegt und ausgebaut. Dieser ganz andere Ansatz ist bis heute indes wenig rezipiert worden.Beate Reese: Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit (= Europäische Hochschulschriften. Reihe XXVIII. Kunstgeschichte. Bd./Vol 321.) Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-631-32078-7. Hier: Kapitel 1. Neue Sachlichkeit und Melancholie – ein Widerspruch? Problemstellung, Terminologie und Methode. S. 13–19, besonders S. 16 f.; Kapitel 4.4. Rückgriff auf mittelalterliche Melancholievorstellungen. S. 71–101, Kapitel 4.4.1. Saturn als Zeichen einer in Unordnung geratenen Gesellschaft. S. 72–75; Kapitel 7. Melancholie als künstlerischer Reflex eines verstärkten Krisenbewußtseins Anfang der dreißiger Jahre. S. 183–222.

Das Jahr 1925: Kunst und ihre Perspektive mini|hochkant|Plakat von Karl Bertsch zur Ausstellung von 1925 in Mannheim

1925 war ein entscheidendes Jahr für die Kunst der Neuen Sachlichkeit. 1925 erschien aber auch Franz Rohs Publikation Nachexpressionismus. Magischer Realismus. Der Terminus Nachexpressionismus konnte sich nicht durchsetzen. In der noch jungen Weimarer Republik errangen vor allem die wegweisenden Vertreter des Expressionismus wie Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein hohe Anerkennung. Von einer Ablösung des Expressionismus durch die Neue Sachlichkeit kann somit nicht gesprochen werden. Vielmehr entwickelte sich die Neue Sachlichkeit eher zeitgleich mit einem gemäßigten Expressionismus und der Bauhaus-Avantgarde. Auch aufgrund weitgehend fehlender unterstützender Strukturen war ihr nur eine kurze öffentliche Resonanz beschieden: Bereits gegen 1930 mehrten sich die Angriffe seitens der nationalsozialistischen und auch der kommunistischen Partei gegen die Neue Sachlichkeit.

Die Mannheimer Ausstellung war die einzige große Schau zur Neuen Sachlichkeit in Deutschland. Es gab noch eine weitere große 1929 im Stedelijk Museum Amsterdam (Tentoonstelling van de Onafhankelijken, mit 'Inzending Duitsche „Neue Sachlichkeit“ (Berlin, Breslau, Dresden, Hannover, Karlsruhe, Köln, Oldenburg, Paris)'), auf der auch Carl Grossberg, Otto Dix, Franz Radziwill, George Grosz, Karl Hubbuch, Christian Schad und Wilhelm Lachnit vertreten waren.Eva Karcher: Eros und Tod im Werk von Otto Dix. Literaturliste. (Vorschau in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2016).

Eine Ausstellung zum Thema Die Hinwendung der Neuen Sachlichkeit zu einer neuen Romantik: Deutsche romantische Malerei der Gegenwart fand 1932 im Schwörhaus-Museum der Stadthalle Ulm statt. Eintrag auf der Website von http://www.stadtarchiv.ulm.de./ Abgerufen am 18. März 2016.

Weitere Ausstellungen wurden veranstaltet von der Kunsthalle Mannheim 1932/1933 unter dem Titel Beschauliche Sachlichkeit (Wanderausstellung)Tradition und Aufbruch. Würzburg und die Kunst der 1920er Jahre. Konzeption von Ausstellung und Katalog: Bettina Keß, Beate Reese. Mit einem Vorwort von Marlene Lauter. Mit Texten von Bettina Keß, Beate Reese, Suse Schmuck. Museum im Kulturspeicher Würzburg. Ausst.-Kat. 15. November 2003 bis 11. Januar 2004. Königshausen & Neumann, ISBN 3-8260-2763-9 (Verlag) ISBN 3-928155-47-4 (Museum). (Vorschau in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2016). und von der Kestner-Gesellschaft Hannover 1933 zum Thema Neue deutsche Romantik.Das verfemte Meisterwerk. Schicksalswege moderner Kunst im „Dritten Reich“. Herausgegeben von Uwe Fleckner. Akademie Verlag. Fußnote 41. (Vorschau in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2016).

Das Heterogene der Neuen Sachlichkeit Von der künstlerischen Herkunft und der jeweiligen Werkentwicklung her sind die unter dem Terminus Neue Sachlichkeit summierten Künstler äußerst heterogen. Vielfach um 1890 geboren, standen einige Vertreter der Neuen Sachlichkeit während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zunächst dem Expressionismus und Dadaismus nahe (Otto Dix, Grosz, Franz Radziwill, Christian Schad, Gert H. Wollheim). Andere wiederum konnten ein akademisches Studium (Georg Scholz) oder eine solide Berufsausbildung beispielsweise als Dekorationsmaler (Walter Schulz-Matan) vorweisen, wiederum andere waren erklärte Autodidakten (Georg Schrimpf). Bis auf die hannoverschen Neusachlichen um Bernhard Dörries und die Kölner Progressiven um Heinrich Hoerle sind keine Gruppenbildungen mit einem Programm nachweisbar. Dennoch lassen sich durchaus Schwerpunkte im Südwesten Deutschlands (Georg Scholz, Wilhelm Schnarrenberger, Karl Hubbuch), in München, im Rheinland (Anton Räderscheidt), in Berlin und Norddeutschland mit Bezügen zu regionalen Kunsttraditionen ausmachen. Bindeglieder sind auch Schüler- und Lehrereinflüsse sowie lose Beziehungen zwischen Künstlern und ihren jeweiligen Wirkungsorten. Daneben gab es eine Anzahl von Einzelgängern wie Albert Aereboe und Gottfried Brockmann. Beziehungen zum Weimarer Bauhaus weist beispielsweise Carl Grossberg auf.

Themen der Neuen Sachlichkeit