Der Bertelsmann Transformation Index (BTI) ist eine Messgröße der Bertelsmann Stiftung zum Entwicklungsstand und zur Governance von politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozessen in Entwicklungs- und Transformationsländern der Welt. Der BTI wird seit 2006 zweijährlich von der Bertelsmann Stiftung veröffentlicht, zuletzt 2026 zu 137 Ländern.BTI 2026, abgerufen am 10. April 2026 Der Index misst und vergleicht in einer Rangliste die Qualität von Regierungshandeln anhand selbst erhobener Daten zur Erfüllung 17 verschiedener Kriterien und analysiert Erfolge und Rückschritte auf dem Weg zu rechtsstaatlicher Demokratie und sozialpolitisch begleiteter Marktwirtschaft. Dazu wird der „Status-Index“ berechnet zum allgemeinen Entwicklungsstand hinsichtlich demokratischer und marktwirtschaftlicher Merkmale sowie der „Governance-Index“ (früher: Management-Index) zum politischen Management der Entscheidungsträger.
Geschichte Der Prototyp des BTI wurde 2003 veröffentlicht und anschließend methodisch überarbeitet. Unter den etablierten demokratiemessenden Indizes ist er damit einer der jüngeren. Seit 2006 haben keine grundlegenden methodologischen Änderungen mehr stattgefunden, so dass vergleichbare Zeitreihen gebildet werden können.
Aufbau Der BTI ermittelt zwei Indizes: Den Status- und den Governance-Index.
Der Status-Index setzt sich aus den Untersuchungsdimensionen Politische und Wirtschaftliche Transformation zusammen. Politische Transformation beinhaltet wesentliche Merkmale einer demokratischen staatlichen Ordnung. Dies schließt Partizipationsrechte, Rechtsstaatlichkeit, die Stabilität demokratischer Institutionen und die politische und gesellschaftliche Integration von Institutionen ein, aber auch die Staatlichkeit als Grundbedingung für das Funktionieren einer Demokratie. Wirtschaftliche Transformation berücksichtigt neben den klassischen marktwirtschaftlichen Merkmalen wie volkswirtschaftliche Leistungsstärke, Markt- und Wettbewerbsordnung, Währungs- und Preisstabilität sowie dem Schutz des Privateigentums auch soziale Komponenten wie das sozioökonomische Entwicklungsniveau, die Sozialordnung und die ökologische und bildungsbezogene Nachhaltigkeit.Transformation Index: Methode. In: BTI-project.org. 2020, abgerufen am 30. Juni 2021.Tarik Ahmia: Auslaufmodell soziale Marktwirtschaft. In: taz.de. 18. Februar 2008, abgerufen am 2. Februar 2020.
Der Governance-Index bewertet, inwieweit politische Entscheidungsträger den Transformationsprozess steuern und fördern können. Er setzt sich aus den Kriterien Schwierigkeitsgrad, Gestaltungsfähigkeit, Ressourceneffizienz, Konsensbildung und Internationale Zusammenarbeit zusammen. Bei der Berechnung des Governance-Index wird der Schwierigkeitsgrad berücksichtigt, etwa strukturelle Hindernisse, zivilgesellschaftliche Traditionen und die Konfliktintensität.Sabine Donner, Hauke Hartmann: Demokratie wohlauf - Regierung mies. In: Frankfurter Rundschau. 27. November 2009, abgerufen am 2. Februar 2020.
Berechnungsmethodik Status- und Governance-Index setzen sich modular aus Untersuchungsdimensionen (2. Ebene), Kriterien (3. Ebene) und Indikatoren (4. Ebene) zusammen. Alle Werte für Indikatoren werden auf einer Ordinalskala natürlicher Zahlen von 1 (geringste Ausprägung) bis 10 (vollständige Ausprägung) vergeben. Die Indikatoren, Kriterien und Untersuchungsdimensionen werden durch Mittelwertbildung zur nächsthöheren Ebene aggregiert. Status- und Governance-Index werden nicht zu einem übergeordneten Gesamtwert aggregiert.
Status-Index Governance-Index Politische Transformation Wirtschaftliche Transformation Transformationmanagement Staatlichkeit Sozioökonomisches Entwicklungsniveau Schwierigkeitsgrad 1.1 Staatliches Gewaltmonopol 6.1 Sozioökonomische Hindernisse 13.1 Strukturelle Hindernisse 1.2 Staatliche Identität Markt- und Wettbewerbsordnung 13.2 Zivilgesellschaftliche Traditionen 1.3 Kein Einfluss religiöser Dogmen 7.1 Grundlagen marktwirtschaftlichen Wettbewerbs 13.3 Konfliktintensität 1.4 Grundlegende Verwaltungsstrukturen 7.2 Antimonopolpolitik 13.4 BNP p. c. PPP Politische Partizipation 7.3 Liberalisierung des Außenhandels 13.5 UN Education Index 2.1 Freie und faire Wahlen 7.4 Bankensystem 13.6 BTI Staatlichkeit & Rechtsstaatlichkeit 2.2 Effektive Regierungsgewalt Währungs- und Preisstabilität Gestaltungsfähigkeit 2.3 Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit 8.1 Antiinflations- und Wechselkurspolitik 14.1 Priorisierung 2.4 Presse- und Meinungsfreiheit 8.2 Makroökonomische Stabilität 14.2 Implementierung Rechtsstaatlichkeit Privateigentum 14.3 Lernfähigkeit 3.1 Gewaltenteilung 9.1 Eigentumsrechte Ressourceneffizienz 3.2 Unabhängigkeit der Justiz 9.2 Privatwirtschaft 15.1 Effiziente Ressourcennutzung 3.3 Ahndung von Amtsmissbrauch Sozialordnung 15.2 Politikkoordinierung 3.4 Bürgerrechte 10.1 Soziale Sicherungssysteme 15.3 Antikorruptionspolitik Stabilität demokratischer Institutionen 10.2 Chancengleichheit Konsensbildung 4.1 Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen Leistungsstärke der Volkswirtschaft 16.1 Zielkonsens 4.2 Akzeptanz demokratischer Institutionen 11.1 Leistungsstärke 16.2 Antidemokratische Akteure Politische und gesellschaftliche Integration Nachhaltigkeit 16.3 Konfliktmanagement 5.1 Parteiensystem 12.1 Umweltpolitik 16.4 Zivilgesellschaftliche Beteiligung 5.2 Interessengruppen 12.2 Bildungspolitik / Forschung und Entwicklung 16.5 Versöhnung 5.3 Zustimmung zur Demokratie Internationale Zusammenarbeit 5.4 Sozialkapital 17.1 Nutzung internationaler Unterstützung 17.2 Glaubwürdigkeit 17.3 Regionale Kooperation
Länderauswahl Die Zahl der untersuchten Länder hat sich seit 2003 von 116 auf 137 erhöht. 2022 waren darin alle Entwicklungs- und Transformationsländer mit mehr als einer Million Einwohnern eingeschlossen, 2018 lag die Grenze noch bei zwei Millionen. Nur in Ausnahmefällen werden auch Länder mit weniger als einer Million Einwohner (2020 z. B. Bhutan, Dschibuti und Montenegro) untersucht Als Entwicklungs- und Transformationsländer werden jene Länder betrachtet, die nicht als demokratisch und marktwirtschaftlich konsolidiert gelten. In Abwesenheit einer konkret anwendbaren Definition der Konsolidierungsgrenze wird die OECD-Mitgliedschaft vor 1989 als Konsolidierungskriterium herangezogen.
Erhebungsverfahren mini|hochkant=2|BTI-Erhebungsverfahren
Die Berichte und Bewertungen jeder Studie, an der etwa 250 Länderexperten beteiligt sind,Stefan Kornelius: Warum die Demokratie ein schwieriges Exportgut ist. In: Süddeutsche Zeitung. 6. Juli 2013, abgerufen am 2. Februar 2020. beruhen auf einem mehrstufigen Erhebungs- und Prüfverfahren. Ziel des Verfahrens ist es, zu möglichst objektiven und vergleichbaren Ergebnissen zu gelangen. Zwei Gutachter pro Land – in der Regel ein internationaler und ein lokaler Experte – erstellen und überprüfen qualitative Länderanalysen anhand von 49 standardisierten Fragen und übersetzen die Antworten unabhängig voneinander in quantitative Bewertungen.Codebuch BTI 2014: Codebook for Country Assessments. (). Auf dieser Grundlage vereinheitlichen sieben Regionalkoordinatoren die Ergebnisse intra- und interregional. Ein wissenschaftlicher Beirat von Transformationsexperten kontrolliert und diskutiert die Ergebnisse und verabschiedet die endgültigen Werte.
Ergebnisse Die Studie verweist regelmäßig auf einen engen empirischen und funktionalen Zusammenhang zwischen rechtsstaatlicher Demokratie und sozialpolitisch flankierter Marktwirtschaft, der mit einer hohen Korrelation der entsprechenden BTI-Werte begründet wird.Florian Baumann: In: E-politik.de. 13. November 2005, abgerufen am 2. Februar 2020. Demnach sei die Gruppe der Demokratien den Autokratien im Hinblick auf wirtschaftlichen Entwicklungsstand, Ressourceneffizienz, Konsensbildung und internationaler Kooperation überlegen. Aus diesem Zusammenhang ließe sich jedoch kein Entwicklungsautomatismus oder eine universell gültige optimale Abfolge von Reformen ableiten. In: BTI-project.de. 2014, abgerufen am 2. Februar 2020.
Seit Mitte der 2000er Jahre stellt der BTI einen schleichenden Rückgang der Qualität von politischen Partizipationsrechten und rechtsstaatlichen Merkmalen in Demokratien fest. Insbesondere in relativ fortgeschrittenen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas sowie Lateinamerikas seien die Wahlqualität, Meinungs- und Pressefreiheit, Gewaltenteilung und Bürgerrechte stärker eingeschränkt worden.Meldung: Bertelsmann-Studie: Demokratie macht in Osteuropa Rückschritte. In: Die Welt. 22. März 2012, abgerufen am 2. Februar 2020.Ronen Steinke, Paul-Anton Krüger: Bertelsmann Transformationsindex: Lichtblick Elfenbeinküste. In: Süddeutsche Zeitung. 22. Januar 2014, abgerufen am 2. Februar 2020. Die Autoren der Studie kommen auch zu dem Schluss, dass global betrachtet der Wohlstand tendenziell zugenommen hat und absolute Armut zurückgegangen ist, während Ungleichheit und soziale Ausgrenzung gewachsen sind.BTI-Projekt Pressemitteilung: Die weltweiten Revolten und Bürgerproteste werden weitergehen. 22. Januar 2014 (). Dies führe zu einer Zunahme von Protesten weltweit.Meldung (dpa): Bertelsmann-Studie: Mehr Bürgerproteste und Revolten weltweit. In: Die Welt. 22. Januar 2014, abgerufen am 2. Februar 2020.
Die Anfang 2016 veröffentlichte Aktualisierung der Studie stellt fest, dass die Anzahl der „harten“ Diktaturen um 7 auf 40 zugenommen hat und auch in gefestigten Demokratien wie Ungarn und Polen autoritäre Tendenzen festzustellen seien. Sie sieht außerdem einen verstärkten Einfluss von religiösen Elementen z. B. in der Türkei, in Nigeria, in Saudi-Arabien und im Iran. Während im Rahmen der Millenniumsziele über eine deutliche Reduzierung bei der absoluten Armut berichtet wird, ist im Bertelsmann Transformation Index zu lesen, dass im Jahr 2015 in mehr Ländern Menschen extremer Armut ausgesetzt waren als im Jahr 2006.Jan Puhl, Christoph Sydow, Christoph Titz: Globale Bestandsaufnahme: Die Welt wird ärmer. Radikaler. Undemokratischer. In: Der Spiegel. 28. Februar 2016, abgerufen am 2. Februar 2020.
Failing States Ebenfalls vom BTI angegeben wird, ob ein Staat ein Gescheiterter Staat ist (seit 2020 „Failed state“, bis 2018 „State failure“). Hierunter fallen alle Staaten mit einem Wert von unter 3 von 10 Punkten auf der entsprechenden Skala:BTI-Daten zum Download, abgerufen am 6. Februar 2023 für die Werte bis 2022 sowie am 30. August 2025 für die Werte für 2024.
+ Failing States 2024 2022 2020 2018 2016 2014 2012 2010 2008 2006
Liste von Ländern nach ihrem BTI Die folgende Liste zeigt den Transformation Index (BTI) seit 2016. Ältere Daten sind auf der Webseite des BTI zu finden.
StaatStatus-Index