mini|Zenta Mauriņa, um 1930 Zenta Mauriņa [] (Taufname: Senta Emma Mauring,Kirchenbuch von Aahof 1897, Eintrag Nr. 98 (S. 20) * 15. Dezember 1897 in Lejasciems bei Gulbene, Gouvernement Livland, Russisches Reich; † 25. April 1978 in Basel) war eine lettische Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin. Ihre ersten Übersetzungen aus dem Lettischen ins Deutsche erschienen in der eingedeutschten Schreibweise ihres Namens Senta Mauring, ihre zahlreichen lettischsprachigen Buchrezensionen und Artikel zur Literatur in diversen Periodika hingegen zunächst unter dem Namen Zenta Mauriņ (ohne die geschlechtsspezifische Endung des Nachnamens -a bzw. -š) und ab 1927 zunehmend in der Schreibweise Mauriņu Zenta; um 1930 setzt sich schließlich die Form „Zenta Mauriņa“ durch, wobei gelegentlich die maskuline Form des Familiennamens Zenta Mauriņš auftaucht.Suchanfrage beim Periodika-Server (Sortierung: „Kartot pēc: datuma (augoši)“) der LNB; erster relevanter Eintrag 1923 (Latvju Grāmata). Im Exil publizierte sie ihre nichtlettischsprachigen Veröffentlichungen konsequent unter dem Namen Zenta Maurina (ohne das diakritische Zeichen ņ für den stimmhaften palatalen Nasal).
Leben Ihr Vater Roberts Mauriņš (Robert Samuel Mauring, 1861–1939) war ein lettischer Arzt, ihre Mutter Melanie Charlotte Julie Mauriņa (geb. Knappe bzw. Knape, 1860–1946) die deutschsprachig erzogene Tochter eines lettischen Flachshändlers und einer deutschen Lehrerstochter, die in Sankt Petersburg zur Pianistin ausgebildet worden war.„Meine Mutter entstammte einem alten Bauerngeschlecht, das schon dreihundert Jahre auf demselben Hof in Livland saß. Ihr Vater war Flachskaufmann, ein wohlhabender Mann […], der eine deutsche Lehrerstochter, die die lettische Sprache nie erlernte, zur Frau genommen hatte. Mutter hatte, wie damals in wohlhabenden Familien üblich war, eine deutsche Erziehung genossen: sie war in einem pietistischen Stift der Brüdergemeinde erzogen und hatte nachher das Konservatorium in Petersburg besucht. Daß aus ihrer pianistischen Laufbahn nichts wurde, daran war mein Vater schuld: sie liebte ihn und später ihre Kinder mehr als die öffentlichen Konzerte, konnte sich aber bis an ihr Lebensende in einen bürgerlich beschränkten Lebensstil nicht einfügen. Mit ihr sprachen wir Kinder immer deutsch und mit Vater lettisch.“ Aus: Die weite Fahrt, 3. Aufl. 1958, S. 121 f. Zusammen mit ihren Geschwistern„Helga, Eva, Senta und Leni Mauring“ Hermann von Westermanns Brief vom 30. Dezember 1913 an die Schwestern Mauring (Artikel Hermaņa fon Vestermaņa gadumijas vēstule Zentai Mauriņai im Rakstniecības un mūzikas muzejs, abgerufen am 30. September 2021). Irene Charly Lonny (1893–1903), Helga Magdalena (* 1895; † 1979 in Willimantic), Ieva Marta (* 1896; † 1982, in Djursholm), Werner Joseph Caesar (1899–1903), Melanie Helene (* 1901; † 1991 auf Long Island) und Renate (1907–1930)Foto des Grabsteins von Renate Mauriņa und Roberts Mauriņš bei rmm.lv (Artikel Gadsimta atradums: Zentai Mauriņai adresēto vēstuļu vāciskā daļa, abgerufen am 30. September 2021). wuchs sie dreisprachig (deutsch, lettisch und russisch) auf; die Mutter sprach im Familienkreis konsequent deutsch.
1898 zog die Familie nach Grobiņa östlich von Liepāja (dt. Libau), wohin der Vater als Kreisarzt berufen worden war; ab 1919 bis zu seiner Pensionierung 1932 hatte er das Amt des Kreisarztes von Liepāja inne.Internetseite von Juris Egle, abgerufen am 10. Januar 2018. Im Alter von fünf Jahren erkrankte Zenta an Kinderlähmung und war fortan zur selbstständigen Fortbewegung auf die Benutzung eines Rollstuhls angewiesen.Arne Mentzendorff: Baltische Lebenswege. Rätsel um Persönlichkeiten in Estland und Lettland. Books on Demand, Norderstedt 2007, ISBN 978-3-8334-8255-7, S. 14. Sie setzte sich gegen den entschiedenen Willen ihrer Mutter durch und besuchte von 1913 bis 1915 das russische Gymnasium in Liepāja. Nachdem sie das Abitur mit Auszeichnung abgelegt hatte, leitete sie nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig ein von ihr in den Räumlichkeiten des elterlichen Wohnhauses bzw. Doktorats gegründetes Progymnasium. in der Bibliothek von Ikšķile. 1921 nahm sie ein Studium der Philosophie, ab 1923 der baltischen Philologie an der neugegründeten Philosophisch-philologischen Fakultät der lettischen Universität auf und absolvierte ihr Studium im Januar 1929 mit einer Kandidatenarbeit über Jānis Poruks und die Romantik, die im selben Jahr als Buch erschien. Im Sommer 1929 immatrikulierte sie sich, begleitet und unterstützt von ihrer innig geliebten Schwester Renate (in den autobiographischen Werken „Masi“ – von lettisch māsa = Schwester – oder Renāta genannt) und dem befreundeten Philosophen Teodors Celms, an der Universität Heidelberg mit der Absicht, hier ihre Doktorarbeit zum Thema „Jānis Poruks und die deutsche Romantik“ zu verfassen; eine plötzliche Erkrankung (und deren Fehldiagnose) sowie finanzielle Schwierigkeiten zwangen sie jedoch zur Rückkehr nach Lettland, wo sie eine rege Tätigkeit als Literaturkritikerin, Leiterin eines Literaturzirkels und Dozentin an Volksuniversitäten bzw. -hochschulen in Riga und Vidzeme (Mūrmuižas Tautas Ūniversitāte) entfaltete. Ihre Essays über Goethe und sein Werk trugen maßgeblich zur Popularität Goethes in Lettland seit den 1930er Jahren bei.Ausma Cimdiņa: Goethe und Rainis auf dem Weg Zenta Mauriņas zur Weltliteratur. In: Gundega Grīnuma (Hrsg.): Gēte un Baltija = Goethe und die baltischen Länder. Herausgegeben im Auftrag der Latvijas Gētes biedrība (Goethe-Gesellschaft Riga). Nordik, Riga 2002, ISBN 9984-675-93-9, S. 313. Im Januar 1933 bewarb Mauriņa sich an der Lettländischen Universität um die Zulassung zur Promotion und wurde 1938 zum Doktor der Philosophie promoviert (als erste Frau in Lettland).Jānis Stradiņš: Zenta Mauriņa un Latvijas Universitāte. In: Zentai Mauriņai – 100. Eiropa, Latvija – kultūru dialogs, Riga, Nordik 1998, S. 35 ff. Ebenfalls 1938 erschienen ihre beiden Essaybände Grāmata par cilvēkiem un lietām (Buch über Menschen und Dinge), in dem sie Reisen nach Wien (1934), Florenz und Rom (1936) sowie Paris (1936/37) verarbeitete, und Saules meklētāji. Apceres par latviešu rakstniekiem (Sonnensucher. Aufsätze über lettische Schriftsteller); in den Jahren zuvor waren vier Monographien über Rainis, Dostojewski, Anna Brigadere und Dante sowie zwei weitere Essaybände erschienen. All diese Aktivitäten wären kaum möglich gewesen ohne die tatkräftige und kontinuierliche Unterstützung durch Konstantin Raudive, den sie im März 1935 kennen (und lieben) lernte, und weitere treue Freunde. Gemeinsam mit ihm arbeitete sie auch im Redaktionskollegium der zwischen 1935 und 1937 im Verlag von K. Rasiņš erschienenen Latviešu literatūras vēsture (Lettische Literaturgeschichte).
Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Lettland am 17. Juni 1940 verstummte Zenta Mauriņa nahezu gänzlich, obwohl die sowjetischen Machthaber sie zur Kollaboration drängten;Zenta Maurina: Die eisernen Riegel zerbrechen, Kapitel „Das Gift der Angst“, S. 61–66; siehe auch Ilgonis Bērsons: Kommentar zu Casa Pantrova (S. 124) im Rahmen der Essayauswahl „Kad es ilgojos dzimtenes“ in Karogs № 1/1987, S. 106–124. im Jahr der ersten Sowjetokkupation veröffentlichte sie lediglich Übersetzungen, die zunächst jedoch unter der quälenden Einmischung ihr zugewiesener inkompetenter „Redakteure“ entstanden.Die eisernen Riegel zerbrechen, Kapitel „Die Arbeit wird zum Fluch“, S. 82/83, 89–103 Nach der „Befreiung“ Sowjetlettlands durch das NS-Regime (das entgegen ihrer Hoffnungen keineswegs die Republik Lettland wiederherstellte, sondern u. a. auf deren Territorium das sogenannte „Ostland“ etablierte) nahm Mauriņa ihre Vortragstätigkeit wieder auf und war mehr als zwei Jahre lang gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Konstantin Raudive verantwortliche Redakteurin des Literatur- und Kunstteils der in Daugavpils erscheinenden Tageszeitung Daugavas Vēstnesis.
Angesichts der absehbaren Re-Okkupation Lettlands durch die Sowjets floh sie im Juli 1944 gemeinsam mit Konstantin nach Niederschlesien, im Februar 1945 weiter nach Sayda und nach Kriegsende schließlich nach Detmold, wo sie bereits im November ihren ersten Vortrag in Deutschland hielt. Nach der offiziellen Eheschließung mit Konstantin RaudiveLaut Pēteris Apinis (100 Latvijas personību / 100 Persönlichkeiten Lettlands, S. 108) fand die Vermählung bereits 1936 in Florenz statt; s. auch Anita Bormane: „100 Latvijas personības: Konstantīns Raudive“ in: Mājas Viesis vom 22. Oktober 2005. emigrierte sie 1946 ins schwedische Uppsala, wo sie von 1949 bis 1963 als Gastdozentin an der Universität Vorlesungen über russische Literatur hielt. 1952 unternahm sie die erste ihrer fortan alljährlichen Vortragsreisen durch Deutschland, 1955 folgte die erste Vortragstournee durch die Schweiz. Im Mai 1965 verlegten die Raudives vor allem aufgrund des „südlichen“ Klimas ihren Wohnsitz nach Bad Krozingen südwestlich von Freiburg im Breisgau, wo sich auch beider Grab befindet.Was hat eine lettische Sonderbriefmarke mit Bad Krozingen zu tun? (badische-zeitung.de, 17. Dezember 2012, abgerufen am 13. Dezember 2017). Nachdem sie im April 1978 ihren Urlaubs- und Vortragsaufenthalt in Lugano wegen eines Schlaganfalls abbrechen musste, starb Zenta Mauriņa noch während des Rücktransports nach Bad Krozingen in einem Basler Krankenhaus.fernmündliche Auskunft der Zeitzeugin Heidelore Hering.
Werk Bis zu ihrer Flucht aus Lettland im Jahr 1944 veröffentlichte Mauriņa 15 Bücher in lettischer Sprache, darunter Monographien und Abhandlungen über Dostojewski und Dante sowie über die lettischen Schriftsteller Jānis Akuraters, Auseklis, Fricis Bārda, Krišjānis Barons, Anna Brigadere, Jānis Jaunsudrabiņš, Jānis Poruks, Kārlis Skalbe und Rainis. Ihr Roman Dzīves vilcienā (Im Zug des Lebens) erschien 1941. Im Exil erschienen 27 Bücher in lettischer und 35 Originalpublikationen in deutscher Sprache, wobei nur in wenigen Fällen deutlich gemacht wird, wann es sich um Übersetzungen bzw. Adaptionen der Autorin von der einen in die andere Sprache handelt.Mārtiņš Lasmanis: „Kāda dzīve“. In: Jaunā Gaita № 193, Oktober 1993 Einige ihrer Werke wurden ins Italienische, Niederländische, Schwedische, Dänische, Englische und Finnische übersetzt.Curt Visel: „Zenta Mauriņas Werk in Deutschland“. In: Zentai Mauriņai – 100. Eiropa, Latvija – kultūru dialogs, Riga, Nordik 1998, S. 283 ff.
Nachwirkung
Das Stadtmuseum von Bad Krozingen würdigt Zenta Mauriņa seit Mai 2013Artikel Starke Frau in schwachem Körper in der Badischen Zeitung vom 11. Mai 2013. Abgerufen am 14. Dezember 2017.Ausstellung Zenta Mauriņa, Bericht im Bad Krozingen TV. Abgerufen am 14. Dezember 2017. mit einer Dauerausstellung; ein Raum ist ihrem Wohn- und Arbeitszimmer nachempfunden, persönliche Exponate, Bücher und eine Hörstation vermitteln einen Eindruck von ihrem Leben und Werk. Im Nordwesten von Bad Krozingen gibt es einen Zenta-Maurina-Weg.
In Grobiņa wurde eine der Hauptstraßen des Ortes nach der berühmten Tochter der Stadt benannt (Zentas Mauriņas iela) sowie 1997 im ehemaligen Doktorat, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, ein Gedenkzimmer eingerichtet.Internetauftritt des Tourismusbüros Grobiņa Von 1999 bis 2007 existierte in Grobiņa ein „Niederkurländischer Verein ,Wagnis‘ der Freunde von Zenta Mauriņa“ (Lejaskurzemes Zentas Mauriņas draugu biedrība „Iedrikstēšanās“).Informationen zum Verein bei firmas.lv Am 13. August 2021 wurde die Mittelschule von Grobiņa, die 2019 aus der Fusion der Grundschulen von Grobiņa, Kapsēde, Bārta und Gavieze sowie des Gymnasiums von Grobiņa hervorgegangen war, in „Zentas Mauriņas Grobiņas vidusskola“ (Zenta-Mauriņa-Mittelschule von Grobiņa) umbenannt.Vēsture auf grobinasskola.lv (lettisch).