St. Pauli ist ein Stadtteil im Bezirk Hamburg-Mitte der Freien und Hansestadt Hamburg. Durch das in St. Pauli gelegene Vergnügungsviertel entlang der Reeperbahn und den FC St. Pauli ist der Name weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.
Namensherkunft Seinen heutigen Namen verdankt der Stadtteil der St.-Pauli-Kirche, die wiederum nach dem Apostel Paulus benannt ist. Die Umbenennung der vormaligen Vorstadt Hamburger Berg in St. Pauli erfolgte im Jahr 1833. Eine Inschrift an den Torpfosten zum Kirchhof an der Antonistraße erinnert daran.Website "St. Pauli Kirche. Kiez, Karo & Schanze", Abschnitt "Kirche & Stadtteil" Nach einer 1938 erfolgten Verschiebung der Stadtteilgrenzen liegt die namensgebende Kirche heute jedoch nicht mehr im Stadtteil, sondern im benachbarten Altona.
Geografische Lage mini|Grenzstein zwischen Altona und Hamburg von 1896 in der Brigittenstraße
Der Stadtteil schließt sich westlich an die Neustadt an. Die Grenze verläuft hier in einem Bogen entlang der ehemaligen Hamburger Wallanlagen, beginnend im Norden am Dag-Hammarskjöld-Platz (südlich des Dammtorbahnhofes) folgt sie dem Straßenverlauf von Marseiller Straße / Bei den Kirchhöfen / Holstenglacis / Glacischaussee / Helgoländer Allee. Im Süden bildet die Norderelbe mit dem am Südufer gelegenen Steinwerder den Abschluss. Die Westgrenze zur ehemaligen Stadt Altona, mit dem heutigen Stadtteil Altona-Altstadt (Bezirk Altona), verläuft von Norden über Bernstorffstraße / Kleine Freiheit / Pepermölenbek / Trommelstraße / Antonistraße bis zur Elbe.Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg von Altona bis Zollenspieker. Das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-11333-8.Statistikamt Nord: Straßen- und Gebietsverzeichnis (PDF)Stadtteil-Karte von St. Pauli
Bis 1938 verlief die Stadtgrenze zu Altona anders: So gehörten die Straßen Schulterblatt, Beim Grünen Jäger und Kleine bzw. Große Freiheit zu Altona. Im Gegenzug gehört der ehedem teilweise sanktpaulianische Bereich um Lange Straße/Hein-Köllisch-Platz/Pinnasberg nebst dem neu angelegten Antonipark heute zu Altona, so auch die klassizistische St.-Pauli-Kirche (erbaut 1819) am Pinnasberg oder der St.-Pauli-Fischmarkt benannte Straßenzug.
Im Norden bildet der Bahndamm der Verbindungsbahn vom Dammtor- bis zum Sternschanzenbahnhof die Grenze zu Rotherbaum (Bezirk Eimsbüttel) und zum Stadtteil Sternschanze (Bezirk Altona), der 2008 aus größtenteils ehemals zu St. Pauli gehörenden Flächen neu gebildet wurde. Die weitere Grenze zum neuen Stadtteil verläuft über Schanzenstraße / Lagerstraße / Sternstraße / Neuer Kamp und über die Stresemannstraße wieder hinauf bis zur Ecke der Bernstorffstraße.Statistikamt Nord: Karte des Stadtteils Sternschanze (PDF; 622 kB)
Geschichte Der „Hamburger Berg“ Die früheste Besiedlung im Bereich des heutigen Stadtteils bildete ein Zisterzienserinnen-Kloster, das um 1247 in der Nähe des heutigen Fischmarkts an der Mündung des Baches Pepermölenbek in die Elbe gegründet wurde. Es bestand an dieser Stelle bis 1293 und wurde dann ins heutige Harvestehude verlegt (siehe Kloster St. Johannis). In diese Zeit fällt auch die Einbeziehung des Gebietes westlich der Stadtbefestigung bis zum Pepermölenbek in das Weichbild Hamburgs (die spätere Landherrenschaft Hamburger Berg). Das Wohnen war dort laut einem Verbot des Hamburger Rates aus dem Jahr 1306 zunächst nicht gestattet. Trotzdem bildete sich vor allem im südlichen, elbnahen Bereich allmählich eine Besiedlung, zu der ab etwa 1550 auch vereinzelte Landhäuser wohlhabender Hamburger Bürger gehörten.
mini|Der Hamburger Pesthof im Jahr 1750. Kolorierter Kupferstich von Philipp Andreas Kilian Nach Ausbruch einer Pestepidemie im Jahr 1604 wurde von 1605 bis 1607 der sogenannte „Pesthof“ im Bereich der heutigen Annenstraße errichtet. Er bestand bis zur Zerstörung der Vorstadt Hamburger Berg durch napoleonische Besatzungstruppen im Winter 1813/14. Der Pesthof nahm pflegebedürftige Menschen mit ansteckenden oder psychischen Krankheiten auf, beherbergte bis zu 1000 Insassen und wurde von einer mildtätigen Stiftung getragen. Ab 1679 wurden hier auch die „würklich Tollen“ in einer Art von verschlossener Koje untergebracht. Diese sogenannten „Tollkisten“ waren aus Holz, standen reihenweise in Sälen und hatten lediglich ein handgroßes Loch nach außen. Der Pesthof hatte einen so guten Ruf, dass auch von außerhalb (gut zahlende) Patienten kamen. Deretwegen wurden ab 1764 keine „bößen Tolle“ – nach heutiger Sicht psychisch kranke Straftäter – mehr aufgenommen, sondern sie verblieben im Spinnhaus, einem Gefängnis. 1797 wurde der Pesthof in „Krankenhof“ umbenannt.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden – zwischen 1616 und 1625 – die Hügel des Vorortes Hamburger Berg im Zuge der Errichtung der Neubefestigung der Stadt teilweise abgetragen, um Material für die Errichtung der außerordentlich hohen Festungswälle zu gewinnen und zugleich freies Schussfeld („Glacis“) vor den Wällen am damaligen Millerntor zu haben. Dabei wurde ein Teil der bisherigen Landherrenschaft als Neustadt in die Hamburger Stadtbefestigung einbezogen. Die von der Hügellage der Siedlung abgeleitete Redewendung „auf St. Pauli“, hat sich jedoch bis heute erhalten.Die Stadtteilserie: St. Pauli, Name & Geschichte. In: Hamburger Abendblatt vom 5. Mai 2012 (Bezahlartikel)
mini|Vergnügungen in der Vorstadt St. Pauli (Hamburgerberg), Lithografie der Gebrüder Suhr, Anfang des 19. Jahrhunderts Vor den Wällen waren bauliche Ansiedlungen zunächst abermals verboten, doch ab dem 17. Jahrhundert wurden Betriebe, die wegen Geruchsentwicklung, Wasserverschmutzung oder Lärm in der Stadt unerwünscht waren, in den Vorort verbannt. Die Seilmacher (Reepschläger), die später der Reeperbahn ihren Namen gaben, zogen 1633 hierher, weil sie in den Mauern der Stadt nicht mehr den nötigen Platz für ihr Gewerbe fanden. Im gleichen Jahr werden eine Ölmühle und eine Glashütte nördlich des Heiligengeistfeldes erwähnt. Etwa um diese Zeit begann auch die Tradition des Amüsierbetriebs in diesem Gebiet, es entstand der Spielbudenplatz, an dem zwischen einigen Krambuden, Gaststätten und Tanzdielen eine Art Jahrmarkt durch reisende Händler und Schausteller ansässig wurde. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, den Hamburg unbeschadet überstand, dehnte sich auch die Bebauung des Hamburger Berges vom Pepermölenbek nach Osten in Richtung der Reeperbahnen aus. Nach 1649/50 wurden die Tranbrennereien an das Elbufer verlegt. Dort hatten auch mehrere Schiffswerften und das Hanfmagazin ihren Standort. Nördlich davon entstand an der Geestkante, im Gebiet der Straße Pinnasberg, eine neue Bebauung. Weitere Häuser entstanden im nördlichen Teil des Gebietes, im heutigen Karolinenviertel. Die Stadt Altona auf der anderen Seite war nicht umfestet und die Grenze offen, ihre Zugänge wie das Nobistor waren nur dem Namen nach ein Tor. Es war eher eine Passage zur Brücke über den Pepermöhlenbek.Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg, S. 222
Napoleons Statthalter Louis-Nicolas Davout ließ Anfang des 19. Jahrhunderts die Häuser auf dem Hamburger Berg vollständig abreißen, um vor dem nunmehr von Frankreich besetzten Hamburg freies Schussfeld gegen etwaige Angreifer zu haben. Nach dem Abzug der Franzosen wurde der Vorort sehr schnell wieder aufgebaut; bereits 1820 war der vorherige Zustand weitgehend wiederhergestellt. 1804 wurde Johann Georg Kerner als „Arzt für die Baracken“, so hießen die Häuser zu dieser Zeit auf dem Hamburger Berg, eingesetzt. Dort gab es für zwei Wohnungen nur eine Toilette auf der Zwischenetage. Südlich der Reeperbahn wurden die Straßennamen vorwiegend aus männlichen Rufnamen gebildet und alphabetisch geordnet: Davidstraße, Erichstraße, Friedrichstraße, Gerhardstraße und Heinrichstraße, heute Herbertstraße. Nördlich der Reeperbahn benannte man in dieser Zeit nur drei Straßennamen mit weiblichen Rufnamen: Annenstraße, Brigittenstraße und Susannenstraße. Letztere gehört heute zum Schanzenviertel.Hugo Brzoska, Fachschriftsteller. In: Jörg Otto Meier: St. Pauli Porträts 1981–1988. E-Book. Eigenverlag, Reinbek 2021, ISBN 978-3-7546-1359-7.
mini|Blick auf die Norderelbe um 1900 An den Hamburger Berg erinnert heute noch eine Seitenstraße der Reeperbahn – sie hieß von 1865 bis 1938 Heinestraße, benannt nach dem Bankier Salomon Heine. Dieser hatte 1841 das am Ende dieser Straße gelegene Israelitische Krankenhaus im Rahmen einer von ihm gegründeten Stiftung zum Andenken an seine Frau Betty errichten lassen. Es sollte ausdrücklich bedürftigen Kranken aller Konfessionen offenstehen. 1938 wollten die Nationalsozialisten durch die Umbenennung dieser Straße die Erinnerung an den jüdischen Wohltäter tilgen. Seit einigen Jahren bemüht sich eine Initiative um die Rückbenennung in „Heinestraße“ – bisher ohne Erfolg.
Die Vorstadt 1833 wurde das Gebiet als Vorstadt St. Pauli unter städtische Verwaltung gestellt. Allerdings lag die Vorstadt immer noch außerhalb der Stadttore und litt unter der Torsperre. Ein starkes Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert führte zu Wohnungsmangel, dem man mittels starker Verdichtung der Bebauung durch Hinterhäuser (Terrassen) und ähnlichem zu begegnen versuchte. Vollständig eingemeindet wurde St. Pauli 1894.
1886 hielt Johann Hinrich Köser in der Markthalle an der Grenze zu Altona die erste deutsche Fischauktion ab.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebten besonders die Amüsierbetriebe einen Aufschwung. Die vorher verbreiteten Buden – die zwischen den Tanzenden Türmen und der Davidstraße an die Reeperbahn südlich angrenzende Fläche heißt heute noch Spielbudenplatz – wurden durch feste Häuser für Theater, Zirkus, Trinkhallen oder andere Amüsierbetriebe ersetzt.
Der Stadtteil mini|St. Pauli bei Nacht 1908
1894 wurde die Vorstadt zum Hamburger Stadtteil.St. Pauli - Hamburgs Kultviertel, NDR, abgerufen am 29. April 2019
Bis zum Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 war das Gebiet geteilt. Nur der östliche Teil gehörte zu Hamburg, der westliche – einschließlich der Straße Große Freiheit – gehörte zur Stadt Altona. Heute gehört St. Pauli verwaltungstechnisch zum Bezirk Hamburg-Mitte.
Rund um die Schmuckstraße befand sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Hamburger Chinesenviertel. In der sogenannten Chinesenaktion der Hamburger Gestapo wurden am 13. Mai 1944 etwa 120 bis 130 chinesische Männer verhaftet und im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel inhaftiert und misshandelt. Dieses Gestapogefängnis wurde ab 1933 von der Hamburger Staatspolizei (ab 1935 Gestapo) in Gebäuden der Fuhlsbüttler Strafanstalten eingerichtet, damals umgangssprachlich als „Kola-Fu“ (Abkürzung von Konzentrationslager Fuhlsbüttel) bezeichnet.Irene Altenmüller: Tatort des Naziterrors: Das KZ Fuhlsbüttel, NDR.de vom 29. April 2015, abgerufen am 9. Dezember 2020 Eine Gruppe dieser chinesischen Männer wurde dann ohne Prozess und ohne Urteil in das Arbeitserziehungslager Langer Morgen im Hafengebiet eingewiesen. Bei Zwangsarbeit im Hafen, bei der Trümmerräumung und durch die Misshandlungen des Wachpersonals kamen mindestens 17 von ihnen ums Leben.
mini|Flakturm IV (Luftschutzbunker) in Hamburg-St. Pauli (2004) Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Teile der Gründerzeitbebauung St. Paulis durch Bomben zerstört.