Die Porzellanfabrik Langenthal (abgekürzt «Porzi») wurde 1906 in Langenthal im bernischen Oberaargau durch den Unternehmer Arnold Spychiger gegründet. Das erste Geschirr wurde am 17. Januar 1908 dem Brennofen entnommen. Die Fabrik stellte Porzellan für Hotel, Gastronomie und Haushalt her. Ab 1920 gehörte auch die Fertigung von Elektroporzellan zu den Tätigkeiten der Firma. In den 1990er Jahren wurde die Produktion in die Tschechische Republik verlagert. Seit 2003 gehören die Markenrechte der G. Bendedikt-Gruppe, in Langenthal befindet sich nur noch deren Handelsniederlassung. Das weitläufige Areal wurde 2017 grösstenteils von der Ducksch-Anliker-Gruppe übernommen. Im selben Jahr verabschiedet die Stadt Langenthal einen Siedlungsrichtplan, in dem das zukünftige Entwicklungsleitbild festgelegt wurde.

Geschichte mini|Luftbild von Walter Mittelholzer (1934) Ende des 19. Jahrhunderts stieg der Bedarf nach Porzellanwaren in der Schweiz. Der Geschirrhandel sowie die Hotellerie bekundeten ihr Interesse nach dem Aufbau einer einheimischen Produktion. Mit deren Unterstützung konnte der Berner Grossrat und Unternehmer Arnold Spychiger 1906 eine Aktiengesellschaft gründen und den Bau der Porzellanfabrik Langenthal in den Jahren 1907/1908 abschliessen. Das Personal mit dem nötigen Fachwissen wurden vom Gründer direkt in den Zentren der Porzellanproduktion in Böhmen angeworben. Dieses stellte anfangs etwa einen Drittel der knapp 90 Arbeitenden.

Die Porzellanfabrik Langenthal konnte sich während den schwierigen Zeiten des Ersten Weltkriegs als Geschirrproduzentin behaupten und verzeichnete im Jahr 1920 einen guten Auftragsbestand mit einer entsprechenden Beschäftigung. Anschliessend gelang es ihr, sich auf dem wachsenden Markt des Tourismus und der Hotellerie als ein führender Anbieter zu etablieren. Um das Jahr 1920 erfolgte eine Diversifizierung, mit der die steigende Nachfrage nach Hochspannungs-Isolatoren abgedeckt werden konnte. In Zusammenarbeit mit der Firma Brown, Boveri & Cie entstand 1937 der weltweit erste elektrisch beheizte Tunnelofen. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts gelang es der Porzellanfabrik Langenthal, sich durch ein ansprechendes künstlerisches Design sowie durch technische Innovationen in einem Umfeld zu behaupten, das durch wechselnde Marktanforderungen, Preisdruck und neue Produktionsmethoden geprägt war. Die Zahl der Beschäftigten am Standort Langenthal entwickelte sich von 407 im Jahre 1922 bis zu einem Höchststand von 940 im Jahre 1964, um dann 1983 auf 554 und gegen das Jahr 2000 auf etwa 100 abzusinken.

Im Jahr 1988 erfolgte die Übernahme durch die Keramik Holding AG Laufen, die ein breites Keramik-Sortiment in Europa, Nord- und Südamerika und Asien produzierte (Grob- und Sanitärkeramik, Fliesen, keramische Bodenbeläge und Tischware). Seit Anfang der 1990er Jahre war die Zukunft der Porzellanfabrik bedroht – zu den Überkapazitäten der Porzellanproduktion in Asien kamen die osteuropäischen hinzu. Die Produktion wurde schrittweise 1995, 1997 und 1998 in Langenthal geschlossen und nach Karlsbad (Karlovy Vary) in Tschechien verlegt. Bald wurde die «Porzi» als unrentabler Teil der breit gefächerten Keramik Holding AG Laufen-Gruppe – die ihrerseits mit Problemen kämpfte – geschlossen. In Langenthal befanden sich danach die Geschäftsleitung der Gruppe und die Bereiche Logistik, Design sowie ein Teil der Produktion.

Ein Management-Buyout, vollzogen 1997, rettete die traditionsreiche Firma für kurze Zeit. Missmanagement und die unbewältigte Produktionsverlegung nach Karlsbad, mit unbewältigter Übernahme der vormals «volkseigenen» Hotelový porcelán führten 2001 zum Konkurs/Nachlass.Hotelový porcelán im HR der ČR (siehe dort unter Nachlassverträge, Einträge im HR Emmental-Oberaargau, publiziert im SHAB)

2002/2003 folgte die Übernahme aller Konkurs-/Nachlass-Teile, also auch der «Porzi», der Marke «Langenthal» und aller ihrer Marken, durch die Inhaber der tschechischen G. Benedikt-Gruppe.G. Benedikt im HR der ČR 2004 erfolgte die Integration in deren Konzernstruktur. In den darauffolgenden Jahren wurden die Produktion, Dekoration sowie Design im Mutterkonzern in Karlsbad-Dvory zusammengefasst. Seit 2018 wird am Standort Langenthal ein reiner Handelsbetrieb mit etwa einem Dutzend Mitarbeitenden geführt.

Die Marke «Suisse Langenthal» wird von der G. Benedikt-Gruppe weitergeführt. Die Produkte tragen als Erkennungszeichen das Signet «Suisse Langenthal» mit dem Stadtwappen von Langenthal. Zum Produktsortiment gehört nebst dem klassischen Weissporzellan seit 1993 die Serie «Bopla!» (Kunstname nach dem französischen «beau plat») mit ausgefallenen bunten Dekoren.

Das weitläufige Areal in Langenthal wurde 2017 grösstenteils von der Ducksch-Anliker-Gruppe übernommen. Im selben Jahr verabschiedete die Stadt Langenthal einen Siedlungsrichtplan, in dem das zukünftige Entwicklungsleitbild festgelegt wurde. Zwei Jahre später erhielt Langenthal den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes.Wakkerpreis 2019 an die Stadt Langenthal, in: Schweizer Heimatschutz, 1/2019 (PDF) Darin wurde der Umgang mit dem «Porzi»-Areal als Beispiel genannt, wie aus einer geschichtsträchtigen Industriebrache längerfristig ein neues lebendiges Stadtquartier geschaffen werden kann.

Weblinks Website der Porzellanfabrik Langenthal Bernhard Graf: Langenthal liegt in Tschechien im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 20. November 2020

Einzelnachweise

Kategorie:Ehemaliger Porzellanhersteller Kategorie:Unternehmen (Langenthal) Kategorie:Produzierendes Unternehmen (Schweiz) Kategorie:Unternehmensgründung 1906