mini|280px|rechts|Bildnis des Nürnberger Schreibmeisters Johann Neudörffer und eines Schülers, von Nicolas Neufchâtel, Nürnberg um 1561 Johann Neudörffer der Ältere oder Johann I Neudörffer (* 16. März 1497Haller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 110, Fußnote 24. in Nürnberg; † 12. November 1563 ebenda) war ein deutscher Schreib- und Rechenmeister in Nürnberg.

Neudörffer war der bedeutendste und einflussreichste Schriftmeister (zeitgenössisch: „Modist“) seiner Zeit. Als solcher hatte er einen entscheidenden Anteil an der Entstehung der deutschen Frakturschrift und übte als Verfasser grundlegender Lehrbücher einen starken kunstpädagogischen Einfluss auf Schüler aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet aus. Die hohe Wertschätzung, die Neudörffer bereits zu Lebzeiten genoss, spiegelt sich unter anderem in der Tatsache wider, dass er von Albrecht Dürer beauftragt wurde, die Texte auf dessen Apostel-Bildern zu schreiben.

Leben und Werk Neudörffer war der Sohn des Nürnberger Kürschners Stephan Neudörffer, eines im Rahmen seiner Geschäfte weitgereisten Mannes. Als seine Lehrer im Schreiben und Rechnen gibt er selbstIn seiner 1547 erschienenen Schrift Nachrichten von den vornehmsten Künstlern und Werkleuten. Caspar Schmidt,Biographie von Caspar Schmid in der Datenbank der Nürnberger Rechenmeister der Astronomischen Gesellschaft in der Metropolregion Nürnberg e.V. den Schwiegervater und späteren Testamentsvollstrecker des berühmten Bildschnitzers Veit Stoß, sowie den Kanzleischreiber Paulus Vischer an.

Mit seinem Buch Fundament … seinen schülern zu einer unterweysung gemacht veröffentlichte Neudörffer bereits als Zweiundzwanzigjähriger das erste Schreibmusterbuch nördlich der Alpen. Dieses kurze und heute nur noch in wenigen Exemplaren überlieferte Werk besteht aus vier einseitig mit Holzschnitten bedruckten hochformatigen Folioblättern, auf denen Neudörffer anhand verschiedener Textbeispiele in das Schreiben von Kurrent- und Frakturschriften einführt. Mit diesem Musterbuch schuf Neudörffer die Grundlage für die bis ins 19. Jahrhundert vorherrschende deutsche Druckschrift, die Fraktur, und trug gleichzeitig zur Entwicklung der deutschen Schreibschrift bei.

mini|380px|Das Titelblatt von Neudörffers 1538 erschienenem Hauptwerk 1538 erschien Neudörffers Hauptwerk Gute ordnung und kurzer Unterricht … Zierlichs schreybens. Die darin enthaltenen Beispiele entstammen der praktischen Unterrichtstätigkeit Neudörffers, der in seinem Haus ein Internat für auswärtige Schüler eingerichtet hatte. Das Buch beginnt mit Federübungen, denen Neudörffer großen Wert vor der Einübung erster Buchstaben beimisst: Wann man nun mit rechter ordnung handeln wolt, so mest man einen leer Junngen mit ubunng diser linien unnd flechzügen, ehe dann er ainischen Buchstabenn machenn lernnete, wol abrichten und leufftig machen.Zitiert nach Doede: Schön schreiben, eine Kunst. München 1957, S. 21. Im Gegensatz zu den Büchern anderer Schreibmeister ist der erklärende Text bei Neudörffer auf das Nötigste beschränkt; stattdessen steht die praktische Übung im Vordergrund. Dies gilt auch für die sogenannten „Zerthailungen“, mit denen Neudörffer die genetische Entwicklung der Schrift demonstriert und sie gleichzeitig zur praktischen, handwerklichen Übung macht. Werner Doede bewertet dies als „eine echt künstlerische Pädagogik, welche die zu Bildenden vermittels des Selber-bilden-lernens ins Bild setzen, sie zu ›Gebildeten‹ erziehen will“.Doede: Schön schreiben, eine Kunst, München 1957, S. 21. Neben einer als Manuskript für die radierten Kupfertafeln des Bandes dienenden Handschrift auf Pergament (heute in der Stadtbibliothek Nürnberg als Hert. Mss. 23b) sind nur noch wenige von Neudörffer selbst hergestellte Drucke erhalten. Diese schwanken in ihrem Umfang, da Neudörffer die Exemplare nach Bedarf druckte und ihren Inhalt immer wieder anpasste und veränderte.

1544 veröffentlichte Neudörffer ein dünnes Heft im Quartformat mit dem Titel Anweisung und eigentlicher Bericht, wie man einen jeden Kiel zum Schreiben erwählen, bereiten, teilen, schneiden und temperieren soll und 1549 das Buch Gesprächbüchlein zweier Schüler, wie einer den andern im zierlichen Schreiben unterweist. Letzteres war zunächst für den Unterricht seiner Söhne bestimmt, wurde dann aber auf Bitten von Neudörffers Schwager, dem berühmten Nürnberger Buchdrucker Johann Petreius, veröffentlicht. Neudörffers im Oktober 1547 – angeblich innerhalb von acht Tagen „bei der Nachtzeit“ – entstandenes Buch Nachrichten von den vornehmsten Künstlern und Werkleuten, so innerhalb hundert Jahren in Nürnberg gelebt haben enthält Informationen zu 79 Nürnberger Bürgern und ist nicht nur für die Stadtgeschichte Nürnbergs, sondern darüber hinaus auch für die Kunstgeschichte von großer Bedeutung. Auch dieses Werk war von Neudörffer nicht für den Druck bestimmt und erschien erst 1822 in den Beiträgen zur Kunst- und Litteraturgeschichte Joseph Hellers und sechs Jahre später in einer von Friedrich Kampe herausgegebenen Ausgabe.

In seinem letzten Lebensabschnitt beschäftigte Neudörffer sich – basierend auf einer Ausbildung bei dem Kartographen Erhard Etzlaub zum Rechenmeister – verstärkt mit Fragen der Arithmetik und Geometrie. Es ist nur eine mathematische Handschrift Neudörffers bekannt, die Aigentliche verzaichnus; sie enthält 192 Textaufgaben und wurde in den Jahren 1552 und 1553 geschrieben.Haller, Holl: Johann Neudörffers Rechenbuch „Aigentliche verzaichnus“. Ein Autograph. 2023, S. V. Die Behauptung, das 1598 von seinem Schüler Caspar Schleupner veröffentlichte Rechenbuch Rechenbüchlein Auff der Linien. Gesprech weis gestellt (VD 16 S 2993) sei nach einem Manuskript Neudörffers gedruckt worden, ist nicht belegbar.

Familie

Neudörffers Schwester Barbara († zwischen 25. Februar 1545 und 27. Mai 1545) war seit etwa 1523 mit dem Nürnberger Buchdrucker Johannes Petreius verheiratet.Haller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 112 und 143. Neudörffer selbst war zweimal verheiratet. Zunächst seit 1519 mit Magdalena, der Witwe des 1518 verstorbenen Meistersingers Hans Schellenmann,Haller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 111, 144, 182. und seit 18. April 1542 mit Katharina Nathan aus Augsburg († 26. Dezember 1568), der Witwe des Goldschmieds Hans Sidelmann († 11. August 1541)Haller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 111–112, 147–148, 189, 215.. Nach seinem Tod im Alter von 66 Jahren wurde er auf dem Nürnberger Johannisfriedhof beigesetzt. Von seinen Söhnen trat Johann Neudörffer der Jüngere sein Erbe als Schriftmeister an, reichte aber nicht an die Leistungen seines Vaters heran. Der Sohn Stephan wurde Jurist in Speyer,Haller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 115, 200–201. der Sohn Gabriel Vogt in WainHaller, Holl et al.: Anton Neudörffer und seine Grosse Arithmetic. 2020, Bd. 1, S. 116–117, 201–209.. Von Neudörffers Enkeln war Anton Neudörffer ein bedeutender Schreib- und Rechenmeister.

Bedeutende Schüler

RechenschülerHobel, Jacob, Jung, Schleupner und Weber sind genannt in Johann Gabriel Doppelmayr: Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern. Nürnberg 1730, S. 201, Fußnote (f) (Digitalisat).

Andreas/Endres Beham/Beheim der Ältere (1530–1612) aus dem Nürnberger Geschütz- und Glockengießergeschlecht, später Augsburg, hinterließ zwei Rechenhandschriften aus seiner Schulzeit bei Neudörffer 1546–1547.Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4 Cod. 138 (Online) und 4 Cod. 139 (Online). Vgl. Christa Schaper: Die Beheim. Eine Geschütz- und Glockengießerfamilie in Nürnberg. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg (MVGN) 51 (1962), S. 160–213, insbes. S. 199f. Stephan Brechtel (1523–1574), Rechenmeister in NürnbergLt. Johann Jung: Rechenbuch. 1578, Widmung. Biographie von Stephan Brechtel in der Rechenmeister-Datenbank des Adam-Ries-Bundes e.V. Kaspar Brinner/Brünner (um 1540 in Krems an der Donau – 9. August 1610 in Augsburg), Rechenmeister in AugsburgBiographie von Caspar Brinner in der Rechenmeister-Datenbank des Adam-Ries-Bundes e.V.; Biographie von Caspar Brinner in museum-digital. Brinner wurde am 1. Juni 1581 in Augsburg bestallt als deutscher Schulhalter, Buchhalter und Rechenmeister (Urkunde StadtAA/00129/BU/1581 Juni 1). Vgl. Haller: Johann Neudörffer und die Buchhaltung. 2014, S. 369. Wolff Hobel (* 1524/1525), Rechenmeister in Nürnberg und SchweinfurtBiographie von Wolff Hobel in der Rechenmeister-Datenbank des Adam-Ries-Bundes e.V. Vgl. Stefan Deschauer: Algebraische Kostbarkeiten im Rechenbuch von Wolff Hobel. 2011. Simon Jacob, Rechenmeister in Frankfurt am Main Johann Jung(e) (* um 1552/55 in Schweidnitz, aktiv mindestens 1567–1578), Rechenmeister in LübeckBiographie von Johann Jung in der Datenbank der Nürnberger Rechenmeister der Astronomischen Gesellschaft in der Metropolregion Nürnberg e.V. Vgl. Rechenbuch auff Ziffern vnd Linien: darinne allerley Kauffmans handlung, nach art der Regel de Tri vnd Welschen Practica, sampt der Regel Falsi […] auffgelöset werden. Johann Balhorn, Lübeck 1578. Widmung an Johann Neudörffer den Jüngeren; nennt dort auch Caspar Frantz (Schweidnitz), Caspar Schleupner und Stephan Brechtel (1523–1574, Nürnberg) als Neudörffer-Schüler. Das Exemplar des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg enthält auf zusätzlich eingebundenen leeren Blättern handschriftliche Aufgabenlösungen mit roter Tinte. Hieronymus Köler der Ältere, Richter in NürnbergHannah S. M. Amburger: Die Familiengeschichte der Koeler. Ein Beitrag zur Autobiographie des 16. Jahrhunderts. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 30, Nürnberg 1931, S. 161–289, hier S. 214 (Digitalisat). Adam Lempt, Rechenmeister in EgerBiographie von Adam Lempt in der Datenbank der Nürnberger Rechenmeister der Astronomischen Gesellschaft in der Metropolregion Nürnberg e.V. Wolff Michel († 7. Februar 1568), Rechenmeister in NürnbergBiographie von Wolff Michel in der Rechenmeister-Datenbank des Adam-Ries-Bundes e.V. Vgl. Haller, Holl: Die Nürnberger Rechenmeisterfehde. 2024, S. 5–7. Arnold Möller, Schreib- und Rechenmeister in Lübeck Caspar Schleupner, Rechenmeister in Breslau Adam Strobel, Rechenmeister in Nürnberg,Biographie von Adam Strobel in der Datenbank der Nürnberger Rechenmeister der Astronomischen Gesellschaft in der Metropolregion Nürnberg e.V. Lehrer von Anton Neudörffer Johann Weber (* ca. 1530 in Stadtsteinach; † 21. November 1591 in Erfurt), Rechenmeister in ErfurtBiographie von Johann Weber in der Rechenmeister-Datenbank des Adam-Ries-Bundes e.V. Vgl. Manfred Weidauer: Johann Weber. 2002

SchreibschülerKleiner, Stoß, Wassenberger und Weyse sind im ADB-Artikel von Bergau (1886) aufgeführt.

Pangratz Jacob, Rats- und Stadtschreiber in Frankfurt am MainSiehe den Wikipedia-Artikel über seinen Bruder Simon Jacob. Johann Kleiner, Schreibmeister in Zürich Veit und Philipp Stoß, kaiserliche Schreiber, vermutlich Enkel des Bildhauers und -schnitzers Veit Stoß Nathan Wassenberger, Schreibmeister in Köln Anton Weyse, Schreibmeister in Straßburg

Ehrungen Die Johann-Neudörffer-Straße in Bremen-Oberneuland wurde 2000 nach ihm benannt.

Werke Als man zalt nach Christi Jesu vnseres lieben herrn vnnd Seligmachers geburt Tausendt Funnffhundert vnd Jm neunzehennden Jahre Jst dis Fundament Durch Johann Newdorffer Rechenmaister vnd Modist zu Nurmberg seinen schulern zu einer vnterweysung gemacht. Nürnberg 1519. Ein gute Ordnung und kurtze unterricht der fürnemsten grunde aus denen die Jungen zierlichs schreybens begirlich mit besonderer kunst und behendigkeit unterricht und geubt mogen werden (Nebentitel: Anweysung einer gemeinen handschrift). Nürnberg 1538 (Ausgabe 1555 Online).